Schriftgröße ändern

Zum Ändern der Schriftgröße verwenden Sie bitte die Funktionalität Ihres Browsers. Die Tastatur-Kurzbefehle lauten folgendermaßen:


[Strg]-[+] Schrift vergrößern
[Strg]-[-] Schrift verkleinern
[Strg]-[0] Schriftgröße Zurücksetzen



schließen
MenüService
Suche
  • Home
  • Schriftgröße

„Arts Rights Justice“ – Künstlerische Freiheit schützen!

“The rights of artists to express themselves freely are under threat worldwide. Art has the extraordinary capacity to express resistance and rebellion, protest and hope. It injects a critical contribution to any flourishing democracy.”
Deeyeh Khan, UNESCO Sonderbotschafterin für künstlerische Freiheit und Kreativität

© UNESCO, Artistic Freedom Leaflet

Weltweit werden Künstlerinnen und Kulturschaffende immer wieder an der freien Ausübung ihrer Arbeit gehindert – bei der Kreation, Produktion oder der Distribution ihrer Werke. Verletzungen des Rechts auf künstlerische Ausdrucksfreiheit und Angriffe auf Kulturschaffende nahmen in den vergangenen Jahren deutlich zu.

2016 wurden 1028 Angriffe auf Künstlerinnen und Künstler und Verletzungen ihrer Rechte in 778 Ländern weltweit dokumentiert. 2014 wurden noch 237 Angriffe auf künstlerische Ausdrucksformen verzeichnet. Die Anzahl der gemeldeten Fälle stieg in den vergangenen Jahren stetig an – von 2015 auf 2016 um 119%. Von den über tausend dokumentierten Fällen waren im vergangenen Jahr 188 schwerwiegende Verletzungen künstlerischer Freiheitsrechte und 840 Fälle von Zensur. Die NGO Freemuse trägt in jährlichen Berichten „Art Under Threat“ diese beunruhigenden Zahlen zusammen.

Im August 2017 organisierte der UNESCO Lehrstuhl „Cultural Policy for the Arts in Development“ der Universität Hildesheim die internationale Sommerakademie „Arts Rights Justice“. Kulturschaffende, Aktivisten, Juristen und Wissenschaftler konnten sich in einem mehrtägigen Seminar austauschen und wichtige Grundlagen und Handwerkszeug für ihre Arbeit zum Schutz kultureller Freiheitsrechte sammeln. Internationale Experten, wie Farida Shaheed, ehemalige Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für kulturelle Rechte, nahmen an der Tagung teil. 

Wer seine Rechte nicht kennt, kann nicht für sie eintreten

Die Anzahl der tatsächlichen Übergriffe auf Künstlerinnen und Künstler bleibt eine Dunkelziffer. Bedrohungen von Kulturschaffenden werden im Vergleich zu Einschränkungen von Journalisten und Medienakteure nur selten gemeldet. Im Interview fragten wir Julia Farrington, die sich seit vielen Jahren bei der britischen NGO Index on Censorship für das Thema einsetzt, warum das so ist und was sich ändern sollte. Viele Netzwerke und NGOs engagieren sich für das Thema Medienfreiheit und auch Journalisten selbst, sorgen für eine stärkere Wahrnehmung der Problematik, erklärte Farrington. „Ich denke, (…) dass Journalisten und Menschenrechtsaktivisten sich bewusster über ihre Rechte sind, alle Journalisten (…) kennen ihre Rechte, die Mediengesetze und Schutzmechanismen, sie werden als integraler Bestandteil der Rolle des Journalisten verstanden.“ Kulturschaffenden wird hingegen in ihrer Ausbildung oft nur ein sehr begrenztes Wissen über ihre Rechte mit auf den Weg gegeben. „In Großbritannien gibt es keine systematische Rechts- und Grundrechteausbildung für diejenigen, die eine Karriere in der Kunst anstreben. Kuratoren, Intendanten, Festivaldirektoren und Künstler werden mit sehr geringer Kenntnis oder Verständnis über ihre Rechte in die Welt geschickt. Ich kann mir vorstellen, dass dies auch für andere Länder gilt.“ Feste Rechtsmodule in der Kunstausbildung wären darum sinnvoll, so Farrington. (Das vollständige Interview mit Julia Farrington auf Englisch finden Sie hier: PDF zum Download)

„Künstlerischer Ausdruck ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit“

