UNESCO-Welterbe Karolingisches Westwerk und Civitas Corvey

Vorposten des Frankenreiches am Rande der christlichen Welt

Inmitten einer noch heute in weiten Teilen erhaltenen ländlichen Umgebung im Osten der nordrhein-westfälischen Stadt Höxter am Westufer der Weser liegen das karolingische Westwerk und die Civitas Corvey. Das Westwerk des ehemaligen Benediktinerklosters Corvey, ein der Basilika westlich vorgesetzter Kirchenraum, ist aufgrund der Spitzdächer und Türme aus Bruchsteinmauerwerk aus der Ferne weithin erkennbar. Das Kloster gehörte mit seiner Schule und Bibliothek im Mittelalter zu den wichtigsten Vermittlern der christlichen Kultur.

Das Westwerk von Corvey ist eines der wenigen karolingischen Bauwerke, deren Hauptteil erhalten geblieben ist, und das einzige Beispiel eines immer noch stehenden Westwerks aus dieser Zeit. Der Kirchenraum besteht aus rotem Bruchsteinmauerwerk und hat zwei Fassadentürme und einen zentralen mittleren Turm. In allen Räumen finden sich farbige Wandmalereien mit Ornamentbändern, Zeichnungen und Mustern. Eine Besonderheit sind bis heute die mythologischen Figuren mit Bezug zur Antike, die die Kirchenväter in das christliche Weltbild integrierten. Der zentrale, dreiseitig von Emporen umgebene Hauptraum im Obergeschoss greift in seiner Form und seiner ursprünglichen künstlerischen Ausstattung auf antike Vorbilder für weltliche Repräsentationsräume zurück. Auch das Gewölbe der Eingangshalle knüpft an antike Konstruktionstechniken an. Insgesamt liefert das Westwerk die Grundlage für weitere technische und bautypologische Entwicklungen in romanischer und gotischer Zeit, die im Barock neu interpretiert wurden (Aufnahmekriterium ii). Der Hauptraum im Obergeschoss diente liturgischen Zwecken und privilegierten Nutzungen. 

Um das Kloster mit Schule und Bibliothek entstand schon in der Karolingerzeit der spätestens 940 befestigte Klosterbezirk als religiöses, kulturelles und wirtschaftliches Zentrum, zu dem ein Pilgerhospiz, Wohnhäuser für Gäste und Bedienstete, Wirtschaftsgebäude und Werkstätten gehörten. Dadurch manifestierte sich der politische und kulturelle Aufschwung unter den Karolingern am Rande des fränkischen Reiches (Aufnahmekriterium iii). Das Westwerk ist ein herausragendes Zeugnis der karolingischen Bau- und Klosterkultur, die nicht allein Ausdruck geistlicher Inhalte und kirchlicher Ziele war, sondern auch Instrument der Herrschaftssicherung und des Landesausbaus. Als archäologische Denkmäler sind der ehemals befestigte Klosterbezirk und die aus karolingischen Siedlungskernen um ihn herum gewachsene hochmittelalterliche Stadt herausragende Dokumente des politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens im Mittelalter (Aufnahmekriterium iv).

Fakten

"Seit meiner frühen Kindheit ist mir von meinem Vater die Bedeutung des Ortes für die Menschen und die Verbreitung des Christentums sowie die traditionelle Verantwortung unserer Familie für die Stätte und die Notwendigkeit nachhaltigen Denkens bei deren Verwaltung nahegebracht worden."

Viktor Herzog von Ratibor und Fürst von Corvey

Das Westwerk vereint Innovation mit dem Rückgriff auf antike Vorbilder. Als Gebäudetyp hat es die westliche romanische und gotische Kirchenarchitektur erheblich beeinflusst. Corvey gehörte zu den einflussreichsten Klöstern des Frankenreichs. Sein missionarischer Auftrag war von großer Bedeutung für die politisch-religiösen Prozesse in weiten Teilen Europas. Als Reichsabtei hatte Corvey nicht nur geistige und geistliche Funktion im Hinblick auf die Missionierung Sachsens und der angrenzenden Gebiete, sondern auch politische und wirtschaftliche Bedeutung als Vorposten des fränkischen Reiches am Rande der damaligen christlichen Welt.

Die im Original erhaltene gewölbte Halle mit Säulen und Pfeilern im Erdgeschoss und der dreiseitig von Galerien umgebene Hauptraum im Obergeschoss machen Corvey zu einem der prägnantesten Beispiele der „karolingischen Renaissance“. Dies gilt auch für die an den noch vorhandenen Elementen nachvollziehbare, ursprüngliche künstlerische Ausgestaltung des Erd- und Obergeschosses einschließlich lebensgroßer Stuckfiguren und mythologischer Friese, die das einzige bekannte Beispiel von Wandmalereien christlich umgedeuteter antiker Mythologie in karolingischer Zeit sind. 

Der Klosterbezirk Corvey war in seiner Blütezeit vom 9. bis 12. Jahrhundert eine halbautonome Verwaltungseinheit der Stadt. Eine Inschriftentafel, die aus der Gründungszeit des Klosters stammt, verweist auf die Civitas Corvey, die mit dem archäologisch nachgewiesenen Klosterbezirk identifiziert werden kann. 1265 wurde die Stadt Corvey zerstört. Nur das Kloster wurde im barocken Stil in seiner heutigen Form wieder aufgebaut. Das Westwerk hat die Wirren der Zeit besser überstanden. Es ist trotz mehrerer Umbaumaßnahmen im Wesentlichen erhalten geblieben.

Publikation

Welterbe in Deutschland. Deutschsprachige Sonderausgabe der Zeitschrift 'World Heritage', Nr. 76, des UNESCO-Welterbezentrums.
UNESCO; Deutsche UNESCO-Kommission, 2014

Die Welterbestätte ist Partner des Schulprojekts KulturScouts. Mit Fragebogen und Grundriss ausgestattet, erkunden Schülerinnen und Schüler das mittelalterliche Westwerk, schlüpfen in Mönchskutten und erleben so die rund 1200-jährige Kloster- und Schlossgeschichte von Corvey. Die Vermittlungsarbeit, festgehalten in der Welterbekonvention von 1972 als Aufgabe aller Welterbestätten, ist von großer Bedeutung, um den nachhaltigen Schutz der Stätte zu sichern und Wissen über die völkerverbindende Grundidee des Welterbes weiterzugeben.

Perspektiven

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