Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Reetdachdecker-Handwerk

Das Eindecken von Dächern mit dem Naturbaustoff Reet (regional auch Ried, Reith, Rohr oder Schilfrohr genannt) ist eine der ältesten Handwerkstechniken beim Hausbau. Die ersten nachgewiesenen Reetdächer gab es bereits um 4000 v. Chr. Als Basismaterial für Reetdächer dient das gemeine Schilf- oder Teichrohr.

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2014
  • Verbreitung: vor allem im norddeutschen Raum mit Küstennähe (Niedersachsen, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern)
  • Zentraler Termin: ganzjährig
  • Bereich: Wissen und Bräuche in Bezug auf die Natur und das Universum; Traditionelle Handwerkstechniken

Kontakt

Reetdachdecker-Innung Mecklenburg-Vorpommern 
Marlies Händschke
KHS.Mueritz-Demmin@t-online.de

Reetdächer findet man in vielen Regionen Europas u. a. in Holland, England sowie Dänemark, aber auch Asiens und Afrikas. In Deutschland sind sie heute überwiegend im norddeutschen Raum mit Küstennähe zu finden, wie auf dem Darß und der Insel Rügen in Mecklenburg-Vorpommern. Vereinzelt trifft man sie auch im Spreewald oder in Süddeutschland an.

Die ersten nachgewiesenen Reetdächer gab es bereits um 4000 v. Chr., wie z.B. die Pfahlbauten am Bodensee. Ursprünglich waren es Dächer in ländlichen Regionen, die der Bauherr mit eigenen Mitteln aus den bewährten, regional verfügbaren Naturbaustoffen Reet oder Stroh erbaute. Da die Erntezeit für das Reet in den Winter fällt, passte das in den Arbeitsablauf des bäuerlichen Lebens. Die Pflanze ist zu dieser Zeit trocken, die Blätter sind größtenteils abgefallen und der Halm hat seine Elastizität erhalten.

Die Reetdachdeckerei erfordert großes fachliches Können, die Dächer mit Schilf – oder wie es früher oft üblich war mit Stroh – zu gestalten. Das Handwerk lebt von einer Fülle mündlich überlieferter Traditionen und handwerklicher Gepflogenheiten, die von Generation zu Generation durch das gemeinsame Arbeiten auf dem Dach weitergegeben wurden. Erst im 20. Jahrhundert wurden die ersten Fachregeln herausgegeben, um eine Standardisierung zu erreichen. Der Lehrberuf des Dachdeckers, Fachrichtung Reetdachtechnik wurde 1998 entwickelt, um den gestiegenen fachlichen Anforderungen Rechnung zu tragen.

"Um das Handwerk zu erlernen, braucht es mehr als nur ein Wochenendseminar. Man muss es ganz praktisch angehen: zuschauen, erklären lassen, ausprobieren. Jedes Dach ist anders, jeder Reetbund ist anders – dafür braucht es Erfahrung und ein gutes Gespür."

Joachim Schröter, Kulturtalent und Reetdachdecker

Die Werkzeuge des Reetdachdeckers sind auch heute noch recht einfach und den Verarbeitungstechniken angepasst. Für das Befestigen des Reets wird Befestigungsdraht mithilfe von Nadeln aus Metall durch das Reet um die Dachlatte geführt. Mit dem Klopf- oder Treibbrett wird das Reet hochgeklopft, in die Bindung getrieben und die Dachneigung bestimmt. Heute haben moderne Bindetechniken Einzug gehalten und es werden mit Draht verknüpfte Schrauben verwendet, die mittels eines Akku-Schraubers in die Dachlatte geschraubt werden.

Das Interesse an dem sensiblen Naturbaustoff und somit an den reetgedeckten Dächern ist in den letzten Jahren wieder gestiegen. Auch eine erhöhte Brandgefahr mit den damit gekoppelten Versicherungsprämien können überzeugte Bauherren nicht von einer Reeteindeckung abhalten. Die Reethausbesitzer schätzen das angenehme Wohnklima, die harmonische Ausstrahlung der Häuser und/oder unterstützen die Verwendung nachwachsender Baumaterialien aus ökologischen Gründen.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

Perspektiven

"Um das Handwerk zu erlernen, braucht es mehr als nur ein Fachbuch oder ein Wochenendseminar."
Kulturtalent Joachim Schröter, Reetdachdecker-Meister

Kulturtalente

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