Zwischenstaatlicher Ausschuss Immaterielles Kulturerbe 2018

Neuaufnahmen in die weltweiten UNESCO-Listen 2018

Der Zwischenstaatliche UNESCO-Ausschuss für Immaterielles Kulturerbe hat vom 26. November bis zum 1. Dezember 2018 in Port Louis, Mauritius getagt. Er hat 39 Kulturformen und Modellprogramme in die weltweiten UNESCO-Listen des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen: 31 Kulturformen in die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes, sieben in die Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes und ein Modellprogramm in das Register Guter Praxisbeispiele.

Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes

Die Repräsentative Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit zeigt beispielhaft die weltweite Vielfalt des Immateriellen Kulturerbes.

Nordkorea und Südkorea: Traditionelles koreanisches Ringen (Ssirum/Ssireum)

Ssirum/Ssireum ist eine Form des Ringens, bei dem die zwei Wettkämpfer den Gürtel des Gegners ergreifen, um ihn auf den Boden zu ringen. Als leicht zugänglicher Sport mit geringem Verletzungsrisiko stärkt Ssirum/Ssireum das gesellschaftliche Miteinander und dient der psychischen und körperlichen Gesundheit. Die Weitergabe erfolgt innerhalb von Familien, lokalen Gemeinschaften und in Schulen.

Deutschland, Österreich, Tschechien, Ungarn und Slowakei: Blaudruck/Modrotisk/Kékfestés/Modrotlač, Modeldruck und Indigo-Färbung in Europa

Blaudruck oder Blaufärbung ist eine jahrhundertealte Technik der Stoffveredelung, bei der vor der Färbung mit Indigofarbstoff eine farbstoffbeständige Paste auf ein Tuch gedruckt wird. Die Paste verhindert das Einwirken des Farbstoffes an diesen Stellen. Um die Designs auf den Stoff aufzutragen, verwenden Blaudrucker handgefertigte Modeln, die bis zu 300 Jahre alt sind. Der traditionelle Blaudruck endet jedoch nicht mit dem Bedrucken: In der Textilkette werden die Rohstoffe aufbereitet, gesponnen, gewebt, veredelt, bedruckt und gefärbt. Blaudruck wird hauptsächlich von kleinen, familiengeführten Werkstätten angewendet. Doch auch junge Designerinnen und Designer haben die Technik für sich entdeckt, entwickeln in Zusammenarbeit mit den Werkstätten eigene Modekollektionen und stellen diese in Modeschauen weltweit vor.
Zur Pressemitteilung der Deutschen UNESCO-Kommission

Aserbaidschan, Kasachstan und Türkei: Das Erbe von Dede Qorqud / Korkyt Ata / Dede Korkut, epische Kultur, Volksmärchen und Musik

Rund um die Figur Dede Qorqud / Korkyt Ata / Dede Korkut gibt es zwölf heroische Legenden, Geschichten und Erzählungen und dreizehn traditionelle Musikkompositionen, die mündlich von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dede Qorqud erscheint in jeder Geschichte als legendäre Figur und weise Person, deren Worte, Musik und Ausdruck von Weisheit mit den Traditionen von Geburt, Ehe und Tod zusammenhängen.  Die Kulturform ist fest in der Gesellschaft verwurzelt und dient als Bindeglied zwischen den Generationen.

Weißrussland: Feier zu Ehren der Budslaŭ-Ikone der Gottesmutter (Budslaŭ-Fest)

Das Budslaŭ-Fest findet im Dorf Budslaŭ in der Region Minsk statt. Seit dem 17. Jahrhundert kommen jedes Jahr am ersten Juliwochenende Zehntausende Pilger zusammen, um an den Feierlichkeiten zu Ehren der Budslaŭ-Ikone der Gottesmutter teilzunehmen. Pilgerinnen und Pilger schreiben der Patronin der belarussischen Gesellschaft Wunder zu. Budslaŭ gilt als der Ort, an dem die Gottesmutter im Juli 1588 den Gläubigen erschienen ist. Er zieht Gläubige aller Altersgruppen an und stärkt so die Beziehungen zwischen den Generationen.

