Rede,

25 Jahre UNESCO-Welterbe Bamberg

Porträt von Prof. Dr. Maria Böhmer

Prof. Dr. Maria Böhmer
Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission

Festrede anlässlich des 25-jährigen Welterbe-Jubiläums

„Adopted“ erklärte der Präsident des Welterbekomitees und besiegelte mit dem traditionellen Hammerschlag die Aufnahme der „Altstadt von Bamberg“ in die UNESCO-Welterbeliste.

Dies geschah vor genau 25 Jahren am 11. Dezember 1993 im kolumbianischen Cartagena. Der Jubel war riesig – weit über Bamberg und den Tag hinaus. Die große Begeisterung für Bamberg als UNESCO-Welterbestätte prägt auch dieses Jubiläumsjahr!

Gerne bin ich heute wieder nach   Bamberg gekommen, um mit Ihnen den Jubiläumstag zu begehen. Wenn ich „wieder“ sage, dann ist das Ausdruck meiner persönlichen Verbundenheit mit Bamberg.

Am 8. Juni führte die Deutsche UNESCO-Kommission ihre Jahrestagung in Bamberg durch und würdigte damit das Welterbe-Jubiläum dieser Stadt. Für mich hat dieser Tag darüber hinaus eine besondere Bedeutung. Denn ich wurde in der beeindruckenden Dominikanerbibliothek zur Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission gewählt – eine wunderschöne Erinnerung!

Ich freue mich deshalb sehr, gemeinsam mit Ihnen das 25-jährige Jubiläum der Verleihung des Welterbe-Titels an die Stadt Bamberg zu feiern.

Wenn ich anschließend nicht mit Ihnen beim Empfang anstoßen kann, bitte ich schon jetzt um Verständnis. Ich muss noch heute Abend nach Berlin fahren, da ich morgen einen Termin mit der Bundeskanzlerin habe.

25 Jahre Welterbe, das ist wahrlich ein bedeutender Anlass. Hat doch die UNESCO die Altstadt von Bamberg als Erbe der Menschheit anerkannt! Mit ihrem großen Bestand an authentisch erhaltenen Denkmälern bewahrt die Altstadt von Bamberg bis heute eine einzigartige, 1.000-jährige Stadt- und Architekturgeschichte. Was das bedeutet in einer Zeit, die von starken Veränderungen, ja Umbrüchen und ganz besonders der Digitalisierung geprägt ist, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden!

„Zukunft braucht Herkunft“ hat der Philospoh Odo Marquardt geschrieben. Wir brauchen solche Zeugnisse der Geschichte, um uns in der Welt heute zu verorten und zurechtzufinden.

Die UNESCO-Welterbestätten sind Zeugnisse überragender menschlicher Schöpferkraft. Sie stehen für den Schatz, den uns vergangene Generationen hinterlassen haben: Die Altstadt von Bamberg ist ein Spiegel des Könnens und der Handwerkskunst, ja der Innovationskraft, des Hoffens und auch des Leidens von Menschen, die in Jahrhunderten das Leben der Bamberger Stadtgesellschaft geprägt haben.

Hier in Bamberg wissen Sie die besondere Kraft zu schätzen, die ein Leben in dynamischer Begegnung mit der Geschichte dieser Stadt ermöglicht. Und erlauben Sie mir die Anmerkung: In Bamberg spürt man auf Schritt und Tritt den Stolz auf Ihre wunderbare Stadt, zu Recht!

Kein Zweifel:

Der Welterbetitel adelt. Die Bedeutung von Welterbestätten geht weit über regionale und nationale Grenzen hinaus. Sie besitzen einen außergewöhnlichen universellen Wert. Das ist das entscheidende Kriterium für die Aufnahme in die Welterbeliste der UNESCO.

Welterbestätten dokumentieren die vielfältige natürliche Schönheit der Welt, denken Sie beispielsweise an das Great Barrier Reef. Sie stehen für den kulturellen Reichtum, denken Sie an die Tempel von Abu Simbel, das Tadsch Mahal, Florenz und Toledo.

Es sind Stätten der Kulturgeschichte,   Zeugnisse des menschlichen Geistes, seiner Kreativität und Erfahrung. Künstler – und hier in Bamberg auch die Bürger, Handwerker und Gärtner – haben sie erschaffen.

Wissenschaftler, wie Alexander von Humboldt, haben ihre Bedeutung erkannt und erforscht.

Inzwischen stehen 1.092 Welterbestätten aus 167 Ländern auf der Welterbeliste der UNESCO.

Die 44 Welterbstätten in Deutschland zeugen von unserem reichen kulturellen und natürlichen Erbe und seiner historischen Dimension.

