Herr Reuther, wann waren Sie für die UNESCO-Kommission der DDR sowie für die Deutsche UNESCO-Kommission tätig und welche Schwerpunkte prägten diese Zeit?

Für die UNESCO-Kommission der DDR war ich von September 1976 bis Oktober 1990 tätig, nachdem ich dort bereits 1974 ein Praktikum absolviert hatte. Die Kommission war meine erste Anstellung nach dem Studium. Ich übernahm nacheinander die Bereiche Kommunikation, Kultur und Bildung und war von 1983 bis 1986 an der Ständigen Vertretung der DDR bei der UNESCO in Paris für die direkte Verbindung zu den Fachsektoren zuständig. Als berufliche Höhepunkte dieser Phase sehe ich heute meine zentrale Rolle bei der Organisation zweier internationaler Großveranstaltungen in Ostberlin: des Ersten Weltkongresses für berufliche Bildung 1987 und der 10. Regionalkonferenz der europäischen UNESCO-Kommissionen 1989.

Meine Tätigkeit für die Deutsche UNESCO-Kommission in Bonn begann im Dezember 1990, genau zwei Monate nach der Wiedervereinigung. Ich startete fachübergreifend als Beauftragter für die neuen Bundesländer mit der Aufgabe, die mehr als 60 von der DDR-Kommission hinterlassenen Projekte in die neue Wirklichkeit zu überführen. Rund 85 Prozent davon konnten planmäßig abgeschlossen oder langfristig integriert werden. Parallel verantwortete ich den Bereich „Interdisziplinäre Programme in Erziehung und Sozialwissenschaften“, der Themen wie UNESCO-Projektschulen, Friedens- und Menschenrechtsbildung, Bioethik und Philosophie bearbeitete. Die Bandbreite der Problemstellungen war immens. Nach der Pensionierung von Generalsekretär Dr. Hans Meinl und der Bestellung von Dr. Traugott Schöfthaler zu dessen Nachfolger wurde ich 1993 zum stellvertretenden Generalsekretär berufen. Zusätzliche Impulse konnte ich der Deutschen UNESCO-Kommission durch mein frühes Interesse an IT verleihen – etwa durch die Einführung einer der ersten WebsitesExterner Link: einer Nationalkommission im Jahr 1996. 

Ein Dia wird hochgehalten, darauf zu sehen ist die erste DUK-Website von 1996.
Ein Dia der ersten DUK-Website von 1996. | © DUK

Wie haben Sie die Zusammenarbeit der beiden deutsch-deutschen Nationalkommissionen vor und nach der Wende wahrgenommen?

Die Zusammenarbeit war über Jahrzehnte stark von der geopolitischen Lage des Kalten Krieges bestimmt. Offizielle Kontakte der DDR-Kommission bestanden ausschließlich mit osteuropäischen, später auch mit einzelnen „Entwicklungsländern“. Ab Mitte der 1970er-Jahre begegnete man sich regelmäßig auf Generalkonferenzen, Fachtagungen oder bei Regionaltreffen der UNESCO-Nationalkommissionen. Anfangs dominierten noch Blockdenken und politische Agenden. Mit der Zeit wuchs jedoch die Einsicht, dass fachliche Zusammenarbeit in der UNESCO allen mehr nützt als ideologisches Geplänkel – eine Entwicklung, die durch den Austritt der USA und Großbritanniens Mitte der 1980er-Jahre unter Reagan und Thatcher noch verstärkt wurde.

Für die DDR-Kommission kann ich das wachsende Interesse an fachlichen Themen und vereinzelt, wenn auch noch eher vorsichtig, zu deutsch-deutscher Zusammenarbeit bestätigen. Ohnehin funktionierte die Ost-West-Zusammenarbeit in den weniger ideologisch belasteten Bereichen, vor allem in den Naturwissenschaften, nahezu reibungslos, beispielsweise in der Internationalen Ozeanografischen Kommission (IOC).

Das deutsch-deutsche Gemeinschaftsprojekt schlechthin war jedoch die berufliche Bildung. Auf einen Vorschlag der DDR aus dem Jahr 1977 folgte eine über ein Jahrzehnt währende enge Abstimmung, die schließlich 1993 zur Einrichtung des UNESCO-Zentrums UNEVOC führte.

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Ich gehörte zur Delegation und erlebte daher die einschneidenden Ereignisse – Sturz Honeckers, Mauerfall – zunächst aus der Ferne. Nach meiner Rückkehr begann sich der Arbeitsgegenstand der DDR-Kommission allmählich aufzulösen.

Wie haben Sie die Zeit der Wende innerhalb der UNESCO-Kommission der DDR erlebt?

