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Juli 2012

Nachhaltige Wissenschaft - Wie kommen wir voran?

Memorandum Forschung für nachhaltige Entwicklung in Berlin vorgestellt

Der Vorstand der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) hat das Memorandum „Wissenschaft für Nachhaltigkeit“ aus Anlass des Wissenschaftsjahres 2012 verabschiedet und am 14. Juni in Berlin vorgestellt. Vertreter aus Wissenschaft, Verbänden und Politik diskutierten über die Forderungen (begleitende Broschüre).

Gerd Michelsen
DUK/Mühlenfeld (CC BY-NC-SA)

Prof. Dr. Gerd Michelsen, Vorsitzender des Fachausschusses Wissenschaft der Deutschen Wissenschaft und einer der Autoren des Memorandums, stellte die Forderungen des Memorandums zusammenfassend vor. Anschließend diskutierten auf dem Podium Dr. Thomas Jahn, Prof. Dr. Thomas Lang und Dr. Lutz Möller über die Forderungen. Daniel Lang hat den ersten deutschen Lehrstuhl für transdisziplinäre Forschung an der Uni Lüneburg inne, Thomas Jahn ist Sprecher der Institutsleitung am ISOE in Frankfurt und leitet dort den Forschungsschwerpunkt „Transdisziplinäre Konzepte und Methoden“. Lutz Möller ist Fachbereichsleiter der DUK. Trotz kurzfristiger Absagen aus Ministerien und Bundestag entwickelte sich eine äußerst lebhafte, kenntnisreiche und neue Bezüge eröffnende Diskussion mit dem Publikum. Heike Leitschuh moderierte die Veranstaltung in der „Denkerei“ in Berlin-Kreuzberg gewohnt gekonnt.

Worüber sprechen wir?

Ausgangspunkt der Wissenschaft für Nachhaltigkeit ist, dass trotz gegenteiliger Vermutung ganz grundlegende Fragen der Wechselwirkung von menschlichem Handeln und natürlichen Systemen und den entsprechenden Transformationsprozessen bislang nicht verstanden sind – es geht also um wissenschaftliche und nicht nur um gesellschaftliche Herausforderungen. Ein Beispiel ist die Frage warum die steigende Umweltwahrnehmung nicht zu anderen Verhaltensarten führt. Ein anderes Beispiel lautet, wie Transformationsprozesse überhaupt funktionieren. Transdisziplinäre und sozial-ökologische Forschung forscht gerade oft auch über die Forschung selbst, was anders und besser geforscht hätte werden können.

Transdisziplinäre Wissenschaft zielt ab auf die Etablierung neuer Organisations- und Bewertungsformen der Forschung, neuer Karrieremöglichkeiten und einer neuen Bewertung des gesellschaftlichen Nutzens. Es geht nicht um eine „systemsprengende Revolution“, sondern um die bewusste Gestaltung eines bereits laufenden, eher zufällig oder ungerichtet stattfindenden Transformationsprozesses des Wissenschaftssystems selbst.

Manche Einwände zu „Wissenschaft für Nachhaltigkeit“ sind inzwischen im Konsens widerlegt und konnten auf der Veranstaltung routiniert gekontert werden. Zum Beispiel der Einwand, die im Grundgesetz verankerte Wissenschaftsfreiheit widerspräche der Orientierung auf gesellschaftlich vereinbarte Ziele. Richtig ist, dass die Ausrichtung der Forschung auf außerwissenschaftliche Ziele heute und immer schon üblich ist. Aktuelles Beispiel ist die Ausrichtung auf die Steigerung der wirtschaftlichen Innovationsfähigkeit (zum Beispiel im Rahmen der Lissabon-Strategie). Der Einwand zur Wissenschaftsfreiheit bedeute oft, sich aus der gesellschaftlichen Verantwortung zu stehlen, die ihr zukommt.