Das Welterbeprogramm der UNESCO wird vor allem über die Welterbeliste wahrgenommen.

Es geht aber um viel mehr als um ein „Who is who“ der Weltkultur.

Ziel des Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes sind die internationale Zusammenarbeit und die nachhaltige Sicherung des Natur- und Kulturerbes der Welt für uns und künftige Generationen.

Grundlegend formuliert ist das in der Verfassung der UNESCO, die entstand aus den bitteren Erfahrungen der großen Kriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Missachtung der demokratsichen Grundsätze, der Verleugnung der Würde, Gleichheit und der gegenseitigen Achtung aller Menschen.

In ihrer Präambel wird der „Verbreitung von Kultur“ und der „Erziehung zu Gerechtigkeit, Freiheit und Frieden“ eine besondere Bedeutung zugemessen.

Sie bilden die Grundlage für die   Anerkennung der Würde des Menschen als höchstes Gut und als unabdingbare Verpflichtung für alle Völker.

Weiter heißt es in der Präambel, dass ein Friede, der nur auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen beruht, nicht dauerhaft erfolgreich sein wird. Der Friede muss geistig und moralisch in den Menschen verankert sein.

Es gehört häufig genug zur tragischen  Erfahrung von Menschen, dass sie Manches erst dann vermissen, wenn es nicht mehr da ist. Dass sie Dinge erst dann wertschätzen, wenn sie bedroht sind oder zerstört werden. Nichts bleibt dauerhaft so wie es ist, wenn wir uns nicht aktiv bemühen, es zu bewahren.

Meine Generation ist mit den Wunden aufgewachsen, die der Zweite Weltkrieg in die historische Substanz vieler Städte und Dörfer geschlagen hat.

Die heutige Generation wächst auf mit den Wunden im syrischen Palmyra und Aleppo, im irakischen Mosul und Erbil und im jeminitischen Sanaa.

Sie zeigen, dass das kulturelle Erbe auch ein Kriegsziel ist. Seine Zerstörung wird bewusst als Mittel zur Vernichtung der Identität von Gegnern eingesetzt.

Damit wird nicht nur die materielle Substanz angegriffen, sondern auch der immaterielle Wert, den das Kulturerbe als aussöhnende Kraft hat.

Ohne Kultur fehlt die Erinnerung, fehlen die Wurzeln für die Zukunft. Schutz, Erhalt und Wiederaufbau von kulturellem Erbe sind eine Aufgabe für die gesamte Völkergemeinschaft und für die internationale Politik, um Frieden und Sicherheit dauerhaft wiederherzustellen.

Unser Menschenbild fordert auch den Schutz und die Erhaltung der kulturellen Identität von Menschen. Das UNESCO-Welterbe, dieses Erbe der Menschheit, ist die geistige Heimat von Menschen, weltweit. Es ist der Kitt für ihre Identität, ihr Zusammenleben und ihre kulturelle Vielfalt.

Das Bewusstsein für diese zentrale Bedeutung muss immer wieder in den Köpfen – und Herzen – der Menschen verankert werden. Es geht um die Vermittlung der Welterbeidee und es geht um den Schutz, den Erhalt und die Weitergabe des kulturellen Erbes an die kommenden Generationen.

Dieser Verantwortung stellt sich Bamberg seit 25 Jahren. Ihnen war von Anfang an bewusst: Mit der Verleihung des Welterbetitels fängt die eigentliche Arbeit erst an!

An den vielen Initiativen zum Erhalt dieses Welterbes lässt sich ablesen, wie ernst Sie die Verantwortung nehmen, die damit einhergeht.

Bamberg ist hier Vorreiter: In beeindruckender Weise zeigen Sie, wie es gelingen kann, die Akteure aus dem kommunalen Bereich, aus dem kirchlichen Raum, aus der Wirtschaft, aus dem Bildungssektor ebenso wie aus der Zivilgesellschaft erfolgreich einzubinden.

Die Botschaft von Bamberg lautet: Welterbe geht uns alle an!

Meine hohe Anerkennung gilt deshalb allen, die seit einem Vierteljahrhundert nachhaltig für den Erfolg und den Erhalt der Welterbestätte Bamberg arbeiten!

Bambergs Welterbetitel ist vor allem Ihr Welterbetitel – ich danke Ihnen für Ihren großartigen Einsatz!

Das Welterbe Bamberg muss nicht nur erhalten und geschützt werden. Umfangreiche Informationen und Daten müssen bereitgestellt und für Wissenschaft, Schulen, für Bildungsprogramme oder für den Fremdenverkehr aufbereitet, ein neuer Managementplan erarbeitet werden.

