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Siedlungen der Berliner Moderne
Sechs der farbenfrohen Siedlungen sind bereits seit 2008 Welterbe, seit Juli 2026 gehört auch die Waldsiedlung Zehlendorf dazu.
Videoporträt
Fakten
Aufnahmejahr: 2008, erweitert 2026
Bundesland: Berlin
Staaten: Deutschland
Art der Stätte: Kulturstätte
Erfüllte Aufnahmekriterien: (ii), (iv)

Wer in der Waldsiedlung Zehlendorf einen Moment der Ruhe im Freien sucht, muss nicht weit gehen: Überall zwischen den Häusern liegen großzügige grüne Innenhöfe. Der größte von ihnen ist der Kiefernhof. Auf der großen Wiese zwischen den niedrigen blau-weißen Häuserreihen spenden hohe Kiefern und Birken Schatten. Alle Bewohnerinnen und Bewohner des umliegenden Wohnblocks haben Zugang zu der grünen Oase. Die Nähe zur Natur spielt eine zentrale Rolle im Architekturkonzept der Siedlung.
„Jede der mehr als 1.900 Wohneinheiten hat entweder einen Balkon, eine Loggia oder ein Stück Garten. Der Architekt Bruno Taut hat dafür den Begriff ‘Außenwohnraum‘ geprägt. Er war überzeugt, dass das zu einem gesunden Leben dazugehört. Hier lässt sich besonders gut nachvollziehen, dass die Waldsiedlung ein wegweisendes Beispiel für gesunde und menschenfreundliche Wohnverhältnisse im frühen 20. Jahrhundert ist“, sagt Sabine Ambrosius, Referentin für Welterbe am Landesdenkmalamt in Berlin. Seit 2021 hat die Kunsthistorikerin mit einem fünfköpfigen Team die Aufnahme der Siedlung ins Welterbe vorbereitet und unter anderem verloren geglaubte Baupläne in alten Nachlässen aufgespürt oder die wissenschaftliche Recherche zur Zusammensetzung der Fassadenfarben unterstützt.

Die Waldsiedlung Zehlendorf steht, wie alle Siedlungen der Berliner Moderne, für einen sozialreformerischen Aufbruch. Neben der Architektur war auch das gemeinschaftliche Leben in der Siedlung ein Kernanliegen der Baugenossenschaft GEHAG. Im Juli 2026, 100 Jahre nach ihrer Grundsteinlegung, hat die Waldsiedlung Zehlendorf den Sprung ins Welterbe „Siedlungen der Berliner Moderne“ geschafft. Damit besteht es nun aus sieben historischen Berliner Siedlungen – sechs von ihnen sind bereits seit 2008 eingetragen.
Neues Bauen – mehr als ein Architekturkonzept
Wer alle sieben Siedlungen besuchen will, muss weit durch Berlin reisen, weil sie sich über acht Berliner Bezirke verteilen. Allen gemeinsam ist, dass sie lebenswerten, erschwinglichen Wohnraum bieten sollen, die Gesundheit durch hohe Hygienestandards erhalten und das Zusammenwachsen der Nachbarn zu Gemeinschaften fördern. Dennoch gebe es keinen eindeutigen roten Faden, der sich durch alle Siedlungen ziehe, sagt Christoph Rauhut, Landeskonservator von Berlin. „Jede der Siedlungen fügt sich in ihre lokale Situation ein und hat ihren eigenen Charakter. Es gibt natürlich wiederkehrende Elemente wie etwa die Gebäudetypen, die Farbigkeit oder die Betonung des Außenraums. Aber das allein ist es nicht, was die Siedlungen der Moderne so besonders macht. Es ist auch der übergreifende Ansatz einer neuen Architektur für eine neue Gesellschaft. Diesen Wert tragen alle Siedlungen in sich.“


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Der Grundstein der ältesten Siedlung wurde noch in den letzten Jahren des Kaiserreichs gelegt: Der Bau der Gartenstadt Falkenberg begann 1913 und wurde mitten im ersten Weltkrieg abgeschlossen. Wegen ihrer bunten Reihenhausfassaden heißt die Siedlung auch „Tuschkastensiedlung“. Neben den leuchtenden Farben fallen die üppigen Blumenbeete ins Auge sowie viele liebevolle Details an den Häusern: bunte Fensterläden, einladende Holz-Pergolen über den Eingängen. Wie die zweitälteste Siedlung Schillerpark ist die Gartenstadt Falkenberg (seit 1919) bis heute im Besitz der Berliner Bau- und Wohngenossenschaft von 1892 eG. Und bis heute prägt der genossenschaftliche Gedanke das Zusammenleben in der Siedlung.
