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Zusammenleben von Minderheiten und Mehrheiten im deutsch-dänischen Grenzland

Minderheiten und Mehrheiten leben heute im deutsch-dänischen Grenzland friedlich zusammen. Die zahlreichen modellhaften Aktivitäten der jeweiligen Minderheit werden getragen von Vereinen und Verbänden. Sie leisten mit ihrem ehrenamtlichen Engagement einen wichtigen Beitrag für die Förderung von Demokratie und Zivilgesellschaft. Die Arbeit in den Vereinen ist Ausdruck der Pflege der jeweiligen Minderheitensprache und -traditionen.

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2018
  • Verbreitung: deutsch-dänisches Grenzland, Nord-/Südschleswig
  • Zentraler Termin: ganzjährig/kontinuierlich
  • Bereich: Formen gesellschaftlicher Selbstorganisation; darstellende Künste; gesellschaftliche Bräuche, Feste und Rituale

Kontakt

Sydslesvigsk Forening e.V. (SSF)
Jens A. Christiansen
jac@syfo.de
www.syfo.de

Bund Deutscher Nordschleswiger (BDN)
Harro Hallmann, Deutsches Generalsekretariat
hallmann@bdn.dk
www.bdn.dk

Im deutsch-dänischen Grenzland leben die deutsche Minderheit im dänischen Nordschleswig und die dänische Minderheit im deutschen Südschleswig heute friedlich mit den Mehrheiten zusammen. Darüber hinaus prägen auch die friesische Volksgruppe sowie Sinti und Roma die Region und das Zusammenleben. Nach einer langen Zeit der Konflikte und des „Gegeneinanders“, insbesondere zwischen Deutschen und Dänen, ist in den letzten Jahrzehnten ein starkes „Füreinander“ entstanden. Minderheiten und Mehrheiten im Grenzland unterstützen sich gegenseitig. Ihre Aktivitäten werden als bedeutender Mehrwert für die Region anerkannt.

Kulturpflege durch bürgerschaftliches Engagement beidseits einer Grenze

Die deutsche Volksgruppe im dänischen Nordschleswig besteht seit der Volksabstimmung im Jahre 1920. Sie umfasst heute etwa 15.000 Mitglieder. Die deutsche Volksgruppe unterhält eigene Kindergärten, Schulen und Büchereien, betreibt kirchliche und soziale Arbeit, gibt eine eigene Tageszeitung heraus und bietet in vielen Vereinen sportliche und kulturelle Aktivitäten an. Der Bund Deutscher Nordschleswiger ist die Trägerorganisation der Schleswigschen Partei und unterhält das Sekretariat der deutschen Volksgruppe in Kopenhagen.

Auch die dänische Minderheit im deutschen (Süd-)Schleswig besteht seit der Volksabstimmung im Jahre 1920. Ihr gehören heute etwa 50.000 Menschen an. Sie gliedert sich in Organisationen, die nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens abdecken, wie Kultur, Politik, Bildung, Medien, Gesundheitswesen, Sport, Altenfürsorge und Kirche. Die Hauptorganisation der dänischen Minderheit ist der Verein Sydslesvigsk Forening e. V. mit 14.000 Mitgliedern. Ihre Zentralverwaltung, das Dansk Generalsekretariat, befindet sich in Flensburg. Mit der gemeinsamen Partei der Friesen und Dänen in Schleswig-Holstein, dem Südschleswigschen Wählerverband, wird aktive politische Partizipation ausgeübt.

Modellhafte Aktivitäten sollen zur Nachahmung anregen

Die Minderheiten sind sehr gut in die jeweilige Gesellschaft integriert. Sie tragen mit ihren Aktivitäten maßgeblich zur Vielfalt der Region bei und öffnen den Blick der Mehrheitsbevölkerung für die jeweils andere Kultur. In Verbindung mit der Verwendung der deutschen Sprache in Dänemark und der dänischen Sprache in Deutschland bilden ihre Aktivitäten wichtige Bausteine der kulturellen Selbstverwirklichung. Darüber hinaus leisten sie einen maßgeblichen Beitrag zur Vermittlung von kulturhistorischem Wissen und gemeinschaftsbildender Festtradition auf beiden Seiten der deutsch-dänischen Grenze. Heutzutage nehmen die jeweiligen Mehrheitsbevölkerungen die Minderheiten als deutliche kulturelle Bereicherung der Region wahr.

Die Minderheiten verstehen sich auch als Brückenbauer zwischen Deutschland und Dänemark

Die Aktivitäten der Minderheiten werden durchgehend von Vereinen und Verbänden getragen. Diese leisten durch ehrenamtliches Engagement einen wichtigen Beitrag für eine demokratische Zivilgesellschaft. Rechte, Funktionen und Finanzierung der Minderheiten sind unter anderem in den Bonn-Kopenhagener Erklärungen festgehalten, die ein wichtiges Fundament dieses Minderheitenmodells bilden.

Im regionalen DialogForumNorden haben sich die vier nationalen Minderheiten und Volksgruppen der Grenzregion sowie mit Minderheitenthemen befasste Organisationen und Politiker zusammengeschlossen. Dieses minderheitenpolitische Koordinierungsorgan im deutsch-dänischen Grenzland ist eine Besonderheit in Europa. Es dient der Bündelung von Interessen, dem Austausch, der Kooperation und Koordination.

Für eine kulturell und sprachlich vielfältige Europäische Union

Über die europäische Organisation FUEN setzen sich die Minderheiten des Grenzlandes auch für andere Minderheiten in Europa ein, unter anderem 2017/18 im Rahmen der europäischen Minority SafePack-Initiative. Diese Initiative soll dazu beitragen, den Schutz für Angehörige nationaler Minderheiten und Sprachminderheiten in der Europäischen Union zu verbessern und die kulturelle wie die sprachliche Vielfalt in der Europäischen Union zu stärken.

Jugendliche arbeiten grenzüberschreitend in der Jugend Europäischer Volksgruppen (YEN) zusammen. Im Lauf der Jahre haben sie verantwortungsvolle Aufgaben übernommen. Sie spielen heute in ihren Minderheiten eine bedeutende Rolle. Die effektive Verbreitung des Minderheitenmodells zeigt sich auch anhand regelmäßig stattfindender Seminare für Jugendliche aus ganz Europa und bei der Vergabe von Stipendien für Jugendliche aus Osteuropa für einen Jahresaufenthalt an der Internatsschule der deutschen Minderheit in Tingleff.

Das deutsch-dänische Minderheitenmodell ist heute europaweit anerkannt und geschätzt

Viele Gruppen aus dem Ausland, beispielsweise aus der Ukraine, dem Baltikum, dem westlichen Balkan oder Israel, sind bereits nach Flensburg und in die deutsch-dänische Grenzregion gereist, um das Minderheitenmodell dort vor Ort kennenzulernen. Es kann international als Anregung und Beispiel für erfolgreiche Konfliktlösung und für ein friedliches Zusammenleben von Minderheiten und Mehrheiten im Grenzland dienen.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben..
Deutsche UNESCO-Kommission, 2019

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