Auf ein Wort,

"Oberammergau ist total geprägt von den Passionsspielen."

Frederik Mayet
Jesus-Darsteller bei den Passionsspielen Oberammergau

Die Passionsspiele Oberammergau finden alle zehn Jahre statt. Ein ganzes Dorf stellt dabei die letzten fünf Tage im Leben Jesu in einer mehrstündigen Aufführung dar. Das Besondere: Nur Bürgerinnen und Bürger, die in Oberammergau geboren sind oder seit mehr als 20 Jahren in Oberammergau leben, wirken mit. Die Schauspieler, der Chor und das Orchester, die Platzeinweiser im Theater – sie alle sind Einheimische. Frederik Mayet (35) hat bei der letzten Ausgabe der Passion 2010 die Rolle des "Jesus" gespielt. Er berichtet im Interview über die Besonderheiten und die Zukunft des Immateriellen Kulturerbes "Passionsspiele Oberammergau".

Herr Mayet, was bedeutet die Aufnahme ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes für Oberammergau?

Es macht uns stolz. Das ist eine tolle ideelle Anerkennung. Mich persönlich freut es, Teil davon zu sein. Wir hoffen alle, dass wir es irgendwann vielleicht auch auf eine internationale UNESCO-Liste schaffen.

Was sind die Besonderheiten der Oberammergauer Passion?

Traditionell am Aschermittwoch im Vorjahr der Aufführungen gibt es einen Aufruf der Gemeinde, dass alle, die bei den Passionsspielen mitwirken wollen, aufgefordert sind, sich die Haare wachsen zu lassen. Das ist der sogenannte "Haar- und Barterlass". Die Rollenvergabe findet im Mai statt. Das ist eine richtige Zeremonie am Passionstheater, bei der die Rollen bekanntgegeben werden. Man wird ja nicht gefragt, ob man eine bestimmte Rolle spielen will, sondern man erklärt sich allgemein bereit mitzuwirken. Und dann wird bekannt gegeben, wer welche Rolle spielt. Auf einer grünen Tafel stehen die Rollennamen drauf und seit 1960 schreibt Malermeister Willi Hässler, inzwischen um die 80 Jahre alt, dann die Namen dazu. Da steht das halbe Dorf davor und schaut. Und alle fiebern mit, wen schreibt er jetzt da wohl hin? Es gibt ein Spielrecht für alle, die sich melden. Jeder Oberammergauer, der mitspielen möchte, wird also untergebracht. Wir haben ja auch ein großes Orchester und einen großen Chor. Weiterhin braucht es auch Einlasser, Bühnentechniker und vieles mehr. Die müssen dann natürlich die Haare nicht weiterwachsen lassen. Auch die, die die römischen Soldaten spielen, nicht. Laut Überlieferung waren die schon glatt rasiert und hatten kurze Haare. Bei allen anderen muss das Wachsen der Haare weitergehen.

Wie kamen Sie zur Hauptrolle des "Jesus" bei den Passionsspielen 2010?

Es gibt 21 Hauptrollen, die jeweils doppelt besetzt werden. Der Gemeinderat schaut sich die Vorschläge des Spielleiters an – er hätte theoretisch ein Vetorecht, davon hat er aber zuletzt keinen Gebrauch gemacht. Ich habe im Jahr 2000 schon als Johannes mitgespielt, das war auch schon eine größere Rolle, mit der ich nah an der Jesus-Figur dran war. Man wächst dann damit so rein. Man schaut zu und beobachtet wahnsinnig viel. Wobei: Mit meinen 20 Jahren damals konnte ich mir noch nicht vorstellen, selber mal Jesus zu spielen zehn Jahre später. In den Jahren bis zur nächsten Passion haben wir hier immer ein Sommertheater veranstaltet und so kam das eine zum anderen. Der Spielleiter Christian Stückl hat mich für die Rolle schließlich vorgeschlagen.