Bosnien und Herzegowina: Ernte von Iva-Gras auf dem Ozren Berg

Am 11. September eines jeden Jahres, am Tag der Enthauptung des heiligen Johannes, gehen die Bewohner der Dörfer um den Berg Ozren nach Gostilij, um das sogenannte Iva Gras zu pflücken. Nach der Ernte versammeln sie sich in kleineren Gruppen, um traditionelle Musik zu spielen, zu tanzen und zu singen. Iva wird beispielsweise als Tee verwendet, getränkt in Weinbrand oder mit Honig gemischt. Es ist sowohl für seine heilende als auch für seine krankheitsvorbeugende Wirkung bekannt. Heute stehen Gastfreundschaft und soziale Integration im Mittelpunkt der Praxis. Sie wird innerhalb der Familie sowie in Grundschulen weitergegeben.

China: Lum-Heilbad von Sowa Rigpa, Wissen und Praktiken in Bezug auf das Leben und die Gesundheit, die Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten unter den Tibetern in China

Das Lum-Heilbad von Sowa Rigpa ist eine Kulturform, die von der tibetischen Gesellschaft als Teil einer Lebensansicht entwickelt wurde. „Lum“ bezieht sich auf das das Baden in natürlichen heißen Quellen, Kräuterwasser oder Dampf, um Körper und Geist in ein Gleichgewicht zu bringen, Gesundheit zu fördern und Krankheiten zu behandeln. „Lum“ ist beeinflusst von der Bön-Religion und dem tibetischen Buddhismus. Träger und Praktiker sind Landwirte, Hirten und Stadtbewohner. Das Lum-Heilbad spielt eine Schlüsselrolle bei der Verbesserung der Gesundheitsbedingungen, der Förderung eines sozialen Verhaltenskodexes und der Entwicklung von Respekt gegenüber der Natur. Es wurde über Generationen hinweg weitergegeben und als Ergänzung zur formalen Ausbildung in die Lehrpläne der modernen medizinischen Hochschulen aufgenommen.

Kroatien: Međimurska popevka, ein Volkslied aus Međimurje

Međimurska popevka war historisch vorwiegend ein von Frauen praktizierter Solistengesang. Heutzutage wird er von Einzelpersonen und Gruppen, Männern und Frauen, in gesanglichen, vokal-instrumentalen, instrumentalen, monophonen und mehrteiligen Interpretationen aufgeführt. Die Texte sind von großer Bedeutung, es gibt traurig-melancholische, humorvolle und religiöse Popevkas. Die Kulturform wird in einem breiten Spektrum sozialer Kontexte praktiziert. Frauen dienen oft als Mentoren bei der Weitergabe der Praxis an jüngere Generationen.

Kroatien, Zypern, Frankreich, Griechenland, Italien, Slowenien, Spanien und Schweiz: Kunst der Trockenmauer, Wissen und Techniken

Beim Bau von Trockenmauern werden Steine aufeinandergeschichtet ohne verbindende Materialien zu verwenden. Trockensteinkonstruktionen sind in den meisten ländlichen Gebieten, hauptsächlich in steilem Gelände, zu finden. Die Stabilität der Mauern wird durch die Auswahl und Anordnung der Steine sichergestellt. Trockensteinstrukturen spielen eine wichtige Rolle bei der Verhinderung von Erdrutschen, Überschwemmungen und Lawinen sowie bei der Bekämpfung der Erosion und der Wüstenbildung des Bodens, der Verbesserung der Biodiversität und der Schaffung angemessener mikroklimatischer Bedingungen für die Landwirtschaft. Zu den Trägern und Praktikern zählen ländliche Gemeinschaften sowie Fachleute im Baugewerbe.

Kuba: Fest von Las Parrandas im Zentrum von Kuba

Das Fest von Las Parrandas wurde im Jahr 1820 zum ersten Mal abgehalten und wird mittlerweile von achtzehn Gemeinden im Zentrum Kubas begangen, meist in den letzten Monaten des Jahres. Die Parrandas sind ein kultureller Wettbewerb zwischen zwei Gruppen. Beide Parteien arbeiten das ganze Jahr über daran, sich auf den Wettbewerb vorzubereiten. Die Feierlichkeiten umfassen ein breites Spektrum: Herstellung von Kostümen, Lieder und Tänze, Feuerwerk und dekorative Elemente. Jeder in den achtzehn Gemeinden ist an den Feierlichkeiten beteiligt, unabhängig von sozialer Herkunft, Geschlecht, Alter, Religion oder Beruf.