In Bamberg ist es gelungen, dafür mit dem „Zentrum Welterbe“ eine außerordentlich effizient arbeitende zentrale Koordinierungsstelle zu schaffen. Das Zentrum Welterbe stimmt die Umsetzung der UNESCO-Welterbekonvention vor Ort ab.

Im Fokus aller Aktivitäten steht der Erhalt des außergewöhnlichen universellen Wertes des Welterbes „Altstadt von Bamberg“, der auf dem Grundriss und der Architektur des mittelalterlichen und barocken Bambergs basiert.

Ihnen, Frau Alberth, ist es zu verdanken, dass die Koordinierungsstelle Vorbildcharakter für andere Welterbestätten hat!

Herzlichen Dank für Ihren großen Einsatz für die Welterbeidee und das UNESCO-Welterbe Bamberg!

Die Welterbestätte Bamberg hat viele Facetten: Sehr beeindruckt hat mich
die Gartenbautradition: Die Strukturen der mittelalterlichen Hausgärten sind auch heute noch deutlich erkennbar.

Der städtische Gemüsegartenbau, neudeutsch „urban gardening“ genannt, erlebte in den vergangenen Jahren
eine neue Blüte. In Bamberg waren Sie dieser Entwicklung einige Jahrhunderte voraus: Bereits seit dem
17. Jahrhundert wurde hier intensiv städtischer Gemüsegartenbau betrieben.

Für eine europäische Stadt des Mittelalters waren vor allem die weiten, freien Räume sehr ungewöhnlich.
Diese innerstädtischen Gärtnerflächen haben wesentlich zu Bambergs Ernennung zum UNESCO-Weltkulturerbe beigetragen.

Die Alte Hofhaltung, der Wohnkomplex der Bischöfe, zählt sicherlich zu den beeindruckendsten Gebäuden der Stadt.

Der viertürmige Kaiserdom St. Peter und St. Georg, der auf das
13. Jahrhundert zurückgeht,
ist das Herzstück von Bamberg und
das bedeutendste Kunstwerk im weiten Umkreis.

Doch damit nicht genug: Der im Diözesanmuseum untergebrachte Domschatz veranschaulicht mit seinen atemberaubenden Kostbarkeiten
die Bedeutung und Geschichte
des früheren Fürst- und heutigen Erzbistums Bamberg.

Hervorheben will ich die von der UNESCO preisgekrönte große Ausstellung „Im Fluss der Geschichte - Bambergs Lebensader Regnitz“. Sie setzt sich auf innovative Weise mit der Fluss- und Stadtgeschichte Bambergs auseinander.

Die viel beachtete Sonderausstellung „Jüdisches in Bamberg“ wird seit einigen Jahren als Dauerausstellung im Historischen Museum Bamberg gezeigt. Das sind herausragende Beiträge zur Vermittlung des Welterbe Bamberg.

In einem weiteren Bereich ist Bamberg einer der internationalen Spitzenreiter: Die Staatsbibliothek Bamberg ist eine traditionsreiche Forschungsbibliothek. Sie hat eine ganze Reihe kulturgeschichtlich außergewöhnlicher Bücherschätze in ihrem Fundus vorzuweisen.

Die Aufnahme von drei frühmittelalterlichen Handschriften
in das Weltdokumentenerbe der UNESCO belegt beispielhaft ihren internationalen Rang: Seit 1992 sichert die UNESCO mit dem Register „Memory of the World“ den Erhalt historisch bedeutsamer Dokumente vor dem Vergessen.

Aus dem vormaligen Bamberger Domschatz wurden zwei Reichenauer Prachthandschriften der ersten Jahrtausendwende vor fünfzehn Jahren zum Weltdokumentenerbe erklärt:
die Bamberger Apokalypse sowie ein Kommentar zum Hohen Lied und zum Buch Daniel.

  • Und vor fünf Jahren wurde auch das Anfang des 9. Jahrhunderts geschriebene Lorscher Arzneibuch aus der vormaligen Dombibliothek
    in das UNESCO-Register
    „Memory of the World“ aufgenommen.

Darüber hinaus bewahrt die Staatsbibliothek 165 Codices und Handschriftenfragmente auf, die auf Kaiser Heinrich II. zurückgehen, präsentiert sie in digitaler Form.
Zusammen mit dem Portal „Bamberger Schätze“, in dem die Staatsbibliothek Bamberg kostbare Handschriften und Drucke aus vergangenen Jahrhunderten in digitaler Form bereitstellt, ist dies richtungsweisend für die Digitalisierung der Museumswelt. Hier liegt eine große Herausforderung für alle Welterbestätten! Von Bamberg können dafür wichtige Impulse ausgehen!

