UNESCO-Welterbe Wattenmeer

Ort der Extreme, Spielball der Gezeiten

Mehr als 10.000 Tier- und Pflanzenarten, 10 bis 12 Millionen durchziehende Zugvögel pro Jahr, die größte zusammenhängende Schlick- und Sandwattfläche weltweit – das Wattenmeer ist ein Ort voller Extreme und von besonderer Bedeutung für die weltweite Biodiversität. Die transnationale Welterbestätte verbindet zugleich die drei Staaten Deutschland, Dänemark und die Niederlande und ist somit Ausdruck langjähriger erfolgreicher internationaler Kooperation zum Schutz dieses einzigartigen Naturerbes. 

Die Welterbestätte Wattenmeer erstreckt sich über eine 1.100 km² große Fläche und umfasst eine Vielzahl von Übergangszonen zwischen Land, Meer und Süßwasserumgebungen: Sand- und Schlickwatt, Muschelbänke, dichte Seegraswiesen, Salzwiesen, Sandstrände und Dünen. Die Region stellt ein außergewöhnliches Beispiel eines komplexen und vielseitigen, vom ständigen Gezeitenwechsel bestimmten Küstengebiets dar. Dynamische natürliche Prozesse formen die sich kontinuierlich verändernde Landschaft in dem Gebiet (Aufnahmekriterium viii), welches mit nur 10.000 Jahren aus geologischer Sicht als jung angesehen wird. Die geologischen und geomorphologischen Eigenschaften des Wattenmeers in der Verbindung mit biophysikalischen Prozessen veranschaulichen in einzigartiger Weise die kontinuierlichen Anpassungsprozesse von Küstengebieten an globale Veränderungen (Aufnahmekriterium ix). Die sehr hohe Produktivität des Wattenmeers in Bezug auf Biomasse drückt sich in der großen Anzahl an Fischen, Schalentieren und Vögeln aus, die im und vom Wattenmeer leben. 

Das Wattenmeer zeichnet sich durch ein sehr hohes Maß an Biodiversität aus (Aufnahmekriterium x): 2.300 Pflanzen- und Tierarten leben in und von den Salzwiesen, die marinen und brackwasserhaltigen Zonen beherbergen circa 2.700 weitere Arten. Zu den im Wattenmeer lebenden Säugetieren zählen Seehunde, Kegelrobben und Schweinswale. Im Schlick tummeln sich Muscheln und Krebse, Faden- und Strudelwürmer, darüber hinaus ist das Watt Laichplatz von zahlreichen Meeresfischen wie Scholle und Seezunge. Das große Nahrungsangebot macht das Wattenmeer unentbehrlich als Zwischenstopp für Zugvögel. Auf dem ostatlantischen Flugweg gelegen ist das Wattenmeer eines der weltweit wichtigsten Gebiete für Zugvögel und in ein Netzwerk anderer, für Zugvögel bedeutender Gebiete eingebunden. Es dient als Rast-, Mauser- und Überwinterungsgebiet für Vögel auf ihrem Weg von Südafrika entlang der Atlantikküste nach Nordsibirien. Das Gebiet beherbergt bis zu 6,1 Millionen Vögel gleichzeitig. Somit ist das Wattenmeer für die weltweite Biodiversität von entscheidender Bedeutung (Aufnahmekriterium x).

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2009, Erweiterungen 2011 und 2014
  • Bundesland: Hamburg, Niedersachsen, Schleswig-Holstein
  • Staaten: Dänemark, Deutschland, Niederlande
  • Art der Stätte: transnationale, serielle Naturstätte
  • Erfüllte Aufnahmekriterien:
    (viii), (ix), (x)
  • Webseite des UNESCO-Welterbezentrums
  • Webseite der Stätte 

2009 wurde das Wattenmeer in die Welterbeliste der UNESCO eingeschrieben, eine Erweiterung um das Hamburgische Wattenmeer folgte im Jahr 2011 und um den dänischen Teil der Stätte im Jahr 2014. Die Anerkennung als Erbe der Menschheit ist auch möglich geworden auf Grund der bereits seit 1978 andauernden erfolgreichen Zusammenarbeit der drei beteiligten Staaten im Rahmen der Trilateralen Wattenmeerkooperation. Der Schutz und Erhalt dieses einzigartigen Naturgebiets konnte und kann nur durch die Zusammenarbeit der Staaten und einer Vielzahl von Akteuren gelingen. Mehr Informationen zum grenzüberschreitenden Management der Welterbestätte finden sich im Konferenzbericht Perspectives of Transboundary Cooperation in World Heritage, herausgegeben durch die Deutsche UNESCO-Kommission.

