Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Handwerksgesellenwanderschaft Walz

Die Handwerksgesellenwanderschaft, auch „Walz“ genannt, ist die überwiegend im Baugewerbe verbreitete Tradition, sich als „Junggeselle“ oder „Junggesellin“ nach erfolgreichem Abschluss der Lehre auf mehrjährige Wanderschaft zu begeben. Die Walz ist die einzigartige Gelegenheit, sich als junger Handwerker im Rahmen einer jahrhundertealten Tradition sowohl beruflich als auch persönlich weiterzuentwickeln.

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2014
  • Verbreitung: deutschlandweit und darüber hinaus
  • Zentraler Termin: ganzjährig

Kontakt

Conföderation Europäischer Gesellenzünfte (CCEG)
Friedrich Bader
www.cceg.eu

Die Tradition der Walz und die damit verbundenen Bräuche gehen zum Teil bis auf das Hochmittelalter zurück, als die zunehmende Spezialisierung und Differenzierung vieler Gewerbe einen europaweiten Austausch handwerklichen Know-hows notwendig machten. Insbesondere bei Handwerkern des Bauhaupt- und -nebengewerbes hat sich die Tradition der Wanderschaft seit Jahrhunderten nahezu nahtlos erhalten. In jüngerer Zeit stößt die Tradition der Walz auch bei anderen Handwerksberufen wieder auf Resonanz. In der Regel dürfen die Gesellen das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, müssen ledig und schuldenfrei sein. Die Nationalität ist nicht von Belang, Gesellen müssen jedoch Deutsch sprechen.

Mit dem aufkommenden Vereinswesen im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden nach und nach Gesellenvereinigungen gegründet. So entstanden zwischen 1890/91 und 1910 fünf „Schächte“ (Gesellenvereinigungen), die in ihrer Form bis heute fortbestehen. In den 1970er und 80er Jahren gründeten sich zwei weitere Schächte, die im Unterschied zu den fünf anderen auch Frauen in ihre Reihen aufnehmen. Zum Ende des 20. Jahrhunderts ist zudem die Zahl der freireisenden Gesellen gestiegen, die sich unorganisiert auf Wanderschaft begeben.

„Die   Wanderjahre   waren   einst   die   Hochschule des Handwerks, eine Art Hochschulstudium  in  der  freien  Schule  des  Lebens, von  einer  entsprechenden  Organisation  in bestimmten  fachlichen  Bahnen  gehalten  – ein Hochschulstudium, wie es für das Handwerk, ja für die Mehrzahl aller Berufe durch nichts mehr ersetzt werden kann.“

Rudolf Wissell, ehem. Politiker

Mit nur fünf Euro oder Schweizer Franken macht sich der Geselle, in der Regel zunächst in Begleitung eines erfahrenen Gesellen, der ihn in das zünftige Reisen und in die Gesellschaft mit ihrem Gesellenbräuchen einführt, auf den Weg. In seiner Reisezeit von Handwerksbetrieb zu Handwerksbetrieb, von Herberge zu Herberge, ist es dem Gesellen verboten, den Bannkreis von 50 km um seine Heimatstadt zu betreten. Der Geselle reist immer zünftig in Kluft und schwarzem Hut, mit Stenz und Charlottenburger (dem Wanderstock und dem traditionellen Reisebündel) und führt über die verschiedenen Arbeitsaufenthalte und Reisestationen in seinem persönlichen Reisebuch Zeugnis. Als Wandergeselle ist man sich seiner Verantwortung gegenüber der Kluft und allen, die ebenfalls diese Kleidung tragen, bewusst und verhält sich so, dass einem nachfolgenden Gesellen ebenfalls „die Tür geöffnet“ wird.

Auf die Walz zu gehen heißt nicht nur, sich als Handwerker in Kluft auf Reisen zu begeben. Entscheidend ist vielmehr in eine Gemeinschaft eingebunden zu sein, was ein kontinuierliches Tradieren von älteren Generationen an die Jüngeren ermöglicht. Der Schacht oder die Gesellschaft bildet mit seinen einheimischen Gesellen und ihren Herbergen, wo auch die traditionellen geheimen Versammlungen (das Aufklopfen) abgehalten werden, das Netzwerk, in dem sich der reisende Geselle bewegt und auf welches er immer zurückgreifen kann. Somit ist die Walz als der allgemein sichtbare Aspekt des zünftigen Handwerksreisens nur ein Teil der damit zusammenhängenden Tradition, die letztlich durch die lebenslängliche Verbundenheit der einzelnen Gesellen mit ihren Gesellschaften zusammengehalten und weitergetragen wird.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017