Nach vierzehn Jahren Krieg befindet sich Syrien im Wiederaufbau. Die Deutsche UNESCO-Kommission unterstützt die syrische UNESCO-Nationalkommission bei ihrer Einrichtung. Generalsekretär Roman Luckscheiter berichtet von seiner Reise nach Damaskus Mitte Oktober.

Herr Luckscheiter, Sie sind gerade aus Damaskus zurückgekehrt. Mit welchen Eindrücken sind Sie nach Deutschland zurückgekehrt?

Mich hat gefreut, dass wir die Gelegenheit hatten, sehr offene und konkrete Gespräche zu führen. Und dass wir trotz angespannter Sicherheitslage die Altstadt von Damaskus besichtigen konnten, wo die Jahrtausende alte Geschichte dieses Ortes zu erleben ist – in unmittelbarer Nähe zu den verheerenden Zerstörungen des vierzehnjährigen Krieges. 

Welche Themen standen bei den Gesprächen mit den syrischen Partnerinnen und Partnern besonders im Mittelpunkt?

Beim Wiederaufbau Syriens spielen die Einrichtung neuer Schulen, die Entwicklung neuer Curricula und die Ausbildung von Lehrpersonal an Schulen und Hochschulen eine ganz zentrale Rolle. Deutlich wurde aber auch, dass die Etablierung eines stabilen Systems für Berufsbildung ein wesentlicher Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg sein wird. Da können sowohl die deutschen Erfahrungen als auch die globale Expertise der UNESCO zentrale Hilfestellungen geben. Unsere Diskussionen haben aber auch gezeigt, dass die Vermittlung von Medienkompetenz entscheidend für die Zukunft des Landes ist: Der Einsatz für Alphabetisierung betrifft längst nicht nur Schreiben und Lesen, sondern auch den Umgang mit Informationen und Falschinformationen aus den sozialen Medien. Da kommt es – wie bei uns auch – darauf an, dass mehrere Ressorts und gesellschaftliche Kräfte zusammenarbeiten.

Roman Luckscheiter und Mohammed Abdul Rahman Turko in einem Regierungsgebäude
Roman Luckscheiter und Mohammed Abdul Rahman Turko, Minister für das Bildungswesen der Arabischen Republik Syrien | © SANA

Welche Herausforderungen für das Bildungs- und Kultursystem sind vor Ort besonders sichtbar geworden?

Über allem schwebt die Frage der Finanzierbarkeit und der Stabilität. Dann kommt die Frage, welche Konzepte sich besonders gut eignen und in welcher Zuständigkeit sie umgesetzt werden können. Der Wiederaufbau wird aber auch als Chance betrachtet, wieder Anschluss an die Weltgemeinschaft zu finden, sich zu internationalisieren. Rückkehrende aus Deutschland können dabei gute Brückenbildner sein, die aber erst gewonnen werden müssen. Zu all diesen Fragen stehen die deutschen Partnerinnen und Partner mit ihren Erfahrungen und Kontakten unterstützend bereit.

Was kann die UNESCO denn in einer Situation leisten, in der die Herausforderungen so groß und vielfältig sind? 

Die UNESCO hat für solche Situationen drei einzigartige Möglichkeiten: Erstens verfügt sie über etablierte Konzepte, Empfehlungen und Handreichungen für nachhaltige Bildungs- und Kulturpolitik. Zweitens bietet sie mit Netzwerken wie den Learning Cities, den UNESCO-Schulen oder auch den Welterbestätten ideale Instrumente, mit denen sich lokale Initiativen mit der Weltgemeinschaft verbinden und voneinander lernen können. Drittens – und das ist ihr Alleinstellungsmerkmal – gibt es uns, die Nationalkommissionen. Wir sind dafür zuständig, die Ziele, Werte und Programme der UNESCO in unser jeweiliges Land zu tragen und gleichzeitig den internationalen Austausch dazu zu ermöglichen, nicht nur politisch, sondern eben auch in der Zivilgesellschaft. In diesem Sinne haben wir auch den Kontakt mit unseren syrischen Kolleginnen und Kollegen hergestellt und die Konferenz zusammen organisiert. Wir sind daher auch nicht alleine gereist, sondern haben eine große Delegation zusammengestellt, mit dem Auswärtigen Amt, dem DAAD, dem Goethe-Institut, der Deutschen Welle Akademie und der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen; aus dem UNESCO-Netzwerk waren das Institut für Lebenslanges Lernen aus Hamburg und für Berufsbildung aus Bonn dabei.