Frankreich: Wissen und Können bei der Herstellung von Parfüm in Pays de Grasse: Anbau von Parfümpflanzen, Wissen und Verarbeitung natürlicher Rohstoffe sowie die Kunst der Parfümkomposition

Die bei der Herstellung von Parfüm angewandten Fähigkeiten in Pays de Grasse umfassen den Anbau von speziellen Pflanzen, das Wissen und die Verarbeitung natürlicher Rohstoffe und die Kunst der Parfümkomposition. Seit mindestens dem 16. Jahrhundert wird diese Kulturform in Pays de Grasse praktiziert. Neben technischen Fähigkeiten erfordert sie auch Fantasie und Kreativität. Das verwandte Wissen wird meistens informell durch einen langen Lernprozess weitergegeben, der hauptsächlich in Parfümerien stattfindet.

Georgien: Chidaoba, Ringen in Georgien

Chidaoba ist eine alte Form der Kampfkunst, die von einem großen Teil der männlichen Bevölkerung in allen Regionen Georgiens praktiziert wird. Hierbei werden Elemente des Ringens mit Musik, und Tanz kombiniert. Eine besondere Kleidung weist die Ringer aus. Nachdem Chidaoba bis zum späten Mittelalter eine Kampffunktion hatte, entwickelte er sich seitdem zu einer öffentlichkeitswirksamen Sportart. Der Verhaltenskodex sichert einen fairen Wettbewerb.

Irland: Hurling

Hurling oder Camogie (eine von Frauen gespielte Form von Hurling) ist ein Feldspiel, das von zwei Mannschaften besonders in Irland aber auch in Übersee gespielt wird. Die 15 Spieler verwenden einen Holzstab (Hurley), der einem Hockeyschläger ähnelt, und einen kleinen Ball (Sliotar). Ziel ist, den Sliotar mit dem Hurley zu schlagen und zwischen den Torpfosten des gegnerischen Teams zu schlagen. Hurling wird als fester Bestandteil der irischen Kultur betrachtet und spielt eine zentrale Rolle bei der Förderung von Gesundheit und Wohlbefinden, gesellschaftlichem Miteinander und Teamgeist. Heute werden die Fähigkeiten in Schulen und Vereinen gefördert und vermittelt.

Jamaika: Reggae-Musik von Jamaika

Die Reggae-Musik von Jamaika ist eine Mischung aus zahlreichen musikalischen Einflüssen, einschließlich früherer jamaikanischer Formen sowie karibischer, nordamerikanischer und lateinischer Einflüsse. Mit der Zeit wurden neo-afrikanische Stile sowie Soul und Blues aus Nordamerika in die Musik integriert. War die Musik ursprünglich kultureller sozial benachteiligter Gruppen, wird die Musik heute von einer breiten Öffentlichkeit gespielt und zelebriert. Ihr Beitrag zum internationalen Diskurs zu Fragen der Ungerechtigkeit, des friedlichen Widerstands gegen soziale Missstände, der Liebe und der Menschlichkeit unterstreicht ihre Dynamik und ihre sozial-kulturelle Bedeutung.

Japan: Raiho-shin, rituelle Besuche von Gottheiten in Masken und Kostümen

Raiho-shin-Rituale finden jährlich in verschiedenen Regionen Japans statt. Die Rituale gehen auf den Glauben zurück, dass Gottheiten aus der Außenwelt - der Raiho-shin - Gemeinschaften besuchen und das neue Jahr oder die neue Jahreszeit mit Glück einleiten. Während der Rituale besuchen Einheimische, die als Gottheiten in ausgefallenen Kostümen und furchterregenden Masken gekleidet sind, Häuser und bringen Kindern respektvolles Verhalten bei. Die Rituale stärken die Identität der Menschen vor Ort - insbesondere der Kinder – und fördern Gemeinschaftssinn.

Jordanien: As-Samer in Jordanien

As-Samer wird in vielen Teilen Jordaniens praktiziert. Es umfasst Tänze und Singen und wird zu verschiedenen Anlässen aufgeführt, meistens während Hochzeitszeremonien. Die Lieder bilden einen bedeutenden Teil der Tradition und bringen Gefühle der Freude und der Empathie zum Ausdruck mit dem Ziel eines friedlichen Zusammenlebens. Das Praktizieren von As-Samer festigt soziale Bindungen und fördert den Zusammenhalt von Gemeinschaften.

