Online-Debatte ResiliArt

Online-Debatte ResiliArt: Kunst und Kultur in Zeiten der COVID-19-Pandemie

Perspektiven für eine vielfältige Kulturlandschaft und nachhaltige Kulturaußenpolitik während und nach der Krise

Nahezu alle Länder weltweit sind von der COVID-19-Krise betroffen. Die von vielen Ländern zur Eindämmung der Pandemie ergriffenen massiven Einschränkungen des öffentlichen Lebens treffen ganz wesentlich auch Kultureinrichtungen, Künstlerinnen und Kreative in Deutschland und weltweit.

Anlässlich des Welttags der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung (21. Mai) waren Akteurinnen und Akteure aus dem Kultursektor eingeladen am Vortag, den 20. Mai 2020, im Rahmen einer Online-Debatte „ResiliArt“ die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf Kunst und Kultur zu diskutieren. Ziel war es, sich über Perspektiven für eine vielfältige Kulturlandschaft und nachhaltige Kulturaußenpolitik während und nach der Covid-19-Krise auszutauschen.

Auf Einladung der Deutschen UNESCO-Kommission und in Zusammenarbeit mit der Kulturpolitischen Gesellschaft e.V. und dem UNESCO-Lehrstuhl „Cultural Policy for the Arts in Development” der Universität Hildesheim nahmen über 200 Akteure aus Kultur, Politik, Wissenschaft und Zivilgesellschaft aus dem In- und Ausland an der Online-Debatte über Zoom und einen YouTube-Livestream teil.

Prof. Dr. Maria Böhmer, Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, eröffnete die Online-Debatte, gefolgt von einem Grußwort von Michelle Müntefering, Staatsministerin für internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt. Durch die virtuelle Veranstaltung führte Dr. Roman Luckscheiter, Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission.

Als Diskutantinnen und Diskutanten waren beteiligt:

Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung

Der Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung ist ein Aktionstag der UNESCO, der jährlich am 21. Mai begangen wird. Er wurde anlässlich der von der 31. Generalversammlung der UNESCO im November 2001 verabschiedeten Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt ausgerufen. Er erinnert nicht nur an den kulturellen Reichtum und die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen weltweit, sondern auch an die wesentliche Rolle von Kunst und Kultur für interkulturellen Dialog sowie für Frieden und nachhaltige Entwicklung.

Online-Debatte ResiliArt

Iframe entriegeln und Cookies akzeptieren

Zentrale Erkenntnisse der Online-Debatte ResiliArt

In der Online-Debatte ResiliArt wurden die Herausforderungen und Chancen für den Kultursektor thematisiert, die sich derzeit durch die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie ergeben. Im Fokus standen zwei zentrale Fragestellungen zum Thema Resilienz und Kultur in Zeiten von Covid-19:

  1. Wie kann die Kulturlandschaft besser gestärkt und widerstandsfähiger werden?
  2. Wie kann Kultur dabei helfen, die aktuelle Krise als Gemeinschaft zu bewältigen?

Lernen aus der Krise. Die aktuelle Krise macht Herausforderungen und Schwachstellen im Kultursektor deutlich, die bereits seit längerer Zeit bestehen. Diese strukturellen Probleme werden durch die Krise besonders sichtbar und verstärkt. Gleichzeitig bietet sich nun die Gelegenheit, tiefgreifende Änderungen im Kultursektor vorzunehmen, die auch nach Covid-19 positiv wirken. Wichtige Aspekte sind hierbei:

  • Prekäre Formen des künstlerischen und kuratorischen Arbeitens sowie des Kulturmanagements, insbesondere in der Freien Kulturszene
  • Urheberrechtschutz und die unzureichende Vergütung kultureller digitaler Inhalte
  • Fehlende Möglichkeiten für Kulturschaffende, kleine und mittlere Unternehmen sowie für Kulturinstitutionen finanzielle Rücklagen zu bilden, um in Krisensituationen besser und flexibler bestehen zu können
  • Zusammenspiel zwischen Kommunen, Ländern und Bund im Kulturbereich prüfen und gegebenenfalls optimieren
  • Kulturelle Angebote und ihre Nutzung bzw. Nicht-Nutzung kritisch prüfen und im Sinne einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Kulturentwicklungsplanung neu denken, entwickeln und ausbauen
  • Zusammenarbeit und Solidarität über Landesgrenzen hinaus stärken

Gesellschaftliche Bedeutung/Kraft von Kultur. Kultur darf in ihrer Relevanz nicht nur auf Unterhaltung und Erbauung reduziert werden. Kultur ist ein relevanter gesellschaftlicher Faktor, der die Gesellschaft verändern und gestalten kann. Die Krise hat in vielen Bereichen die Bedeutung von Kunst und Kultur noch deutlicher sichtbar gemacht.