Kulturtalente

Kulturtalente in ganz Deutschland prägen und gestalten das Immaterielle Kulturerbe. Sie erhalten kulturelle Traditionen durch Anwendung und Weitergabe ihres Wissens und Könnens. Die Deutsche UNESCO-Kommission stellte von Juli 2016 bis Juli 2017 12 Kulturtalente vor und zeigt, wie sie das Immaterielle Kulturerbe hierzulande kreativ weiterentwickeln. Frederik Mayet ist das Kulturtalent des Monats September 2016.

Zur Übersicht aller Kulturtalente

Oberammergau ist total geprägt von den Passionsspielen.

Wer wählt denn den Spielleiter aus?

Den Spielleiter wählt auch der Gemeinderat aus. Ich glaube, er war 1987 über seine eigene Entscheidung erstaunt: Christian Stückl war damals so um die 25 Jahre alt und wollte vieles ändern. Das war keine einfache Zeit für ihn, er bekam viel Gegenwind. Aber der Erfolg hat ihm Recht gegeben. Heute ist er ein sehr angesehener Regisseur, der neben der Intendanz in München auch in den Staatsopern in Hamburg und München arbeitet. Er ist auch am Burgtheater Wien, in Zürich und an vielen anderen Stätten unterwegs.

Es gibt übrigens viele in Oberammergau, die in Theater- und Filmberufen arbeiten. Das kommt ganz sicher durch die Passionsspiele. Auch mein Interesse am Theater kommt wohl daher, dass ich mit den Passionsspielen aufgewachsen bin. Mein Uropa war schon dabei, meine Geschwister und mein Onkel auch. 2005 bin ich mit dem Studium der Internationalen BWL mit Schwerpunkt Marketing fertig geworden. Damals hat Christian Stückl die Eröffnungsfeier der Fußballweltmeisterschaft 2006 inszeniert und hat mich gefragt, ob ich nicht mitarbeiten will. Wir kannten uns bereits seit ich vier oder fünf Jahre alt war, wir kommen ja beide aus Oberammergau. Die Zusammenarbeit hat gut funktioniert, und dann hat er mich gefragt, ob ich nicht die Leitung der Presseabteilung am Volkstheater übernehmen will, wo er Intendant ist. Nebenher bin ich heute auch Pressesprecher der Passionsspiele.

Wer ist Ausrichter der Passionsspiele?

Das Passionsspiel ist eine Veranstaltung der Gemeinde Oberammergau – nicht der Kirche interessanterweise. Dadurch sind der Gemeinderat und der Bürgermeister ganz stark involviert und machen Vorgaben, wie etwa an welchen Tagen wir spielen, wer Spielleiter ist, wer die Kostüme macht, wer der musikalische Leiter ist. Er verteilt die Aufgaben, legt die Eintrittspreise fest und so weiter. Der Eigenbetrieb Kultur ist zuständig für die Durchführung der ganzen Spiele. Um die Vermarktung und den Vertrieb kümmert sich ein weiterer Partner. Es sind ja bis zu 500.000 Besucher, das ist eine herausfordernde Aufgabe für die kleine Gemeinde. Dadurch, dass so viele Gäste kommen, müssen Übernachtungen und Verpflegung immer mitgedacht werden. Oberammergau ist ein Dorf mit 5.000 Einwohnern. Zu Festspielzeiten kommen täglich bis zu 5.000 Gäste dazu. Da muss die Pause wohlorganisiert sein. Jeder weiß darum vorher, in welches Restaurant er gehen wird. Es steckt eine riesige Logistik dahinter.

Wie wird das Wissen und Können rund um die Passionsspiele weitervermittelt?

Eigentlich ganz einfach über das Machen. Für die Rolle des Jesus bedeutet dies natürlich ganz viel Probenarbeit, Austausch, Diskussionen mit dem Spielleiter und den anderen Darstellern. Wir, das heißt alle Hauptdarsteller, die Solisten aus dem Chor und der Spielleiter, begleitet vom Dorfpfarrer und einem Vertreter des Vatikan, sind ein dreiviertel Jahr vor der Uraufführung zusammen zwei Wochen nach Israel gefahren und haben uns da praktisch auf die Spuren der Story begeben. Wir haben uns die Köpfe heiß diskutiert und viel mit Theologen und Rabbinern gesprochen. So haben wir ein Gefühl für die Geschichte gekriegt, die wir in Oberbayern erzählen, die ja aber eigentlich 2.000 Jahre vorher in einem ganz anderen Kulturkreis passiert ist. Das hat geholfen, zu verstehen, was das bedeutet oder zumindest bedeuten kann. Wenn man am See Genezareth miteinander spricht und diskutiert, ist das etwas anderes, als wenn man hier bei uns in den Voralpen sitzt. Das war eine ganz tolle Erfahrung.

