Auf ein Wort,

"Ein Armbad ist der „Kneipp‘sche Kaffee“ am Mittag."

Kulturtalent April

Irmgard Muhler
Geschäftsführerin des Kneipp-Vereins Heilbronn e.V.

Das Naturheilverfahren "Kneippen" basiert auf den Prinzipien des regelmäßigen Trainings und der Abhärtung. Wassertherapien finden seit Jahrtausenden Anwendung, später wurden die Wasserbehandlungen durch Sebastian Kneipp weiterentwickelt. Irmgard Muhler, Geschäftsführerin des Kneipp-Vereins Heilbronn e.V., erklärt im Interview, welche Wirkung die Kneipp-Therapie auf unseren Gesundheitszustand hat.

Frau Muhler, was macht „Kneippen“ in Deutschland heute aus?

Es gibt in Deutschland rund 600 Kneippvereine, die die Kneipp‘sche Gesundheitslehre weitergeben. Daneben gibt es zahlreiche Kneippkurorte. Das bayerische Bad Wörishofen ist der wohl bekannteste, denn hier hat Kneipp gelebt. Die meisten Menschen bringen Kneippen mit dem Wassertreten in Verbindung. Die Gesundheitslehre nach Sebastian Kneipp beinhaltet aber einen Ansatz, der darüber hinausgeht und fünf Elemente umfasst: Wasser, Heilkräuter, Bewegung, Ernährung und Lebensordnung. Erst das Zusammenspiel dieser fünf Elemente führt zu positiven Gesundheitseffekten.

Wie ist die Kneipp-Therapie nach der „Entdeckung“ durch Pfarrer Sebastian Kneipp weiterentwickelt worden?

Kneipp hinterließ der Nachwelt viele Schriften, die bekanntesten davon sind „So sollt ihr leben“ und „Meine Wasserkur“. In diesen erwähnt Kneipp bereits die einzelnen Aspekte der Therapie. Schon früh hat er Heilkräuter bei seinen Wasseranwendungen mit einbezogen und darüber hinaus Wert auf eine gesunde Ernährung gelegt. Auch die Bedeutung von Bewegung war ihm wichtig. So hat er beispielsweise Menschen, die den ganzen Tag nur am Schreibtisch saßen, Holzhacken als Bewegungstherapie verschrieben. Diese Therapie wurde später als Kneipp‘sche Fünf-Elemente-Lehre bekannt. Sie wird von Ärzten stetig verbessert und weiterentwickelt. Es zeigt sich, dass gerade in der heutigen hektischen Zeit Kneipp mit seiner ganzheitlichen Lehre – Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen – immer mehr an Bedeutung gewinnt. Das Konzept ist also aktueller denn je.  

Ein Armbad ist der „Kneipp‘sche Kaffee“ am Mittag.

Kulturtalente

Kulturtalente in ganz Deutschland prägen und gestalten das Immaterielle Kulturerbe. Sie erhalten kulturelle Traditionen durch Anwendung und Weitergabe ihres Wissens und Könnens. Die Deutsche UNESCO-Kommission stellte von Juli 2016 bis Juli 2017 12 Kulturtalente vor und zeigt, wie sie das Immaterielle Kulturerbe hierzulande kreativ weiterentwickeln. Irmgard Muhler ist das Kulturtalent des Monats April 2017.

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Welche gesellschaftliche Wirkung hat das Kneippen?

Das Interesse der Menschen an diesem Naturheilverfahren ebbte auch nach Kneipps Tod nicht ab. Damals haben viele Menschen die Kneipp’schen Anwendungen als Abhärtung und Vorbeugung für sich entdeckt und gemeinsam praktiziert. Durch das Kriegsgeschehen sind die Anwendungen in der Öffentlichkeit etwas in den Hintergrund geraten. Der nächste große Aufschwung beziehungsweise das Wiederbeleben der Therapie war, besonders bei uns im Verein, in den 1970er und 1980er Jahren. In dieser Zeit konnten wir einen sehr großen Mitgliederzuwachs verzeichnen. Seit ein paar Jahren stellen wir erneut einen positiven Trend fest, unter anderem weil sich die Menschen wieder verstärkt für Naturheilkunde und eine gesunde Lebensweise interessieren. Gerade bei kleineren Beschwerden sind Kneipp-Anwendungen sehr effektiv.

Wie sieht eine konkrete Anwendung nach der überlieferten Praxis von Kneipp aus?

Im Bereich der Wasseranwendungen gibt es neben dem Wassertreten beispielsweise den Arm-, Knie- und Gesichtsguss. Für ein Armbad oder alternativ einen Armguss braucht man nur kaltes Wasser aus einem Gartenschlauch oder einem Gießrohr im Bad. Man fängt bei allen Anwendungen immer an der herzentferntesten Körperstelle an, beim Armguss also rechts außen am kleinen Finger. Dann fährt man mit dem Gießrohr bis zur Schulter und auf der Innenseite zurück bis zum Daumen. Das Ganze macht man auch am linken Arm. Man kann es zwei- bis dreimal wiederholen. Zum Schluss wird das Wasser nur abgestreift. Anschließend sollte man die Arme bewegen und für deren Wiedererwärmung sorgen. Diese Wasseranwendung erfrischt, belebt und stärkt das Immunsystem. Wichtig ist zu wissen, dass Kneipp-Anwendungen erst dann effektiv sind, wenn man sie regelmäßig praktiziert.

