Herr Ellers, beobachten Sie eine zunehmende Nachrichtenmüdigkeit und Nachrichtenvermeidung in der Gesellschaft?

Die deutliche Zunahme von Nachrichtenmüdigkeit und Nachrichtenvermeidung ist eine leider weltweit wissenschaftlich belegte Tatsache. Die Ursachen sind vielfältig. Das Internet hat über die letzten drei Jahrzehnte alle Schleusen der Informationsflut hinweggeschwemmt. Die Schleusenwärter oder „Gatekeeper“, die das Angebot in der alten Medienwelt für die Menschen vorsortiert und kuratiert haben, gibt es so nicht mehr. Die Plattformen, die diese Rolle nun für sich reklamieren, schaffen aber keine Orientierung, sondern verstärken Unübersichtlichkeit und Verunsicherung, weil ihre Algorithmen nicht auf Erkenntnis und Aufklärung zielen, sondern auf Manipulation. So verstärken sie Polarisierung und Polemik, untergraben das Vertrauen in die Informationsmedien und befördern Desinformation. Wenn sich das alles dann noch vor einer als fast schon apokalyptisch empfundenen Weltlage abspielt, kann es nicht verwundern, wenn Menschen aus den Nachrichten aussteigen. Aldous Huxley wird der Satz zugeschrieben, die Welt sei „overnewsed, but underinformed“. Wann war diese fast 100 Jahre alte Zustandsbeschreibung zutreffender als heute?

Wie kann man Nachrichten- und Informationskompetenz insbesondere auch bei Kindern und Jugendlichen fördern?

Social Media, die digitalen Plattformen und die Künstliche Intelligenz prägen unsere Gegenwart und Zukunft. Wir sehen die zum Teil gravierenden Gefahren, denen wir mit kluger Regulierung und abgestuften Altersbeschränkungen begegnen müssen. Mindestens so wichtig sollte es aber sein, unsere Kinder so fit zu machen, dass sie sich kompetent und mit der nötigen Mischung aus Begeisterung und Skepsis in diesen Welten bewegen können. Die Vermittlung von Nachrichten- und Informationskompetenz ist der Schlüssel. Dafür brauchen wir zeitgemäße medienpädagogische Konzepte. Wir sind dann am erfolgreichsten, wenn wir Kinder und Jugendliche hier aktiv und auf Augenhöhe in die Wissensvermittlung einbeziehen. Wenn wir etwa im Unterricht Rolle und Bedeutung des Journalismus deutlich machen wollen, hilft es enorm, wenn Schüler sich mit dem eigenen Smartphone als Reporter erproben können. In solchen Projekten, oft unter Beteiligung lokaler Medienpartner, erleben sie Journalismus als Handwerk und eben nicht als die Geheimwissenschaft als die Verschwörungstheoretiker ihn darstellen. Am Ende führt der Weg von der Nachrichten- und Informationskompetenz direkt zur Demokratiekompetenz. Nur der sichere Umgang mit Fakten und Quellen ermöglicht Teilnahme am demokratischen Diskurs.

Was ist gemeint, wenn es um die Gefahr von Nachrichtenwüsten geht?

Die Dominanz der digitalen Plattformen und der gleichzeitige Einbruch der Printauflagen hat dazu geführt, dass in den USA und Kanada mittlerweile ganze Bundesstaaten ohne Lokalzeitung und lokaljournalistische Versorgung sind. Untersuchungen zeigen: wo Lokalredaktionen schließen, also die sogenannten Nachrichtenwüsten entstehen, blüht die Vetternwirtschaft und gehen demokratische Kontrolle und Teilhabe verloren. Klar ist: angesichts der großen wirtschaftlichen Herausforderungen der Zeitungsbranche und des fortschreitenden Konzentrationsprozesses müssen wir auch hierzulande mit ähnlichen Entwicklungen rechnen. Noch können wir gegenhalten.

Sie sind Mitveranstalter des Tags des Lokaljournalismus am 5. Mai. Die Initiative schreibt: „Lokales ist nicht klein, sondern demokratische Grundversorgung im Alltag“. Was meinen Sie damit?