Ich habe die Wendezeit als befreiend und bedrückend zugleich erlebt. Befreiend, weil man den „Strom der Geschichte“ unmittelbar spürte – bedrückend angesichts existenzieller sozialer und beruflicher Risiken, die man in der DDR bis dahin nicht kannte. Rückblickend wird deutlich, dass die Wende kein plötzliches Ereignis war. Bereits ab Mitte der 1980er-Jahre wuchs die Unzufriedenheit über politischen Stillstand, wirtschaftliche Probleme und eine überalterte Führung. Spätestens ab Mitte des Jahres 1989 herrschte eine bleierne Stimmung, in der viele den Glauben an Reformen verloren.

Innerhalb der Kommission verliefen diese Entwicklungen zunächst im Hintergrund. 1989 waren wir vollständig mit der Vorbereitung internationaler Konferenzen befasst, auch mit der UNESCO-Generalkonferenz in Paris. Ich gehörte zur Delegation und erlebte daher die einschneidenden Ereignisse – Sturz Honeckers, Mauerfall –zunächst aus der Ferne. Nach meiner Rückkehr begann sich der Arbeitsgegenstand der DDR-Kommission allmählich aufzulösen. Ich geriet schließlich in die Rolle des amtierenden Leiters des Sekretariats, hatte jedoch zunehmend „den Schlussakkord zu verwalten“. Als sich dann der Beitritt der ostdeutschen Länder zur Bundesrepublik abzeichnete, bat mich Generalsekretär Meinl, alle bestehenden Planungen und Projekte der DDR-Kommission ausführlich zu verschriftlichen. Was nicht klar dokumentiert sei, würde unwiederbringlich verloren gehen. Es wäre jedoch das Anliegen der Deutschen UNESCO-Kommission, dieses Erbe zu bewahren und weiterzuführen, soweit dieses sich im Rahmen ihrer Satzung bewege.

Im September 1990 besuchte ich erstmals die DUK in Bonn und stellte den anwesenden Ministerien, Behören und Organisationen die Planungen und Projekte der DDR-Kommission vor. Dass man mich ermutigte, mich auf eine der wenigen neuen Stellen, die schließlich wegen „einigungsbedingten Mehrbedarfs“ geschaffen wurden, zu bewerben, berührte mich sehr. Diese Haltung zeigte mir, dass ich willkommen war und geschätzt wurde. Für mich offenbarte sich darin der von mir so geschätzte „Geist der UNESCO“, ein Humanismus besonderer Art, der Respekt, Zusammenarbeit und Verständigung ins Zentrum rückte.

Schwarz-weiß Foto von Prof. Dr. Klaus Hüfner und Wolfgang Reuther in einem Konferenzsaal, vor ihnen auf dem Tisch ein Länderschild "Allemagne"
(v.l.) Prof. Dr. Klaus Hüfner (später Präsident der DUK) und Wolfgang Reuther, Referent bei der Deutschen UNESCO-Kommission für fachübergreifende Programme, in der Fachkommission Frieden/Menschenrechte auf der 26. UNESCO-Generalkonferenz. | © UNESCO

Wie blicken Sie heute insgesamt auf Ihre Zeit in den beiden Nationalkommissionen zurück?

Ich habe rund 38 Jahre „mit der UNESCO zugebracht“ und mich stets mit Freude und Begeisterung für ihre Ziele eingesetzt. Ganz gleich ob in der DDR-Kommission, der Deutschen UNESCO-Kommission, als UNESCO-Bürochef im Feld oder im Hauptquartier in Paris, mich hat die Organisation stets fasziniert.

In der DDR-Kommission habe ich als Berufsanfänger das Handwerk von Grund auf „in der Praxis“ gelernt und die UNESCO als meine berufliche Heimat entdeckt. Eine schwere Krebserkrankung zu Beginn meiner Laufbahn hätte diesen Weg beinahe beendet – umso dankbarer bin ich für die Solidarität und Großherzigkeit meiner damaligen Vorgesetzten und Kollegen, die mir eine kontinuierliche berufliche Entwicklung ermöglichten.

Die Jahre in der Deutschen UNESCO-Kommission stellen sich aus damaliger wie heutiger Sicht im besten Sinne des Wortes als herausfordernd und voller Abenteuer dar. Ich erlebte sie als außergewöhnlich produktiv, kreativ und getragen von Vertrauen – insbesondere in der Zusammenarbeit mit Generalsekretär Dr. Traugott Schöfthaler. Mein Weggang 1998 erfolgte daher mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Die Verbindung zur DUK brach in der Zeit meiner Tätigkeit in anderen Regionen nie ab. Es erwies sich bei meinem Job in Moskau, dass ich mit meinen Erfahrungen aus zwei Welten den Übergangsgesellschaften im Osten durchaus nützlich sein konnte, ihren Weg in die Zukunft zu finden.

Resümierend kann ich sagen: Das Schicksal hat es gut mit mir gemeint und ich bin dankbar dafür.

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