Die Einzigartigkeit des Wattenmeeres wird auch durch die Unberührtheit großflächiger Gebiete bedingt. Zugleich ist die Welterbestätte jedoch auch in unterschiedlicher Hinsicht Druck und Veränderungen ausgesetzt, sei es durch Klimawandel, Tourismus, wirtschaftliche Nutzung der Umgebungen oder andere Aktivitäten und Entwicklungen. Bewusstseinsschaffung für den Wert und das Schutzbedürfnis des Wattenmeeres sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung sind deshalb besonders wichtig für den langfristigen Erhalt der Stätte. Eine Vielzahl an Akteuren, unter anderem des Nationalparks Wattenmeer und der drei UNESCO-Biosphärenreservate Hamburgisches Wattenmeer, Niedersächsisches Wattenmeer und Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und Halligen, setzt sich für Welterbevermittlung, Bildung für Nachhaltige Entwicklung und Naturschutz ein. Im Rahmen des Junior Ranger-Programmes werden junge Naturschützer ausgebildet, Informations- und Besucherzentren an verschiedenen Standorten informieren über das Welterbe Wattenmeer und die International Wadden Sea School (IWSS), ein Projekt im Rahmen der trilateralen Wattenmeerkooperation, bietet als Bildungs- und Informationsplattform unter anderem Lehr- und Informationsmaterialen für Pädagogen in mehreren Sprachen an. Darüber hinaus können Klassenfahrten ans Wattenmeer mit Hilfe der IWSS organisiert werden.

Publikation

Konferenzbericht: Perspektiven der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Welterbe - Ein Erfahrungsaustausch in und mit Deutschland.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

Etwa 10 Millionen Übernachtungsgäste und 30 bis 40 Millionen Tagesgäste besuchen jährlich das Wattenmeer. Tourismus stellt so einen der wichtigsten Wirtschaftssektoren in der Region dar. Um sicher zu stellen, dass sich der Tourismus nicht zu einer Gefährdung der Welterbestätte auswächst, ist Nachhaltigkeit von hoher Bedeutung. In diesem Zusammenhang wurde im Rahmen des trilateralen Projektes PROWAD, gefördert durch das Interreg IV B Nordseeprogramm und koordiniert durch das Gemeinsame Wattenmeersekretariat, eine sektorenübergreifende und transnationale Strategie für nachhaltigen Tourismus im gesamten Wattenmeer entwickelt. Ebenfalls Teil des Projektes waren die Erarbeitung und Umsetzung eines entsprechenden Aktionsplanes und einer einheitlichen Kommunikationsstrategie. Weitere Aktivitäten zu Tourismus und Naturschutz werden auf unterschiedlichen Ebenen umgesetzt, beispielsweise durch das Projekt "Natur und Tourismus" in der schleswig-holsteinisch-dänischen Grenzregion.

Das Wattenmeer stellt kein abgeschlossenes Gebiet dar. Insbesondere durch seine Bedeutung für Zugvögel steht es in enger Verbindung mit anderen Naturgebieten. Angesichts der Tatsache, dass der Bestand der wandernden Vögel nur in Zusammenarbeit über die verschiedenen Regionen hinweg geschützt werden kann, kooperiert die Welterbestätte im Rahmen der Wadden Sea Flyway Initiative mit Ländern entlang des ostatlantischen Flugweges. Internationale Partnerschaften bestehen darüber hinaus unter anderem mit Südkorea und dem Nationalpark Banc d’Arguin in Mauritanien, ebenfalls eine Welterbestätte. Darüber hinaus engagiert sich die Welterbestätte im Zusammenschluss der marinen Welterbestätten, der sich unter anderem mit den Auswirkungen des Klimawandels und der Verschmutzung der Meere auseinandersetzt. 

Perspektiven

Ganzheitliche Welterbepolitik im trilateralen Kontext
Rüdiger Strempel

Publikation

Welterbe in Deutschland. Deutschsprachige Sonderausgabe der Zeitschrift 'World Heritage', Nr. 76, des UNESCO-Welterbezentrums.
UNESCO; Deutsche UNESCO-Kommission, 2014

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