Traditionen

Wozu brauchen wir noch Brauchtum?

Ein Essay von Wolfgang Kaschuba

Mit Brauchtum verbinden viele Folklore oder Trachtenverein. Aber Bräuche können auch ein Stück Heimat in einer globalisierten Welt sein. Doch dazu müssen sie sich öffnen – etwa für den muslimischen Schützenkönig im „deutschen“ Verein, meint Wolfgang Kaschuba.

Brauchtum: Das klingt schon so nach gestern, nach Dorf, nach Trachtenverein. Und dieses Bild ist einerseits ja nicht nur Vorurteil. Denn wer Bräuche schätzt und wer sie pflegt, der lebt in der Regel in einer lokalen Welt, in der das Einheimische und Bestehende hochgehalten wird, während dem Neuen und Fremden doch eher Misstrauen begegnet. Wie das halt so ist, in überschaubaren Face-to-Face-Gesellschaften.

Was wir heute Brauch nennen, ist in der Regel eine rituelle, also eine festgelegte, gemeinsame und verbindliche Form der Erinnerung, des Festes, der Geselligkeit. Ob Schuhplattler oder Karneval: Bräuche erzählen uns Geschichten von Gemeinschaften und deren Traditionen. Sie erzählen uns aber auch Geschichten von Konvention und Religion.

Denn bis in die Moderne hinein gab es einen engen historischen Zusammenhang von Religion und Gemeinschaft. Und der zog scharfe Grenzen, meinte ein striktes Drinnen und Draußen, ein klares Wir und Die. Denn er bedeutete: Einschluss der eigenen und Ausschluss der anderen – eben wegen falscher Religion, falschem Geschlecht oder falschem Stand. Brauchtum war insofern „schon immer“ auch anfällig für völkische Ideologien und politischen Missbrauch.

Welche Traditionen sind noch deutsch?

Das scheint so weit nicht weg vom Heute: von den aufgeregten politischen und medialen Debatten darüber, welche Leitkultur es denn nun sein soll, wieviel davon christlich sein muss oder muslimisch sein darf und welche Traditionen denn überhaupt noch „deutsch“ sind. Bräuche scheinen da vielfach noch symbolische Haltegriffe anzubieten gegen kulturelle Verunsicherung.

Das also zum Einerseits. Andererseits steht Brauchtum mittlerweile eben auch für Anderes: für lokale Geschichtspflege, für zivilgesellschaftliches Engagement, für offene Heimaten und gegen rechtspopulistische Germanen-Ghettos.

Tausende lokaler Vereine und Initiativen kümmern sich inzwischen ehrenamtlich um die unterschiedlichsten Traditionen und Zwecke. Auch um Migranten und Flüchtlinge. Auch um deren Brauchtum. Und inzwischen krönen manche „deutschen“ Vereine sogar schon muslimische Schützenkönige.

Nicht wenige dieser lokalen Bräuche beschäftigen – und integrieren! – ein ganzes Dorf oder eine ganze Kleinstadt. Weil das eben eine Ehrensache für alle ist. Weil diese Ehrensache aber oft auch Prestige und Geld bedeuten kann. Allein das Münchner Oktoberfest – für viele Touristen vor allem der deutscheste aller Bräuche – setzt bekanntlich Hunderte Millionen Euro jährlich um.

Unser Brauchtum hat sich also vielfach gewandelt. Keineswegs nur in Deutschland. Deshalb hat die UNESCO in den 1990er-Jahren auch ein eigenes Programm für die Unterstützung dieses kulturellen Erbes ins Leben gerufen. Übrigens auf Wunsch afrikanischer und asiatischer Staaten, die ihre eigenen Traditionen vor allem in solchen Gemeinschaftsformen und Wissensbeständen verkörpert sehen: in Tanz und Musik, in Theater und Volkskunst.

Deutschland ist dieser Konvention erst vor wenigen Jahren beigetreten – weil wir selbst noch unsicher waren angesichts mancher allzu „deutschen“ Tradition.

Kulturerbe muss für alle zugänglich sein

Doch hat sich mit den Bräuchen nun auch ihre Definition und Funktion erweitert. Zu einem großen Teil betrachten wir sie heute tatsächlich als gemeinsames „Kulturerbe“. Sofern sie eben niemanden wegen Herkunft, Geschlecht oder Glaube ausschließen. Völkische Riten oder reine Männerbünde kommen dafür also ebenso wenig in Frage wie katholische Karwoche oder muslimischer Ramadan: möglichweise zwar Brauchtum, aber ohne offenen Zugang, also kein „Erbe“ für alle!

Vor allem aber geht es der UNESCO beim Kulturerbe heute um „Lebendigkeit“: um Bräuche nicht in musealen Vitrinen, sondern in lebensweltlichem Gebrauch. Denn wenn sich Traditionen nicht mit uns wandeln, dann sterben sie einfach aus.

Dieses Essay wurde am 24. September 2018 von Deutschlandfunk Kultur ausgestrahlt.

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba

ist Mitglied des Vorstands, Vorsitzender des Fachausschusses Kultur und des Beirates Vielfalt kultureller Ausdrucksformen der Deutschen UNESCO-Kommission.

Er wurde 1950 in Göppingen (Baden-Württemberg) geboren und war von 1992 bis 2015 Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für empirische Migrations- und Integrationsforschung der HU. Zuletzt veröffentlichte er „Tempelhof. Das Feld. Die Stadt als Aktionsraum“.

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