UNESCO-Welterbe Jaipur, Rajasthan

Außergewöhnliches Beispiel indigener Stadt- und Bauplanung in Südostasien

Die Stadt Jaipur ist ein außergewöhnliches Beispiel indigener Stadt- und Bauplanung des 18. Jahrhunderts in Südostasien. Inspiriert von der indischen Architekturlehre Vastu Shastra, wurde Jaipur als Planstadt errichtet und vereinigt hinduistische, mogulische und zeitgenössische westliche Ideen des Bauens und der Architektur. In Jaipur werden bis heute die lokalen Traditionen des Handels, der Handwerkskunst und der Zünfte weitergeführt. Seit 2019 ist die Stadt UNESCO-Welterbe.

Die von historischen Mauerresten umgebene Stadt Jaipur liegt im nordwestindischen Bundesstaat Rajasthan und wurde im 18. Jahrhundert unter dem Maharaja von Amber, Sawai Jai Singh II., gegründet. Die Stadt ist in neun sogenannte chowkris (Sektoren) unterteilt. Als Handelsstadt gedacht wurden die Hauptstraßen der Stadt als Märkte konzipiert, die bis heute in ihrer traditionellen Funktion als Basar erhalten geblieben sind. Ihr geordneter Grundriss weist breite Straßen auf, die sich im rechten Winkel kreuzen. Die wichtigsten Märkte, Geschäfte, Wohnhäuser und Tempel entlang der Hauptstraßen wurden vom Staat errichtet, um ein einheitliches Fassadenbild zu gewährleisten.

Fusion verschiedener kultureller Konzepte der Stadtplanung

Bei der Aufnahme in die Welterbeliste im Juli 2019 in Baku (Aserbaidschan) hat das Welterbekomitee der UNESCO eine Erklärung zum außergewöhnlichen universellen Wert von Jaipur verabschiedet. Für diese neue Welterbestätte wurden drei der zehn möglichen Aufnahmekriterien als erfüllt angesehen. Demnach ist Jaipur ein einzigartiges Beispiel der spätmittelalterlichen indischen Stadtplanung und Architektur und zeugt von einem engen Austausch zwischen traditionellen hinduistischen, mogulischen und zeitgenössischen westlichen Ideen (Auswahlkriterium ii). Während der rasterförmige Stadtplan westlichen Vorbildern folgt, basiert die Organisation der einzelnen Stadtzonen auf traditionellen indischen Vorstellungen: Im Sinne der Vastu Shastra ähnelt die Topographie der Stadt einem Mandala, in dessen Zentrum sich der Govind Devji Tempel für die hinduistische Gottheit Krishna und der Stadtpalast des Maharajas befinden. Vastu Shastra ist eine seit über 5.000 Jahren bestehende traditionelle indische Architekturlehre, die auf den fünf Elementen der Schöpfung basiert: Erde, Feuer, Himmel, Wasser und Luft. In ihren Grundstrukturen ähnelt sie der chinesischen Lehre des Feng Shui. Vereint werden beide stadtplanerischen Konzepte durch eine imperiale Mogularchitektur. Das Konzept dieser Stadtform sowie der Umfang und die Pracht in der Umsetzung gelten als einzigartig und richtungsweisend in der Geschichte der Stadtplanung des indischen Subkontinents (Auswahlkriterium iv). Mit ihrer geordneten, rasterförmigen Struktur stellt Jaipur eine radikale Abkehr von den bestehenden mittelalterlichen Städten dar. Außerdem ist sie nicht als Festung angelegt, sondern bewusst handelsfreundlich gestaltet.

Illustration Welerbestätten

Faktenbox

Stadt des kontinuierlichen Handwerks

Als Zentrum künstlerischer Exzellenz ist Jaipur zudem mit einer langen Geschichte kunst- und bauhandwerklicher Traditionen verbunden (Auswahlkriterium vi). Historisch betrachtet sollen insgesamt 36 Handwerksindustrien in der Stadt angesiedelt gewesen sein. Diese sind teils noch heute auf bestimmte Straßen oder Märkte aufgeteilt und in Zünften organisiert. Bis heute ist Jaipur für die Herstellung von und den Handel mit Edelsteinen, Lackschmuck, Steinidolen und Miniaturmalerei über die nationalen Grenzen Indiens hinaus bekannt. Zur Erhaltung der Stadt trägt das lokale Bauhandwerk bei, dessen renommierte Handwerker die historischen Strukturen Jaipurs sowie vieler anderer indischer Städte erhalten.

Zweite Welterbestätte Jaipurs

Die neu eingeschriebene Welterbestätte ist bereits die zweite Welterbestätte der Stadt Jaipur. Dort befindet sich auch das Observatorium Jantar Mantar, das bereits 2010 in die Welterbeliste aufgenommen wurde. Die stationären monumentalen Instrumente des Jantar Mantar wurden Anfang des 18. Jahrhunderts aus Ziegelstein errichtet, ebenfalls unter der Herrschaft des Maharaja Sawai Jai Singh II. Das Observatorium diente der Beobachtung astronomischer Konstellationen mit dem bloßen Auge und geht auf die ptolemäische Astronomie zurück. Es wurde zum Ausdruck und Symbol der astronomischen Kenntnisse und kosmologischen Konzepte am Hofe eines gelehrten Mogulfürsten. Heute ist es eines der bedeutendsten, umfassendsten und am besten erhaltenen historischen Observatorien Indiens. Beide Welterbestätten zeugen von dem kulturellen Reichtum und dem technisch versierten Wissen des Mogulreiches, welches von 1525 bis 1858 auf dem indischen Subkontinent existierte und sich zum Höhepunkt seiner Macht im 17. Jahrhundert über fast den gesamten Subkontinent und Teile Afghanistans erstreckte.

Porträtserie

Im Rahmen der 43. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees 2019 in Baku (Aserbaidschan) wurden 29 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. In ihrer Gesamtheit versinnbildlichen sie die Vielfalt und Bandbreite des gemeinsamen Kultur- und Naturerbes der Menschheit.

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