Das Podium
DUK/Mühlenfeld (CC BY-NC-SA)

Ein weiterer üblicher Einwand besteht darin, transdisziplinäre Forschung abzulehnen, weil sie sich nicht dem wissenschaftlichen Exzellenzstandard stellen wolle; hier wird unterstellt, es handele sich um beliebige oder gar schlechte Forschung. Richtig ist vielmehr, dass Leistungsfähigkeit und Qualität von inter- und transdisziplinärer Forschung natürlich anhand von Kriterien beurteilt werden können und müssen, jedoch anhand von anderen als von disziplinär vereinbarten und etablierten Kriterien. Nachhaltigkeitsforschung stellt ganz zentral ab auf Kernelemente des Forschungsdrangs, Neugier, Kritik und Überraschung. Auch wenn die Kritik am Exzellenzbegriff, nämlich die Gefahr der Hierarchisierung und Disziplinierung durchaus gesehen wurde, argumentierte das Podium unzweideutig für den Exzellenzbegriff, aber innerhalb eines ganz anderen Wissenschaftsverständnis’. Es sei auch international seltener ein Gegensatz zwischen einer Vorreiterrolle bei Transdisziplinarität und klassischer Exzellenz zu beobachten, etwa seien Harvard oder die ETH Zürich unter den Vorreiter-Universitäten in der Nachhaltigkeitsforschung. 

Ein dritter üblicher Einwand besteht darin, Nachhaltigkeitsforschung lehne technische Lösungen ab. Richtig ist hingegen, dass transdisziplinäre Forschung darauf hinweist, dass ausschließlich technisch-ingenieurwissenschaftliche Ansätze zu oft an der Lösung von Nachhaltigkeitsproblemen vorbeizielten. Zu oft werden Sozialwissenschaften nur als Begleitforschung verstanden, um technisch ausformulierte Ansätze in die Gesellschaft besser einzupassen, zu vermitteln bzw. zu „vermarkten“, anstatt dass Sozialwissenschaftler und Stakeholder schon in die Definition der Forschungsfrage einbezogen würden. Technische Lösungen werden gebraucht, aber nur gemeinsam mit der Praxis lässt sich klären, wofür, wozu und wie. Daniel Lang nannte es: „Das Problem ins Zentrum setzen, die Wissenschaft vom Kopf auf die Füße stellen“; ausgehend vom Problem müsse entschieden werden, welches Wissen und welche Wissenschaften zur Lösung einzubeziehen sind. Kritisiert wird von Seiten der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung zudem, dass für sehr stark technisch geprägte Förderprogramme, z.B. gegenwärtig zur Energiewende, so erheblich mehr Mittel bereit stünden als für klar transdisziplinäre Förderungen. Mit Blick auf die Gesamtförderung im F&E Bereich erscheinen einzelne Programme wie die SÖF ggf. sogar nur als vernachlässigbare Zugeständnisse, um an den Grundstrukturen nichts ändern zu müssen.

Oft kommt auch die Vermutung vor, Auftraggeber von Forschung lehnten transdisziplinäre Forschung als zu aufwändig und evtl. sogar als zu ‚esoterisch’ ab. Laut Thomas Jahn ist das Gegenteil der Fall bei Auftraggebern wie Kommunen oder öffentlichen Unternehmen – gerade die Orientierung am konkreten Problem mache die transdisziplinäre Forschung für diese Auftraggeber interessant. Leider sei das aber nicht der Fall bei den großen Forschungsföderern.

Das Publikum
DUK/Mühlenfeld (CC BY-NC-SA)

