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Dezember 2012

Imster Fastnacht und italienische Geigenbaukunst sind UNESCO-Kulturerbe

33 Kulturpraktiken neu auf den UNESCO-Listen des immateriellen Kulturerbes

Von Benjamin Hanke und Natalie Maib

Die UNESCO hat das Imster Schemenlaufen in Österreich, die italienische Geigenbaukunst und 25 weitere kulturelle Ausdrucksformen neu in die "Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes" aufgenommen. Die "Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes" verzeichnet vier Neueinträge, darunter die Musik und Tänze des Königreichs Busoga in Uganda. Als "Gute Praxisbeispiele" wurden zwei Projekte aus China und Mexiko anerkannt.

Der Zwischenstaatliche Ausschuss der UNESCO für die Erhaltung des immateriellen Kulturerbes tagte vom 3. bis 7. Dezember 2012 in Paris. 27 kulturelle Ausdrucksformen wurden neu in die "Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit" aufgenommen:

Hochzeitsriten in Tlemcen
© UNESCO/Belkaïd

Hochzeitsriten und Kostümherstellung in Tlemcen, Algerien: In Tlemcen im Nordwesten Algeriens werden Hochzeitsriten und aufwendig gefertigte Hochzeitskostüme als besonderes kulturelles Erbe angesehen. Sie haben vielfältige symbolische Bedeutung für das Hochzeitspaar, die Familien und die Gemeinde. Mit der Vorbereitung der Braut auf die Hochzeit sind zahlreiche Rituale verbunden, zum Beispiel ihre Bemalung mit Henna und das Anlegen des goldverzierten Hochzeitskleides. Mädchen in Tlemcen werden schon früh in die Tradition eingeführt, die eine Verbundenheit zwischen den Familien und ein Gefühl der Kontinuität zwischen den Generationen vermittelt.

Aufführung des Epos "Die Draufgänger von Sassoun" bzw. "David von Sassoun", Armenien: Das Epos "David von Sassoun" beschreibt die Geschichte eines Helden, der mit Gottes Hilfe Armenien erfolgreich von einem übermächtigen Tyrannen befreit. Die Geschichte ist landesweit bekannt und existiert in etwa 160 Varianten. Das Epos wird jährlich am ersten Samstag im Oktober und zu vielen weiteren Anlässen vorgetragen, zum Beispiel bei Hochzeiten, Geburtstagen, Taufen und bei bedeutenden nationalen Kulturveranstaltungen.

Herstellung und Spielkunst der Tar, Aserbaidschan: Die Tar gilt als das bekannteste Instrument Aserbaidschans und wird traditionell auf Hochzeiten und zu anderen gesellschaftlichen Anlässen und Feierlichkeiten gespielt. Für die Herstellung werden unterschiedliche Hölzer für verschiedene Teile des Instruments benutzt, Maulbeerbaum für den Körper, Nussholz für den Hals und Birnbaumholz für die Wirbel. Der Bau der Tar kann in Aserbaidschan in einer Ausbildung erlernt werden, meist wird dieses Wissen aber innerhalb der Familien mündlich weitergegeben.

Märsche von Entre-Sembre-et-Meuse, Belgien: Die Märsche von Entre-Sambre-et-Meuse sind wichtiger Bestandteil der kulturellen Identität des gleichnamigen wallonischen Dorfes. Die Märsche gedenken der Weihe der Dorfkirche und dem Heiligen, dem sie gewidmet ist. Die Teilnehmer kleiden sich in Militäruniformen und bilden eine oder mehrere Kompanien nach militärischem Vorbild, um die religiöse Prozession zu begleiten. An den Märschen nehmen alle Bewohner des Dorfes teil.

Festival "Ichapekene Piesta" in San Ignacio de Moxos, Bolivien: Die Feierlichkeiten des Ichapekene-Festivals beginnen jedes Jahr im Mai und reichen bis in den Juli. Sie umfassen Gesänge und Lobpreisungen, Feuerwerke, Festmähler und Spendenaktionen zu Ehren des Gründers des Ortes San Ignacio de Moxos, des Jesuitenpriesters Ignacio de Loyalo, aber auch zu Ehren der indigenen Vorfahren und ihres Glaubens. Die wichtigsten Rituale sind eine Darstellung des Sieges des Heiligen Ignatius über seine Widersacher und eine Prozession, bei der die Einwohner sich als ihre Vorfahren maskieren und als Tiere verkleiden. Damit soll Respekt vor der Natur und spirituelle Verbindung der Moxeños mit ihren Ahnen ausgedrückt werden.

