Auf ein Wort,

Geopark TERRA.vita – Planet Erde 2030

Hartmut Escher
Geschäftsführer des UNESCO-Geoparks TERRA.vita

Der Geopark TERRA.vita ist einer der derzeit sechs UNESCO Global Geoparks in Deutschland. Er umfasst den Teutoburger Wald und das Wiehengebirge als nordwestlichste Ausläufer der deutschen Mittelgebirge. Der Geopark gibt Einblicke in 300 Millionen Jahre Erdgeschichte und Aufschluss über geologische und klimatische Prozesse. Was UNESCO-Geoparks ausmacht und welchen Beitrag sie zur nachhaltigen Entwicklung leisten, erklärt Hartmut Escher, Geschäftsführer des Geoparks TERRA.vita, im Interview.

Was kann man an Ihrem Geopark über die Erdgeschichte und für die Zukunft unseres Planeten lernen?

Wir lernen, dass sich der Planet permanent ändert. Aus den vielfältigen geologischen Erscheinungen lässt sich ableiten, dass es heiße und kalte Phasen in der Erdgeschichte gegeben hat, dass Erosion die Landschaft verändert und dass der Mensch dazu beiträgt, das Klima zu verändern. In einem Geopark erfahren Besucher, dass die Landschaft eben nicht statisch ist. So sind zum Beispiel noch vor 40 Millionen Jahren im nördlichen Teil unseres Geoparks Haifische geschwommen. An dieser Stelle können wir nachzeichnen, dass die Nordseeküste damals etwa 100 Kilometer weiter südlich lag, genau bei uns im Geopark. Das alles zeigt, dass unser Mutterschiff Erde sehr verletzlich und permanenten Veränderungen unterworfen ist.

Die weltweiten Herausforderungen für eine nachhaltige Entwicklung sind groß – vom Klimawandel über die Ressourcenknappheit bis zum demografischen Wandel. Welche Lösungsansätze bieten Geoparks für diese Herausforderungen?

Wir besitzen Expertise zu zahlreichen Themen der nachhaltigen Entwicklung, beispielsweise zu Klimaanpassungsstrategien oder regenerativen Energien wie der Geothermie. Geoparks können Lösungen für die Herausforderungen vor Ort anbieten. Wir stehen in direktem Kontakt zu den Bürgern und der Kommunalpolitik. Außerdem fungieren Geoparks als wichtige Bildungsstandorte. Wir pflegen Kontakte mit UNESCO-Projektschulen und den regionalen Umweltbildungsstandorten. Wir bieten Schulklassen an, zu uns zu kommen, um Themen der nachhaltigen Entwicklung zu bearbeiten. Die Evolution, die planetaren Grenzen, der nachhaltige Umgang mit unseren begrenzten Ressourcen, all diese Themen stehen in den Geoparks im Fokus. Und dabei geht es nicht nur um theoretische Ansätze, sondern auch um Ansätze, die im täglichen Leben zu geänderten Verhaltensmustern führen.

Wie setzen Sie sich mit der Agenda 2030 auseinander?

Wir haben mit allen Geoparks in Deutschland beraten, welchen Beitrag wir zur Umsetzung der Agenda 2030 leisten können. Dabei wurde deutlich, dass wir zu drei Schwerpunkten besonders umfangreiches Know-how anzubieten haben: zur Förderung hochwertiger Bildung für nachhaltige Entwicklung, zum Schutz von Landökosystemen und zu einer nachhaltigen Entwicklung der Wirtschaft. Aber auch Themen wie die Bekämpfung des menschengemachten Klimawandels, nachhaltiger Konsum oder die Bewirtschaftung von Wasser spielen eine wichtige Rolle in den Geoparks. Unseren Erfahrungsschatz in diesen Feldern wollen wir künftig noch stärker mit relevanten Akteuren teilen und auch ganz praktisch noch mehr Anreize zur Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda bieten.

Auch die Förderung des Tourismus und die nachhaltige Regionalentwicklung zählen zu den Aufgaben von UNESCO-Geoparks. Welche Schwerpunkte setzen Sie hier und welche Erfolge hat der Geopark TERRA.vita hier vorzuweisen?