Heike Leitschuh stellte die Frage, warum nach knapp 20 Jahren transdisziplinärer Nachhaltigkeitsforschung man immer noch darauf bestehe, ‚neu’ zu sein. Mit dem Blick auf die Gesamtgeschichte des Wissenschaftssystems ist aber laut Daniel Lang ein solcher Zeitraum nicht lang, wenn berücksichtigt wird, dass nun ernst gemacht werden soll mit der Zusammenarbeit sich historisch komplett getrennt entwickelt habender Forschungsdisziplinen und mit der Zivilgesellschaft. Thomas Jahn betonte, dass im Hinblick auf die heutigen finanziellen Ressourcen und das Personal schon viel erreicht sei. Wir stünden aber noch ganz am Anfang, wenn der Maßstab der mögliche Beitrag der Wissenschaft zur Umsetzung einer nachhaltigen Entwicklung sei. Er erinnerte daran, dass sich Nachhaltigkeit als gesellschaftliches Leitbild lange Zeit an Wirtschaft und Politik richtete; außerdem habe nach Johannesburg die Gefahr bestanden, dass Nachhaltigkeit von der Tagesordnung verschwinde, nur der Schulterschluss mit der Klimadebatte um 2007 herum habe das einerseits verhindert und zugleich die wissenschaftliche Dimension der Nachhaltigkeit in den Vordergrund geschoben. Laut Thomas Jahn fiel die Katalysatorwirkung des Nachhaltigkeitsbegriffs, nämlich verschiedene, teils gegensätzliche Schwerpunkte wie Ökologie, soziale Anliegen oder die Entwicklung der ‚Dritten Welt’ neu zusammen zu denken, leider zeitlich zusammen mit dem Reformdiskurs an den Hochschulen unter einem anderen Leitbild – dem der unternehmerischen Universität - was die Reformprozesse stark festgelegt und viele offene und dynamische Strukturen an der Universität gerade nicht unterstützt habe. Laut Thomas Jahn habe die Exzellenzinitiative mit der Clusterbildung zwar erfolgreich Strukturen aufgebrochen, aber zugleich entlang einer rein disziplinär verstandenen und auf eine sehr enge Vorstellung von „Leistung“ eingeengte Exzellenz auch völlig falsche Anreize gesetzt.

Daniel Lang beschrieb die Wissenschaft als ein System von Machtstrukturen großer und verschränkter Institutionen, mit der besonderen Rolle der Förderorganisationen. Diese „großen Schiffe“ hätten zwangsläufig Strukturen geschaffen, die sich nicht so schnell ändern lassen.  Wenn man gemäß dem Drei-Ebenen-Modell der Transformationsforschung die Wissenschaftslandschaft mit ihren Regimen und Nischen betrachtet, ist Nachhaltigkeitsforschung heute noch eine – sehr lebhafte – Nische. Vieles sei schon erreicht, es wurden Journale geschaffen, es sind Studienangebote entstanden. Die Kernaussage des Memorandums sei, dass eine expansive Nachhaltigkeitsforschung sich nicht in das bestehende System einfügen, sondern das System der Forschung, Forschungsbewertung und Forschungsförderung insgesamt verändern solle. Konkret werde diese Frage gerade an der Universität Lüneburg diskutiert, nämlich anhand der Frage, ob man Mitglied der DFG werden wolle. Insofern sei Forschung für Nachhaltigkeit kein neues Thema, das additiv zum Kanon der bestehenden Forschungsthemen hinzutrete, sondern eines, das das System in toto in Frage stelle. Aber die Forschung für Nachhaltigkeit muss heute schon beginnen und nicht auf eine Systemänderung warten, eine Möglichkeit sei die Kooperation mit neuen Förderern wie der Gates Stiftung.

Forderungen

Eine entscheidende Forderung besteht nach einhelliger Meinung des Podiums darin, dass die transdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung möglichst rasch Gütestandards etablieren müsse, damit sich eine Peer-Community mit Fachgemeinschaften usw. bilden kannDas seit 200 Jahren übliche, disziplinär geprägte Wissenschaftssystem hat Kriterien entwickelt, was in einer Disziplin als gute bzw. exzellente Forschung gilt und was nicht, was legitime Methoden und Fragestellungen sind und was nicht. Aus der Mitte der so designierten Peers rekrutieren sich dann die Berufungskommissionen und Gutachterpanels. Etwas Vergleichbares gibt es für transdisziplinäre Forschung aufgrund von nur 20 Jahren Geschichte und völlig neuen Normen noch nicht, d.h. weder die klar ausdifferenzierten Kriterien noch in der Folge die klar designierten Peers; daran arbeiten bereits mehrere Wissenschaftler, das Projekt ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Eine große, noch offene Debatte besteht aber darin, ob dieser Prozess so weit zu treiben ist, dass Transdisziplinarität am Ende selbst eine ‚Disziplin’ ist – damit stellt man nämlich die Grundidee in Frage. Es kann laut Daniel Lang nicht der richtige Weg sein, wie in klassischer Wissenschaft einen festen Wissenskanon zu bilden, anhand dessen man zitiert und Karrieren entwickelt; die Nachhaltigkeitsforschung sollte so offen und anschlussfähig wie möglich bleiben. Es werde immer mehr transdisziplinäre Experten geben, aber ebenso immer mehr Forscher, die nur projektweise transdisziplinär arbeiten werden, weil sie das Prinzip verinnerlicht haben. Was Mainstream ist und was Nische, könnte sich in den nächsten 20 Jahren erheblich verändern.