Kneippen als Immaterielles Kulturerbe

Das Kneippen wurde 2015 in das Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das Naturheilverfahren basiert auf den Prinzipien des regelmäßigen Trainings und der Abhärtung, beispielsweise durch Wassertreten. Wassertherapien finden seit Jahrtausenden Anwendung, unter anderem durch Hippokrates, der Wasser eine heilende Wirkung zuschrieb. Später wurden die Wasserbehandlungen durch Sebastian Kneipp, einem der bekanntesten Vertreter der modernen Wassertherapie, weiterentwickelt.

Was macht Ihr Kneipp-Verein Heilbronn e.V. zur Verbreitung und Weitergabe der Praxis?

Wir bieten diverse Kurse und Aktivitäten für Jung und Alt an, von Wassergymnastik über Bewegungs- und Entspannungskurse bis hin zu Radfahren oder Wandern. Informationen über Heilkräuter und Ernährung bieten wir natürlich auch an. Die Geselligkeit ist uns dabei immer ein wichtiges Anliegen. Unsere Aktivitäten bringen ganz verschiedene Menschen zusammen. Und nicht zu vergessen, in den warmen Jahreszeiten machen wir an der Kneippanlage  regelmäßig Wasseranwendungen. Für den Bereich Heilkräuter holen wir uns eine Expertin, die Führungen in der Natur durchführt. Für die Bestimmung von Heilkräutern muss man sich aber nicht gleich Expertenwissen aneignen, denn es gibt auch ganz alltägliche Heilkräuter, die man im Garten anpflanzen kann. Laut Kneipp zählen beispielsweise auch Schnittlauch, Petersilie, Thymian und Rosmarin zu den Heilkräutern. Petersilie enthält viel Vitamin C, Rosmarin ist anregend für das Herz und hebt zu niedrigen Blutdruck an. Wir erhalten Anfragen von Vereinen oder Verbänden, die mehr über die Kneipp-Anwendungen erfahren möchten. Ich stelle dann Sebastian Kneipp, seine Entwicklung und das Kneippen vor. Die Weitergabe des Wissens macht mir unglaublich viel Spaß.

Unsere Aktivitäten bringen ganz verschiedene Menschen zusammen.

Das Thema „Gesunde Ernährung“ ist vielen ja sehr wichtig. Was tun Sie in diesem Bereich, gerade auch um Kinder für das Kneippen zu begeistern?

Es gibt heutzutage ja ein Überangebot an Lebensmitteln. Manchen Kindern, Jugendlichen und auch Erwachsenen ist nicht immer klar, was wirklich gesund ist und was man guten Gewissens kaufen kann. Gesunde und ausgewogene Ernährung ist aber eine sehr effektive und sinnvolle Vorsorgemaßnahme gegen Krankheiten wie zum Beispiel Diabetes. Der Kneipp-Bund ist im Bereich Gesundheitsmanagement sehr aktiv und hat ein Konzept erarbeitet, wie dieses spezielle Wissen Kindern schon in den Kitas vermittelt werden kann. Erzieherinnen und Erzieher haben die Möglichkeit, sich hierzu weiterzubilden und für ihren Kindergarten eine Kneipp-Zertifizierung zu bekommen.

Auch für Betriebe werden Maßnahmen zum Gesundheitsmanagement angeboten. Was beinhalten diese nach Kneipp?

Auch hierfür gibt es ein spezielles Konzept, welches gerade neu aufgelegt wird. Das kann auf den einzelnen Betrieb zugeschnitten werden. Ein Betrieb, der nur Büroangestellte beschäftigt, hat logischerweise andere Bedürfnisse als beispielsweise ein Handwerksbetrieb. Ich finde diese Maßnahmen sehr wichtig, schließlich fördern sie das Wohlbefinden der Mitarbeiter. Und wenn sich die Mitarbeiter wohler fühlen, arbeiten sie auch effektiver und besser. Dabei ist immer wichtig, dass es einen zuständigen Ansprechpartner im Betrieb für das Gesundheitsmanagement gibt. Man kann beispielsweise mittags einfach mal den Kaffee weglassen und stattdessen ein Armbad nehmen. Das kann man leicht im Waschbecken machen: beide Arme für ein paar Sekunden ins kalte Wasser tauchen, danach das Wasser abstreifen. Das erfrischt und regt den Kreislauf wieder an. Das ist der „Kneipp‘sche Kaffee“ am Mittag.

