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Quelle: Jahrbuch der Deutschen UNESCO-Kommission 2017-2018
Der Beitrag wurde im Rahmen einer Korrespondentenserie zu kulturweit erstmals auf WDR 3 veröffentlicht. ARD-Korrespondentin Anne Demmer ist Autorin des Beitrags.

Paul Felix Beck sucht das Weite in Mexiko

3.277 junge Menschen waren seit 2009 mit dem DUK-Freiwilligendienst kulturweit im Ausland. Paul Felix Beck ist einer von ihnen und berichtet von seinen Erfahrungen.

„Am Anfang war ich mit der Situation, gerade wenn wir auch mit der U-Bahn zur Arbeit gefahren sind, teilweise überfordert. Das war wirklich so. Als ich hier angekommen bin, war ich fix und fertig. Die Metro ist super voll. Und jeden Morgen sind immer ganz viele Leute da, es wird gedrängelt und geschubst. Es gibt wirklich keinen Platz und es ist super heiß“, beschreibt der kulturweit-Freiwillige Paul Felix Beck seine Morgende.

Paul Felix Beck vor den Murales im Bildungsministerium in Mexiko, © Anne Demmer/ RBB

Seit rund vier Monaten lebt Paul in der 22 Millionen Metropole Mexiko-Stadt. Er trägt ein weißes Hemd, dazu eine blaue Hose. „Ich bin 25 Jahre alt und habe in Mannheim Wirtschaftsrecht studiert und in Reutlingen und in Boston ganz klassisch BWL. Seit März bin ich mit kulturweit in Mexiko“, erklärt Paul. Er hat schon einige Praktika während seines Studiums gemacht, auch in der Bank. Bevor er wirklich anfängt zu arbeiten, wollte er nochmal was anderes ausprobieren. Er macht ein freiwilliges halbes Jahr bei der mexikanischen Nationalkommission der UNESCO. Sein Arbeitsplatz befindet sich im mexikanischen Bildungsministerium, einem alten Kolonialgebäude mitten im historischen Zentrum. Hier sitzt er direkt neben seiner Chefin Claudia Salinas. Sie kennt die Anfangsschwierigkeiten der Freiwilligen schon.

„An die Höhe müssen sie sich gewöhnen. Mexiko-Stadt liegt auf einer Hochebene über 2200 Meter. Sie bekommen Kopfschmerzen auch wegen dem Smog, der schlechten Luft. Und wenn der Magen am Anfang vom scharfen Essen überfordert ist – auch das ist sehr typisch, dann werden sie alle erstmal krank. Wir Mexikaner nehmen ja dann direkt gegen alles irgendwelche Pillen“, lacht Salinas. „Aber in Deutschland scheint das ja nicht so üblich zu sein. Sie essen dann lieber eine Banane nach der anderen.“ Claudia Salinas findet diese Art der Durchfallbekämpfung eher amüsant. Sie hat in
den letzten Jahren einige kulturweit-Freiwillige kennengelernt.

Paul ist sehr offen und freundlich. Er erzählt viel von Deutschland. Letztendlich geht es bei dem Programm ja auch um den Kulturaustausch. Paul unterstützt Claudia Salinas und ihre zwei Kolleginnen bei ihrer Arbeit. Mexiko hat 34 UNESCO-Welterbestätten, die von der mexikanischen Kommission betreut werden. Dazu gehören die Ruinen von Teotihuacán, die schwimmenden Gärten von Xochimilco und das historische Zentrum mit dem zentralen Platz, dem Zócalo, gesäumt vom Nationalpalast, an dem er fast täglich vorbeiläuft. Paul hilft vor allen Dingen bei der Korrespondenz zwischen der UNESCO in Paris und Mexiko, hilft bei Übersetzungen von Projektanträgen ins Englische.

„Wir haben da zum Beispiel ein Projekt ausgewählt in Chiapas, das relativ abgelegen ist in den Bergen. Dort gibt es Frauen, die in dieser künstlerischen Textilbranche tätig sind und zum Beispiel kleinere Puppen nähen. Sie bekommen professionelle Hilfe zur Seite gestellt von einer NGO, die sich dann auch mit dem Vertrieb auskennt und das hat mich ziemlich interessiert. Ich fand es sehr spannend, dass man sagt: wir möchten eben, dass die Zugang zu einem Markt haben, dass sich dann daraus auch eine Perspektive entwickelt, dass ein kleines Mikrounternehmen entsteht und sie davon leben können“ erläutert Paul.