Die Fahrt nach Israel ist inzwischen übrigens auch schon ein Teil der Tradition, die Christian Stückl 1990 eingeführt hat, als er die Passion zum ersten Mal aufgeführt hat. Darüber hinaus liest man in der Vorbereitung natürlich auch Bücher, schaut sich Bilder und Darstellungen der Passion von früher an. Wir haben Jesus-Filmabende hier im Kino in Oberammergau gemacht: Von "Jesus Christ Superstar" über "Life of Brian" bis hin zu Mel Gibsons "Passion Christi". Das haben wir alles angeschaut und darüber diskutiert, wie man das, was damals passiert ist, heute verstehen muss. Die Annäherung an die Figur ist also ganz vielschichtig.

Die Passionsspiele Oberammergau als Immaterielles Kulturerbe

Die Passionsspiele Oberammergau wurden 2014 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes Deutschlands aufgenommen.

Zu den Kennzeichen der Passionsspiele gehört die Verbindung von Traditionstreue und Offenheit für die Gegenwart, die nur ermöglicht wird durch den Dialog der Generationen, Glaubensrichtungen, Vertretern der Orthodoxie und Moderne etc. Aus den Oberammergauer Passionsspielen ist so ein völkerverbindendes Ereignis geworden.

Wie bedeuten die Passionsspiele den Oberammergauern?

Oberammergau ist total geprägt von den Passionsspielen. Der Zehn-Jahres-Rhythmus ist in den Köpfen drin. Wenn man mit Menschen spricht, heißt es: „Wann hast Du Dein Haus gebaut? Vor‘m letzten Passion oder nach‘m letzten?“ Oder „Wann hast Du das Kind bekommen oder geheiratet – vor‘m 2000er oder nach‘m 2000er?“ Dadurch, dass die Hälfte des Dorfes dabei ist, ist das schon ein ganz wichtiges Thema. Man wächst da rein als Kind und spielt eigentlich auch immer mit, wenn’s beruflich geht. Es gibt einen anderen Zusammenhalt und man kennt sich vielleicht auch besser.

2010 zum Beispiel war der jüngste Abendmahlteilnehmer zehn Jahre alt und der älteste 80. Man hat miteinander geprobt, miteinander den Sommer verbracht und es gab keine Berührungsängste. Ich habe in Oberammergau das Gefühl, dass es sehr viel mehr generationenübergreifende Freundschaften und Austausch gibt. Das finde ich bei uns total schön. Man kennt sich und grüßt sich und hat einfach einen anderen Zugang zueinander.

Wie prägt die Passion für Sie als geborenen Oberammergauer Ihr Leben und Ihre Identität?

In Oberammergau geboren zu sein, gibt es ja eigentlich gar nicht mehr. In den 1970er Jahren hat die Geburtsklinik geschlossen, es gibt also nur noch die eine oder andere Hausgeburt. Darum zählt jetzt also die erste Meldung, die man nach der Geburt macht – das war bei mir Oberammergau. Wenn man von hier kommt, ist man wahnsinnig stolz darauf, wenn man bei den Passionsspielen mitwirken darf.

Ich hatte im Jahr 2000 ein sehr lustiges Erlebnis. Zu dieser Zeit war ich Wehrpflichtiger bei der Bundeswehr, aber eben mit langen Haaren und Bart. Es gab eine Ausnahmegenehmigung für fünf Oberammergauer. Da bin ich natürlich aufgefallen wie ein bunter Hund.

