Die persischen Qanate

Meisterwerke technischen Könnens

Elf Kanalsysteme, sogenannte „Qanate“, bestehend aus einer Quelle sowie unterirdischen Kanälen und zugehöriger Infrastruktur, bilden nun eine serielle Welterbestätte in Iran. Als außergewöhnliches Beispiel eines traditionellen technologischen Ensembles, welches noch heute benutzt und gefördert wird, wurde die Kulturerbestätte im Rahmen der 40. Welterbekomiteesitzung in die UNESCO-Welterbeliste eingeschrieben.

Faktenbox

Während die Ursprünge der Entstehung dieser Art technologischer Infrastruktur im Nahen Osten historisch nicht gänzlich geklärt sind, ist unbestritten, dass sich das Qanat-System seit dem Reich der Assyrer zwischen 1.400 und 550 v. Chr. in Iran stetig verbreitet und in allen folgenden Epochen weiterentwickelt hat. Als sicher gilt des Weiteren, dass nur durch dieses System der Wasserversorgung die Nutzung und Erschließung der sehr trockenen Regionen in Iran, insbesondere des iranischen Hochplateaus, ermöglicht wurde.

Noch heute existieren etwa 37.000 Qanat-Systeme in Iran. Die elf als Komponenten der Welterbestätte anerkannten Kanäle mit ihren jeweiligen Quellen und Strukturen verdeutlichen die Vielfalt der verwendeten Techniken und die Varianz der Kanalsysteme in geografischer Verteilung, Länge und Entstehungszeitpunkt. Einige der Strukturen sind darüber hinaus von besonderer Bedeutung aufgrund ihrer Verbindung mit bestimmten Ritualen oder religiösen Strömungen, wie im Falle der Qanat Ebrahim Abad und Mozd Abad.

„The vital role of the qanat in the formation of various civilisations is so expansive that the basis of civilisation in the desert plateau of Iran has been called ‘Qanat (or Kariz) Civilisation’.” (Provisional Statement of Outstanding Universal Value, 2016)

Ein Qanat besteht grundsätzlich aus einem horizontalen Tunnel, durch den eine unterirdische Wasserquelle angezapft wird. Durch eine graduelle Neigung des Tunnels wird der Wasserfluss hin zum sogenannten mazhar ermöglicht, dem Ausgang des Tunnels, von dem aus weitere, nun oberirdisch verlaufende Kanäle die Wasserversorgung der Felder sicherstellen. Der unterirdische Teil des Kanalsystems weist über seine gesamte Länge senkrecht verlaufende Schächte auf, die der Belüftung und Ermöglichung von Instandhaltungsmaßnahmen dienen. Zu einem Großteil der einzelnen Kanalsysteme gehören weitere Strukturen wie Unterkünfte und Arbeitsbereiche für die Techniker, Wassermühlen sowie öffentliche und private Bäder.

Die Berechnung und Planung der Länge und Steigung der Kanäle erfolgt basierend auf traditionellen Methoden, die über Jahrhunderte von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Die Verwaltung der Kanäle – insbesondere die Verteilung des Wassers unter den Landwirten und Nutzern im Allgemeinen – liegt in der Verantwortung örtlicher Komitees. Dieses Managementsystem hat sich bis heute erhalten.

Gemeinsames regionales Erbe

Die Bewässerung trockener Gebiete, die eine landwirtschaftliche Produktion erst möglich macht, stellte nicht nur in Iran von jeher eine Herausforderung dar. Auch in anderen Staaten und Gebieten im Nahen Osten und auf der arabischen Halbinsel wurden Kanalsysteme ähnlich dem persischen eingerichtet, um menschliches Leben in den Trockengebieten zu ermöglichen. Dies spiegelt sich auch in der Existenz weiterer Welterbestätten wider, die – wenngleich alle ähnliche Bewässerungssysteme darstellend oder mit diesen in Verbindung stehend – jede für sich spezifische Besonderheiten aufweisen, die ihren außergewöhnlichen universellen Wert begründen.

Insgesamt wird von etwa 50.000 noch existierenden Qanat-Systemen ausgegangen, verteilt über 40 Länder. Von besonderem Wert sind die fünf Qanat, welche 2006 als Aflaj-Bewässerungssystem von Oman in die UNESCO-Welterbeliste eingeschrieben wurden. Qanat-Systeme bilden auch Bestandteile der Welterbestätten „Land der Oliven und des Weins” – Kulturlandschaft von Südjerusalem, Battir in Palästina, Kulturlandschaft Serra de Tramuntana auf Mallorca und Kulturstätten von Al Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Porträtserie

Im Rahmen der 40. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees im Juli 2016 in Istanbul wurden 21 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. In ihrer Gesamtheit versinnbildlichen sie die Vielfalt und Bandbreite des gemeinsamen Erbes der Menschheit, dessen Erhaltung und Pflege sich die internationale Staatengemeinschaft 1972 mit dem "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" verschrieben hat.

Porträtserie

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