Kasachstan: Traditionelle festliche Frühlingsriten der kasachischen Pferdezüchter

Traditionelle Frühlingsriten der kasachischen Pferdezüchter, die im Dorf Terisakkan stattfinden, markieren das Ende des alten und den Beginn des neuen jährlichen Pferdezuchtzyklus. Die Riten basieren auf traditionellem Wissen über die Natur und die Beziehungen zwischen Mensch und Pferd. Angesichts des erzwungenen Übergangs von einer nomadischen zu einer örtlich verankerten Lebensweise im 20. Jahrhundert haben die Träger die traditionelle Form der Pferdezucht an die heutigen Bedingungen angepasst, um ihre dauerhafte Lebendigkeit zu gewährleisten.

Malawi: Mwinoghe, freudiger Tanz

Mwinoghe ist ein Instrumentaltanz, der von drei ethnischen Gemeinschaften - Sukwa, Ndali und Bandya - im Norden Malawis aufgeführt wird. Der Tanz drückt Freude und Glück aus. Begleitet wird der Tanz durch drei Trommeln, eine Pfeife und die Anweisungen des Gruppenleiters. Mwinoghe wird bei gesellschaftlichen Zusammenkünften aufgeführt oder an Tagen von landesweiter Bedeutung. Bei den Aufführungsanlässen werden auch andere traditionelle Tänze praktiziert, so dass unterschiedliche Kulturen gemeinsam feiern können. Die Praxis ist auch in die Lehrpläne von Schulen integriert.

Malaysia: Dondang Sayang

Dondang Sayang ist eine traditionelle malaiische Kunst, die in Melaka von nur noch vier Gemeinden praktiziert wird. Die Kunstform kombiniert Musik, Lieder, Gesänge und melodische Gedichte. Während des Melaka-Sultanats im 15. Jahrhundert wurde Dondang Sayang bei Zeremonien und Veranstaltungen des Königspalastes aufgeführt. In der Folge breitete sich die Tradition in vielen Gemeinden aus. Die Aufführungen von Dongdang Sayang stehen allen Menschen offen, unabhängig von Alter, Beruf, Status oder Religion. Die Kunst wird als Mittel angesehen, die Bindung der Gemeinschaft zu stärken.

Mexiko: La Romería: Ritualzyklus der „La llevada“ der Jungfrau von Zapopan

Die jährliche Feier von La Romería am 12. Oktober eines Jahres ehrt das Bild der Jungfrau von Zapopan. Es ist eine Tradition, die bis ins Jahr 1734 zurückgeht. Die Wallfahrt beginnt im Mai und umfasst viele gemeinschaftliche und liturgische Aktivitäten. Mehr als zwei Millionen Menschen nehmen daran teil. La Romería gilt als eine der beliebtesten und am meisten verwurzelten Traditionen in Westmexiko. Bürgerschaftliche und kirchliche Gruppen sichern die Weitergabe der Tradition.

Oman: Festival „Pferd und Kamel Ardhah“

Das „Pferd und Kamel Ardhah“ ist ein traditionelles Festival, das in vielen Regionen des Oman praktiziert wird. Am Alardhah-Tag beginnt das Festival mit einer traditionellen Präsentation von Kunststücken mit Pferden, Kamelen und ihren Reitern. Die Tradition ist ein fester Bestandteil der Gesellschaftskultur in ländlichen und städtischen Gebieten und zeigt die Hingabe der Menschen für die Tiere. Wissen und Kenntnisse werden von bürgerschaftlichen Organisationen weitergeben, Reitergruppen lehren an Universitäten die Fähigkeiten und das Wissen, um Alardhah zu praktizieren.

Panama: Der rituelle und festliche Ausdruck der Conga-Kultur

Die Kulturform umfasst die Feier der Nachfahren von friedlichen Widerstandskämpfern, die in der Kolonialzeit versklavt wurden. Sie zelebrieren ihre Freiheit, singen über ihren Alltag und führen Tänze aus, um sich der Erde und Natur verbunden zu fühlen. Seit Generationen fördert die Feier die soziale Integration. Die Kunst der Conga-Kultur wird mündlich übermittelt und steht allen Menschen offen.

