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Antonius von Padua Schule - Fulda (Hessen)

Preisträger des Jakob Muth-Preises für inklusive Schule 2017

Betritt man die inklusive Antonius von Padua Grundschule, fällt einem zunächst auf, dass es fast keine Türen gibt. Schon gar keine geschlossenen. Denn in der Grundschule lernen die Schülerinnen und Schüler in einem offenen Raumkonzept. Dieses konnte durch einen Neubau realisiert werden, als sich die Schule geöffnet hat – früher war sie eine Förderschule. Jetzt ist sie eine inklusive Grundschule. Pro Jahrgang kann die Schule 15 Kinder aufnehmen. Dabei ist deren Zusammensetzung auf Grundlage der Genehmigungsbedingungen festgelegt: Eine neue Lerngruppe besteht aus zehn Kindern ohne festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf und fünf Kindern, die einen diagnostizierten Förderbedarf im Bereich Geistige Entwicklung, Lernen oder Kranke aufweisen. Getreu dem Motto „Normal ist die Vielfalt, das Vorhandensein von Unterschieden“ lernen die Kinder auch jahrgangsübergreifend. Die Antonius von Padua Schule ist zwar privat, kommt aber dank der Einbindung in das Antonius Netzwerk Mensch ohne Schulgeld aus. Der Schule ist besonders wichtig, eine kind- und begabungsgerechte Schule zu sein, die den Schülerinnen und Schülern individuelle Lernwege ermöglicht.

Schon der offene Anfang jedes Schultages ist individuell: zwischen 07:30 und 08:00 können die Kinder in Ruhe ankommen und selbstständig an ihrem Wochenplan arbeiten. Zwischen 08:00 und 08:20 Uhr trifft sich die Lerngruppe eines Jahrgangs mit der Lehrkraft in ihrem Lernraum. Die Besonderheit an der Antonius von Padua Grundschule ist, dass sie aus einer circa 500qm großen Halle besteht, die insgesamt vier große offene Lernräume beinhaltet. Dazwischen befinden sich drei verglaste geschlossene kleinere Lernräume und das - ebenfalls verglaste - Lehrerzimmer. In einem der Lernräume stehen Laptops und andere digitale Medien frei zur Verfügung. In der Mitte sind große Sitzlandschaften. So werden den Schülerinnen und Schülern viele verschiedene Arbeitsplätze ermöglicht. Dass Leute gegenüber dieser Offenheit skeptisch sind, kennt auch die Lehrerin Anne Braun: „Gerade wenn Leute hören, dass man keine Türen in den Klassen hat, dann gucken die einen an und fragen, wie das funktionieren soll, das wäre doch total laut. Aber wenn sie dann hier hinkommen, dann spüren sie, dass es hier unglaublich leise ist.“ Damit das funktioniert, ist eine klare Struktur wichtig, erklärt die Lehrerin: „Die Kinder können sich frei bewegen, aber es ist dennoch wichtig, Regeln und Strukturen zu haben, damit die Kinder wissen, wo eine Grenzen ist oder wo es weiter geht, oder dass sie wissen: ‚Wenn die Musik angeht, muss ich aufräumen‘.“

Antonius von Padua Schule (© Ulfert Engelkes)

Mit der räumlichen Neugestaltung der Schule änderte sich auch das Gesamtkonzept: Seit 1908 gibt es die Förderschule mit dem Schwerpunkt Geistige Entwicklung. Maria Rang hat Anfang des 20. Jahrhunderts die St. Lioba-Stiftung gegründet und einen Lebensraum für Menschen mit Behinderung geschaffen. Dazu zählte für sie auch die Schulbildung – zu dieser Zeit keine Selbstverständlichkeit. Durch die Unterstützung der Fuldaer Bürger wurde das kirchlich und staatlich unabhängige Netzwerk bis heute weiter ausgebaut. Mit dem Beschluss der UN-Behindertenrechtskonvention 2009 hat sich die Schule dann entschieden, ihre Förderschule modellhaft zu öffnen und unterrichtet seit 2014 Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf zusammen. Während der gemeinsamen Tagesplanung zu Beginn des Schultages sitzen die Kinder und die Lehrkraft auf Bänken zusammen. Diese Zone ist im Gruppenlernraum extra für Besprechungen bestimmt. Hier sitzen die Lernenden und die Lehrkraft in einem Kreis und begegnen sich so auf Augenhöhe. Es werden u.a. gemeinsam die Gebärden der Woche geübt. Denn an der Antonius von Padua Schule lernen alle Schülerinnen und Schüler nebenbei die Grundzüge der Gebärdensprache. So kommen mit jedem neuen Unterrichtsthema neue Worte dazu. Auf diese Weise können alle Kinder miteinander kommunizieren.