„Die Reihenhäuser stehen gleichberechtigt und leicht versetzt nebeneinander, keines ist größer als die anderen. Trotzdem hat jedes Haus sein eigenes farbfreudiges Gesicht und es gibt individuellen Spielraum, um zum Beispiel den Vorgarten zu gestalten“, sagt Alexander Stöckl, Vorstandsmitglied der Genossenschaft. Ein System aus gewählten Haussprecherinnen und Siedlungsausschüssen stellt sicher, dass die Anliegen der Menschen in der Gartenstadt Falkenberg Gehör finden und Entscheidungen im Sinne aller fallen. Dieses „Konzept haben sich schon die Gründungsväter der Genossenschaft überlegt, es wird bis heute gelebt.“

Während die Gartenstadt Falkenberg noch vor dem Ersten Weltkrieg errichtet wurde, entstanden die übrigen sechs Siedlungen als Antwort auf die Wohnungsnot und das soziale und gesundheitliche Elend in der Weimarer Republik 1924 bis 1932. Erst mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 reißt der Faden ab. Die Ideen des Neuen Bauens, die die Siedlungen der Moderne prägen, waren unvereinbar mit dem nationalsozialistischen Weltbild. Bruno Taut, der als Visionär und Architekt fast alle Siedlungen der Berliner Moderne prägte, und der Stadtbaurat Martin Wagner gingen ins Exil, ebenso wie weitere am Bau der Siedlung beteiligte Architekten, darunter Walter Gropius.
Gegenentwurf zu dunklen Mietskasernen
Obwohl im frisch gegründeten Groß-Berlin der Zwischenkriegsjahre extreme Wohnungsnot herrschte, versuchte Stadtbaurat Wagner, bei der Wohnqualität neuer Siedlungen keine Abstriche zu machen. Mit Bruno Taut hatte er genau den richtigen Architekten gefunden, um die Ansprüche in konkrete Grundrisse und Baupläne umzusetzen. Für einzelne Projekte kamen weitere namhafte Architekten ins Boot, neben Gropius unter anderem Hans Scharoun, der spätere Architekt der Berliner Philharmonie, sowie Hugo Häring und der Schweizer Architekt Otto Rudolf Salvisberg.
„Licht, Luft und Sonne“ lautete das zentrale Motiv des Neuen Bauens. Den muffigen und beengten Mietskasernen, die nach der industriellen Revolution entstanden waren, setzten Vertreter des Neuen Bauens eine Architektur entgegen, die Gesundheit und Wohlbefinden der Menschen in den Mittelpunkt stellte. Unter anderem entstanden so die ersten Mehrfamilienhäuser, in denen jede Wohnung ein eigenes Badezimmer besitzt.
Auf den ersten Blick fallen in den Siedlungen die großzügigen Außenflächen und die farbenfrohen Fassaden auf. Weitere architektonische Besonderheiten sind für heutige Augen kaum noch als solche erkennbar, so zum Beispiel die Flachdächer mit einem zusätzlichen als ungeheizten Trockenboden ausgebildeten obersten Geschoss, das wie ein Kaltdach über den Wohnetagen liegt. Jede Wohnung hatte einen kleinen Garten oder Balkon, außerdem erleichterten Fenster an Vorder- und Rückfassade ein gesundes Lüften. Was heute selbstverständlich klingt, war nach dem ersten Weltkrieg eine Seltenheit. „Die Wohnungsnot nach dem ersten Weltkrieg war gewaltig. Immer mehr Menschen zogen in die Stadt und wohnten im ersten, zweiten, dritten, manchmal sogar im vierten Hinterhof. Sie hatten keine Querlüftung, viele erkrankten an Tuberkulose“, erklärt Sabine Ambrosius.

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Herausragende Einzelbauwerke stiften Identität
Bei aller auf menschliche Bedürfnisse ausgerichteten Bauplanung ließen es sich die Architekten nicht nehmen, ihre Kunstfertigkeit auch durch herausragende Gebäude unter Beweis zu stellen. Der hufeisenförmige Wohnblock im Herzen der Großsiedlung Britz etwa zieht regelmäßig architekturbegeisterte Touristen an, gleichzeitig trägt er zur Identität der Bewohnerinnen und Bewohner bei und schirmt die Grünfläche im Inneren des Hufeisens von der Geräuschkulisse der Großstadt ab. In der Waldsiedlung Zehlendorf sticht der „Peitschenknall“ hervor, ein 400 Meter langer Wohnblock, der von keinem Punkt ganz zu sehen ist. Über die gelbe Fassade verteilen sich rote und blaue Elemente, mal springt die Fassade ein Stück nach vorn, dann wieder zurück, wodurch immer neue Schattenwürfe entstehen.