Polen: Die Tradition der Krippe (Szopka) in Krakau

Diese Tradition spiegelt eine gesellschaftliche Praxis wider, die ihren Ursprung in den Weihnachtsfeierlichkeiten findet und sich auf den Bau von Krippen konzentriert. Die im 19. Jahrhundert entstandene Tradition ist untrennbar mit der Stadt Krakau verbunden und basiert auf Fähigkeiten und Kenntnissen, die seit Generationen weitergegeben werden. Die Teilnahme steht allen Menschen offen. Die Kulturform vermittelt außerdem Wissen über die Geschichte der Stadt, ihre lokale Architektur und ihre Bräuche.

Serbien: Das Singen zur Begleitung der Gusle

Die Gusle ist ein einfaches Saiteninstrument. Das Spiel auf der Gusle gemeinsam mit begleitendem Gesang ist eine uralte Kunstform, die seit Jahrhunderten als historische Gedächtnisform und Ausdruck kultureller Identität praktiziert wird. Die Lieder umfassen ein breites Themenspektrum. Sie legen das Wertesystem des Gemeinwesens dar, ihr interaktiver Charakter fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt und Austausch.

Slowenien: Die Klöppelherstellung

Klöppeln ist eine Handarbeitstechnik, bei der mittels spindelförmigen, meist aus Holz gefertigten Spulen und dem daran aufgewickelten Garn verschiedenartige Spitzen gefertigt werden. Die Klöppelherstellung dient als Inspiration für zeitgenössische bildende Kunst, Design, Architektur und kulinarisches Design.

Spanien: Trommelkonzerte „Tamboradas“

Die „Tamboradas“ sind Gruppenrituale, die auf dem Trommeln tausender Mitwirkender basieren. Die Trommelnden spielen Tag und Nacht ununterbrochen im öffentlichen Raum von Städten und Dörfern. Ein starkes Gefühl der Gemeinschaft steht im Zentrum. Verschiedene Veranstaltungen sorgen für einen generationsübergreifenden Austausch des Rituals. Dazu gehören Trommelkonzerte für Kinder und Trommelwettbewerbe.

Sri Lanka: Traditionelles Marionettentheater „Rūkada Nātya“

„Rūkada Nātya“ ist eine Theateraufführung, die mit Schnurpuppen gespielt wird. Hierbei werden erfolgreich gesellschaftliche Werte vermittelt. Familien führen diese Tradition aus und thematisieren in ihren Geschichten Volksmärchen, buddhistische Weisheiten, antike Literatur, historische Erzählungen oder etwa humorvolle Anekdoten aus dem zeitgenössischen Leben.

Schweiz und Österreich: Das Lawinenrisikomanagement

Das Management des Lawinenrisikos ist von hoher Bedeutung für Alpenbewohner, da diese sich jeden Winter mit potenziellen Gefahren für Bewohner, Touristen und Infrastruktur auseinandersetzen. Da die Alpen dicht besiedelt sind, ist der Schutz vor Lawinen ein vorrangiges Anliegen und wird als kollektive Verantwortung der Gemeinden betrachtet. Einwohner haben seit Jahrhunderten lokales empirisches Wissen, Management- und Risikovermeidungsstrategien sowie kulturelle Praktiken entwickelt, um einander in Krisensituationen zu helfen.

Tadschikistan: Stickereikunst „Chakan“

Das Sticken von Ornamente, Blumenbildern und symbolischen Zeichnungen mit bunten Fäden auf Baumwoll- oder Seidenstoffen in Tadschikistan wird Chakan genannt zu nähen. Die Tradition ist bei Frauen und Mädchen in Tadschikistan weit verbreitet. Sie sticken etwa auf etwa Hemden, Kopftücher, Vorhänge, Kissen, Tagesdecken und Bettdecken für Wiegen. Die Stickerei enthält neben symbolischen Darstellungen auch mythologische Bilder, die sich auf die umgebende Natur und den Kosmos beziehen und Wünsche und Hoffnungen der Menschen zum Ausdruck bringen.

Thailand: Maskentanz-Theater „Khon“

Das Maskentanztheater ist eine darstellende Kunst, die diverse musikalische, literarische, tänzerische und rituelle Elemente kombiniert. Während „Khon“ auf der einen Seite für hohe Kunst steht, die über Jahrhunderte hinweg kultiviert wurde, zeichnet es sich andererseits als eine Theatervorstellung aus, die allen Menschen offensteht, ihnen Unterhaltung bietet und gesellschaftliche Ansichten und Werte behandelt. Der Maskentanz lehrt Respekt vor Menschen höheren Alters und betont den Sieg des Guten über das Böse.