Frevo-Tänzer beim Karneval von Recife
© UNESCO/Acervo PCR

Frevo, Musik- und Tanzaufführungen auf dem Karneval von Recife, Brasilien: Der Frevo besteht aus Tanz und Musik und wird vor allem zum Karneval in Recife im Nordosten Brasiliens aufgeführt. Im Frevo vereinigen sich verschiedene musikalische Genres und Tanzstile, von der Marschmusik über brasilianischen Tango bis hin zu Volkstänzen, Polka und klassischer Musik. Der Frevo ist in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts im städtischen Arbeitermilieu entstanden. Hunderttausende nehmen jährlich an den Karnevalsfeierlichkeiten von Recife teil. Es gibt heute eine Reihe von Tanzschulen des Frevo, auch in anderen großen Städten wie Sao Paulo und Rio de Janeiro.

Kulturelle Bräuche in Verbindung mit dem Balafon der Senufo-Gemeinschaften, Burkina Faso, Côte d'Ivoire, Mali: Das Balafon ist ein pentatonisches Xylophon mit 11 bis 21 Holzstäben unterschiedlicher Länge, die auf einem großen trapezförmigen Rahmen angeordnet sind. Unterhalb der Stäbe befinden sich Resonatoren, die aus Kürbissen hergestellt werden. Spieler lernen auf einem Kinder-Balafon bevor sie das große Instrument spielen. Das Balafon ist Symbol der gemeinschaftlichen Identität der Senufo und wird als Soloinstrument, aber auch als Teil eines Ensembles bei Festlichkeiten, Gebeten, beim Arbeiten oder bei Beerdigungen gespielt.

Toquilla-Strohhut, Ecuador
© Gambarotti / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Traditionelles Weben des Toquilla-Strohhuts, Ecuador: Der Strohhut wird in Ecuador als das nationale Handwerksprodukt betrachtet; an der Herstellung sind eine ganze Reihe von Berufsgruppen beteiligt. Der Hut wird im Alltag wie auch zu festlichen Anlässen getragen. Die Herstellung basiert auf vielfältigem traditionellen Wissen. Der Hut wird unter anderem aus Palmblättern hergestellt, die zu ganz bestimmten Mondphasen geerntet werden müssen. Der international geläufige Name "Panama-Hut" stammt aus der Zeit des Baus des Panama-Kanals. Die Arbeiter trugen den Hut zum Schutz vor der Sonne.

Fest-Noz, Festveranstaltung mit traditionellen Volkstänzen der Bretagne, Frankreich: Fest-Noz ist ein von traditionellen bretonischen Tänzen geprägtes Volksfest. Über 1.000 Abendveranstaltungen finden jährlich an verschiedenen Orten in der Bretagne statt und ziehen tausende Tänzer, Musiker und Sänger an. Eine starke regionale Bewegung hat für die Erhaltung des Repertoires der traditionellen Tänze gesorgt und die Tradition durch vielfältige Adaptionen in die Moderne überführt.

Buddhistischer Gesang aus Ladakh: Rezitieren heiliger buddhistischer Texte in den Himalaya-Regionen Ladakh, Jammu und Kashmir, Indien: In den Klöstern und Dörfern der Region Ladakh im Norden Indiens werden von buddhistischen Lamas heilige religiöse Texte rezitiert und gesungen, die den Geist, die Philosophie und die Lehren von Buddha wiedergeben. Verschiedene Gruppen haben unterschiedliche Formen des Gesangs entwickelt, die bei bestimmten Ritualen und an wichtigen Tagen des buddhistischen und des Mondkalenders gesungen werden. Der Gesang soll zum spirituellen und moralischen Wohlbefinden beitragen und dient sowohl der Reinigung und Beruhigung des Geistes als auch zur Besänftigung böser Geister und um den Segen verschiedener Heiliger zu erlangen. In den Klöstern werden die Texte und Gesänge täglich geübt und von älteren Mönchen an die jüngeren weitergegeben.

Qālišuyān-Rituale Mashad-e Ardehāl in Kasan, Iran: Die Qālišuyān-Rituale werden im Gedenken an Sultan Ali praktiziert, ein Heiliger für die Menschen in Kāšān und Fin. Der Legende nach wurde der Sultan gefoltert und später, als man seinen leblosen Körper fand, in einem Teppich zu einem Fluss getragen, wo er von Menschen aus Fin und Xāve gewaschen und beerdigt wurde. Zum Ehrenfest versammeln sich die Menschen aus der Region heute am Mausoleum des Sultan und waschen symbolisch einen Teppich im heiligen Fluss. Die Bewohner von Xāve, Fin, Kāšān und Našalg führen jeweils ihre eigenen Zeremonien durch, die aufeinander abgestimmt sind. Der symbolisch gereinigte und mit Rosenwasser besprenkelte Teppich wird später zum Mausoleum zurückgebracht. Die Prozeduren der Rituale werden mündlich von Generation zu Generation weitergegeben, aber auch kreativ weiterentwickelt und mit neuen Elementen versehen.

