Kulturelle Vielfalt

Fair Trade for Culture

Das Konzept „Fair Trade“ ist aus der Nahrungsmittel- und Textilindustrie nicht mehr wegzudenken. Fairer und nachhaltiger Handel soll zur Reduzierung von Armut beitragen. Auch im Kulturbereich bestehen Ungleichheiten, vor allem zwischen den Ländern des globalen Südens und Nordens. Daher hat die Deutsche UNESCO-Kommission die Initiative „Fair Trade for Culture“ ins Leben gerufen.

1988 wurde der erste „Fairtrade“ Kaffee aus Mexiko unter dem Namen Max Havelaar in holländischen Supermärkten verkauft. Max Havelaar ist eine fiktive Figur, die sich gegen die Ausbeutung von Kaffeepflückern in den niederländischen Kolonien einsetzte.

Aus der fiktiven niederländische Figur Havelaar wurde eine globale „Fairtrade“-Bewegung. Ihr Ziel ist die Reduzierung von Armut durch die Förderung fairer Handelsbedingungen und die Stärkung bisher benachteiligter Produzenten sowie die Förderung der Autonomie und Selbstbestimmung von Menschen und Gemeinschaften. „Fair Trade“-Standards umfassen darum soziale, ökonomische, ökologische und ethische Kriterien, die von Produzenten und Händlern berücksichtigt werden müssen. Angewandt und umgesetzt werden diese bisher vor allem in der Lebensmittelindustrie und seit einigen Jahren verstärkt in der Textilbranche.

Das Konzept „Fair Trade“ hat auch für die Kultur und Kreativwirtschaft hohe Relevanz und Aktualität. Insbesondere im Kontext zunehmender globaler Vernetzung, Digitalisierung und veränderter Produktions- und Rezeptionsbedingungen, wie unter anderem durch Onlineplattformen oder Streaming-Dienste. Auch im Kulturbereich sehen sich Kreative und Kulturschaffende mit struktureller Ungleichheit konfrontiert. Existenzsichernde Löhne, Reisefreiheit und der Zugang zu internationalen Märkten sind für viele Kulturschaffenden und Kreative weltweit noch keine Realität. Ein fairer Handel mit kulturellen Dienstleistungen, Waren und geistigem Eigentum sowie nachhaltige Wertschöpfungsketten bleiben darum eine wichtiges Anliegen für den Kultur- und Kreativsektor.

Dr. Keith Nurse über fairen Handel im Kulturbereich

Ungleiche Verteilung der weltweiten Exporte kultureller Güter

Der Wert der weltweiten Exporte kultureller Güter ist in den vergangenen Jahren gestiegen, ihr Anteil ist jedoch ungleich verteilt und nicht ausreichend diversifiziert. Laut UNESCO Weltbericht von 2018 „KULTURPOLITIK I NEU GESTALTEN“ entfallen lediglich 26,5% der Exporte auf Länder des globalen Südens und nur 0,5% auf die am wenigsten entwickelten Länder (Least developed countries).

Ein zentrales Anliegen der UNESCO-Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005) ist darum die Förderung eines ausgewogenen Austausches kultureller Güter und Dienstleistungen sowie der Mobilität von Kunst- und Kulturschaffenden. Diese Ziele sind eng verbunden mit der Umsetzung der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung, unter anderem den Nachhaltigkeitszielen „8: Gute Arbeit und Wirtschaftswachstum“, „10: Weniger Ungleichheiten“ und „16: Frieden, Recht und starke Institutionen“.

Insbesondere wirtschaftsstarke Industrieländer stehen in der Verantwortung, durch gezielte politische Maßnahmen bestehende Handelsbarrieren abzubauen, Mobilität von Kulturschaffenden und Kulturaustausch zu fördern und Zugangsmöglichkeiten zu internationalen Märkten zu schaffen. Zur Überwindung der bestehenden Ungleichheiten sieht Artikel 16 der 2005er UNESCO Konvention eine „Vorzugsbehandlung“ für Kulturschaffende und für kulturelle Dienstleistungen und Waren aus dem globalen Süden vor.

Die besonderen Herausforderungen im Kulturbereich

Es bestehen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Lebensmittel-, Textil- und Kulturbranche. In allen Branchen gibt es bezüglich der Arbeitsbedingungen international weiterhin starken Verbesserungsbedarf. Existenzsichernde Löhne bleiben ein zentrales Anliegen für die „Fair Trade“-Bewegung. Außerdem können branchenübergreifend Produzenten aus dem globalen Süden ihre Potenziale noch besser erkennen und ausschöpfen. Gleichzeitig müssen Konsumenten ein Bewusstsein für faire Preise und einen gewissenhaften Konsum entwickeln, um das Dilemma zwischen individuellen ökonomischen Interessen oder Zwängen und ethischem Handeln zu überwinden.

Neben den Gemeinsamkeiten gibt es auch wesentliche Unterschiede. Im Kulturbereich sind Handelsmechanismen und –ströme komplexer, da auch geistiges Eigentum sowie die Mobilität von Künstlern und Kulturschaffenden eine wichtige Rolle spielen. Außerdem findet der Transfer und Handel mit kulturellen Gütern und Dienstleistungen zunehmend im digitalen Raum statt, was eine Transformation der Wertschöpfungsketten erforderlich macht. Es mangelt zudem an transparenten Daten zu den Wertschöpfungsketten in der Kultur- und Kreativbranche.

