Heilige Insel Okinoshima und zugehörige Stätten in der Region Munakata

Herausragende Verehrungstradition einer heiligen Insel

Als bedeutender Beleg für die Austauschbeziehungen in Ostasien zwischen dem 4. und 9. Jhd. n. Chr. und herausragendes Beispiel für die Verehrungstradition einer heiligen Insel wurde die Heilige Insel Okinoshima mit ihren zugehörigen Stätten in der Region Munakata im Juli 2017 als 21. japanische Welterbestätte in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Die auf der Insel gefundenen Votivgaben zeugen von einer Evolution in den Ritualen und einem weitreichenden Handelsnetzwerk.

Faktenbox

Die serielle Welterbestätte liegt im Nordwesten der Insel Kyushu im Japanischen Meer. Sie umfasst sieben Teilgebiete, die zusammen den Schreinkomplex Munakata Taisha bilden, sowie die Hügelgräber von Shimbaru-Nuyama – die Grabstätten des Munakata-Clans, der den Schreinkomplex bis zum 10. Jahrhundert verwaltete. Die Insel Okinoshima und die drei umliegenden kleinen Inseln Koyajima, Mikadobashira und Tenguiwa bilden den Okitsu-miya-Schrein und zugleich das Herzstück der Welterbestätte. Auf der kleineren Insel Oshima liegen die Schreine Okitsu-miya Yohaisho und Nakatsu-miya, und auf der Insel Kyushu befindet sich der Hetsu-miya-Schrein.

Okinoshima liegt 60 km vor der Küste Kyushus und ist ein wichtiges Zeugnis früher Rituale für den Schutz der Seeleute und eine sichere Fahrt auf Hoher See zwischen dem 4. und 9. Jhd. n. Chr. Die Rituale entstanden zu einer Zeit intensiver Handelsbeziehungen zwischen den damaligen Staaten auf dem Japanischen Archipel, der Koreanischen Halbinsel und dem asiatischen Kontinent. In den darauffolgenden Jahrhunderten entwickelte sich der Bootsbau weiter, und die Handelsrouten verlagerten sich. Als Teil des Munakata Taisha-Komplexes wird die Insel Okinoshima dennoch bis heute als heiliger Ort verehrt.

„Okinoshima sacred Island is an exceptional example of the cultural tradition of worshipping a sacred island, as it has evolved and been passed down form ancient times to the present.“

(Provisional Statement of Outstanding Universal Value, 2017)

Einzigartiges Zeugnis des Handels und kulturellen Austauschs

Die Insel Okinoshima birgt Ritualstätten mit unzähligen archäologischen Funden von Votivgaben, die über 500 Jahre Geschichte ritueller Praktiken auf der Insel erzählen. Forschungen haben 22 Ritualstätten zutage gefördert mit mehr als 80.000 Votivgaben in ihrer ursprünglichen Anordnung, die oftmals von einer außerordentlichen Kunstfertigkeit zeugen und aus Korea und China aber auch aus dem persischen Sassanidenreich stammen.

Die heilige Insel Okinoshima ist somit ein direkter Nachweis für bedeutende Austausch- und Handelsbeziehungen zwischen den unterschiedlichen Staaten in Ostasien zwischen dem 4. und 9. Jhd. n.Chr. (Kriterium ii). Die Veränderungen in der Anlage der verschiedenen Ritualstätten und in der Anordnung der Objekte zeugen von der Entwicklung in den Ritualen. Die Funde auf Okinoshima veranschaulichen die Entstehung nationaler Identitäten der ostasiatischen Handelspartner, welche einen wesentlichen Beitrag zur Herausbildung der japanischen Kultur darstellt.

Zudem wird in der Erklärung zum außergewöhnlichen universellen Wert der Stätte festgestellt, dass die Welterbestätte ein herausragendes Beispiel für die kulturelle Tradition der Verehrung einer heiligen Insel ist, die sich seit ihrer Entstehung weiterentwickelt hat und bis heute weitergegeben wurde (Kriterium iii). Bis zum 9. Jhd. wurden Votivgaben nach Okinoshima gebracht. Anschließend spielte der Munakata-Clan eine zentrale Rolle in der Weiterführung des Verehrungsrituals auf Okinoshima. Er führte die Verehrung  von drei weiblichen Gottheiten der Munakata-Region an drei verschiedenen Schreinen auf den Inseln Okinoshima, Oshima und Kyushu ein sowie die Verehrung von Okinoshima aus der Ferne durch angelegte Sichtpunkte auf Oshima und Kyushu.

Universalität, Zugang und Geschlechtergleichstellung

Für den Zugang zu und Aufenthalt auf Okinoshima gelten eine Reihe von Verboten: Frauen ist der Zugang zur Insel untersagt; alle Besucher müssen sich in einem Baderitual zuvor reinigen; es dürfen keine Gegenstände von der Insel mitgenommen werden; den Besuchern ist es untersagt, über das auf der Insel Gesehene und Gehörte zu sprechen.

Wenngleich insbesondere das Zugangsverbot für Frauen dem von der UNESCO unterstützen Ziel der Gleichstellung der Geschlechter zuwider läuft, gehört dies zur Verehrungstradition der heiligen Insel. Auch in anderen Kulturräumen sind Zugangsverbote für Frauen oder Männer, bzw. getrennte Zugänge für beide Geschlechter, zu finden. Die Gräber der Buganda-Könige in Kasubi (Uganda) werden von Frauen bewacht und gepflegt, für die Heiligen Stätten und Pilgerstraßen in den Kii-Bergen (Japan) gibt es getrennte Zugänge für Männer und Frauen, zum Berg Athos (Griechenland) ist Frauen wiederum der Zugang verwehrt, während sich dies bei den Flämischen Beginenhöfen (Belgien) umgekehrt verhält. In der World Heritage Review Nr. 78 hat sich das UNESCO-Welterbezentrum dieser spannenden und mitunter umstrittenen Thematik gewidmet, die nicht nur an Welterbestätten eine Rolle spielt, sondern auch im Rahmen des Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes von 2003 und den Ethischen Prinzipien im Umgang mit dem Immateriellen Kulturerbe thematisiert wird.

UNESCO-Programm "Heritage of Religious Interest"

Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes

Porträtserie

Im Rahmen der 41. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees im Juli 2017 in Krakau wurden 21 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. In ihrer Gesamtheit versinnbildlichen sie die Vielfalt und Bandbreite des gemeinsamen Erbes der Menschheit, dessen Erhaltung und Pflege sich die internationale Staatengemeinschaft 1972 mit dem "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" verschrieben hat.

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