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„Mit dem Biosphärenreservat erfinden wir unsere Gemeinde neu als ein Gebiet zur Erprobung neuer Technologien“

Interview mit Ulrika Lindahl auf dem internationalen Workshop „Erneuerbare Energien und Biosphärenreservate“ vom 11. bis 13. September im Biosphärenreservat Bliesgau, Saarland

Ulrika Lindahl ist verantwortlich für lokale Entwicklungsstrategien in der Stadt Mariestad, eine von drei Gemeinden des schwedischen Biosphärenreservats Vänernsee. Sie betreut zwei Projekte, mit denen sich Mariestad als Standort für die Entwicklung und Erprobung neuer Technologien positioniert.

Deutsche UNESCO-Kommission: Frau Lindahl, was macht das Biosphärenreservat Vänernsee besonders?

Ulrika Lindahl © privat

Ulrika Lindahl: Das Biosphärenreservat liegt am größten See von Schweden und ist eine Region von außergewöhnlicher Schönheit mit mehreren touristisch attraktiven Zielen. Zum Beispiel kommen Angler sehr gerne hierher, zugleich ist der See wichtig zur Gewinnung von Trinkwasser. Während die beiden anderen Gemeinden im Biosphärenreservat andere Schwerpunkte setzen, konzentriert sich Mariestad auf neue Technologien.

Sie betreuen zwei Projekte, ElectriVillage („Elektro-Dorf“) und Hydrogen Village („Wasserstoff-Dorf“). Worum geht es dabei?

Wir erfinden unsere Gemeinde neu als ein Gebiet zur Erprobung neuer Technologien. Damit tragen wir entscheidend bei zu der Rolle des Biosphärenreservats als Modellregion für nachhaltige Entwicklung. Im Projekt ElectriVillage erproben wir verschiedene Mobilitätslösungen –  alle ausschließlich umweltfreundlich, vor allem mittels elektrischer Fahrzeuge, sowohl für den Individual- als auch für den Transportverkehr. Zudem experimentieren wir mit „elektrifizierten Straßen“, also Straßentechnik, die Elektrizität direkt auf der Straße zur Verfügung stellt. Im zweiten Projekt HydrogenVillage haben wir eine Versorgungsstation für Wasserstoff eingerichtet. Bislang steht sie nur dem Individualverkehr zur Verfügung, sie soll sich aber in eine große Systemlösung einfügen, in die wir auch einen Solarpark und eine große Batterien-Anlage einbeziehen und diese mit dem lokalen Stromnetz verbinden werden.

Es geht also weniger um die Erprobung einzelner Technologien als vielmehr um deren Integration in eine Systemlösung?

Richtig. Damit antworten wir auf mehrere derzeit in Schweden diskutierte technologische Trends: Erprobung, Systemlösungen und Geschäftsmodelle. Wir arbeiten an allen drei Trends, sie lassen sich nicht voneinander trennen. Technologien funktionieren nicht ohne Systemeinbettung und ohne geeignete Geschäftsmodelle. Wir brauchen Systemlösungen, da wir die Lebens- und Wirtschaftsformen in unseren Dörfern und Gemeinden fundamental ändern müssen.

Wie beziehen sie dabei die Bevölkerung ein?

Das Projekt läuft seit zweieinhalb Jahren. Dem war eine lange Phase der Planung und Vorbereitung vorgeschaltet. Zuerst haben wir die Wirtschaft vor Ort, die Verwaltung und die politischen Stellen der Region angesprochen. Dazu haben wir auch die Wissenschaft einbezogen und die Verwaltung der einzelnen Gemeinden. Wir haben viele Workshops durchgeführt, um durch gemeinsames Brainstorming gemeinschaftlich unsere Prioritäten festzulegen. Ein wichtiges Ziel ist nämlich, auf Ebene der Unternehmen und der Arbeitsplätze für unsere Gemeinde einen völligen Neustart zu erreichen. Wir wollen es schaffen, dass ganz neuartige Arbeitsplätze geschaffen und neue Unternehmen gegründet werden. Das möchten wir verbinden mit Klimaschutz und dem Erreichen der globalen Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030. Das schon etwas länger laufende Projekt HydrogenVillage hat bereits viel erreicht. Mit Blick auf die elektrifizierten Straßen haben wir eine Langfristperspektive: Der letzte Schritt soll 2023 erreicht werden. Tatsächlich sind diese Projekte durchaus teuer.

Warum wollen Sie die Stadt Mariestad völlig neu erfinden?

Wir müssen einen industriellen Strukturwandel bewältigen, in dem in den letzten Jahren viele Arbeitsplätze verloren gegangen sind. Die beiden genannten Projekte sollen neue Unternehmer und Investoren anziehen, nicht nur im Bereich des Transportwesens. Daneben wollen wir auch ganz neue Chancen für bereits bestehende Unternehmen schaffen. Ein Beispiel: Eine elektrifizierte Straße besteht aus Modulen, die auf Straßen montiert werden. Der Hersteller dieser Module produziert sie derzeit noch in einem anderen Teil Schwedens - wir arbeiten daran, ihn davon zu überzeugen, sich in unserer Gemeinde anzusiedeln. Zugleich verankern wir alle diese Fragen auch in der Bildung. Interessanterweise locken neue Technologien und Demonstrationsstandorte auch viele Besucher an: Unsere Zwillingsprojekte in Göteborg haben bereits sehr viele Besucher aus dem In- und Ausland.

Spielt neben Schaffung neuer Arbeitsplätze und Klimaschutz auch der Naturschutz eine Rolle?

Nachhaltigkeit heißt Natur bewahren. Nachhaltigkeit ist heute auch in Schweden ein Begriff der die Menschen mitreißt und begeistert - damit arbeiten wir alle auch für den Naturschutz.

Sie arbeiten auf der Ebene einer einzelnen Gemeinde. Kann das Modell auch auf andere Gemeinden übertragen werden?

Die Skalierbarkeit von Projektergebnissen ist uns sehr wichtig. Wir beginnen zwar in einem sehr kleinen Rahmen, da unsere Stadt einfach eher klein ist. Bei unserem Zwillingsprojekt in Göteborg handelt es sich aber um eine Großstadt. Somit können wir zeitgleich untersuchen, wie bestimmte Technologien in einer Großstadt funktionieren und in einer eher ländlichen Kleinstadt. Auf dem Land braucht man zum Beispiel eher kleinere Busse, wir haben eine ganz andere Infrastruktur. Wir haben einen Vorteil: An Gemeinden unserer Größenordnung gibt es mehrere hundert in ganz Schweden. Wir können unsere Erfahrungen also sehr viel besser auf andere Gemeinden übertragen.

Wann wird Mariestad nach Ihrer Einschätzung CO2-neutral sein?

Wir müssen uns ehrgeizige Ziele setzen, auch wenn es einzelne Gemeinden mit dem Ziel schon im Jahre 2020 vielleicht übertreiben. Ich bin auch nicht komplett überzeugt, dass wir selbst es 2030 schaffen, die CO2 Neutralität zu erreichen, aber unseren Ehrgeiz lassen wir uns nicht nehmen.

(Artikel erstellt am 4. Oktober 2017)

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