Daniel Lang
DUK/Mühlenfeld (CC BY-NC-SA)

Diese erste Forderung ist zwar von der transdisziplinären Forschung selbst zu beantworten, braucht aber strukturelle Unterstützung, damit sich Karrieren in diesem Feld überhaupt erst entwickeln können, und diese Personen zusammen schließen können usw. Gerade deshalb lautet die zweite entscheidende Forderung, die heutige Forschungsförderung zu ändern, die in der transdisziplinären Nachhaltigkeitsforschung zwar Experimente unterstützt, aber nicht deren Verstetigung und keine Strukturbildung. Es müssten gerade auch von den großen Förderprogrammen Forschungslinien statt episodenhafte Forschung über nur drei Jahre gefördert werden. Nachhaltigkeitsforschung sei mit der Erwartungshaltung konfrontiert, in wenigen Jahren alle Fragen gelöst zu haben – ganz im Gegensatz zu Großforschungseinrichtungen wie dem CERN, welche eine mehr oder weniger langfristige Förderung kaum erläutern müssten. Dass eine langfristige Förderung der Nachhaltigkeitsforschung nötig sei, haben kürzlich auch die European Science Foundation und COST in einer Studie vorgeschlagen. Aktuell wird im SÖF-Memorandum u.a. ein Forschungskolleg genau zum Zweck der Auswertung der Erfahrungen und Entwicklung der Kriterien gefordert; diese Forderungen der Unterstützung der Strukturbildung, u.a. auch für internationalen Austausch, richten sich sowohl an BMBF als auch an DFG. Laut Thomas Jahn gebe es in den unterschiedlichsten Organisationen wie vielerorts anderswo schon einzelne Mitstreiter, aber der Durchbruch zur Strukturbildung fehle.

Eine dritte entscheidende Forderung ist die Herausbildung einer originären Wissenschaftspolitik in Deutschland, die sich nicht nur durch ökonomische oder gesellschaftliche Relevanz legitimiert. „Wissenschaftspolitik muss sich Nachhaltigkeit als Leitbild für die Entwicklung von Wissenschaft selbst aufs Panier schreiben“, so Thomas Jahn, Politiker wie Ulla Burchardt haben aber zuwenig Mitstreiter, quer durch alle Parteien. Aus dem Publikum wurde auch die Hoffnung artikuliert, dass problemorientierte Forschung irgendwann einmal ein politisches Thema würde, das vom Mainstream nicht mehr ignoriert werden könne, bis auf die wenigen Ausnahmemomente, wo grundsätzliches Versagen des partizipativen Ansatzes wie bei Stuttgart21 deutlich werde.

Als mögliche Stellschraube wurde genannt, dass automatische Aufwüchse in den Etats der großen Forschungsorganisationen künftig für strukturelle Innovationen im Forschungsprozess und der Lehre ausgegeben werden müssten. Auch der WBGU-Vorschlag einer ‚transdisziplinären Exzellenzinitiative’ wurde begrüßt. Als Hürde wurde hingegen genannt, dass es zwar interessante Finanzierungsquellen gebe für die transdisziplinäre Forschung, diese Mittel aber nicht im selben Maße anerkannt würden von universitären Gremien wie Mittel der DFG.