Tunesien: Töpferhandwerk der Frauen in Sejnane

Dieses Töpferhandwerk umfasst eine spezielle Technik zur Herstellung von Terrakotta-Artefakten wie etwa Kochutensilien, Puppen oder Tierfiguren. Die Praxis wird von Frauen ausgeübt, die ihre Kunst im Dorf in Sejnane und an angrenzenden Straßen anbieten. Dabei werden sie häufig von ihrer Familie unterstützt, so dass das Handwerk auch den familiären Zusammenhalt fördert.

Sambia: Mooba-Tanz der Lenje-Volksgruppe der Zentralprovinz von Sambia

„Mooba“ ist der Haupttanz der Lenje-Volksgruppe der Zentralprovinz von Sambia, der schon seit vorkolonialen Zeiten praktiziert wird. Mooba tanzen sowohl Frauen als auch Männer bei gesellschaftlichen Veranstaltungen. Dabei sind die Aufführungen für die Öffentlichkeit zugänglich und ziehen ein breites Publikum an. Mooba soll sowohl unterhalten als auch heilende Wirkung haben und trägt zur spirituellen Identität der Gemeinschaft bei.

Dringend erhaltungsbedürftiges Immaterielle Kulturerbe

Mit der "Liste des dringend erhaltungsbedürftigen Immateriellen Kulturerbes" macht die UNESCO auf verschwindendes Wissen und Können aufmerksam. Folgende Kulturhat der Zwischenstaatliche Ausschuss neu in diese Liste aufgenommen:

Algerien: Kenntnisse und Fähigkeiten der Wasserkontrolleure der Foggaras oder Wassergerichte von Touat und Tidikelt

Die Wasserkontrolleure oder Wassergerichte sind betreut mit der Berechnung der jeweiligen Wasseranteile über die Reparatur von Verteilungskanälen bis hin zur Verteilung von Wasser. Sie spielen eine Schlüsselfigur im Leben der lokalen Bevölkerung, weil sie eine für das Überleben der Menschen notwendige Ressource verwalten. Die Erhaltung des spezifischen empirischen Wissens der Wasserkontrolleure oder Wassergerichte ist jedoch bedroht aufgrund der Änderung von Eigentumsverhältnissen durch die Politik, die Auswirkungen der Urbanisierung sowie bislang unzureichender Überlegungen bezüglich der Weitergabe dieses lebensnotwendigen Wissens.

Aserbaidschan: Yalli (Kochari, Tenzere), traditioneller Gruppentanz aus Nakhchivan

Yalli sind traditionelle Gruppentänze, die eine wichtige Rolle zur Vermittlung gesellschaftlicher Werte spielen. Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts war Yalli weit verbreitet. Unter anderem durch gesellschaftliche Umbrüche, wie Arbeitsmigration und die Wirtschaftskrisen der späten 1980er und frühen 1990er Jahre verloren die Tänze jedoch an sozialer Bedeutung. Die Weitergabe  wurde formalisiert und die Tänze drastisch vereinfacht, was zu einem Verlust ihrer Vielfalt führte.

Kambodscha: Lkhon Khol Wat Svay Andet

Diese kulturelle Ausdrucksform vereint verschiedene Elemente von Musik und darstellenden Künsten. Sie hat den Zweck, die bedeutenden Geister zu beschwören und den Gemeinschaften dadurch gute Ernteerträge und Wohlstand zu bringen. Lkhon Khol wird zu rituellen Zwecken durchgeführt, meistens im Zusammenhang mit dem Zyklus des Reisanbaus. Die Praxis wird mündlich weitergegeben, mittlerweile wird das implizite Wissen der Tradition auch schriftlich festgehalten. Nach vielen Generationen, die die Tradition erfolgreich weitergegeben haben, bedrohen heutzutage jedoch Umweltfaktoren, wirtschaftliche Abwanderung und eine Unterbrechung der Weitergabe von 1970 bis 1984 aufgrund des Regimes der Roten Khmer den Erhalt der Kulturform.