Seine Kaffeepause verbringt er am liebsten im Hof eines Nebengebäudes des Bildungsministeriums. Und das hat einen konkreten Grund: Dort sind die Murales, ein Teil der Wandmalereien des berühmten mexikanischen Künstlers Diego Rivera aus den 1920er Jahren zu sehen, in denen er Bräuche und den Alltag von Indios darstellt, vor allem aber auch deren Unterwerfung und Ausbeutung während der spanischen Eroberung.

„Das Highlight von der Arbeit sind natürlich die Leute und die Arbeit an sich macht auch mega viel Spaß. Das absolute Highlight aber, das man allen zeigen muss, wenn jemand zu Besuch kommt, sind schon die Wandmalereien von Diego Rivera. Wir haben das Privileg, dass wir da einfach reinlaufen dürfen und uns die Malereien die ganze Zeit angucken können“, freut sich Paul. „Alle anderen müssen erst mal anfragen, ob das überhaupt möglich ist.“

Am Eingang des Gebäudes muss er dem Sicherheitspersonal nur kurz seinen Dienstausweis vorzeigen, dann wird er schnell durch gewunken. Vor ihm bauen sich im Innenhof die riesigen Wandmalereien auf. Er macht vor seinem Lieblingsbild halt und merkt an „Also ich weiß nicht, wie das Bild heißt. Man sieht Bauern und die Landbevölkerung, die eine rote Flagge tragen und teilweise auch so kommunistische Insignien und die sich dort versammeln. Sie protestieren nicht unbedingt, zeigen aber schon, dass sie das alte System, in dem die Grundbesitzer, die Vormachtstellung eingenommen haben, satt haben.“ Ein Stück mexikanische Geschichte, die ihn fasziniert.

„Das ist ja auch, was spannend ist an Mexiko, was die Bilder von Diego Rivera sagen – die Tradition nicht vergessen und aufgreifen, aber trotzdem irgendwie der Zukunft zugewandt sein und Neues ausprobieren, innovativ sein und so. Das hat mich an Mexiko so positiv überrascht, dass das hier auch Teil der mexikanischen Lebensart ist“, so Paul.

Es ist Mittagszeit. Er läuft durch die Straßen im historischen Zentrum. Daran hat er sich gewöhnt. Zielstrebig steuert er seinen Lieblingstaco-Stand an. Fleisch brutzelt in viel Fett in der Pfanne. Er bestellt eine Quesadilla: Eine Weizentortilla mit Kartoffeln und Käse gefüllt. Er nimmt auf einem weißen Plastikstuhl neben einer mexikanischen Familie Platz, nimmt einen Bissen von der Quesadilla. Auf die scharfe Soße verzichtet er. Ein günstiges Mittagessen. Umgerechnet 50 Cent bezahlt er dafür. Denn viel Geld steht ihm nicht zur Verfügung. Er bekommt eine Aufwandsentschädigung.

Paul erklärt seine finanzielle Unterstützung „Wir bekommen von kulturweit monatlich Geld überwiesen. Das sind 350 Euro und zusätzlich bekommen wir die Flüge erstattet, das heißt wir müssen den Hin und Rückflug in Mexiko nicht bezahlen.“ Mit dem Budget kommt er allerdings in Mexiko nicht aus, seine Eltern müssen ihn zusätzlich unterstützen.

Paul fühlt sich in Mexiko-Stadt mittlerweile zu Hause. Trotzdem sieht er auch die großen sozialen Unterschiede und Probleme im Land. Der Drogenkrieg, die weitverbreitete Straflosigkeit, die über 30.000 Verschwundenen, darunter die 43 Studenten von Ayotzinapa, deren Schicksal nach wie vor nicht geklärt ist. Seitdem er in Mexiko ist, wurden bereits drei Journalisten umgebracht. Insgesamt sind in diesem Jahr acht Medienschaffende gewaltsam ums Leben gekommen. Eine Realität, der er in Mexiko-Stadt durchaus ausweichen kann. Doch er sucht darüber den Austausch.

„Das ist irgendwie so das mexikanische Lebensgefühl. Jeder versucht halt trotzdem weiterzumachen und weiterzuleben und damit klarzukommen und dann gibt es so viele Leute, die sich dafür einsetzen, dass sich was verbessert,“ versucht er zu erklären. „Ich glaube es gibt schon eine große mexikanische Zivilgesellschaft, die ein Interesse daran hat, dass sich etwas ändert und das zu sehen ist ermutigend, finde ich.“

Weitere Informationen

Webseite des Freiwilligendienstes kulturweit

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