Gastbeitrag von Bundesaußenminister Heiko Maas

Die Arbeit an der Weltvernunft beginnt dort, wo Menschen miteinander sprechen

Wenn wir Verständigung wollen, müssen wir den Mut haben, Fragen zu stellen – und zuzuhören. Nur wenn wir auf andere zugehen, können wir Dinge bewegen. Im Großen wie im Kleinen.

Bei vielen Menschen stellt sich immer öfter das Gefühl ein, grundsätzliche Errungenschaften seien gefährdet: Internationale Übereinkommen werden infrage gestellt. Die gemeinsame Suche der Staaten dieser Welt nach Lösungen für globale Probleme wird abgelöst von nationalen Alleingängen. Nationalisten und Populisten fordern unsere Demokratien heraus und verkünden allenthalben, dass Kompromisse vor allem eines seien, nämlich faul. Immer mehr laufen wir Gefahr, unsere Fähigkeit zum Dialog auch zu schwierigen und kontroversen Themen zu verlieren.

In einer Zeit, in der zunehmende Konfrontationen den Willen zur Zusammenarbeit auf die Probe stellen, brauchen wir mehr denn je Menschen, die den Mut haben, das Gespräch zu suchen und fortzusetzen. Auch und vor allem über Unterschiede hinweg – damit aus Unterschieden keine Gräben werden. Nicht erst seit Willy Brandt wissen wir, dass Außenpolitik, die dem Frieden dienen soll, harte Arbeit ist. Willy Brandt sprach von der Arbeit an der Weltvernunft, die der Maßstab für auswärtige Politik sein soll. Diese Arbeit ist nicht allein eine Aufgabe der Politik, sondern sie beginnt überall dort, wo Menschen aus verschiedenen Ländern miteinander ins Gespräch kommen: zum Beispiel an Goethe-Instituten, in deutschen Auslandsschulen und an Hochschulen weltweit.

Als wir im Auswärtigen Amt gemeinsam mit der Deutschen UNESCO-Kommission den internationalen Freiwilligendienst kulturweit ins Leben riefen, wurden wir von dem Ziel geleitet, eine Kultur der gegenseitigen Verständigung zu fördern. Seit fast zehn Jahren lernen nun schon junge Menschen mit kulturweit, was Verständigung in unserer komplexen und oftmals auch komplizierten Welt bedeutet. Im Großen, wenn sie erleben, wie Kultur andernorts gestaltet, wie Bildung in anderen Teilen der Erde organisiert wird, aber auch im Kleinen, wenn sie ihren Alltag in einer anderen Sprache, in einem anderen Land, in einer anderen Gesellschaft bewältigen sollen, die sie erst einmal verstehen müssen.

In beiden Fällen lernen sie vor allem eines: dass man auf andere zugehen muss, um Dinge zu bewegen. Sie lernen Fragen zu stellen und zuzuhören, sie lernen zu verstehen, sie lernen mit anderen Menschen in Dialog zu treten und ihre eigene Meinung zu hinterfragen. Wir brauchen dieses Wissen, wenn wir in einer Welt leben wollen, in der Vertändigung nicht als fauler Kompromiss begriffen wird. Daher müssen wir auch in Zukunft jungen Menschen aus allen Teilen unserer Gesellschaft die Chance geben, einen Blick über den Tellerrand zu werfen. Der Freiwilligendienst kulturweit ist eine solche Chance.

Dieser Beitrag stammt aus dem kulturweit Magazin 2017/2018

Publikation

kulturweit Magazin 2017/2018.
Deutsche UNESCO-Kommission / Freiwilligendienst kulturweit, 2018

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Freiwilligendienst kulturweit

kulturweit ist der internationale kulturelle Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission, gefördert vom Auswärtigen Amt. Er vermittelt junge Menschen zwischen 18 und 26 für sechs oder zwölf Monate in Organisationen der internationalen Kultur- und Bildungsarbeit. kulturweit ist mit dem Quifd-Siegel für Qualität in Freiwilligendiensten ausgezeichnet.
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