Es ist die Mischung aus grandioser Baukunst und dem unbedingten Willen, der Lebensqualität zu dienen, die den Siedlungen der Berliner Moderne eine ganz besondere Atmosphäre verleiht. „Für mich strahlt die Architektur eine große Ruhe aus, deshalb fühle ich mich hier sehr aufgehoben“, erzählt Sigrid Kayser. Vor mehr als 30 Jahren ist sie mit ihrer Familie in die Waldsiedlung Zehlendorf gezogen, die Begeisterung hält bis heute. „Wenn ich abends von der Arbeit in der Innenstadt komme und aus der U-Bahn aussteige, spüre ich sofort das andere Klima und die frische Luft hier im Grünen. Dazu kommen noch die heiteren Farben – das fühlt sich immer ein bisschen wie Urlaub an“, sagt Kayser.

Die sieben Siedlungen der Berliner Moderne im Überblick
Gartenstadt Falkenberg (Bau: 1913-1916)
Die älteste Siedlung der Berliner Moderne trägt aufgrund der farbenfrohen Fassaden der Siedlungshäuser auch den Beinamen „Tuschkastensiedlung“. Sie liegt weit im Südosten Berlins und ist inspiriert von der Gartenstadtbewegung, die wenige Jahrzehnte zuvor aus England nach Deutschland geschwappt war.
Siedlung Schillerpark (Bau: 1924-1930)
Im Norden Berlins gelegen ist die Siedlung Schillerpark. Wie die Gartenstadt Falkenberg ist sie bis heute im Besitz der Berliner Genossenschaft von 1892 eG. Die Fassaden sind geprägt von der roten Ziegelbauweise nach holländischem Vorbild. Ganz verzichten wollte Bruno Taut aber nicht auf die Farbigkeit. Sie findet sich hier etwas versteckter in den Treppenhäusern. Die Siedlung ist ein sehr frühes Beispiel für hohe hygienische Standards: Alle Wohnungen am Schillerpark hatten ein eigenes Badezimmer.
Großsiedlung Britz, genannt „Hufeisensiedlung“ (Bau: 1925-1930)
Die Hufeisensiedlung verdankt die Bezeichnung ihrer außergewöhnlichen Bauform. In Form eines Hufeisens windet sich das vierstöckige Mehrfamiliengebäude um einen grünen Innenhof mit Bäumen und einem kleinen Teich in der Mitte. Um das Hufeisen herum säumen die Vorgärten von Reihenhäusern die schmalen Straßen. Damit vermischt die Siedlung als erste verschiedene Bauformen.
Waldsiedlung Zehlendorf, auch „Onkel Tom“ genannt (Bau 1926-1932)
Der Neuzugang in der seriellen Welterbestätte „Siedlungen der Berliner Moderne“ ist mit 70 Hektar die größte der sieben Siedlungen. Wie in der Hufeisensiedlung gibt es Reihen- und Mehrfamilienhäuser, dazwischen liegen große Grünflächen und Gärten. Hervorstechendstes Bauwerk ist der sogenannte „Peitschenknall“, ein 400 Meter langer Wohnblock. Ein besonderer Höhepunkt der Infrastruktur ist der frühe konsumorientierte Bahnhof mit seiner Ladenstraße.
Wohnstadt Carl Legien (Bau: 1928-1930)
Die urbanste Siedlung der Berliner Moderne liegt mitten in einem innerstädtischen Blockgefüge in Prenzlauer Berg. Charakteristisch sind die farbigen Innenhöfe.
Weiße Stadt (Bau: 1929-1931)
Die erste von zwei Siedlungen, an deren Entwurf Bruno Taut nicht beteiligt war, liegt im Norden Berlins. Der Entwurf stammt von Otto Salvisberg. Die namensgebende Fassadenfarbe tritt an die Stelle der Farbigkeit früherer Siedlungen. Berühmt ist die Siedlung für ihr ikonisches Brückenhaus: Die Straße in die Siedlung führt durch eine Öffnung unter dem Haus.