Manchmal gibt es auch überraschende Begegnungen, wenn man sagt, man kommt aus Oberammergau. Ich bin einmal nach Seattle geflogen und am Flughafen bei der Grenzkontrolle hat der US-Beamte in meinen Pass geschaut und meinte: „Oh, Oberammergau, that’s where the Passion Play comes from.“ Da habe ich mir auch gedacht: Da fliege ich um die halbe Welt und selbst an der US-Westküste kennt man unseren Ort. Oder letzten Sommer war ich in Sevilla und ein Taxifahrer hat gefragt, von wo ich herkomme. Ich sagte „Bayern, also: München.“ Und er meinte, da gebe es doch auch Ingolstadt und Oberammergau, wo die so Jesus-Spiele aufführen.

Eigenartig, dass es einerseits so lokal und doch ein weltweit bekanntes Phänomen ist. Das Besondere ist natürlich auch, dass es nur alle zehn Jahre stattfindet und trotzdem seit 400 Jahren hier gelebt wird. Ich bin stolz darauf, ein Teil davon zu sein und das auch weiterzugeben und weiterzutragen. Es ist ganz wichtig, dass immer Junge nachkommen, weil das die Zukunft ist. Die Jungen müssen wir ins Spiel integrieren.

Man muss alle zehn Jahre die Geschichte neu erzählen und die Menschen erreichen.

Wie hat sich das Kulturerbe Passionsspiele jetzt schon fast 400 Jahre erhalten?

Die Oberammergauer lieben ihr Spiel. Im Mittelalter noch gab es ganz viele Passionsspielorte in Bayern und im alpenländischen Raum. In der Säkularisation erging dann ein königliches Verbot. Es passte nicht mehr in die aufklärerischen Zeiten, das „Heiligste“ auf die Bühne zu bringen. Mit diesem Verbot haben ganz viele Orte aufgehört zu spielen. Oberammergauer Einwohner fuhren damals zum Herzog von Bayern und haben eine Ausnahmegenehmigung erwirkt. Sie haben den Text etwas umgeschrieben und dadurch ging es. Damals haben die Oberammergauer anscheinend schon sehr an ihrem Spiel gehangen und haben die Tradition weitergeführt, als andere Orte einfach aufgehört haben. Das Passionsspiel war natürlich damals eine sehr regionale Erscheinung mit ein bis drei Aufführungen. Irgendwann ist es immer größer geworden bis hin zur internationalen Aufmerksamkeit.

Gab es auch Momente, in denen die Spiele vor dem Aus standen?

Ja. Als ab etwa 1890 der große Erfolg einsetzte – Thomas Cook kam nach Oberammergau und hat ganz viele Touristen vor allem aus England hergebracht – haben die Oberammergauer auf einmal gemerkt, dass es auch einen finanziellen Anreiz gibt. Man kann Zimmer vermieten und Essen anbieten, Eintritt verlangen. Und dann haben sie aufgehört ihr Spiel weiterzuentwickeln, was eigentlich zur Tradition dazugehörte. Wenn man zurückschaut, wurde alle 20 bis 30 Jahre eine neue Bühne gebaut, ein neuer Text geschrieben, neue Kostüme geschneidert. Mit dem Erfolg hat man gesagt – nach dem Motto "Never change a winning team" – wir sind erfolgreich, wir machen nichts mehr. Die Kostüme blieben gleich, die Bühne blieb gleich. Die Angst war: Wenn wir etwas ändern, dann kommen die Leute vielleicht nicht mehr. Das hat dazu geführt, dass es etwas altbacken und konservativ geworden ist. Man hat praktisch über viele Jahrzehnte die gleiche Geschichte erzählt. Und das ist ja genau das Falsche.

Man muss alle zehn Jahre die Geschichte neu erzählen und die Menschen erreichen. Dazu gehört, dass man am Text arbeitet, dass man ein neues Erscheinungsbild hat, neue Kostüme. Das hat erst Christian Stückl 1990 wieder in Angriff genommen. Er hat gesagt, wir müssen das Spiel weiterentwickeln, weil es sonst stirbt. Seine Vorgänger haben es nicht geschafft, die Jungen zu begeistern und mitzunehmen. Das Resultat ist, dass es heute in der Altersspanne zwischen 55 und 75 fast keine Schauspieler bei der Passion gibt. Da ist ein Generationenloch entstanden, denn mit 50 fängt kaum jemand an Theater zu spielen. Also man muss da als junger Mensch herangeführt werden, damit man keine Scheu oder gar Angst hat.

