
Als die UNESCO nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde, stand eine unbequeme Einsicht im Raum: Kriege nehmen nicht an Grenzen ihren Anfang, sondern weit davor. In der UNESCO-Verfassung verankerten die Vertragsstaaten am 16. November 1945 in London daher einen zentralen Satz: „Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“ Wenn das stimmt, reicht es nicht, Verträge zu unterzeichnen und Konferenzen abzuhalten. Dann muss man an die Orte gehen, an denen Menschen lernen, sich kulturell ausdrücken, informiert kommunizieren, Wissen hervorbringen und teilen – Orte also, wo über Austausch und Begegnung Haltungen entstehen. Zugleich ist die Politik erforderlich, die die Rahmenbedingungen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation schafft.
Genau hier setzt seit 75 Jahren die Deutsche UNESCO-Kommission an. Wir arbeiten an der Schnittstelle zwischen dem internationalen Auftrag der UNESCO und der deutschen Wirklichkeit – zwischen Beschlüssen und Alltag, zwischen großen Normen und sehr konkreten Fragen. Mit unseren 7,5 Geschichten wollen wir im Jahresverlauf anschaulich machen, wie das Friedensziel der UNESCO für unsere Arbeit konkret wird – und warum unser Auftrag aktuell und relevant bleibt.
Im Dezember 1950 liegt in Paris ein unscheinbares Dokument auf dem Tisch des UNESCO-Generaldirektors Jaime Torres Bodet. Es ist der von Bundeskanzler Konrad Adenauer unterzeichnete Antrag der jungen Bundesrepublik DeutschlandExterner Link: auf Aufnahme in die Organisation – begleitet von der Zusicherung, sich ausdrücklich zu den geistigen Grundlagen der UNESCO zu bekennen. Im Juli 1951 wird Deutschland ihr 64. Mitgliedstaat. Die UNESCO war damit einer der frühesten internationalen Räume, in dem die Bundesrepublik für neues Vertrauen werben konnte und neue Verantwortung in der Weltgemeinschaft übernehmen durfte. Anfang August desselben Jahres wird die Deutsche UNESCO-Kommission als eingetragener Verein im Kölner Amtsregister registriert – und zur deutschen UNESCO-Nationalkommission.
Was macht die Arbeit der Deutschen UNESCO-Kommission aus?
Wir beraten die Politik und tragen so dazu bei, dass UNESCO-Werte und -Ziele in konkrete politische Handlungsleitlinien übersetzt werden. Wir vernetzen die Mitglieder der UNESCO-Familie in Deutschland: über 50 Welterbestätten, rund 300 Projektschulen, eine Vielzahl von Biosphärenreservaten und Geoparks, UNESCO-Lehrstühlen sowie Städte-Netzwerken wie Creative und Learning Cities. Dazu kommen die Trägergruppen des Immateriellen Kulturerbes, Einträge im Weltdokumentenerbe und viele Initiativen, die Bildung für nachhaltige Entwicklung möglich machen. Wir vermitteln das Friedensziel der UNESCO, die Vielfalt ihrer Themen und Aktivitäten in Deutschland, beziehen in gesellschaftlichen Debatten Position und fördern die Weltoffenheit von jungen Menschen unter anderem mit unserem Freiwilligendienst kulturweit. Da geht es oft um Perspektivwechsel: Wer einmal woanders mitarbeitet, andere Ausdrucksformen, Stätten und Erfahrungswelten kennenlernt, und doch das Verbindende erkennt, sieht auch die eigene Gegenwart anders.
Nach 75 Jahren zeigen sich große Linien, allesamt geprägt vom multilateralen Miteinander. Eine davon: Die Arbeit an Zielen für Bildung. Wo Schulen, Hochschulen und andere Lernorte mit der UNESCO-Perspektive arbeiten, geht es nicht um ein Label, sondern um Bildung als Schlüssel zu individueller und gesellschaftlicher Entwicklung. Themen wie globale Gerechtigkeit, Klima und Menschenrechte gehören in den Bildungsalltag. Dafür braucht es Zugang und Qualität – der Kern von UN-Nachhaltigkeitsziel 4. Die Deutsche UNESCO-Kommission überträgt diesen Anspruch in deutsche Kontexte, bringt Empfehlungen in politische Prozesse ein und vernetzt die Praxis. Eine zweite Linie zieht sich durch die Kultur. Hinter Begriffen wie „Welterbe-Konvention“ oder „Schutz kultureller Ausdrucksformen“ stehen Grundfragen zur Kulturpolitik und zur Verantwortung für das Erbe der Menschheit: Wer erzählt wessen Geschichte? Wie ermöglichen wir Teilhabe? Wie schützen wir Kultur in Krisen? Wir vermitteln zwischen Fachwelt, Politik und Öffentlichkeit, begleiten Nominierungen, gestalten große Veranstaltungen wie den UNESCO-Welterbetag und sind überzeugt: Kulturerbe ist kein Luxus, sondern Ressource für Zusammenhalt und Resilienz. Das zeigt sich in Aushandlungen zwischen Erhalt und Entwicklung – bei Orten ebenso wie bei lebendigem Wissen, das im Tun weitergegeben wird. Eine dritte Linie führt leiser, aber nicht weniger wichtig, durch Wissenschaft und Wissen. Unter dem Dach der UNESCO arbeiten Staaten unter anderem an Programmen zu Biodiversität, Open Science und – aktuell besonders drängend – Ethik für Innovationen in Wissenschaft und Technologie. Deutsche Forschungseinrichtungen und Fachleute sind dort intensiv eingebunden. Wir vermitteln Expertise in internationale Gremien, verbinden Wissenschaft und Politik und helfen mit, dass aus Empfehlungen Handlungswissen wird: Wissen, das nicht nur erklärt, was ist, sondern zeigt, was möglich wäre – und unter welchen Bedingungen.
Die großen Konfliktlinien unserer Zeit laufen mitten durch die Themen, mit denen sich die UNESCO seit ihrer Gründung beschäftigt. Wo bereiten sich Gesellschaften auf tiefgreifende Veränderungen vor? Wie bewahren wir zentrale Zeugnisse der Menschheitsgeschichte und bleiben gleichzeitig offen für Neues? Wer vermittelt die dafür nötigen Kompetenzen und Bilder von der Zukunft? Und wie hält man überhaupt Räume für Verständigung offen? In diesem Umfeld ist die Deutsche UNESCO-Kommission als Vermittlerin, Übersetzerin, Impulsgeberin gefragt. Wie hat sich ihr Auftrag im Lauf der Jahrzehnte verändert – und was ist konstant geblieben? Wie wird aus großen UNESCO-Ideen konkrete Praxis in Deutschland? Welche Brüche und Lernprozesse gehören dazu?
Im 75. Jahr ihres Bestehens zeigt sich: Die Deutsche UNESCO-Kommission ist kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte, sondern eine Institution in Bewegung. Ihre Geschichte und ihr Auftrag werden täglich weitergeschrieben – in Schulen und Universitäten, an Stätten von Kultur und Natur, in Bibliotheken, auf digitalen Plattformen, in der Alltagskultur, in Stadtgesellschaften und vielerorts darüber hinaus. Genau dort entscheidet sich, ob der alte Satz der UNESCO – dass Frieden im Geist der Menschen beginnen muss – Zukunft hat.
Freuen Sie sich auf unsere 7,5 Geschichten, auf Fundstücke aus den Archiven – und aufs Mitmachen. Denn die „halbe“ Geschichte öffnet zur Jahresmitte den Blick nach vorn: als Einladung, sich einzubringen. Dazu demnächst mehr!

