Porträt Geschwister-Scholl-Gymnasium Pulheim

Integrativ und inklusiv Lernen am Gymnasium

Kindern von Geflüchteten sowie Migrantinnen und Migranten wird das Recht auf Bildung, von hochwertiger Bildung ganz zu schweigen, in vielen Ländern der Welt noch immer nicht hinreichend gewährt. Einige Regierungen verweigern dies gänzlich. Das stellt der UNESCO-Weltbildungsbericht 2018 / 2019 unter dem Titel „Migration, Flucht und Bildung: Brücken bauen statt Mauern“ fest. Das Autorenteam des Berichts hebt Deutschland für Bemühungen bei der Integration von Geflüchteten sowie Migrantinnen und Migranten hervor. Es sieht jedoch Nachholbedarf bei der Chancengerechtigkeit im deutschen Bildungssystem. Wie die Integration in das Bildungswesen gelingen kann, zeigen viele Beispiele, darunter das Geschwister-Scholl-Gymnasium Pulheim in Nordrhein-Westfalen.

Hinweis für Journalisten

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Geschwister-Scholl-Gymnasium Pulheim: Schule der Vielfalt

„Inklusion bedeutet für uns, dass wir eine Schule der Vielfalt sind. Hier sind alle willkommen, egal, welchen kulturellen Hintergrund oder welchen Unterstützungsbedarf sie haben“, sagt die kommissarische Schulleiterin Stefanie Bresgen. Das Gymnasium führte das inklusive Lernen im Schuljahr 2013 / 2014 ein und öffnete sich gezielt für die Arbeit mit geflüchteten Kindern. Aktuell haben von den 1.500 Schülerinnen und Schülern etwa 240 einen Migrationshintergrund. 35 Kinder haben unterschiedliche sonderpädagogische Unterstützungsbedarfe.

Individuelle Bedürfnisse wahrnehmen und Interessen fördern

In jedem Jahrgang gibt es eine Klasse des Gemeinsamen Lernens, kurz GL-Klasse, die anlassabhängig von einem Tandem aus Gymnasiallehrerinnen und -lehrern oder einem Tandem aus Lehrkraft und einer Sonderpädagogin bzw. einem Sonderpädagogen unterrichtet wird. Oft sind auch Schulsozialpädagoginnen oder Einzelfallhelfer dabei. Ziel ist es, „dass alle Kinder, egal, wo sie geboren wurden und was sie können, eine gemeinsame Chance haben, das Bestmögliche aus sich herauszuholen“, erklärt Jessica Brol, Klassenlehrerin der GL-Klasse 8e.

Um die Schüler und Schülerinnen individuell fördern zu können, stehen ausschließlich Doppelstunden auf dem Stundenplan. So hat jedes Kind ausreichend Zeit zum Lernen oder Vertiefen. Zum Beispiel lernen alle in einer GL-Klasse, gut zu argumentieren – während einige eine schriftliche Erörterung schreiben, geht es bei anderen Kindern darum, sich behaupten und die eigene Meinung begründen zu können.

Schnelle Integration in Regelklassen förderlich

Der 14-Jährige Jeilani Rasoli aus Afghanistan lernt in der GL-Klasse 8e. „Ich gehe gerne zur Schule, weil ich mit Freunden gemeinsam arbeiten kann. Und ich kann Neues lernen“, freut sich der Schüler. Jeilani kam vor etwa dreieinhalb Jahren nach Deutschland und besuchte zuerst eine internationale Willkommensklasse mit anderen geflüchteten Kindern. Später wechselte er in eine Regelklasse. Mittlerweile integriert das Gymnasium neue Kinder direkt in den regulären Unterricht, damit sie schnell in Kontakt mit deutschsprachigen Kindern kommen. Parallel lernen sie in einem Sprachförderkurs Deutsch.

Dem Deutsch- und Mathematikunterricht folgen zu können, ist noch schwierig für Jeilani. „Wenn mein Lehrer etwas erklärt, verstehe ich das beim ersten Mal oft nicht. Aber beim zweiten Mal verstehe ich es dann.“ Auch seine Mitschülerinnen und Mitschüler unterstützen Jeilani. Gegenseitiges Helfen sei wichtig für das Miteinander, findet er. „Man sollte nicht streiten oder jemanden beleidigen. Man muss höflich fragen, wenn man etwas von jemandem will. Wenn man nett ist, dann klappt es in der Klasse.“

Fundierte Bildung, Zivilcourage und soziale Kompetenz

Füreinander einstehen, miteinander lernen – das sind wichtige Werte am Gymnasium Pulheim. Stefanie Bresgen erklärt: „Wir stehen für fundierte Bildung, Zivilcourage, Weltoffenheit und soziale Kompetenz. Neben dem Fachunterricht möchten wir auch die individuellen Interessen der Kinder fördern. Es geht uns darum, die Schüler und Schülerinnen darauf vorzubereiten, sich an unserem demokratischen System aktiv zu beteiligen.“

Gemeinsam lernen heißt voneinander lernen

Die Vielfalt an der Schule fördert eine weltoffene Haltung und einen verständnisvollen Umgang miteinander – und das nicht nur unter den Kindern und Jugendlichen. „Ich persönlich lerne eine ganze Menge im Kontakt mit Kindern, die einen Migrationshintergrund oder Unterstützungsbedarf haben: nämlich den Blick zu weiten und eine andere Perspektive einzunehmen. Denn die Schülerinnen und Schüler spiegeln uns Lehrkräften sofort, wenn etwas nicht funktioniert“, sagt Stefanie Bresgen.

Damit Inklusion an einer Schule funktioniert, bedarf es eines breit aufgestellten und motivierten Personals aus Lehrkräften, Schulsozialpädagoginnen und -pädagogen, Schulbegleitungen und anderen pädagogischen Fachkräften. „Eine Schule wie unsere, die Inklusion lebt, setzt auch ein Zeichen“, findet  Stefanie Bresgen. „Denn Inklusion findet ja nicht nur an den Schulen statt, sondern ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Auszeichnung mit dem Jakob Muth-Preis für integrative Schule

Das Geschwister-Scholl-Gymnasium Pulheim ist eines von wenigen Gymnasien, das inklusiv ist – und erhielt für sein beispielhaftes Engagement 2016 den Jakob Muth-Preis für inklusive Schule. Der Beauftrage der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen, die Bertelsmann Stiftung und die Deutsche UNESCO-Kommission zeichnen mit dem Preis seit 2009 Schulen aus, die in herausragender Weise Inklusion umsetzen.

Publikation

Weltbildungsbericht 2019 (deutsche Kurzfassung): Migration, Flucht und Bildung - Brücken bauen statt Mauern.
Deutsche UNESCO-Kommission, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Auswärtiges Amt, 2018

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