Register Guter Praxisbeispiele Immaterielles Kulturerbe

Amateurmusikpflege in Baden-Württemberg

Fast ein Drittel aller nicht-professionellen Musiker der gesamten Bundesrepublik stammt aus Baden-Württemberg. Ein bedeutendes lokales Ereignis ohne die unmittelbare Beteiligung eines Amateurmusikvereins ist in Baden-Württemberg praktisch undenkbar. Proben, Aufführungen, Traditionsfeste, Wettbewerbe, Workshops, Fort- und Weiterbildungen – die Liste der Veriensaktivitäten ist lang und bundesweit vorbildlich.

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2018
  • Verbreitung: Baden-Württemberg
  • Zentraler Termin: ganzjährig
  • Beispiel Guter Praxis der Erhaltung Immateriellen Kulturerbes

Kontakt

Landesmusikverband Baden-Württemberg e.V.
info@landesmusikverband-bw.de
www.landesmusikverband-bw.de

Das Musizieren in Vereinen hat hier auch bereits eine sehr lange Tradition, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Entsprechende Bedeutung hat Traditionspflege in den Vereinen: Symbole (z.B. Fahnen, Uniformen) werden gepflegt und benutzt, das musikalische Repertoire enthält Werke aus allen Epochen bis in die Gegenwartsliteratur und wird permanent ergänzt. Die Archive der Vereine und Fachverbände werden mit Liebe zum Detail geführt. Durch die Jahrhunderte waren Musikvereine Horte eines freiheitlich orientierten, bürgerlichen Selbstverständnisses ohne Standesgrenzen, der Volkskunst und der kulturellen Identifikation. Dies sind sie bis heute geblieben und erfreuen sich auch und gerade in einer nahezu grenzenlosen, individualisierten und globalisierten Welt mit vielfältigen Möglichkeiten der kulturellen oder künstlerischen Betätigung ungebrochenen Zuspruchs.

Proben, Aufführungen, Traditionsfeste, Wettbewerbe, Workshops, Camps und Seminare zur Fort- und Weiterbildung – die Liste der Aktivitäten ist lang. Das generationsübergreifende Miteinander durch alle gesellschaftlichen Milieus und Schichten hindurch zeichnet Musikvereine besonders aus. Jüngere lernen im Verein ganz selbstverständlich von Älteren - und umgekehrt. Das gemeinsame Identitätsbewusstsein tritt u.a. zutage beim jährlich an wechselnden Orten stattfindenden Landes-Musik-Festival mit tausenden aktiv Musizierenden und noch mehr Zuhörenden. Das Festival bringt die ganze Vielfalt amateurmusikalischen Schaffens einmal jährlich exemplarisch auf die Bühne(n).

Auch die professionelle Musikszene profitiert von den Vereinen der Amateurmusik. Ein musikalisch versiertes Publikum, Studierende der Musik oder Arbeitsplätze im Bereich der Amateurmusik sind dafür plakative Beispiele. Musikvereine sind ferner Stabilisatoren der Gesellschaft und des kulturellen Lebens. Durch sie ist ein niederschwelliger Zugang zu Kunst, Kultur, Traditions- und Heimatpflege für jedermann gewährleistet. Öffentliche Auftritte in Form von Konzerten, Veranstaltungsreihen oder musikalischen Umrahmungen von gesellschaftlichen Ereignissen lösen bei Zuhörenden positive Emotionen aus. Die identitätsstiftende Wirkung in einer sehr dynamischen, extrem mobilen und immer heterogeneren Gesellschaft kann als sehr hoch eingeschätzt werden.

Die Amateurmusik-Vereinskultur in Baden-Württemberg vereint sowohl die Erhaltung kulturellen Erbes mit künstlerisch-musikalischer Weiterentwicklung als auch die Bewahrung tradierter Strukturen bei gleichzeitig notwendiger Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen und Bedarfe. Die Pflege des musikkulturellen Erbes, die persönliche musikalische Weiterentwicklung in der Gruppe und die musikalische Geselligkeit am Wohnort bzw. in der Heimatregion dürften Hauptmotivation der meisten Vereinsmitgliedschaften sein. Dabei ist das generationsübergreifende Moment im Musikvereinsleben besonders bedeutsam und dient quasi automatisch der Weitergabe der kulturellen Ausdrucksform über Generationen hinweg und so der Vermittlung von Kontinuität. Dies zeigt sich konkret etwa in den flächendeckenden Konzertangeboten der Musikvereine für alle Altersgruppen oder an den vielfältigen Kooperationsprojekten, etwa mit (Grund-)Schulen, die jährlich bei einem landesweiten „Kooperationskonzert“ Ergebnisse der musikalischen und musikpädagogischen Arbeit präsentieren.

Als modellhaft kann auch die Bewältigung der seit dem 20. Jahrhundert stattfindenden Ausdifferenzierung der Vereinsstrukturen mit verschiedenen Ensembleangeboten für unterschiedliche Altersgruppen oder musikalische Genres gesehen werden, gegenwärtig ist ein Strukturwandel beipielsweise bezüglich geringerer Ensemblegröße(n) in den Chorvereinen zu beobachten, dem die Vereine und Verbände durch Konzeption innovativer Angebote und Beratungsmaßnahmen begegnen. Aber auch dem zunehmenden Qualitätsanspruch der AmateurmusikerInnen tragen die Vereine und Verbände Rechnung: das musikalische Aus- und Weiterbildungsangebot wird immer differenzierter. So finden einerseits noch heute vielfältige Wettbewerbe und Wertungsspiele statt – eine Tradition, die bis auf das „Preiswettsingen“ auf den Chorgesang des 19. Jahrhunderts zurückgeht.

Andererseits haben die Verbände Strukturen der Nachwuchsförderung geschaffen, die es InstrumentalistInnen innerhalb ihres Vereines ermöglicht, vom Erlernen eines Instruments bis hin zur DirigentInnenausbildung alle Stufen der musikalischen Betätigung zu durchlaufen. Der Erfolg dieser ganzheitlichen Systeme lässt sich beispielhaft an den Mitgliedszahlen der Blasmusikverbände ablesen: fast jedes zweite aktive Mitglied in einem Blasmusikverein ist unter 27 Jahren alt. Weitere Veränderungen, insbesondere der jüngeren Vergangenheit, zeigen sich in den internen Strukturen der Amateurmusikvereine: Vorstandsaufgaben werden immer stärker in Teamarbeit gelöst, die ehrenamtlichen Funktionsträger agieren immer professioneller. Die notwendige Professionalisierung wird von den Fachverbänden und im Zusammenschluss auf Dachverbandsebene vom Landesmusikverband gestützt und vorangetrieben: das breite Fort- und Weiterbildungsprogramm im Bereich Vereinsmanagement ist bundesweit vorbildlich und wird gegenwärtig durch die Akkumulation in einem „Kompetenznetzwerk Amateurmusik“ weiter qualitativ und quantitativ fortentwickelt.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

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