Die Frage ist, wie wir dauerhaft eine flächendeckende lokaljournalistische Versorgung sicherstellen können. Nirgendwo ist Demokratie so direkt erlebbar wie vor Ort und vor der eigenen Haustür. Aber auch hier sehen wir gerade, dass Polarisierung und Desinformation gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden. Mit dem Tag des Lokaljournalismus wollen wir zeigen, dass eine moderne Lokalzeitung viel mehr ist als ein reiner Chronist und der Produzent eines nicht mehr zeitgemäßen Printprodukts. Die Menschen erleben moderne Lokalmedien heute als Moderatoren der Gemeinschaft und Impulsgeber für demokratische Beteiligung. Der frühere Wissenschaftspolitiker und Kommunikationsforscher Peter Glotz hat den Journalismus einmal als „Anwalt des öffentlichen Gesprächs“ bezeichnet. Dieses öffentliche Gespräch ist in keinem guten Zustand und wir müssen es dringend beleben und wieder in Ordnung bringen. Wir sehen weltweit beeindruckende Beispiele, wie begeistert die Menschen Angebote lokaler Medienmarken annehmen, die sich als lokaler Kümmerer begreifen.

Haben sich die Grenzen zwischen Journalismus, technischen Hilfsmitteln, wie beispielsweise Künstlicher Intelligenz und Aktivismus in den letzten Jahren verschoben?

Die Debatte wie sich im künftigen Journalismus Mensch und Maschine die Aufgaben teilen werden, hat gerade erst begonnen. Die aktuelle Generation der sogenannten KI-Assistenten zeigt bereits an vielen Stellen, wie sie den Journalismus bei Recherche, Verifizierung, dem Aufbereiten von Archivinhalten oder beim Erstellen personalisierter Varianten bestimmter Inhalte unterstützen kann. Mit der nächsten Generation der sehr viel eigenständigeren KI-Agenten wird die Diskussion ob und wie die Künstliche Intelligenz den Journalismus ersetzen kann noch einmal eine neue Dynamik bekommen. Viele der Fantasien führender KI-Anbieter aus den USA oder China sind aber eher Grund zur Skepsis. Vieles deutet darauf hin, dass Menschen sich auch in ihrem Medienverhalten nach Vertrauensräumen und vertrauenswürdigen Angeboten sehnen. Der Lokaljournalismus kann hier fast schon zu einem Leuchtturm werden – für einen Journalismus, der nahbar und präsent ist und dessen Stories ein Gesicht, Herz und Seele haben. Genau das werden die Algorithmen nicht leisten können.

Seit 1994 erinnern die Vereinten Nationen am 3. Mai an die Bedeutung von Pressefreiheit. Die globale Konferenz dazu trägt in diesem Jahr den Titel “Shaping a Future at Peace“. Ist die Bedeutung von Pressefreiheit für Frieden in den letzten Jahren aus Ihrer Sicht eher gestiegen oder gesunken?

Wir leben in einem Zeitalter der Desinformation und KI-generierte Fakes verschärfen die Lage akut. Insofern war die Bedeutung von gesicherter Information und vertrauenswürdigem Journalismus wohl nie größer. Ob in einer weitgehend digitalen Medienwelt der Begriff der Pressefreiheit künftig noch der richtige ist, steht auf einem anderen Blatt.

Das Interview führten wir im April 2026
 

Meinolf Ellers

Meinolf Ellers ist Geschäftsführer der #UseTheNews gGmbH. Er kam bereits 1985 zur dpa und war unter anderem Reporter, Auslandskorrespondent und Ressortleiter. Maßgeblich koordinierte er seit 1996 die Entwicklung der digitalen Angebote der Agentur und baute als Geschäftsführer gemeinsam mit Christoph Dernbach die Tochter dpa-infocom auf. Als Co-Initiator war er an der Gründung des weltweiten Agentur-Netzwerks MINDS International, der Innovations-Konferenz Scoopcamp sowie am Startup-Programm next media accelerator und dem Datenprojekt DRIVE beteiligt. Er ist Mitveranstalter des Tags des Lokaljournalismus am 5. Mai. Der Tag richtet den Blick auf Herausforderungen, vor denen lokale Medien stehen. Die Deutsche UNESCO-Kommission ist Schirmherrin des Tags.

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Interview |

Gespräch zum Welttag der Pressefreiheit am 3. Mai

Die UNESCO hat als einzige UN-Sonderorganisation das Mandat, die Presse- und Meinungsfreiheit zu schützen. In den letzten Jahren ist die…

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