Ägypten: Traditionelles Handpuppen-Theater

Al-Aragoz ist eine alte Form des ägyptischen Theaters mit traditionellen Handpuppen. Die Darsteller und das Publikum interagieren während der Vorführungen. Im Zentrum der Theaterstücke stehen Themen des täglichen Lebens, insbesondere der Kampf gegen Korruption . Die Lebendigkeit der Kulturform wird durch soziale, politische und rechtliche Veränderungen bedroht, darunter strengere Gesetze zu öffentlichen Versammlungen,  religiöser Radikalismus und nachlassendes Interesse bei Jüngeren.

Kenia: Enkipaata, Eunoto und Olng’esherr, drei Übergangsriten der Jungen und Männer der Maasai-Gemeinschaft

Enkipaata, Eunoto und Olng’esherr sind drei Übergangsriten der Jungen und Männer der Maasai-Gemeinschaft: Enkipaata ist die Einführung ins Jugendalter, Eunoto ebnet den Weg ins Erwachsenenalter und Olng’esherr ist die Zeremonie, die das Ende des Moranismus und den Beginn der Ältestenzeit markiert. Respekt, Verantwortung und die Weitergabe von indigenem Wissen, zum Beispiel in Bezug auf Viehzucht, Konfliktbewältigung und Traditionen, sind wichtige Bestandteile dieser Riten. Die Praxis ist unter anderem aufgrund von Reformen des Landbesitzsystems und der Auswirkungen des Klimawandels, die das Überleben von Rindern bedrohen, stark rückläufig.

Pakistan: Suri Jagek, traditionelle meteorologische und astronomische Praxis, basierend auf der Beobachtung von Sonne, Mond und Sternen in Bezug auf die lokale Topographie

Suri Jagek, wörtlich übersetzt als „Beobachtung der Sonne“, ist ein traditionelles meteorologisches und astronomisches Wissenssystem und -verfahren der Hindukuschregion Kalasha in Pakistan. Das System wird unter anderem herangezogen, um etwa den geeigneten Zeitpunkt für die Aussaat, das Wetter oder Naturkatastrophen vorherzusagen. Es wird auch verwendet, um den Kalasha-Kalender zu regeln. Seine Weitergabe beruht erfolgt durch Volksgeschichten, Lieder und Sprichwörter. Mit dem Aufkommen technologisch fortschrittlicher Methoden zur Vorhersage der Wetterbedingungen rückt das traditionelle Sonnenbeobachtungssystem zunehmend aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein

Syrien: Schattenspiel

Das Schattenspiel ist eine traditionelle Theaterkunst mit handgefertigten Puppen. Es wird heute hauptsächlich in Damaskus praktiziert. Ein Licht hinter der Bühne projiziert die Schatten der Puppen auf die Leinwand, die vom Puppenspieler genutzt werden, um satirische Gesellschaftskritik zu äußern. Traditionell werden Vorführungen in Cafés abgehalten. Die Verbreitung des Schattenspiels hat jedoch im Laufe der Jahre abgenommen, insbesondere aufgrund der Verbreitung moderner Technologien und digitaler Unterhaltungsformen sowie aufgrund des jahrelangen Bürgerkriegs in Syrien. Die Aufführungen beschränken sich heute meist auf Festivals oder besondere Feiertage.

Register Guter Praxisbeispiele

Die ins UNESCO-Register Guter Praxisbeispiele aufgenommenen Modellprojekte zeigen, wie Immaterielles Kulturerbe effektiv und mit innovativen Methoden erhalten, an kommende Generationen weitergeben und lebendig weiterentwickeln werden kann.

Schweden: Land of Legends-Programm zur Förderung und Wiederbelebung der Kunst des Geschichtenerzählens in der Kronoberg-Region (Südschweden)

Das Land-of-Legends-Programm zielt auf die Förderung und Wiederbelebung der Erzählkunst in der südschwedischen Region Kronoberg. In Schweden haben Faktoren wie Industrialisierung, Urbanisierung, Fernsehen und soziale Medien dazu geführt, dass die Kunst des Geschichtenerzählens fast verschwunden ist. Das Storytelling Network von Kronoberg initiierte das Land-of-Legends-Programm, das eine Reihe von Aktivitäten organisiert, darunter ein Erzählfestival, Ferienlager für Jugendliche, Aktivitäten in Schulen und Hochschulen, Kurse für angehende Lehrer und Nachhilfeaktivitäten sowie internationale Zusammenarbeit. Dieses Modellprogramm trägt auch dazu bei, Erfahrungen und Werte generationsübergreifend weiterzureichen.