Dann startet der erste Unterrichtsblock (08:20 – 10:00 Uhr). Entscheidend ist, dass nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichzeitig dasselbe machen müssen. Stattdessen dürfen sie selbst entscheiden, wann sie was lernen. So bearbeiten sie stets ihre individuellen Lernziele in ihrer eigenen Lerngeschwindigkeit. Dies geschieht durch Lernmaterialien mit Selbstkontrolle. Der Lehrer Timo Bereiter erklärt, dass das die besondere Atmosphäre an der Schule ausmacht: „Vom ersten Tag ist es wirklich so, dass die Kinder wissen, dass jeder verschiedene Sachen kann, dass es verschiedene Talente gibt und jeder einfach unterschiedlich weit ist in seinem Lernen. Das ist für die Kinder ganz natürlich und überhaupt kein Problem.“ Leistungsfähigkeit wird an der Antonius von Padua Schule immer an den individuellen Lernvoraussetzungen bemessen. Deswegen gibt es an der Schule auch keine klassischen Klassenarbeiten. Die Schülerinnen und Schüler melden sich selbstständig zu einem Test an, wenn sie sich in einem Themenfeld sicher fühlen. Der Schulleiter Hanno Henkel erklärt dazu, dass Leistung aber eben auch wichtig ist: „Wir versuchen den Kindern zu vermitteln, dass eine Leistung, die man erbringen kann, auch erbracht werden muss. Und dass sich die Leistungsbewertung genau an diesem Kriterium orientiert. Ein Kind bekommt dann eine gute Leistung bescheinigt, wenn es sich in dem Horizont seiner Leistungsmöglichkeit bewegt. Und das verstehen die Kinder sehr schnell, dass sie sich nicht mit dem Durchschnitt der Lerngruppe zu vergleichen haben, sondern mit ihrer eigenen Ausgangssituation.“

Antonius von Padua Schule (© Ulfert Engelkes)

Auf den ersten Unterrichtsblock folgen ein gemeinsames Frühstück und eine Hofpause. Danach wird weiter gelernt. Dabei finden sich immer mal wieder kleinere Gruppen zusammen, die in der Besprechungszone bestimmte Inhalte wiederholen. Durch das offene Raumkonzept können die Lerngruppen unkompliziert jahrgangsübergreifend gemischt werden. Insgesamt fällt die ruhige und entspannte Atmosphäre auf. Wenn ein Kind das Bedürfnis zu ganz stillem Arbeiten hat, kann es in einem der verglasten Räume lernen. Der Schulleiter erläutert dazu, dass die Offenheit den unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder gerecht wird und sie entlastet: „Sie können ohne Aufsehen wieder zurück in die Situation kommen, ohne dass sie das erklären müssen, ohne dass sie deswegen befragt werden müssen. Das ist eine Harmonie, die so entsteht.“ Unterstützung erhalten die Schülerinnen und Schüler durch die Lehrkräfte, Praktikantinnen und Praktikanten sowie Personen im Freiwilligendienst. Schulassistenzen, die speziell bestimmten Kindern zugeordnet sind, gibt es an der Schule nicht. Nur ein Kind wird derzeit aus medizinischen Gründen individuell begleitet.

Die offene Ganztagsschule bietet im Anschluss an den Unterricht ein Mittagessen in der Schülermensa an. Anschließend werden die Schülerinnen und Schüler bei ihren Hausaufgaben betreut oder erhalten Therapien. Währenddessen erfolgt die tägliche Besprechung des Lehrkraftteams. Hier werden Besonderheiten und Entwicklungsbedarfe diskutiert. Der Lehrer Dennis Hohmann beschreibt die Teamarbeit so: „Wir hinterfragen uns natürlich immer, was kann man anders machen, was hätte man besser machen müssen am Tag. Und dann bespricht man sich natürlich auch vorausschauend im Team, was in den nächsten Tagen ansteht, man plant unter dem Aspekt der Differenzierung.“ Durch die Präsenz der Lehrkräfte von 07:30 bis 14:00 Uhr stehen sie den Kindern auch außerhalb des Unterrichts als Ansprechpersonen zur Verfügung. Von 14:00 bis 16:00 Uhr können die Schülerinnen und Schüler an der Nachmittagsbetreuung teilnehmen. Deren Leiterin ist täglich bereits ab 11:00 Uhr in der Schule. So kann sie sich auch ein Bild von den Kindern im Unterricht verschaffen. Es erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit den Lehrkräften. Hier ist es besonders wichtig, dass die Nachmittagsleitung ihre Erfahrungen in die Entwicklung der Schule einfließen lassen kann.

Die Schule ist der Auffassung, dass Normalität das mächtigste Werkzeug der „Enthinderung“ ist. Sie ist den Weg von einer reinen Förderschule zu einer inklusiven Schule deshalb sehr bewusst gegangen und würde das auch gerne bis zum Jahrgang 10 ausweiten. Der Geschäftsführer des Antonius Netzwerk Mensch Rainer Sippel will unbedingt weitermachen: „Es ist einfach toll zu erleben, wie Inklusion keine Illusion mehr ist, sondern wie es Wirklichkeit werden kann.“ Die Jahrgänge 5-10 sind derzeit noch eine reine Förderschule. Bisher gestaltet es sich schwierig, die Ausweitung umzusetzen – aber Träger und Leitung sind zuversichtlich, dass die Öffnung in der Zukunft genehmigt werden wird.

Kontakt:
Antonius von Padua Schule
Carl-Schurz-Straße 22
36041 Fulda

Schulleitung:
Herr Hanno Henkel
Telefon: 0661 - 24 09 12
E-Mail: h.henkel(at)antonius-fulda.de

Webseite:
http://www.antonius-fulda.de/lernen/antonius-von-padua-schule.html

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