Staatliche Hilfsmaßnahmen greifen kaum für die Freie Szene. Besonders freischaffende Künstlerinnen und Künstler sowie unabhängige Kulturproduzentinnen und Kulturproduzenten, welche die vielfältige Kulturlandschaft entscheidend tragen und prägen, sind durch die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie flächendeckend existenziell gefährdet. Viele Programme der Bundesregierung greifen nicht für freie Künstlerinnen und Künstler, wie zum Beispiel das Programm für Soloselbständige. Hier müssen neue und ergänzende Förderkriterien und Indikatoren geschaffen werden, wie z.B. für die Abrechnung von Lebenshaltungskosten zusätzlich zu Betriebskosten. Dies ist in Folge der intensivierten Debatte vom Mai 2020 teilweise im Werden, auch durch neue Initiativen einzelner Länder und größerer Kommunen.

Gemeinschaft: Die Krise und der Umgang mit der Krise hat gerade im Kultursektor gezeigt, dass diese gesellschaftlich nur überwunden werden kann, wenn ihr gemeinschaftlich begegnet wird. Um hier resilienter und widerstandsfähiger gegenüber Bedrohungen zu werden geht es zentral auch darum, globale Perspektiven und Lösungsansätze auszutauschen und zu entwickeln.

Multilaterale Zusammenarbeit ist entscheidend. Die Kulturszene ist weltweit existenziell bedroht. In multikultureller und multilateraler Zusammenarbeit steckt die Kraft, mit der diese Krise global bewältigt werden kann. Initiativen der internationalen Kooperationen sind Beispiele für gelebte Solidarität. In der aktuellen Krise können neue Formen des engeren, weltweiten Austauschs geschaffen werden, die den Kultursektor gestärkt aus dieser Krisenerfahrung hervorgehen können. Gerade Kulturschaffende, die sich in internationalen, sozialen Programmen engagieren, sind häufig besonders bedroht und von den derzeitigen mehrdimensionalen Einschränkungen betroffen. Sie fallen bei vielen Hilfsmaßnahmen heraus, sind in ihrer Mobilität eingeschränkt oder können ihre Programme oft nicht fortsetzten.

Chancen: Die Krise bietet die Gelegenheit, jetzt attraktive Ziele für die Zeit danach zu entwickeln. Diese Chance sollte genutzt werden, um beispielsweise Trainings und Aus- sowie Weiterbildungsprogramme für den Kultursektor aufzubauen, neue Modelle und Mechanismen zum Schutz und zur Stärkung des sozialen Status von Künstlerinnen und Künstler sowie einer fairen Vergütung von digitalen, kulturellen Inhalten zu entwickeln und einzuführen.

Zugang: Wer hat eigentlich Zugang zu den kulturellen Räumen weltweit – insbesondere zu den derzeit vielerorts entstehenden digitalen Angeboten? Wie die jährlich aktualisierten Daten von UNESCO und ITU belegen, haben nicht alle Menschen gleichermaßen Zugang zum Internet. Vermittlung und niedrigschwellige Zugangsmöglichkeiten sind wichtige Voraussetzungen für Teilhabe an Kultur und kulturelles Schaffen sowie am Kreativ- und Kulturbereich als Arbeitsfeld.

Zivilgesellschaft in Entscheidungsprozesse einbeziehen: Die aktuelle Krise bietet die Chance, neben den politischen Entscheidungsträgerinnen und -trägern auch die Überlegungen der Zivilgesellschaft, von Vereinen und Verbänden im Kultursektor mit einzubeziehen. Ziel sollte es sein, die Diversität des kulturellen Spektrums in den öffentlichen Fördergremien und Entscheidungsprozessen mit abzubilden - auch bei der Entwicklung neuer Hilfsmaßnahmen und Strukturfonds zur Begegnung aktueller Herausforderungen.