Wir haben für die Region mit unserer außergewöhnlichen Erdgeschichte ein Alleinstellungsmerkmal entwickelt. Es geht hier nicht nur um den klassischen Geschichtsbegriff, der bevorzugt die menschliche Entwicklung in den Mittelpunkt stellt, sondern um 3,5 Millionen Jahre Erdgeschichte bei uns. Bisher war das sehr erfolgreich, sind wir doch diejenigen, die den Heimatbegriff aus einer erweiterten Perspektive betrachten und beleuchten. Bereits im Jahr 2004 haben wir ein Netz von 18 Fahrradrouten entwickelt und führen so die heimische Bevölkerung und unsere Gäste in das Herz des Natur- und Geoparks TERRA.vita. Gleichzeitig erzielen wir wichtige ökonomische Effekte. Wir konnten nachweisen, dass wir in zehn Jahren neun Millionen Euro zusätzlichen Umsatz in der Region erzielen. Und dieses Geld kommt nicht nur der Gastronomie und dem Einzelhandel zugute.

Seit 2015 trägt der TERRA.vita Naturpark den Titel UNESCO-Geopark. Was hat sich seitdem für Sie verändert?

Eine positive Veränderung betrifft unser Budget: Seitdem wir den neuen Titel tragen, stellen uns die Landkreise und kreisfreien Städte einen größeren Gestaltungsspielraum, damit wir unsere Geschichten und Botschaften noch besser erzählen und verbreiten können. Für uns öffnen sich Türen bei Institutionen, wie etwa dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe, mit denen wir vorher selten Kontakte gepflegt haben.

Internationale Kooperationen sind ein besonderer Trumpf von Geoparks. Wie sieht das in der Praxis aus?

Hervorzuheben ist das europäische Geopark-Netzwerk. Hier werden gemeinsame Projekte entwickelt. Darüber hinaus pflegen Geoparks bilaterale Kooperationen, beispielsweise mit China. Wir von TERRA.vita arbeiten beispielsweise mit unseren holländischen Nachbarn, dem UNESCO-Geopark De Hondsrug, eng zusammen, indem wir einen internationalen Wanderweg entwickeln, Kulturveranstaltungen planen und eine gemeinsame Kommunikationsstrategie erarbeiten. Derartige Projekte fördern die Völkerverständigung und wie in unserem Fall die nachbarschaftlichen Beziehungen.

Wie beurteilen Sie die Arbeit des neuen Nationalkomitees, in dem Sie Mitglied sind?

Es macht mich stolz, in diesem Gremium dabei zu sein und die Erfahrungen aus den aktuell sechs deutschen UNESCO-Geoparks dort einbringen zu können. In den ersten Sitzungen des Nationalkomitees wurden anspruchsvolle Kriterien und ein detaillierter Prozess für die Anerkennung von Geoparks in Deutschland erarbeitet. Dabei geht das nationale Verfahren über die internationalen Standards hinaus. Vor der Nominierung eines Geoparks findet beispielsweise eine Evaluation, unter anderem im Rahmen eines Besuchs von Nationalkomitee-Mitgliedern statt. Deutschland hat dabei eine Alleinstellung und wir werden sehen, inwieweit dieses Procedere Nachahmer findet.

Was wünschen Sie sich für die weitere Entwicklung der UNESCO-Geoparks auf internationaler und nationaler Ebene?

Ich wünsche mir, dass die Geoparkfamilie insbesondere aus jenen Staaten Zuwachs erhält, die bisher noch keine Geoparks haben. Das sind vor allem Länder in Afrika und Amerika. Wir leisten hier gerne Unterstützung beim Aufbau und bei der Entwicklung. In Deutschland ist es unser dringender Wunsch, dass die höheren nationalen Ansprüche an die UNESCO-Geoparks durch das Öffnen von Fördertöpfen der Bundesregierung flankiert werden. Ich erwarte zudem für die Zukunft, dass die Geoparks als jüngste Kategorie von UNESCO-Stätten in ihrer Bedeutung neben den Welterbestätten und Biosphärenreservaten auf Augenhöhe betrachtet werden. Wir sollten deutlich machen, dass alle UNESCO-Stätten eng zusammenarbeiten und dabei wichtige Beiträge zur Umsetzung der Globalen Nachhaltigkeitsagenda leisten.

Quelle des Interviews:

Publikation

Jahrbuch der Deutschen UNESCO-Kommission 2016-2017.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

Geoparks in Deutschland

Kultur und Natur

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