UNESCO-Welterbe Gartenreich Dessau-Wörlitz

Philosophisch-politisches Gartenkunstwerk

Als erster Landschaftsgarten nach englischem Vorbild auf dem europäischen Festland ist das Gartenreich Dessau-Wörlitz ein herausragendes Beispiel für die Landschaftsgestaltung zur Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert (Aufnahmekriterium ii). Hierbei ging es längst nicht nur um die ästhetische Gestaltung einer Landschaft. Vielmehr ging es um die Umsetzung philosophischer Prinzipien und politischer Ziele. 

Das 18. Jahrhundert war wegweisend in der Landschaftsgestaltung – die Kulturlandschaft in Sachsen-Anhalt ist ein außergewöhnliches Beispiel dieser Zeit (Aufnahmekriterium iv): außergewöhnliche Bauten, nach englischen Vorbildern gestaltete Parks und Gärten, subtil umgestaltete Agrarflächen und Flüsse und See, die von Tempeln im antiken Stil gesäumt werden. Zwischen der Bauhausstadt Dessau und der Lutherstadt Wittenberg gelegen, erstreckt sich das Dessau-Wörlitzer Gartenreich auf etwa 150 Quadratkilometern. 

Das einzigartige Landschaftskunstwerk ist zwischen 1765 und 1800 von Leopold III. Friedrich Franz, Fürst und Herzog von Anhalt-Dessau (1740 – 1817) und seinem Berater, dem Architekten Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, gestaltet worden. Zahlreiche Anregungen fanden sie auf Bildungsreisen in England, Frankreich, Italien und den Niederlanden. Der Venustempel oder das Pantheon im Ostteil des Gartens erinnern an römische Vorbilder. Das Schloss im Landhausstil gilt als Gründungsbau des Klassizismus in Deutschland. Heute beherbergt es unter anderem antike Plastiken, Gemälde und Gefäße der berühmten Wedgewood-Manufaktur. Die aufklärerischen und pädagogischen Absichten der Bauherren zeigen sich in der Offenheit der Anlage: Kein Zaun trennte den Garten von der Stadt, jedermann hatte freien Zutritt und konnte sogar das Schloss besichtigen.

Über eine Zeitspanne von 40 Jahren wurde ein Netzwerk visueller und stilistischer Beziehungen mit anderen Landschaftsgärten der Region entwickelt, woraus eine Gartenlandschaft einzigartiger Größe in Europa entstand. Die Planer wollten die Bauten und Gartenlandschaft anderer Stätten nicht einfach kopieren, sondern setzten alles daran, eine Synthese einer Vielzahl künstlerischer Beziehungen zu erreichen.

Als Anhänger der Aufklärung nutzte der Herzog die Kunst der Gartengestaltung zum Ausdruck seiner politischen Ziele. Viele der Bauten und Statuen wurden als erzieherische Elemente zur Verfeinerung der Moral des Betrachters konzipiert. Ausgehend von der Idee der ferme ornée hielt die Landwirtschaft als Grundlage des alltäglichen Lebens Einzug in die Gartenlandschaft. Auch technologische Errungenschaften bilden eine weitere Charakteristik dieser Landschaft, sie stehen für das kontinuierliche Streben nach der Moderne. In einem Teil des Barockparks Oranienbaum wurde ein englisch-chinesischer Garten angelegt, der heute das einzige erhaltene Beispiel eines solchen Gartens aus der Zeit vor 1800 in seiner ursprünglichen Form ist.

Schloss Wörlitz ist das erste neoklassizistische Gebäude in der deutschen Architekturgeschichte. Das Gotische Haus nahm entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Neogotik in der mitteleuropäischen Architektur. Zum ersten Mal wurde der gotische Stil zum Ausdruck einer politischen Botschaft verwendet – dem Erhalt der Souveränität der kleineren Reichsgebiete.

Das Gartenreich Dessau-Wörlitz wurde aufgrund der sorgfältigen und strukturierten Einbindung wirtschaftlicher, technologischer und funktionaler Bauwerke und Parks in die künstlerische gestaltete Landschaft zu einem wichtigen Sammelbecken neuer Ideen. Das Gartenreich kann daher als konzeptionell gestaltete und gebaute Philosophie betrachtet werden.

Die Welterbestätte nahm teil an einem Modellvorhaben der Deutschen Bundesstiftung Umwelt zur Erfassung der Wechselwirkungen von Umweltbelastungen, Boden- und Wasserverhältnissen zur Gefahrenabwehr für den Gehölzbestand der Wörlitzer Anlagen und des Luisiums. Mit der Erfassung der grundlegenden Boden- und Standortbedingungen sowie der Schäden und Gefährdungen für den Gehölzbestand im Zusammenhang mit einer Boden- sowie Grund- und Oberflächenwasseranalyse sollten die Voraussetzungen für eine gezielte Verbesserung der Wachstumsbedingungen sowie Maßnahmen zur Gefahrenabwehr vorgeschlagen und ein Mess- und Überwachungssystem geschaffen werden.

In einem gemeinsamen Marketingverbund kooperiert das Gartenreich eng mit den anderen UNESCO-Stätten der Region - Luthergedenkstätten, Bauhaus und Biosphärenreservat Mittlere Elbe. Der Austausch zwischen den Stätten – vor allem zwischen Kultur- und Naturstätten- ist ein zentrales Anliegen der UNESCO, die sich für die Erhaltung und nachhaltige Entwicklung des natürlichen und kulturellen Erbes einsetzt.

Publikation

Welterbe in Deutschland. Deutschsprachige Sonderausgabe der Zeitschrift 'World Heritage', Nr. 76, des UNESCO-Welterbezentrums.
UNESCO; Deutsche UNESCO-Kommission, 2014

In einem gemeinsamen Marketingverbund kooperiert das Gartenreich eng mit den anderen UNESCO-Stätten der Region - Luthergedenkstätten, Bauhaus und Biosphärenreservat Mittlere Elbe. Der Austausch zwischen den Stätten – vor allem zwischen Kultur- und Naturstätten- ist ein zentrales Anliegen der UNESCO, die sich für die Erhaltung und nachhaltige Entwicklung des natürlichen und kulturellen Erbes einsetzt.

weitere Artikel

Speyerer Dom (Frontalansicht)

Welterbe in Deutschland

Speyerer Dom

Als größte romanische Kirche der Welt und Meilenstein in der Geschichte romanischer Architektur ist der Speyerer Dom ein Kulturerbe von außergewöhnlichem Wert. 1981 wurde er in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen.
weiterlesen