Herausforderungen und Chancen der Covid-19-Pandemie für den Kunst- und Kultursektor

Die Auswirkungen der durch Covid-19-Pandemie entstandenen Gesundheitskrise können den Kunst- und Kultursektor auf lokaler, regionaler, nationaler und internationaler Ebene langfristig tiefgreifend beeinträchtigen. Die Maßnahmen, die viele Länder zur Eindämmung der Pandemie ergriffen haben, wirken sich auf die gesamte kulturelle Wertschöpfungskette aus. Die Absage von Veranstaltungen wie Lesungen, Festivals, Performances, Konzerten sowie die Schließung von Kultureinrichtungen wie Museen, Theater, Kinos und Bibliotheken um Abstandsgebote umzusetzen sind weltweit so gut wie flächendeckend erfolgt. Sie schränken den Zugang zu Kunst und Kultur teils drastisch ein und werden erhebliche wirtschaftliche und soziale Auswirkungen auf die Kultur- und Kreativwirtschaft haben.

In vielen Teilen der Welt verschärft der ungleiche Zugang zu neuen Technologien und Internet zudem Ungleichheiten bei der Teilhabe an Kultur und die Dynamik der Ausgrenzung bestimmter Bevölkerungsgruppen, insbesondere auch von Frauen und Mädchen. Auch die in der Krise zunehmende Tendenz zu Konzentration und Standardisierung innerhalb des Kultursektors kann sich negativ auf die kulturelle Vielfalt auswirken. Vor allem Selbstständige sowie kleinere und mittelgroße Unternehmen in der Kultur- und Kreativwirtschaft haben oft keine finanziellen Rücklagen, um die existentiellen Herausforderung der Krise aus eigener Kraft zu bewältigen. Hier ergreifen Regierungen aus allen UNESCO-Regionen prioritär Maßnahmen, um das „Ökosystem Kultur“ zu retten und mittelfristig robuster aufzustellen.

Bei allem Enthusiasmus über den Schub an digitaler Kompetenz und Bereitschaft, den die Covid-19-Krise auslöst, besteht das erhebliche Risiko der noch höheren Abhängigkeit von einzelnen großen Plattformen und Streaming-Diensten, welche kulturelle Inhalte zwar digital zur Verfügung stellen, jedoch in der Regel nicht in deren Schöpfung und Produktion investieren oder durch angemessene Honorierung dazu beitragen.

Laut einer Hochrechnung des Internationalen Verbandes der Gesellschaften der Schriftsteller und Komponisten (CISAC) betrifft der derzeitige weltweite Stopp von Live- und öffentlichen Aufführungen in allen Repertoires allein mindestens 30 Prozent der Tantiemen, die weltweit eingenommen werden. Die gemeinsam vereinbarten Ziele und Forderungen der UNESCO-Empfehlung über den Status von Künstlerinnen und Künstlern (1980) und die Zielsetzungen der UNESCO-Konvention über den Schutz und die Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005), insbesondere auch im digitalen Umfeld, sind vor diesem Hintergrund erneut hoch aktuell.

Mit der Covid-19-Pandemie eröffnen sich zugleich auch neue Chancen für den Kultursektor. Viele Länder haben bereits spezifische Maßnahmen – zusätzlich zu den allgemeinen Maßnahmen zur Unterstützung der Wirtschaft – zur Unterstützung des Kultursektors und von Künstlern und Künstlerinnen ergriffen. So wurden vielerorts finanzielle Nothilfen für Kunst- und Kulturschaffende und kulturelle Organisationen sowie Direkthilfen für kreative Produktionen und Veranstalter zur Verfügung gestellt.

Gleichzeitig bereiten einige Länder zusätzliche Schritte vor, die am Ende der Eindämmungsmaßnahmen Kultureinrichtungen bei der Wiedereröffnung unterstützen sollen, um kulturelle Aktivitäten und auch den (Kultur-)Tourismus wiederzubeleben. So werden in Museen, Bibliotheken, Theatern oder Konzerthäusern Vorkehrungen für die Zeit während und nach Covid-19 getroffen, um beispielsweise durch Eingangsschleusen oder Plexiglasscheiben zu garantieren, dass Abstandsgebote auch bei Wiedereröffnung eingehalten werden können. Länder des Globalen Südens, deren Wirtschaft besonders stark von (Kultur-)Tourismus abhängt, setzen hier einen besonderen Schwerpunkt.