Im Anschluss an die Jahreshauptversammlung der Deutschen UNESCO-Kommission am 8. Juni wurden 7 neue Kulturformen in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Auch hier hatte Bamberg schon früh die Nase vorn: Die heute noch etwa
40 Gärtnerfamilien, Ende des
19. Jahrhunderts über 500 Gartenbaubetriebe, sie prägen mit ihren sozialen und religiösen Traditionen, gärtnerischen Bräuchen und traditioneller Bekleidung die Stadtgeschichte Bambergs. So wurde der „innerstädtische Erwerbsgartenbau in Bamberg“ 2016 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes eingeschrieben. Und wie ich Bamberg kenne und schätze, werden Sie sich für die Einschreibung in die UNESCO-Liste des Immateriellen Kulturerbes stark machen.

UNESCO-Welterbestätte, Memory of the World und Immaterielles Kulturerbe: dieser Dreiklang zeichnet Bamberg aus!

Halt! Bamberg verfügt über ein viertes Klanginstrument – die UNESCO-Projektschule, das E.T.A. Hoffmann-Gymnasium. Das ist für mich die junge Seite der UNESCO, die ich im Juni kennenlernen durfte. Und ich war begeistert!

Heute Nachmittag konnte ich einen Blick hinter den Bauzaun des neuen Welterbe-Besucherzentrums werfen. Das macht neugierig, wie die Lesehilfe für das Welterbe Bamberg im Mai 2019 ausbuchstabiert sein wird.

„Fluch und Segen des Welterbestatus“, so lautete die Überschrift eines Beitrags zu 25 Jahre Welterbestätte Bamberg. UNESCO-Welterbe ist eine Marke, die Touristen geradezu magisch anzieht. Gelebte Tradition und Touristenmassen, das muss auch in Bamberg unter einen Hut gebracht werden.

Das berührt auch das Thema Nachhaltigkeit. Pfiffig fand ich die Idee, im letzten Jahr die 24 Türchen des Welterbe-Adventskalenders für innovative, nachhaltige Projekte zu öffnen. Ich setze auf Ihren Ideenreichtum und Ihre Erfahrung, wenn im nächsten Jahr die Deutsche UNESCO-Kommission die Nachhaltigkeit von Welterbestätten in Deutschland ausloten wird.

Mit den Kulturkonventionen der UNESCO sind Instrumente geschaffen worden, die auf internationaler Ebene den Schutz des materiellen und immateriellen Erbes vor Zerstörung und vor illegalem Handel ermöglichen.

Damit hat die UNESCO weitreichende Impulse gegeben:

  • für die Anerkennung menschlicher Vielfalt,
  • für die Verständigung auf universell verankerte Werte und
  • für die Rekonstruktion eines modernen und globalen Humanismus.

Nirgendwo ist ihr das so gut gelungen wie in dem völkerrechtlichen Instrument zum Schutz des Welterbes. Das Konzept ist so genial wie einfach. Es lässt sich in 4 Botschaften zusammenfassen:

Die Idee vom Erbe der Menschheit

  • zielt erstens als Generationenvertrag auf einen nachhaltigen Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt;
  • bewirkt zweitens eine universelle Verständigung auf gemeinsame Werte;
  • führt drittens zu Toleranz und Anerkennung über physische und kulturelle Grenzen hinweg und
  • nutzt und stärkt viertens die Kultur als aussöhnende Kraft.

Die UNESCO-Welterbestätten sind nicht nur Zeugnis einzigartigen Schaffens und herausragender Errungenschaften der Vergangenheit. Sie tragen dazu bei, Brücken in die Zukunft zu bauen, Gemeinsamkeiten aufzuzeigen und Identität und Stabilität zu vermitteln. Dafür steht das Welterbe Bamberg in besonders eindrucksvoller Weise.

Für die nächsten 25 Jahre wünsche ich der Welterbestadt Bamberg:

  • Setzen Sie Ihren Welterbeweg konsequent fort und erfüllen Sie es immer wieder mit neuem Leben! Leben Sie auch in Zukunft das Welterbe Bamberg gemeinsam!
  • Bewahren Sie die Welterbestadt Bamberg für kommende Generationen, aber entwickeln Sie sie auch weiter!
  • Stellen Sie sich den großen Herausforderungen Nachhaltigkeit, sanfter Tourismus und Digitalisierung!
  • Ergreifen Sie weiter beherzt die Chancen, die sich mit Welterbe verbinden!
  • Begeistern Sie junge Menschen – hier und in ganz Europa – für unser gemeinsames kulturelles Erbe und öffnen Sie mit ihnen neue Türen!

Herzlichen Glückwunsch zum 25-jährigen Jubiläum und alles Gute für die Zukunft!

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