Besondere Hoffnung setzte das Podium in den wissenschaftlichen Nachwuchs; falls Ansätze wie zum Beispiel der Universität Lüneburg gelängen, Bildung für nachhaltige Entwicklung möglichst breit und früh in den Hochschulen zu verankern, halte die kommende Generation von Forschern transdisziplinäre Forschung für die Norm, und nicht die Ausnahme; heute lernten hingegen Forscher interdisziplinäres Arbeiten meist erst als Doktoranden kennen. Dennoch sei überraschend, wie viele gerade der jüngeren Forscher sich innerhalb ihrer Disziplin verstärkt an konkreten Forschungsproblemen unter dem Gesichtspunkt der Anschlussfähigkeit orientierten: „Was aus meiner Disziplin könnte interessant sein für andere Forscher, die unter einer anderen Perspektive sich mit dem selben Gegenstand beschäftigten? Wie kann ich deutlich machen, wo mein disziplinäres Wissen aufhört?“ Gerade diese Selbstbeschränkung des Wissensanspruch sei eine wichtige Voraussetzung für transdisziplinäres Arbeiten, welche laut Thomas Jahn mit Anreizen wie Preisen zu unterstützen sei. Nicht jedes Fach, nicht jede Problemannäherung müsse an den Hochschulen transdisziplinär werden, der Nachwuchs müsse jedoch unbedingt, in allen Fächern, zum transdisziplinären Arbeiten befähigt werden.

Zugleich wiederholte das Podium den Aufruf des Memorandums an die Universitäten, Fakultäten und den einzelnen Wissenschaftler, die heute schon gegebenen Freiräume und Gelegenheiten für transdisziplinäre Forschung zu nutzen. Auch auf nationaler Ebene gesehen, gebe es sehr viele Anknüpfungspunkte an Institutionen, die durch eine andere Aufmerksamkeit oder Wertschätzung vergleichsweise einfach gestärkt und ausgebaut werden könnten – nicht wenige Forscher arbeiten bereits transdisziplinär, ohne es zu wissen; zugleich nehme die strukturierte Kooperation in Clustern erheblich zu. Es gehe nicht um Abgrenzung zwischen ‚Disziplinären und Transdisziplinären’, sondern um die Herstellung von Anschlussfähigkeit. Entscheidend ist, dass die Zusammenarbeit, auch mit Trägern nichtwissenschaftlichen Wissens, methodengeleitet sein muss.

Heike Leitschuh und Thomas Jahn
DUK/Mühlenfeld (CC BY-NC-SA)

Im internationalen Vergleich wurde entsprechend der DUK-Broschüre vor allem das Beispiel des Schweizerischen Nationalfonds noch einmal expliziert, der für interdisziplinäre Projekte eine spezielle interdisziplinäre Kommission neben den Fachkommissionen eingerichtet hat, die anhand spezieller Kriterien arbeitet. Auch das Stockholm Resilience Center wurde als gutes Beispiel einer Institution genannt, die sich hinter einem abstrakten Prinzip, nicht einem Forschungsgegenstand wie Energie, sammelt – und die von einer Stiftung finanziert wird. Als deutlich größere ‚Schwester im Geiste’ der Universität Lüneburg wurde die Arizona State University vorgestellt, die seit zehn Jahren gemäß acht Prinzipien auf dem Weg zur ‚New American University’ ist. Zugleich wurde aber festgehalten, dass auch Länder wie die Schweiz und die USA noch einen langen Weg vor sich haben – eine noch hypothetische, aber analoge große neue Universität könnte eine Bundesuniversität sein, wie vom WBGU vorgeschlagen, oder sich aus bestehenden Universitäten wie Lüneburg entwickeln.

Heike Leitschuhs Frage, ob auch für Wissenschaft eine stärkere Kontrolle durch die Zivilgesellschaft nötig sei, wie in der Agenda 21 im Hinblick auf Unternehmen und Politik vorgesehen, wurde positiv aufgegriffen. Ein ‚ScienceWatch’ könnte Rankings zur gesellschaftlichen Verantwortung erstellen, die neben Rankings gemäß klassisch-disziplinärer Exzellenz in Forschung und Lehre treten könnten.

