Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Osterräderlauf in Lügde

Der Osterräderlauf ist für die Bewohner der „Osterräderstadt“ Lügde ein zentrales und stark identitätsstiftendes Ereignis. Mit breiter Beteiligung aller Generationen wird der Frühlingsanfang gefeiert. Die Tradition erfordert das Beherrschen einer Vielzahl von spezifischen Techniken, die im Kreis der Brauchträger durch aktive Jugendarbeit weitergegeben werden.

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2018
  • Verbreitung: Lügde
  • Zentraler Termin: Ostersonntagabend
  • Bereiche: Gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste

Kontakt

Dieter Stumpe
info@osterraederlauf.de

In der heute lippischen Stadt Lügde findet am Ostersonntagabend ein besonderer Brauch statt. Von einem außerhalb des historischen Stadtkerns liegenden Berg werden brennende Eichenräder heruntergerollt. Jedoch brennt nicht das Holz der Räder, sondern Stroh, mit dem die Räder gestopft wurden. Um das Holz vor dem Verbrennen zu schützen, werden diese bereits fünf Tage lang bis Karsamstag in der direkt an Lügde vorbeifließenden Emmer gewässert. Das Stroh wird aus einer eigens angebauten alten langhalmigen Roggensorte gewonnen und in traditioneller Art und Weise in die Räder eingeflochten. Dieser Vorgang, aber auch schon der Anbau, die Ernte und Verarbeitung des Strohs, sind Teil des Brauches.

Die Ernte des speziellen Langhalmroggenstrohs mit historischen Maschinen ist der erste Schritt der Vorbereitungen. Das gemeinsame Dreschen des Getreides gehört ebenso dazu. Mit dem Wässern der Räder im Fluss „Emmer“ beginnt dann der engere Brauchkomplex.

Das Publikum nimmt am Herausholen der Räder aus der Emmer teil. Der Ostersonntag als Höhepunkt beginnt mit einem Konzert des Spielmannszuges. Bei einem Umzug durch die Stadt werden die Räder, befestigt auf pferdebespannten Wagen, den Menschen der Stadtgemeinschaft präsentiert. Anschließend werden sie auf den Osterberg transportiert. Dort findet das kunstvolle Stopfen der Räder statt. Kanonenschüsse kündigen jeweils die fertige Präparation eines Rades mit Stroh und einer Balancierstange an. Nach Einbruch der Dunkelheit werden die Räder eines nach dem anderen in Brand gesetzt und den Berg hinabgerollt. Erreicht ein Rad die Auslaufzone am Fuß des Berges wird dies mit einem Tusch und lauten Rufen der Zuschauer honoriert. Ein Feuerwerk rundet die Veranstaltung ab.

Das tradierte Wissen als auch die notwendigen handwerklichen Techniken und Fähigkeiten werden an Jung und Alt weitergegeben. Der Osterräderlauf erfährt in der gesamten Region einen überdurchschnittlichen Bekanntheitsgrad und stellt dabei einen identitätsstiftenden Faktor dar.  

Während des Nationalsozialismus wurde ein mutmaßlich germanischer Ursprung des Räderlaufs konstruiert, um den Brauch zu instrumentalisieren. Dieser Vereinnahmung stellte sich die Bevölkerung nur mit passivem Widerstand entgegen. Die Entwicklungen des Brauchs zu dieser Zeit wurde unterdessen wissenschaftlich aufgearbeitet und kritisch reflektiert. 

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben..
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

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