Großsiedlung Siemensstadt (Bau: 1929-1934)
Für den Bau der letzten Siedlung zeichnet ein Team renommierter Architekten verantwortlich, darunter Hans Scharoun, Walter Gropius und Hugo Häring. Weil die meisten in der Architektenvereinigung „Der Ring“ organisiert waren, wird die Siemensstadt auch „Ringsiedlung“ genannt. Zu den Besonderheiten gehört ein hoher Anteil an kleineren Wohnungen für gering verdienende Arbeiter als reine „Schlafwohnungen“.
Der außergewöhnliche universelle Wert
Authentizität
Die Siedlungen der Berliner Moderne erfüllen die Authentizitätskriterien in Bezug auf die Formen und Gestaltungen der Wohnsiedlungen sowie deren architektonische Merkmale in vollem Umfang. In den meisten historischen Gebäuden sind die ursprünglichen Materialien und Substanzen weitgehend erhalten geblieben. Alle Bestandteile werden nach wie vor als lebendige und voll funktionsfähige Wohnsiedlungen genutzt, und ihre Standorte und ihr Umfeld sind im Wesentlichen authentisch geblieben. Die meisten Häuserkomplexe blieben während des Zweiten Weltkriegs nahezu unversehrt. Die räumlichen Beziehungen zwischen Gebäuden und Grünflächen sind erhalten geblieben. Alle restauratorischen Maßnahmen stehen im Einklang mit den ursprünglichen Entwürfen und dem ursprünglichen Erscheinungsbild.
Integrität
Die Siedlungen der Berliner Moderne bestehen aus sieben Teilen. Zusammen stellen sie herausragende Beispiele für die Entwicklung modernistischer Wohnsiedlungen in Berlin zwischen 1910 und 1933 dar. Die serielle Stätte weist alle Merkmale auf, die den außergewöhnlichen universellen Wert vermitteln.
Die sieben Objekte wurden aus der Gesamtheit der Wohnsiedlungen dieser Epoche in Berlin ausgewählt, und zwar aufgrund ihrer historischen, architektonischen, künstlerischen und sozialen Bedeutung sowie ihres Erhaltungszustands. Jedes Einzelelement weist eine Reihe gemeinsamer Merkmale auf und leistet gleichzeitig einen eigenständigen Beitrag mit individuellen und ortsspezifischen Merkmalen zur Gesamtreihe, darunter neue städtebauliche und architektonische Typologien, innovative Gebäude- und Flachdachtypen, neue soziale und hygienische Standards, ästhetische Errungenschaften auf dem neuesten Stand der Technik, neue Gestaltungslösungen und innovative technische Lösungen. Zusammen verkörpern sie höchste Qualität und die für den Modernismus des frühen 20. Jahrhunderts typische Verbindung von Stadtplanung, Architektur, Gartengestaltung und ästhetischer Forschung. Die Erweiterung der Waldsiedlung Zehlendorf bildet den Abschluss der Reihe; eine weitere Erweiterung ist nicht vorgesehen.
Die Grenzen umfassen alle erforderlichen Merkmale. Die städtebaulichen Pläne sind weitgehend intakt und reichen von der Bebauung offener Blöcke in der Innenstadt bis hin zu großen Wohnsiedlungen mit offener Bebauung in vorstädtischer Lage. Alle Faktoren, die die serielle Stätte beeinflussen, sind unter Kontrolle.
Kriterien
Kriterium (ii)
Die sieben Berliner Siedlungen sind außergewöhnlicher Ausdruck einer breit angelegten Wohnungsreformbewegung, die einen entscheidenden Beitrag zur
Verbesserung der Wohn- und Lebensbedingungen in Berlin geleistet hat. Ihre städtebauliche, architektonische und gartengestalterische Qualität sowie die in dieser Zeit entwickelten Wohnstandards dienten in der Folge als Leitlinie für den sozialen Wohnungsbau inner- und außerhalb Deutschlands.
Kriterium (iv)
Die sieben Berliner Siedlungen sind außergewöhnliche Beispiele für einen neuen städtebaulichen und architektonischen Typus, der auf der Suche nach
besseren sozialen Lebensbedingungen entwickelt wurde. Die führenden Architekten der Moderne, die an der Planung und am Bau der Siedlungen beteiligt waren, ließen neue gestalterische Lösungen sowie technische und ästhetische Innovationen darin einfließen.
Welterbestätten in Deutschland
Mehr als 50 Natur- und Kulturerbestätten in Deutschland sind in die UNESCO-Welterbeliste eingeschrieben.
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