Eine weitere wichtige Besonderheit: Kulturelle Güter und Dienstleistungen haben einen Doppelcharakter – neben dem wirtschaftlichen haben sie auch einen kulturellen Wert. Die Wahl eines Konsumenten hängt oftmals nicht vom Preis, sondern von anderen Aspekten ab, wie der künstlerischen Qualität oder individuellen Vorlieben.

Botschaft von Dario Soto Abril, CEO Fairtrade International

Eine Initiative für fairen und nachhaltigen Handel im Kulturbereich

Als nationale Kontaktstelle begleitet die Deutsche UNESCO-Kommission die Umsetzung der UNESCO Konvention über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen (2005) in und durch Deutschland. Sie leistet einen Beitrag zur Vermittlung, Umsetzung und zu einem verbesserten Monitoring der Konvention. Mit der Projektinitiative „Fair Trade for Culture“ macht sich die DUK stark für einen fairen und nachhaltigen Handel mit kulturellen Gütern und Dienstleistungen und setzt sich für die Mobilität von Künstlern und Kreativen ein.

Die Initiative will gute Beispiele aus der Praxis identifizieren und sichtbar machen sowie eine Plattform schaffen, für die Vernetzung und Zusammenarbeit internationaler Akteure aus der „Fair-Trade“- Bewegung und dem Kultur- und Kreativsektor.

Zum „Auftakt“ lud die Deutsche UNESCO-Kommission im Dezember 2018 Vertreter aus Politik, Zivilgesellschaft und Wissenschaft in die UNESCO Creative City of Music Mannheim ein. Internationale Experten und Expertinnen für fairen Handel und nachhaltige Wertschöpfungsketten sowie für Kultur- und Kreativwirtschaft gingen unter anderem folgenden Fragen nach:

Welche Parameter der „Fair Trade“-Bewegung und Zertifizierung lassen sich auf den Handel mit Kulturgütern und -Dienstleistungen übertragen? Was sind Spezifika und besondere Herausforderungen des Kulturbereichs? Was lehren uns die Erfahrungen aus Theorie und Praxis?

Die Ergebnisse der Diskussion wurden anschließend am 12. Dezember 2018 im Rahmen der 12. Sitzung des Zwischenstaatlichen Ausschusses der 2005er UNESCO-Konvention in der UNESCO in Paris vorgestellt und mit Vertretern der UNESCO Mitgliedstaaten diskutiert.

Internationale Kooperation ausbauen und Allianzen stärken

Die Gespräche in Mannheim und Paris haben deutlich gemacht, wie wichtig ein fairer und nachhaltiger Handel im Kulturbereich ist. Gleichwohl gestaltet sich die Vereinbarung und Implementierung von internationalen „Fair Trade for Culture“-Standards aufgrund oben genannter Spezifika der Kultur- und Kreativbranche deutlich komplexer, als in der Nahrungsmittel- und Textilindustrie.

Für die Stärkung des „Fair Trade“-Ansatzes in der Kulturbranche ist eine verstärkte Kooperation auf nationaler, bilateraler und multilateraler Ebene entscheidend sowie die Einbindung bestehender und neuer Partner aus Wissenschaft, Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Politik. Es braucht neue Allianzen, um Standards und Kriterien für einen fairen und nachhaltigen Handel im Kultursektor zu entwickeln und umzusetzen. Zudem gilt es die Wertschöpfungsketten im Kulturbereich transparenter zu machen, unter anderem durch die Erhebung und Auswertung von Daten.

Wichtig ist auch die Stärkung eines öffentlichen Bewusstseins für die Bedeutung von fairen Produktions- und Handelspraktiken und deren sozialen, kulturellen, ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen. Eine gezielte Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit sollte sich an Konsumenten, Kulturschaffende und Kreative sowie Verantwortliche in Politik und Wirtschaft gleichermaßen richten.

"Fair Trade for Culture is a new concept that I heard of at Berlinale Talents 2019. It encompasses the notion that we are currently facing a number of discrepancies when it comes to the way cultural content is produced, paid for and seen by the audience and the possible solutions and policy measures to address these issues. I hope UNESCO continues working on this important area!"

"Fair Trade for Culture ist ein neues Konzept, von dem ich bei „Berlinale Talents“ 2019 gehört habe. Es umfasst die Idee, dass wir derzeit mit einer Reihe von Diskrepanzen konfrontiert sind, was die Art und Weise betrifft, wie kulturelle Inhalte produziert, bezahlt und vom Publikum rezipiert werden, sowie die Ansätze und politischen Maßnahmen zur Lösung dieser Probleme. Ich hoffe, die UNESCO arbeitet auch weiterhin in diesem wichtigen Bereich!"

Maria Stanisheva von ANIMADOCS.com

Teil der Initiative ist darum eine mehrjährige Kooperation (2018-2020) mit dem Institut für Kultur- und Medien-Management der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und dem Büro für Kreativwirtschaft in Bonn. Außerdem sollen Kulturschaffende und Kreative unter anderem in den Bereichen Film, Literatur und Musik erreicht werden. Geplant sind branchenspezifische Workshops, wie beispielsweise am 14. Februar 2019 im Rahmen der Berlinale Talents.

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