Aus Sicht der Wissenschaftsministerien der Länder wurde moniert, dass der Begriff Nachhaltigkeit zu schwammig sei für die Operationalisierung in der Administration (ähnlich wie es Jahrzehnte gedauert habe, die Gender-Dimension sinnvoll zu operationalisieren): Berichte zur Nachhaltigkeit würden gemäß den Zielvereinbarungen durchaus umfänglich aus den Hochschulen eintreffen, weil sich keine Fakultät dem Thema verweigern könne. Aber das fast beliebig Gesammelte und Berichtete sei heterogen, von einem zu schwammigen Nachhaltigkeitsbegriff geprägt und kaum verwertbar. Auch Heike Leitschuh sah in der tatsächlichen oder vorgeblichen Schwammigkeit vor allem das Problem, dass sich Institutionen nicht selbst fordern und nicht selbst in Frage stellen. Darauf entgegnete das Podium erstens, dass gerade die Wissenschaft in der Lage ist, die Trivialisierung des ‚semantischen Felds’ Nachhaltigkeit aufzubrechen und den Begriff verfügbar zu machen für die unterschiedlichen Gesellschaftsbereiche. ‚Schwammigkeit des Begriffs’ sei eine Entschuldigung, die der Wissenschaft vorzuwerfen sei. Zweitens zeige dieser praktische Einblick in die Verwaltungspraxis die drängend Bedeutung der Entwicklung von Qualitätskriterien für ‚Wissenschaft für Nachhaltigkeit’, dies sollte am besten an Universitäten erfolgen. 

Thomas Jahn unterstrich, dass eine Schlüsselfrage der ‚Wissenschaft für Nachhaltigkeit’ noch kaum prägnant gestellt worden sei: Welche Bedeutung hat das Leitbild der Nachhaltigkeit für Wissenschaft, wie erneuern sich die Funktionen und der Eigensinn von Wissenschaft für eine (nachhaltige) Gesellschaft – und wie können diese Funktionen dauerhaft gesichert werden? Er warb dafür, ein zu konkretes Nachhaltigkeitsbild, das z.B. ausgeht von knappen oder nicht-knappen Ressourcen, zu überwinden; vielmehr ginge es darum, zu fragen, „was muss erhalten bleiben dass Entwicklung möglich ist, und wie wollen wir das Erreichbare gerecht verteilen“. Wissenschaft für Nachhaltigkeit sei „Teil der Selbstaufklärung der Gesellschaft darüber, wie Wissen erzeugt, bewertet und angewendet wird“.

Thomas Jahn als einer der Autoren des parallel veröffentlichten Memorandums zum SÖF-Programm wies darauf hin, dass jenes Dokument einen klaren Forschungsbezug habe und innerhalb der Nachhaltigkeitsforschung versuche, die wirklich „essenziellen Nachhaltigkeitsherausforderungen an der Nahtstelle von Natur und Gesellschaft“ zu identifizieren, wo zugleich der Wissensbestand am geringsten sei. Er betonte jedoch die hohe Bedeutung des DUK-Memorandums, das eine ganz ähnliche Stoßrichtung verfolge. Besonders sei das DUK-Memorandum durch den starken Querbezug zur Bildung für nachhaltige Entwicklung und durch die Einordnung in internationale Prozesse, vor allem der UNESCO. 

Konsens bestand dazu, dass es entscheidend ist, den Anlass des Wissenschaftsjahres 2012 dazu nutzen, getrennte Diskurse zusammen zu führen und neue Bündnisse zu schmieden, zwischen verschiedensten Wissenschaftlern sowie Institutionen sowohl des Wissenschaftssystems als auch jenseits davon. 

Memorandum
"Wissenschaft für Nachhaltigkeit: Der Durchbruch muss gelingen"

Interviews:
Was ist nachhaltige Wissenschaft?
Interview mit Prof. Dr. Uwe Schneidewind, Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt, Energie

Nachhaltige Wissenschaft und Transdisziplinarität: Was ist zu tun?
Interview mit Prof. Dr. Gerd Michelsen, Vorsitzender des Fachausschusses Wissenschaft der DUK und Inhaber des UNESCO-Lehrstuhls "Hochschulbildung für nachhaltige Entwicklung" an der Leuphana Universität Lüneburg

Broschüre zum Memorandum der Deutschen UNESCO-Kommission 

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