UNESCO-Welterbe Oberes Mittelrheintal

Ort des Austausches und Handels im Zentrum Europas

Der Rhein ist einer der großen Ströme der Erde und war Zeuge vieler bedeutender Ereignisse der Menschheitsgeschichte. Das sich zwischen Bingen, Rüdesheim und Koblenz über 65 Flusskilometer erstreckende Obere Mittelrheintal ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnlicher Ausdruck dieser langen Geschichte.

Als einer der wichtigsten Verkehrswege Europas hat das Mittelrheintal seit zwei Jahrtausenden den Handel und kulturellen Austausch zwischen dem Mittelmeerraum und dem Norden Europas erleichtert (Aufnahmekriterium ii).  Das Tal ist eine außergewöhnliche organisch entwickelte Kulturlandschaft, deren heutiger Zustand einerseits durch die hier anzutreffenden geomorphologischen und geologischen Bedingungen, andererseits durch Eingriffe des Menschen – wie die Errichtung von Siedlungen, Verkehrswegen und Landnutzung – bestimmt ist (Aufnahmekriterium iv). Noch heute ist das Obere Mittelrheintal Beispiel für eine sich fort entwickelnde traditionelle Siedlungsweise in einem engen Flusstal. Besonders die Umformung des Profils der Steilhänge in eine Terrassenlandschaft hat das Landschaftsbild während letzten zweitausend Jahre geformt (Aufnahmekriterium v).

"Der Rhein dient als europäische Transportroute seit jeher dem Austausch von Waren, Traditionen und Ideen und inspirierte viele Dichter, Denker und Künstler zu ihren weltbekannten Werken."

Nadya König-Lehrmann

Die Stätte erstreckt sich von der Binger Pforte, wo der Rhein in einer tiefen, engen Schlucht fließt, durch das 15 km lange Bacharacher Tal mit seinen kleineren, V-förmigen Seitentälern, bis nach Oberwesel, wo die weichen Tonschiefer in harten Sandstein übergehen. Der Rhein passiert einige Engstellen, deren bekannteste die Loreley mit einer Breite von nur 130 m (und der im Mittelrheintal größten Tiefe von 20 m) ist und fließt dann weiter zur Lahnsteiner Pforte, wo sich der Fluss im Neuwieder Becken erneut verbreitert. Die Stätte umfasst auch die mittleren und oberen Rheinterrassen (Oberes Tal), die den früheren Flussverlauf nachzeichnen.

Illustration Welerbestätten

Fakten

Die Landschaft wird von etwa 40 Schlössern, Burgen und Festungen geprägt, die in einem Zeitraum von etwa 1.000 Jahren erbaut wurden. Mit der Zeit wurden sie aufgegeben oder durch die im 17. Jahrhundert geführten Kriege zerstört und sind als pittoreske Ruinen überliefert. Im späten 18. Jahrhundert wuchs die Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur und die oft dramatische landschaftliche Szenerie des Mittelrheintals. Mit seinen rebenbesetzten Talhängen, seinen auf schmalen Uferleisten zusammengedrängten Siedlungen und den auf Felsvorsprüngen wie Perlen aufgereihten Höhenburgen gilt das Tal als Inbegriff der romantischen Rheinlandschaft. Künstler aus aller Welt – Literaten, Maler, Komponisten – haben diese Region bereist und sich durch die Landschaft inspirieren lassen. Die romantische Bewegung ihrerseits hat die Form der im 19. Jahrhundert durchgeführten Restaurierungen und Wiederaufbauten beeinflusst.

Das Obere Mittelrheintal ist bis heute Weinanbaugebiet. 2004 hat sich die Stätte mit sieben weiteren in die UNESCO-Welterbeliste eingeschriebenen europäischen Weinbaugebieten im Rahmen eines Förderprogramms der Europäischen Union zusammengeschlossen, um gemeinsame Weinanbau- und Tourismusprojekte zu entwickeln. Die Zusammenarbeit wurde bis 2012 im Rahmen eines EU-Projekts fortgesetzt und besteht darüber hinaus bis heute als aktive Kooperation fort. Mehr Informationen hierzu finden sich im Konferenzbericht Perspectives of Transboundary Cooperation in World Heritage, herausgegeben durch die Deutsche UNESCO-Kommission.

Die Welterbestätte Oberes Mittelrheintal beteiligt sich an einem internationalen Freiwilligenprogramm der UNESCO im Bereich der Welterbebildung, dem Programm World Heritage Volunteers. Ziel dieses Programms sind unter anderem die Einbindung der jungen Generation in den nachhaltigen Schutz und die Bewahrung des Erbes der Menschheit sowie die Vermittlung praktischer Fähigkeiten und Kenntnisse. Im Jahr 2015 hat die Stätte zudem die Aktion „Ich bin Welterbe“ ins Leben gerufen. Über Postkarten und T-Shirts haben sich seither zahlreiche Menschen als "Erbtante" oder "Erbonkel" bekannt, oder frech den Slogan "Ich erb' hier mal alles" in die Welt getragen. Die Identifikation der Menschen vor Ort mit „ihrem“ Erbe ist Voraussetzung, um das Verantwortungsbewusstsein für den nachhaltigen Schutz und Erhalt der Welterbestätte zu stärken. Damit wird der Kern der Welterbe-Idee – die globale Akzeptanz für den Wert des Kultur- und Naturerbes als Menschheitserbe – umgesetzt. Den Kleinsten bietet das Welterbe Oberes Mittelrheintal die Möglichkeit, die Stätte und ihre Besonderheiten an der Hand einer kleinen Smaragdeidechse zu erleben. Die Abenteuer des Maskottchens und seiner rheinischen Freunde, die allesamt speziell für die Welterbestätte kreiert wurden, sind in einer Comic-Reihe nachzulesen oder als Video abrufbar.

Publikation

Konferenzbericht: Perspektiven der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit im Welterbe - Ein Erfahrungsaustausch in und mit Deutschland.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

Perspektiven

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