Pfarrer Kneipp meinte: „Vorbeugen sollt Ihr, nicht das Übel erst groß werden lassen

Ist die gesundheitsfördernde Wirkung der Kneippkur eigentlich wissenschaftlich belegt?

Manche Ärzte empfehlen ihren Patienten Wasseranwendungen, um die körpereigenen Heilungsprozesse zu unterstützen. Kneippanwendungen heilen zwar keine Krankheiten, aber sie sind sehr sinnvoll und effektiv als begleitende Maßnahme zu schulmedizinischen Verfahren sowie zur Vorbeugung. Pfarrer Kneipp meinte: „Vorbeugen sollt Ihr, nicht das Übel erst groß werden lassen.“ Für bestimmte Anwendungen, wie der Hydrotherapie, gibt es wissenschaftliche Studien zur Wirksamkeit. Beispielsweise wurde nachgewiesen, dass ein täglicher Gesichtsguss die Anzahl der körpereigenen Immunglobuline ansteigen lässt. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Abwehr von Krankheitserregern. Bereits nach acht Tagen konnte hier ein Anstieg festgestellt werden. Ein Anliegen von uns ist, dass mehr klinische Studien zur Wirksamkeit der Kneippkur durchgeführt werden. Ein Meilenstein auf dem Weg zur wissenschaftlichen Anerkennung des Gesundheitskonzeptes nach Kneipp war die Einrichtung einer Stiftungsprofessur an der Berliner Charité. Diese wird durch Prof. Dr. Benno Brinkhaus besetzt, der auch Leiter der Hochschulambulanz für Naturheilkunde an der Charité ist. Der Kneipp-Bund fördert wissenschaftliche Untersuchungen zu Naturheilkunde mit dem Ziel der stärkeren Integration der Naturheilkunde in die Hochschulmedizin.

Kneippen in Deutschland

Aus der Gründung der ersten Kneipp-Vereinigung 1890 in Bad Wörishofen erwuchs ein großes Netzwerk von Vereinen, die mit ehrenamtlichem Einsatz das Wissen und Können rund ums Kneippen stetig verbreiten und weitergeben. Neben den Vereinen sind Kneippheilbäder und -kurorte wichtige Akteure, die für eine gesellschaftliche Verankerung des Wissens und der Praxis sorgen.

Gibt es in der Kneipp-Familie auch internationale Zusammenarbeit?

Ja, 1962 wurde der internationale Verband „Kneipp Worldwide“ gegründet. In diesem sind neben deutschen Kneipp-Verbänden auch Kneipp-Verbände aus Österreich, der Schweiz, Italien, Ungarn und den Niederlanden vertreten. Insgesamt sind Einzelmitglieder aus 40 Ländern vertreten. Der Schwerpunkt der Arbeit dieser internationalen Kneipp-Bewegung liegt auf Kongressen, Mitgliederwerbung und natürlich den Internationalen Kneipp-Aktionstagen. Die Aktionstage sind gesellige Events, die seit 2001 stattfinden und sich in der europäischen Kneipp-Bewegung fest etabliert haben. Dieses Jahr finden die Aktionstage Mitte Juni in der Steiermark in Österreich statt. Man muss dazu wissen, dass Kneipp schon zu Lebzeiten viel auf Reisen war und Vorträge über seine Lehre in der Schweiz, in Italien und in vielen weiteren Ländern gehalten hat. Seine Bücher wurden in 14 verschiedene Sprachen übersetzt. Deshalb ist das Kneippen in vielen Ländern verbreitet.

Welche Wirkung hatte die Eintragung des Kneippens ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes Ihrer Meinung nach?

Ich fand dies für unseren Verein und die gesamte Kneipp-Bewegung sehr positiv. Unsere  Arbeit und die Kneipp‘sche Gesundheitslehre werden insgesamt noch mehr geachtet und geschätzt.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben..
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

Kneippen – traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps
Kneippen – traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps

Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Kneippen – traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps

Das Kneipp‘sche Naturheilverfahren hat den Erhalt bzw. die Wiederherstellung der Gesundheit des Menschen zum Ziel. Es basiert auf den Prinzipien des regelmäßigen Trainings und der Abhärtung, beispielsweise durch Wassertreten. Die ganzheitliche Kneipp-Therapie zielt darauf ab, Körper, Geist und Seele des Menschen in Einklang zu bringen.
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Kulturtalente prägen, gestalten und erhalten
Postkarte Kulturtalente

Immaterielles Kulturerbe

Kulturtalente prägen, gestalten und erhalten

Kulturtalente in ganz Deutschland prägen, gestalten und erhalten Immaterielles Kulturerbe durch Anwendung und Weitergabe ihres Wissens und Könnens. Die Deutsche UNESCO-Kommission stellt zwölf Kulturtalente vor, die persönliche Einblicke geben, wie sie Immaterielles Kulturerbe tagtäglich leben, kreativ weiterentwickeln und an nachfolgende Generationen weitergeben.
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