Die Covid-19-Pandemie macht deutlich, dass Kultur ein wesentliches Gemeingut und wichtiger Faktor für Widerstandsfähigkeit - also Resilienz - sowie für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung und den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist. Kultur sollte darum selbstverständlicher Teil der nationalen Maßnahmen zur Überwindung dieser Krise sein.

Das Ausmaß der Covid-19-Pandemie zeigt zudem deutlich die Relevanz internationaler multilateraler Zusammenarbeit und zwischenstaatlichen Dialogs, um die Anstrengungen zur Bewältigung der Krise zu bündeln, Transparenz und Zugang zu Wissen zu stärken und um gemeinsame Lösungsansätze zu entwickeln.

Über die unmittelbar erforderliche Nothilfe hinaus sind Politik und Zivilgesellschaft sowie alle Kulturakteure aufgerufen, die mittel- und langfristigen Auswirkungen der Krise auf den gesamten Kultursektor zu antizipieren und geeignete Maßnahmen zu entwickeln.

UNESCO-Initiative ResiliArt und erstes virtuelles UNESCO-Kulturministerforum

Am 15. April 2020 startete die UNESCO-Initiative „ResiliArt“ mit Akteuren aus dem Kunst- und Kultursektor und einer Diskussionsrunde, um weltweit die Bedarfe und Ansätze zum Schutz und zur Förderung einer vielfältigen Kulturlandschaft und der sozialen und wirtschaftlichen Absicherung des Sektors in und nach der Covid-19 sichtbar zu machen, zu bündeln und gemeinsam zu entwickeln.

Die „ResiliArt“-Onlinedebatten ermöglichen eine öffentliche Auseinandersetzen mit den aktuellen Herausforderungen des Kunst- und Kultursektors und einen Austausch über kulturpolitische Ansätze zur besseren Absicherung des Kulturbereichs und des sozialen und wirtschaftlichen Status von Künstlerinnen und Künstlern. Seit Mitte April finden zahlreiche ResiliArt-Debatten weltweit statt, u.a. als internationale Diskussionsrunden mit UNESCO, IFCCD und CISAC sowie als nationale/regionale Formate u.a. in Algerien, Jemen, Österreich und Deutschland.

Um Erfahrungen und Wissen über die globalen Herausforderungen und Hilfsmaßnahmen für den Kultursektor im Zuge der COVID-19-Pandemie auszutauschen, lud die UNESCO am 22. April 2020 zum ersten virtuellen Kulturministerforum in der Geschichte der Organisation ein. Über 130 UNESCO-Mitgliedstaaten beteiligten sich an dem globalen Forum. Für Deutschland nahm die Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik im Auswärtigen Amt, Michelle Müntefering, teil. Das Forum knüpft an den  Austausch der Kulturministerinnen und -minister beim UNESCO-Kulturministerforum im Rahmen der 40. Generalkonferenz im November 2019 im UNESCO HQ in Paris an. 120 Kulturministerinnen und -minister nahmen dort teil und unterstrichen die zentrale Rolle von Kunst, Kultur und Kreativwirtschaft zum Erreichen der Entwicklungsziele 2030.

weitere Artikel

Online-Debatte ResiliArt
ResiliArt 2020

Meldung,

Online-Debatte ResiliArt

Zum Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung findet am 20. Mai 2020 von 11:00 bis 12:00 Uhr die Online-Debatte „ResiliArt: Kunst und Kultur in Zeiten der Covid-19-Pandemie“ statt. Diskutieren Sie mit uns!

weiterlesen
Erstes virtuelles UNESCO-Kulturministerforum zu den Auswirkungen von Covid-19 auf Kunst und Kultur

Pressemitteilung,

Erstes virtuelles UNESCO-Kulturministerforum zu den Auswirkungen von Covid-19 auf Kunst und Kultur

Weltweite UNESCO-Initiative ResiliArt für eine vielfältige Kultur- und Kreativwirtschaft während und nach der Krise

weiterlesen