Zitat

„Gespräche, die sich mit dem Zerbrechlichsten unserer Gesellschaften befassten: mit Bildung und Kultur als Fundamenten unserer gemeinsamen Zukunft“

Was hat diese breite Delegation bewirkt?

Gemeinsam mit dem Auswärtigen Amt haben wir das Ziel verfolgt, möglichst die ganze Bandbreite der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik mit den syrischen Ansprechpartnerinnen und -partnern in Verbindung zu bringen. Einzelne bilaterale Kontakte bestanden schon, jetzt aber hatten wir die Gelegenheit, als Konzert der Mittler aufzutreten und zu zeigen, wie wir uns mit unseren Themen und Zielgruppen ergänzen. Hinzu kam, dass der UNESCO-Bezug nicht nur über unsere beiden Nationalkommissionen gewährleistet war, sondern auch durch die Vertreterinnen und Vertreter der beiden in Deutschland ansässigen UNESCO-Einrichtungen ganz konkret wurde. Insofern hat die Reise dazu geführt, dass wir uns gegenseitig nicht nur persönlich besser kennengelernt haben, sondern auch in unseren institutionellen Zuständigkeiten und Potentialen. Vor allem aber konnten wir an den beiden Tagen viel Vertrauen aufbauen, weil wir auf beiden Seiten sehr offene Gedanken ausgetauscht und realistische Möglichkeiten der Zusammenarbeit aufgezeigt haben. 

Woraus schöpfen Ihre syrischen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner Zuversicht? 

Soweit wir das nach den kurzen Begegnungen beurteilen können, gibt es trotz aller Schwierigkeiten einen Sinn für den historischen Moment, jetzt etwas Neues gestalten zu können. Mehrfach wurde in den Diskussionen hervorgehoben, dass man zukunftsorientiert sei. Hoffnung und Optimismus sind ganz wesentliche Motivationen gerade in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik, aber auch in der Arbeit von Kultur und Medien. Das prägt ja auch das Grundverständnis des Friedensziels der UNESCO. Je mehr Beispiele einer vertrauensvollen Zusammenarbeit wir schaffen können, desto mehr können wir dazu beitragen, diese Zukunftsorientiertheit zu stärken.

Mehrere Menschen sitzen in Syrien-Konferenz in einem Konferenzsaal in Damaskus
© SANA
Roman Luckscheiter sitzt mit anderen Menschen an einem Brunnen in Damaskus
© Deutsche UNESCO-Kommission

Was sind die nächsten Schritte nach dieser Konferenz?

Im Einzelnen sind bereits Folgetermine vereinbart. Es geht vor allem darum, konkrete Angebote des Capacity Buildings beziehungsweise gemeinsame Projekte zu definieren und auszuarbeiten. In welchem Umfang sie umgesetzt werden können, hängt natürlich stark davon ab, welche Finanzierungsmöglichkeiten gefunden werden. Wichtig ist uns, dass nun auch die praktische Ebene beider Länder miteinander in Kontakt kommt, sich also Schulen, historische Stätten, Studiengänge und Projekte begegnen um sich über Beispiele guter Praxis auszutauschen. 

Wenn Sie Ihre Reise nach Damaskus in einem Satz zusammenfassen müssten: Was würden Sie sagen?

Es war eine Reise, bei der wir unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen zu Gesprächen fuhren, die sich mit dem Zerbrechlichsten unserer Gesellschaften befassten: mit Bildung und Kultur als Fundamenten unserer gemeinsamen Zukunft. 

Vielen Dank für das Gespräch!

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