Porträt Gemeinschaftsschule am Heimgarten, Ahrensburg

Sprachförderung in der Schule

Kindern von Geflüchteten sowie Migrantinnen und Migranten wird das Recht auf Bildung, von hochwertiger Bildung ganz zu schweigen, in vielen Ländern der Welt noch immer nicht hinreichend gewährt. Einige Regierungen verweigern dies gänzlich. Das stellt der UNESCO-Weltbildungsbericht 2018 / 2019 unter dem Titel „Migration, Flucht und Bildung: Brücken bauen statt Mauern“ fest. Die Autorinnen und Autoren des Berichts loben Deutschland für Bemühungen bei der Integration von Geflüchteten und Migrantinnen und Migranten. Sie sehen jedoch Nachholbedarf bei der Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem. Wie die Integration in das Bildungswesen gelingen kann, zeigen viele Beispiele, darunter die UNESCO-Projektschule Gemeinschaftsschule am Heimgarten in Ahrensburg.

Hinweis für Journalisten

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UNESCO-Projektschule bietet Deutschklassen für geflüchtete Kinder

Die Gemeinschaftsschule am Heimgarten in Ahrensburg bei Hamburg ist seit 1994 UNESCO-Projektschule. Etwa 470 Schülerinnen und Schüler besuchen hier die fünfte bis zehnte Klasse. „Wir waren schon immer eine Schule der Vielfalt, das ist auch unser Motto: Wir sind eine Schule für alle“, erklärt Schulleiter Thomas Gehrke. „Seit einigen Jahren kommen verstärkt Kinder und Jugendliche aus Ländern wie Syrien oder dem Iran zu uns.“ Die meisten von ihnen kennen an ihrem ersten Schultag weder die deutsche Kultur noch verstehen sie die deutsche Sprache.

Um ihnen eine Schulbildung und somit eine Zukunft in Deutschland bieten zu können, richtete die Gemeinschaftsschule 2009 ein Zentrum für Deutsch als Zweitsprache, kurz DaZ-Zentrum, ein. Dort lernen die Schülerinnen und Schüler zunächst mit weiteren Kindern aus anderen Ländern in eigenen Klassen Deutsch. Danach nehmen sie teilweise am Regelunterricht teil, etwa am Kunst- oder Sportunterricht, ehe sie schließlich vollständig in eine Regelklasse wechseln. 120 Schülerinnen und Schüler haben bisher am DaZ-Programm teilgenommen oder besuchen derzeit eine DaZ-Klasse – das ist fast jeder Vierte an der Schule.

„Ich möchte in Deutschland bleiben“

Zakia Dear Bekarli kam Anfang 2014 an die Gemeinschaftsschule am Heimgarten. An ihren ersten Schultag erinnert sich die heute 16-Jährige noch genau: „Ich habe mich damals sehr einsam gefühlt. Alles war so anders als in Syrien. Ich konnte niemanden verstehen. Aber ich war froh, überhaupt wieder in die Schule gehen zu können und kam auch gut mit den anderen Kindern klar.“

Zakia lernte schnell Deutsch und kam schon nach einigen Monaten in eine Regelklasse. Heute besucht sie die zehnte Klasse, spricht fließend Deutsch und hat viele Freundinnen gefunden. „Ich würde gerne meine Familie in Syrien besuchen“, sagt sie. „Aber dort zu leben kann ich mir nicht mehr vorstellen. Ich möchte hier in Deutschland bleiben.“ Im Sommer 2019 wird Zakia ihren Schulabschluss machen und eine Ausbildung zur Verwaltungsfachangestellten beginnen. „Ich möchte im Öffentlichen Dienst arbeiten, weil es sicher für meine Zukunft ist“, erklärt die Syrerin.