Passionsspiele in Deutschland

1633, zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als in Oberammergau bereits 80 Menschen an der Pest verstorben waren, gelobten die Dorfbewohner, alle zehn Jahre Passionsspiele aufzuführen. Fortan starb niemand mehr an der Seuche, so die Erzählung. Ihrem Schwur sind die Oberammergauer seit 1634 inzwischen beinahe 400 Jahre lang treu geblieben.

In Gemeinschaftsleistung der Werkstätten entstehen annähernd 2000 Kostüme und 24 Szenenbilder. Schreiner, Bildhauer, Maler und Schneiderinnen arbeiten über ein Jahr vor der Premiere an der Umsetzung. 2010 beteiligten sich insgesamt 2.500 Personen, also die Hälfte der Bevölkerung Oberammergaus, an der Umsetzung.

Was passiert zwischen den Aufführungen – immerhin neun Jahre Zeit?

Früher hat das Passionsspieltheater tatsächlich neun Jahre lang leer gestanden. In den 1990er Jahren gab es vereinzelte Veranstaltungen, mal ein Konzert zum Beispiel. Christian Stückl meinte, wir müssten wieder sogenannte Zwischenspiele machen, die es in der Vergangenheit auch gab. Das hat mit "König David" angefangen, also auch etwas Biblisches. 2007 haben wir "Jeremias" aufgeführt, ein Stück von Stefan Zweig. Seit 2011 haben wir das dann professionalisiert. Sechs Leute kümmern sich jetzt inzwischen darum, dass im Sommer Theater, Konzerte und Opern stattfinden. Wir richten auch ein Musikfestival für junge Leute aus. Mittlerweile stellen wir da also einiges auf die Beine. In diesem Jahr haben wir "Nabucco" aufgeführt mit professionellen Sängern. Der Chor von ungefähr 180 Sängern war zu 75 Prozent unser Passionschor. Das ist für uns also auch eine Nachwuchsförderung.

Unser Musikalischer Leiter, der von der Gemeinde bezahlt wird, kümmert sich permanent um die Chöre und Orchester sowie die musikalische Nachwuchsarbeit mit einem Nachwuchschor. Das ist bei uns ganz wichtig. In Oberammergau kann man sich übrigens für jedes Kind ein Instrument, das man fürs Passionsspiel braucht, umsonst von der Gemeinde leihen, und auch die Hälfte der Unterrichtsstunden bezahlt die Gemeinde. Man will eben, dass es auch musikalisch auf hohem Niveau weitergeht.

Man kann anhand der Dokumente der Passionsspiele praktisch über 400 Jahre deutsche und bayerische Geschichte erzählen und nachvollziehen.

Die Ernennung des Co-Spielleiters Abdullah Karaca, der muslimischen Glaubens ist, erregte bundesweit Interesse. Wie haben Sie diese Diskussion wahrgenommen?

In der Presse hat das eine große Welle geschlagen. Das hat uns ehrlich gesagt nicht überrascht, klar. Der Spannungsbogen ist schon interessant. Ich hoffe aber nicht, dass es die nächste Passion zu sehr dominiert. Das wird der Produktion dann nicht gerecht. Wir kennen Abdullah Karaca schon so lange, dass die Benennung für uns gar nicht so besonders war. In Oberammergau wurde das wirklich unaufgeregt aufgenommen. Er ist ja hier aufgewachsen, hat als Kind auch bei den Passionsspielen mitgespielt.

Mit 18 oder 19 ist er bei Christian Stückl aufgeschlagen mit dem Wunsch, Regieassistent am Münchner Volkstheater zu werden. Das hat er sehr gut gemacht und im Anschluss an der Hochschule in Hamburg ein Regiestudium abgeschlossen. Jetzt hat er seine ersten Regiearbeiten durchführen können, teilweise schon sehr erfolgreich. Da war das irgendwie eine logische Konsequenz: Er ist Regisseur, er ist aus Oberammergau und Christian Stückl sagt selbst, er wird ja auch nicht jünger. Als zweiter Spielleiter wächst Abdullah da jetzt irgendwie rein. Das ergänzt sich bisher ganz gut. Abdullah wird nächstes Jahr ein Stück in Oberammergau inszenieren, wahrscheinlich auch mit ein paar jüngeren Leuten. Ob er dann irgendwann einmal erster Spielleiter wird, ist eine andere Frage.