Die UNESCO-Empfehlung zum Status des Künstlers (1980) und das UNESCO-Übereinkommen über die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005) erkennen Grund- und Freiheitsrechte als wichtige Voraussetzung für kulturelle Vielfalt und künstlerisches Schaffen an. Der Schutz künstlerischer Freiheitsrechte bleibt darum weiterhin eine zentrale Herausforderung für die Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens. Der erste weltweite Umsetzungsbericht der UNESCO-Konvention „Re | Shaping Cultural Policies“ (2015) greift neben den oben genannten Zahlen die Gründe für Einschränkungen des künstlerischen Ausdrucks auf. 2010-2013 wurden Einschränkungen zu 35,7% auf politische Kritik und zu 22,4% auf Geschlecht, Sexualität und Nacktheit zurückgeführt. Die Beschränkungen künstlerischer Freiheit und des Zugangs zu künstlerischen Ausdrucksformen, so unterstreicht der Bericht, sind nicht nur ein Einschnitt in die Grund- und Freiheitsrechte, sondern führen oft auch zu großen kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Verlusten. Sie versagen Künstlern ihre Möglichkeit ihren Lebensunterhalt zu sichern und schaffen ein unsicheres Umfeld für alle, die sich für Kunst und Kultur engagieren und diese als Publikum rezipieren.

„Künstlerischer Ausdruck ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit“ schrieb Farida Shaheed in dem Weltbericht zur Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens über die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen und betonte dies auch in ihrem Vortrag beim „Arts Rights Justice Forum“ im August in Berlin. Die ehemalige Sonderberichterstatterin der Vereinten Nationen für kulturelle Rechte teilte ihre wachsende Besorgnis bereits 2013 in ihrem Bericht „The right to freedom of artistic expression and creativity“. Künstlerische Stimmen wurden und werden auf unterschiedliche Weise weltweit zum Schweigen gebracht. Die zugrunde liegenden Motivationen sind meist politische, religiöse, moralische oder ökonomische Interessen. Darum brauche es, so Shaheed, Rechtsvorschriften und Praktiken, die den Schutz von freier Meinungsäußerung und Kreativität gewährleisten. Insbesondere Staaten müssen dafür national und international eintreten und einen entsprechenden Rechtsrahmen schaffen und schützen.

Schutzräume für verfolgte Kulturschaffende in Deutschland und weltweit

Wichtig sind zudem Förderprogramme und Schutzräume, durch die und in denen Kunst- und Kulturschaffende frei und ohne Angst vor Verfolgung und Einschränkungen – wenn auch oft nur vorübergehend – arbeiten können. Vorbildfunktion haben hier Programme für Journalisten und Wissenschaftler. Initiativen für „Safe Havens“ für Kulturschaffende werden in Deutschland und weltweit bereits von verschiedenen staatlichen und zivilgesellschaftlichen Akteuren, wie dem Internationalen Netzwerk Städte der Zuflucht (ICORN) oder PEN International ‘Writers in Prison / Writers at Risk’ umgesetzt und weitergedacht und finden in Deutschland Unterstützung des Auswärtigen Amtes. Während des „Arts Rights Justice Forum“ am 31. August in Berlin kündigte die Universität Hildesheim an, 2019 mit einem ersten „Creative Safe Haven“ auf dem Campus der Universität einen Startpunkt für eine deutschlandweite Initiative an Universitäten zu setzten. Am 18. September haben zudem Leiterinnen und Leiter renommierter Theater, Museen und Filminstitutionen in Deutschland die Bundesregierung in einem Aufruf aufgefordert, ein Programm für verfolgte Künstlerinnen und Künstler ähnlich dem bereits seit einiger Zeit bestehenden „Scholars At Risk“-Programms, die Philipp Schwartz-Initiative der Alexander von Humboldt-Stiftung für verfolgte Wissenschaftler, aufzulegen.

Diese Schutzräume sollten jedoch nur als letzter Ausweg gelten. Dies war auch eine Schlussfolgerung der Diskussionen im Rahmen der „Arts Rights Justice Academy“, so Daniel Gad, Geschäftsführer des UNESCO-Lehrstuhls "Cultural Policy for the Arts in Development" der Universität Hildesheim. Erklärtes Ziel müsse es bleiben, Künstlerinnen und Künstlern in ihren Herkunftsländern die freie Ausübung ihrer Arbeit zu ermöglichen. Darum ist es wichtig durch Ausbildungsprogramme, die Förderung der Kunst- und Kreativwirtschaft sowie durch faire Marktzugänge, Kulturschaffende in ihren Heimatregionen zu stärken, über ihre Rechte zu informieren und zur Ausübung ihrer Arbeit zu befähigen, so waren sich die Teilnehmenden der Sommerakademie einig.

Auch im August 2018 und 2019 wird der UNESCO Lehrstuhl der Universität Hildesheim die internationale Sommerakademie „Arts Rights Justice“ ausrichten. Neben dem Auswärtigen Amt, dem Städte-Netzwerk ICORN und PEN International unterstützt auch die Deutsche UNESCO Kommission diese wichtige Initiative als Fachpartner.

(Artikel erstellt am 20. September 2017)

Suche

Newsletter

Abonnieren Sie unsere verschiedenen Newsletter. mehr...