Bewunderung für integrierte Schüler und Schülerinnen

Über Kinder und Jugendliche wie Zakia, die in der Schule und der Gesellschaft integriert sind, freut sich DaZ-Lehrerin Susanne Orosz besonders: „Wenn mir ehemalige DaZ-Schülerinnen und -Schüler aus der zehnten Klasse erzählen, dass sie eine Ausbildung beginnen oder ins Gymnasium wechseln, bin ich voller Bewunderung. Denn vor drei oder vier Jahren waren sie noch in der DaZ-Klasse und haben als sprachliche Nullanfänger begonnen. Jetzt haben sie es gepackt.“

Derzeit unterrichtet sie etwa 15 Kinder aus acht verschiedenen Herkunftsländern und mit verschiedenen Lernbiografien. „Es kommt vor, dass Kinder, die nie Lesen und Schreiben gelernt haben, neben solchen sitzen, die in ihrer Heimat eine Eliteschule besucht haben“, erklärt Susanne Orosz. „Mit dieser Vielfalt umzugehen, ist eine große Herausforderung.“

Um die Kinder zu unterstützen, gibt es spezielle Lehrmaterialien, mit denen die Schülerinnen und Schüler in den DaZ-Klassen auf ihrem eigenen Lern- und Sprachniveau und in ihrem individuellen Tempo lernen. Neben Deutsch stehen auch Mathematik, Englisch und Sport sowie Lerneinheiten zu Themen wie Kultur oder Heimat auf dem Unterrichtsplan. Susanne Orosz erklärt: „Dabei lernen die Kinder nicht nur Deutsch, sondern auch den Umgang mit kultureller Vielfalt. Sie lernen, ihre Rollenbilder zu hinterfragen und sich in einem demokratischen System einzubringen.“

Gemeinsam Lernen und Spielen

Demokratie, Toleranz, respektvolles Miteinander – diese Werte lebt die UNESCO-Projektschule auch in der Offenen Ganztagsschule. Hier können die Schüler und Schülerinnen in den Pausen Fußball spielen, nach dem Unterricht die Hausaufgabenhilfe nutzen und gemeinsam Kochen, die Schülerzeitung gestalten oder sich in der Kreativ-AG einbringen. Jedes dritte Kind, das die OGS-Angebote nutzt, hat einen Flucht- oder Migrationshintergrund und war oder ist in einer DaZ-Klasse. Der Offene Ganztag ist ein wichtiger Baustein für die Integration an der Gemeinschaftsschule, denn hier können alle Schülerinnen und Schüler, egal welcher Herkunft, miteinander und voneinander lernen.

Schulen sind wichtige Orte für Integration

Das gemeinsame Lernen und Leben ist auch eine bereichernde Erfahrung für Schülerinnen und Schüler, die in Deutschland aufgewachsen sind. Sie lernen soziale Kompetenzen wie Empathie und Weltoffenheit. Nicht zuletzt werden auch Eltern und das Kollegium positiv beeinflusst. Thomas Gehrke ist sich sicher: „Von der kulturellen Vielfalt und dem gemeinsamen Lernen profitieren letztlich alle!“

Hintergrundinformationen

Die Gemeinschaftsschule am Heimgarten ist eine von rund 300 UNESCO-Projektschulen in Deutschland. Weltweit gibt es fast 11.000 Schulen, die sich an den Werten und Zielen der UNESCO orientieren und sich mit Themen wie Klimawandel, Vielfalt und Welterbe auseinandersetzen. An der Gemeinschaftsschule in Ahrensburg entwickelt eine UNESCO-AG regelmäßig Themenideen für Projekttage und Unterrichtseinheiten, und mit dem jährlichen UNESCO-Spendenlauf unterstützen die Schülerinnen und Schüler zum Beispiel ein Waisenhaus in Rumänien.

Die Gemeinschaftsschule am Heimgarten ist eine von 15 Schulen im Landkreis Stormarn mit einem DaZ-Zentrum. Insgesamt hat das Land Schleswig-Holstein 270 DaZ-Zentren errichtet, um die Integration von Schülern und Schülerinnen mit Flucht- und Migrationshintergrund zu fördern.

Publikation

Weltbildungsbericht 2019 (deutsche Kurzfassung): Migration, Flucht und Bildung - Brücken bauen statt Mauern.
Deutsche UNESCO-Kommission, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Auswärtiges Amt, 2018

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