Kujataa auf Grönland: eine nordische und Inuit-Agrarlandschaft am Rand der Eisdecke

Einführung der Landwirtschaft in der Arktis

Als Zeugnis der frühesten Einführung der Landwirtschaft in der Arktis und der nordischen Besiedlung außerhalb von Europa wurde Kujataa im Juli 2017 als 9. dänische Welterbestätte in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Diese Kulturlandschaft ist von den beiden Jagd- und Bauernkulturen der nordischen Siedler zwischen dem 10. und 15. Jahrhundert und der Inuit-Bevölkerung ab dem 18. Jahrhundert geprägt und verdeutlicht das Zusammenspiel von Mensch und Natur unter extremen Klimabedingungen.

Faktenbox

Im 10. Jahrhundert n. Chr. ließen sich hier nordische Siedler, angeführt von „Erik dem Roten“ (Eiríkur rauði), für ca. 500 Jahre nieder und nannten das Gebiet Eystribyggð. Ab dem 13. Jahrhundert hatte die Siedlung einen eigenen Bischof sowie eine kirchliche und weltliche Verwaltungsstruktur und zeichnete sich durch ein Netzwerk von weitläufigen landwirtschaftlichen Nutzflächen mit Bauernhöfen und Handelsrouten aus. Die Inuit-Bevölkerung lebt nachweislich ca. seit dem 13. Jahrhundert auf Grönland und in Kujataa ungefähr seit dem 15. Jahrhundert. Wie es zu dem Verschwinden der nordischen Siedler kam und ob es möglicherweise eine Übergangszeit des kulturellen Austauschs zwischen ihnen und den Inuit der Thule-Kultur gab, ist bisher noch nicht hinreichend geklärt und erforscht. Im späten 18. Jahrhundert begannen die Inuit-Familien an demselben Ort wie zuvor die nordischen Siedler, Landwirtschaft zu betreiben.

„This is a compelling testimony of continuity and discontinuity of settlement and highly adapted land uses by different cultures over a long expanse of human history.”

(Statement of Outstanding Universal Value, 2017)

Zeugnis der frühesten Einführung der Landwirtschaft in der Arktis

Diese beiden unterschiedlichen Kulturen sowie die landschaftlichen und klimatischen Bedingungen in diesem Teil Grönlands haben eine Kulturlandschaft geschaffen, die auf Ackerbau, Beweidung und der Jagd auf Meeressäugetiere basiert. Sie zeugt von der frühesten Einführung der Landwirtschaft in der Arktis und der nordischen Besiedlung jenseits von Europa. Die Attribute der Welterbestätte umfassen u.a. archäologische Stätten der nordischen Siedler – insbesondere Bauernhöfe, Ställe, Scheunen, eine Kirche, Bewässerungssysteme und Überreste der Siedlung Brattahlið von Erik dem Roten und seiner Frau Tjodhildr – sowie Stätten und Grabstätten der Thule-Kultur und archäologische Relikte der Paläo-Eskimos.

Kujataa ist ein eindrucksvolles Zeugnis von Siedlungskontinuität und -diskontinuität sowie äußerst angepasster Formen der Landnutzung durch unterschiedliche Kulturen über einen langen Zeitraum der Menschheitsgeschichte (Kriterium v). Die Welterbestätte weist bedeutende kulturhistorische Belege der Paläo-Eskimos, der nordischen Siedler, der Thule-Jäger und der bäuerlichen Inuit-Bevölkerung auf, die sich in diesem rauen Umfeld niedergelassen haben. Insbesondere die kulturellen Traditionen der nordischen Siedler und der Inuit-Bevölkerung haben die Kulturlandschaft von Kujataa durch Agrarwirtschaft und Beweidung maßgeblich gestaltet.
 

Die landwirtschaftlichen Traditionen dieser beiden Kulturen belegen ihre Anpassungsfähigkeit an die arktischen Klimabedingungen und zeugen von einem tiefen Verständnis ihrer Umgebung, welche es ihnen ermöglichte, fruchtbare Landflächen für den Anbau von Getreide und Futtermitteln zu finden und geeignete Weideflächen zu identifizieren. Zur Zeit der nordischen Siedler weideten die Viehherden in den Bergen, verbrachten die Wintermonate in der Ebene im Umfeld der Bauernhöfe und wurden mit dem dort produzierten Futter versorgt. Trotz der erfolgreichen Professionalisierung der landwirtschaftlichen Betriebe im 19. und 20. Jahrhundert besteht diese Tradition als auch die enge Verbindung mit dem Fjord für Transport- und Jagdzwecke noch heute in Kujataa fort.

Kulturlandschaften auf der Welterbeliste

Die Kulturlandschaft von Kujataa verdeutlicht die Anpassungsfähigkeit an extreme Klimabedingungen und das Zusammenspiel von Mensch und Natur. Seit 1992 werden Kulturlandschaften, die auf außergewöhnliche Weise von den vielfältigen Austauschbeziehungen zwischen Mensch und Natur zeugen, als besondere Form des Kulturerbes anerkannt. Kulturlandschaften zeichnen sich oftmals durch nachhaltige, die biologische Vielfalt bewahrende Bewirtschaftungsformen aus, wodurch der Schutz der Landschaften zugleich einen Beitrag zum Erhalt der weltweiten Biodiversität leistet.

Die Richtlinien für die Durchführung der Welterbekonvention (Anlage 3) unterscheiden drei Kategorien von Kulturlandschaften: (i) bewusst durch den Menschen angelegte Landschaften, beispielsweise Parks und Gärten; (ii) Landschaften, die aus der menschlichen Besiedlung und Nutzung innerhalb der durch die Natur gesetzten Grenzen und Gegebenheiten entstanden sind; (iii) Landschaften, denen besondere kulturelle, religiöse oder künstlerische Werte zugesprochen werden. Derzeit stehen insgesamt über 90 Kulturlandschaften in der UNESCO-Welterbeliste, darunter in Deutschland die Stätten Gartenreich Dessau-Wörlitz, Oberes Mittelrheintal, Muskauer Park und Bergpark Wilhelmshöhe.

Porträtserie

Im Rahmen der 41. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees im Juli 2017 in Krakau wurden 21 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. In ihrer Gesamtheit versinnbildlichen sie die Vielfalt und Bandbreite des gemeinsamen Erbes der Menschheit, dessen Erhaltung und Pflege sich die internationale Staatengemeinschaft 1972 mit dem "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" verschrieben hat.

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