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Revitalisierung synagogaler Chormusik des 19. und 20. Jahrhunderts Mittel- und Osteuropas

Die synagogale Chormusik entstand Anfang des 19. Jahrhunderts. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in den 1930er Jahren und der daraus folgenden Zerstörung der Synagogen und Verfolgung der Juden verschwand sie. Heute wird die Musiktradition von einigen Chören wiederbelebt, die das Repertoire der Komponisten einstudieren, weiterentwickeln und in Konzerten oder Festivals aufführen.

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2020
  • Verbreitung: Berlin, Dresden, Leipzig, Hannover, Weimar, Potsdam
  • Zentraler Termin: ganzjährig
  • Beispiel Guter Praxis der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes

Kontakt

Leipziger Synagogalchor
Reinhard Riedel
kontakt@synagogalchor-leipzig.de
www.synagogalchor-leipzig.de

Ab 1810 wurden in Deutschland nach christlichem Vorbild Orgeln in viele jüdische Gotteshäuser gebaut. Mehrstimmige Chöre - Männer- und gemischte Chöre - wurden neben und mit dem Kantor (Chasan) zum tragenden Element des Gottesdienstgesanges. Neue Liturgien wurden geschaffen, Werke im Zusammenspiel von Kantor, Chor und Orgel komponiert, aber auch reine Chorwerke entstanden.

Louis Lewandowski und Salomon Sulzer, die als Chordirigent beziehungsweise als Kantor in reformierten jüdischen Gemeinden in Berlin beziehungsweise Wien wirkten, begründeten mit ihren Kompositionen eine Musiktradition, die sich an der europäischen christlichen Musik orientierte, ohne die jüdischen Wurzeln zu verlieren. Die vertonten liturgischen Texte sind Zeugnisse der lokal gebräuchlichen Formen des aschkenasischen Hebräisch. Daneben fanden auch deutsche Texte Eingang in den Gottesdienst und in die Musik. Diese Werke erklangen nicht nur im Gottesdienst, sondern auch in öffentlichen Fest- oder Benefizkonzerten. Auch das neue Medium Rundfunk wurde für die Vorstellung synagogaler Musik genutzt.

Mit der Machtergreifung der Nazis, der Zerstörung der Synagogen während der Novemberpogrome 1938 und der systematischen Ermordung der Jüdinnen und Juden als Träger dieser Kultur wurde sie jedoch fast vollständig vernichtet. In Israel und der Diaspora sind die alten Gesänge den Überlebenden des Holocaust aus ihrer Kindheit und Jugend noch bekannt, doch spielen sie in den heutigen Gottesdiensten kaum eine Rolle. Den jüdischen Gemeinden in Deutschland fehlte es nach dem Holocaust an Mitgliedern, heute gestalten vor allem Zuwandererinnen und Zuwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion das jüdische Gemeindeleben.

Die liberale Chor- und Orgelmusik wird in den Gottesdiensten vieler orthodox geprägter Gemeinden nicht traditionell gepflegt. Neu erbaute Synagogen verfügen selten über eine Orgel. Trotzdem ist die synagogale Chormusik heute noch zu erleben: Einige Spezialensembles, darunter in langer Tradition der Leipziger Synagogalchor und das Synagogal Ensemble Berlin, haben sich dieser Musik verschrieben und bringen sie in Konzerten oder Gottesdiensten den Besuchern zu Gehör. Auch manche Chöre, die sich nicht ausschließlich mit synagogaler Musik beschäftigen, nehmen Stücke in Konzertprogramme auf. Einige Komponistinnen und Komponisten führen die Tradition der synagogalen Chormusik fort und komponieren Psalmvertonungen in hebräischer Sprache.

Auch Nichtjüdinnen und Nichtjuden können bei Beachtung einiger Regeln und des gebotenen Respekts an einem Gottesdienst in der Berliner Synagoge Pestalozzistraße teilnehmen und dort die Musik von Louis Lewandowski erleben. Konzerte, Festivals und Veranstaltungen gewähren den Zugang für das interessierte Publikum ebenso wie CD-Produktionen und etliche Aufnahmen von Chören und Kantoren im Internet. Historische Noteneditionen stehen digitalisiert zur Verfügung, einige wenige Werke wurden neu verlegt. Die spezialisierten Konzertchöre sind offen für alle interessierten Sängerinnen und Sänger und ständig auf der Suche nach Nachwuchs. Offene Projekte laden andere Chöre zur aktiven Teilnahme und zum Kennenlernen bestimmter Werke ein.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben..
Deutsche UNESCO-Kommission, 2019

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