Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Anlage und Pflege von Flechthecken

Flechthecken sind eine kulturhistorisch gewachsene, spezifische Form der Feldeinfriedung. Diese ehemals in Europa weit verbreitete handwerkliche Technik unter Nutzung von gewachsenen Naturmaterialien ist auch heute für eine aktive Kulturlandschaftspflege wertvoll. So sind es insbesondere Ziele des Naturschutzes, die dieser Kulturform eine erneut aktuelle Bedeutung gegeben haben. 

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2018
  • Verbreitung: deutschlandweit, hauptsächlich im Raum Nieheim
  • Zentraler Termin: ganzjährig
  • Bereiche: Gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste; Wissen und Bräuche in Bezug auf die Natur und das Universum; traditionelle Handwerkstechniken

Kontakt

Heimatverein Nieheim e.V.
Ulrich Pieper
info@sackmuseum.de
http://www.sackmuseum.de

Im Raum Nieheim hat sich die Technik des Heckenflechtens bis heute erhalten. Jedes Jahr im Spätwinter bis Frühjahr werden die Hecken neu eingebunden. Kopfweiden liefern die zum Flechten benötigten dünnen, einjährigen Weidenruten. Zuerst wird Holz aus den Haseln herausgeschnitten, welches zu dick oder zu alt oder zu dicht gewachsen ist. Einige stärkere Stöcke bleiben stehen, werden in Brusthöhe abgesägt und dienen als Pfosten für die drei waagerechten Lagen zu denen die verbliebenen, etwa besenstieldicken Äste gebogen werden. Für die unterste Lage werden die Äste, alle in die gleiche Richtung, möglichst nah zum Boden, etwa Kniehöhe, herabgedrückt, die unter Druck stehenden Äste an mehreren Stellen mit Weidenruten zusammengebunden und so an anderen Stöcken befestigt, dass sie ihre Stellung beibehalten. Es wird immer zur Eigentümerseite gebunden, das heißt die Knoten befinden sich auf dieser Seite. Ziel ist eine möglichst schmale, gleichmäßige Hecke mit einer Höhe von ungefähr 1,50 m.

Unabdingbar für die Anlage und Pflege von Pflechthecken ist die Beherrschung der Technik der Verknotung von dünnen Weidenruten, die von Generation zu Generation weitergegeben wird. Nach ungefähr sieben Jahren wird die Hecke wieder neu eingebunden, eventuelle Ausfälle werden dabei repariert, nachgebunden. Bei der Neuanlage werden zwischen Kopfweiden einreihig überwiegend Haseln und einzelne Weißdornpflanzen gesetzt, andere Gehölze siedeln sich mit der Zeit von selber an.

Flechthecken sparen Bauholz ein und fungieren sogar als Lieferant zusätzlicher Nahrung. Die älteren Hecken dienen auch der Aushegung des freilaufenden Viehs, die jüngeren der Einzäunung des Weideviehs. Als lebende Zäune sind sie daher vorwiegend in Landschaften mit vorherrschender Weidewirtschaft zu finden. Mit Einführung des Stacheldrahtes im 20. Jahrhundert begann in den meisten Landschaften auch der Rückgang der Flechthecken. Sie wurden durch Drahtzäune ersetzt und das Wissen um die Technik des Heckenflechtens geriet mehr und mehr in Vergessenheit.

Zahlreiche Funktionen werden von Flechthecken erfüllt: Sie dienen nicht nur dem Zweck eines schlichten Zauns, sondern sind auch Schattenspender für das Vieh, grenzen Grundstücke voneinander ab, liefern Brenn- und Brauchholz sowie Haselnüsse und Futter. Die "Nieheimer Heckenlandschaft" im Kulturlandkreis Höxter bietet ein Stück Kulturgeschichte. Seit einigen Jahren werden verwilderte Hecken wieder gepflegt, um das Landschaftsbild aufzuwerten und den vielseitigen Nutzen der Hecken zu betonen. Gerade heute stellt die Kulturform einen großen ökologischen Wert für die Tier- und Pflanzenwelt dar. Vögel erhalten neuen Lebensraum, Igel, Hasen, Siebenschläfer oder die Haselmaus und Rebhühner finden einen Brut- und Nistplatz. Im Rahmen der jährlichen Aktionen der Region Nieheim bekommen Interessierte, speziell auch Kinder und Jugendliche, die Möglichkeit die Flechttechniken praxisnah kennenzulernen.

 

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben..
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

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