Das Passionsspiel in Škofja Loka wurde von Slowenien für die UNESCO-Repräsentative Liste nominiert – die Entscheidung über eine Aufnahme fällt Ende 2016. Besteht von Oberammergau aus auch internationaler Austausch mit anderen Passionsspielen?

Es gibt die Organisation Europassion, in der viele Passionsspielorte Europas einen losen Austausch pflegen. Man trifft sich jährlich. Ein ehemaliger Bürgermeister Oberammergaus, Rolf Zigon, wirkt da unsererseits mit. Die Europassion war bei unserer Premiere 2010 auch mit einer Delegation vertreten. Ich schaue mir ehrlich gesagt nicht alles an, was es an Passionsspielen so gibt. Nur im österreichischen Erl war ich bisher noch.

Wie steht es um die Zukunftsperspektive: Kann sich die Kulturform der Passionsspiele Oberammergau in den modernen Zeiten erhalten?

Ich bin sehr zuversichtlich, dass die Tradition bei uns weitergeht. Mein Sohn zum Beispiel ist jetzt zwei Jahre alt. Wenn wir ins Theater gehen, kommt er gern mit und schaut sehr interessiert, was da passiert. Ich weiß einfach, er wird bei der nächsten Passion mit sechs Jahren dann mit Feuer und Flamme dabei sein. Und so beobachte ich das bei ganz vielen Kindern, die da jetzt hineinwachsen.

Gerade sind wir auch in einer sehr glücklichen Situation, dass wir mit Christian Stückl einen totalen Profi als Spielleiter haben. Stefan Hageneier, der die Bühnenbilder und Kostüme macht, ist Professor an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Markus Zwink hat Musik und Komposition studiert und ist ein wahnsinnig guter musikalischer Leiter. Ob wir dieses Niveau halten können, muss man sehen, aber es sind auf jeden Fall gute Grundlagen gelegt. Es gab immer Phasen, in denen es mal besser, mal schwieriger war, das gehört auch dazu in der langen Geschichte. Aber ich bin ganz zuversichtlich.

Haben Sie Ideen, wie die Weitergabe des Wissens und Könnens künftig noch besser funktionieren kann?

Wenn ich etwas aus dem Nähkästchen plaudern darf: Wir hoffen auf ein Passionsspiel-Museum, das vom Konzept her ein bisschen am Jüdischen Museum in Berlin orientiert sein soll. Dafür sind wir bereits an die Bayerische Staatsregierung herangetreten und hoffen, dass es bald zu Gesprächen kommt. Wir möchten die Historie im Passionstheater visualisieren. Wir haben wahnsinnig viele Dokumente: Eine der ersten Fotografien, die es überhaupt gibt, war ein Jesus-Bild von 1850 in Oberammergau! Wir haben auch noch das Matrikelbuch von 1633, wo die Pesttoten eingetragen wurden. Das war ja der Anfang: Der Schwur der Oberammergauer, alle zehn Jahre eine Passion auszurichten.

Man kann anhand dieser Dokumente praktisch über 400 Jahre deutsche und bayerische Geschichte erzählen und nachvollziehen. Das würde aber eben auch helfen, außerhalb des Zehn-Jahres-Rhythmus die Tradition weiterzubringen. Die Eintragung der Passionsspiele ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes kann uns bei unseren Bemühungen um die Errichtung des Museums beim bayerischen Staat helfen. Es macht uns noch einmal bekannter und ist eine Würdigung dieser langen Geschichte. Es wäre ein großer Wunsch von mir, dass das klappt.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben..
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

Passionsspiele Oberammergau
Passionsspiele Oberammergau

Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Passionsspiele Oberammergau

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Postkarte Kulturtalente

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