Geigenbautradition in Cremona, Italien
© Lana L. / flickr (CC-BY-NC-2.0)

Traditionelle Geigenbaukunst in Cremona, Italien: Cremona blickt auf eine lange Tradition des Geigenbaus zurück und ist – verbunden mit dem Namen Antonio Stradivari – weltweit renommiert für die Herstellung und Restauration von Streichinstrumenten. Geigenbauer erlernen das Handwerk an einer speziellen Schule und verbessern ihre Kenntnisse in den über 140 Werkstätten in Cremona. Die Methoden, Werkzeuge und das Wissen über die Verwendung der Materialien werden seit dem 16. Jahrhundert von Generation zu Generation weitervermittelt und sind heute immer noch jene aus den Zeiten Stradivaris.

Nachi no Dengaku, religiöse darstellende Kunst des Nachi-Feuerfestivals, Japan: Nachi no Dengaku ist ein volkstümlicher Tanz, der eng an die heilige Stätte Kumano Sanzan in Nachisanku gebunden ist. Der Tanz wird während des jährlichen Nachi-Feuerfestivals am 14. Juli im Innern des Kumano-Nachi-Schreins durchgeführt. Er ist als Herzstück des Festivals Ritual für eine reiche Reis- und Getreideernte. Die acht bis zehn Tänzer werden von einem Flötenspieler, vier Trommlern und vier Binzasara-Spielern (ein Saiteninstrument) begleitet und tanzen in verschiedenen Formationen zur Musik. Insgesamt gibt es 22 Versionen des Tanzes, die jeweils 45 Minuten dauern.

Festival des Heiligen Franz von Assisi in Quidbó, Kolumbien: Jedes Jahr wird vom 3. September bis zum 5. Oktober in Quibdó das Fest des heiligen Franz von Assisi gefeiert. Das Fest der afro-kolumbianischen Gemeinschaft der Chocó, eine Mischung aus kirchlichen und karnevalistischen Traditionen, beginnt mit einer katholischen Messe und wird von traditionellen Tänzen und Chirimia-Musik der St. Franziskus-Band begleitet. Zum Ende des Festmonats findet eine feierliche Prozession zu Ehren des Heiligen statt. Das Fest ist ein wichtiger Bestandteil des kulturellen Lebens in Quibdó. Es trägt zur kreativen Erhaltung und Weiterentwicklung der kulturellen Identität der Chocó bei und fördert den sozialen Zusammenhalt der Gemeinde. 

Arirang, lyrisches Volkslied, Republik Korea: Das Arirang-Lied kennt jeder Koreaner. Es ist nicht auf einen bestimmten Autor zurückzuführen, sondern ist in kollektiver Manier über mehrere Generationen entstanden. In vielen Regionen Koreas gibt es lokale Varianten. Das Motiv wird heute in der modernen Popmusik und der Unterhaltungsindustrie Koreas immer wieder aufgegriffen. Arirang gilt auch als inoffizielle Hymne und Symbol des einigen Koreas – das gemeinsame nord- und südkoreanische Team sang das Lied bei der Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele 2000 in Sydney.

Polyphoner Klapa-Gesang in Dalmatien, Kroatien: Klapa-Gruppen betreiben 4-stimmigen "a capella"-Gesang. Es gibt ein klassisches Repertoire von Klapa-Songs, das aber durchaus erweitert und modernisiert wird. In der Regel wird frei, in einem Halbkreis stehend, gesungen. Klapa ist in dalmatinischen Städten entstanden und bis heute eng mit der Region Dalmatien verbunden, erfreut sich aber inzwischen auch in anderen Städten und Regionen Kroatiens, den Nachbarländern Slowenien und Montenegro sowie bei Polyphonie-Gruppen weltweit großer Beliebtheit.

Kirschfest in Sefrou
© UNESCO/Stadt Sefrou

Kirschfest von Sefrou, Marokko: Für drei Tage im Juni jeden Jahres dreht sich im marokkanischen Sefrou alles um die Kirsche, die für die natürliche und kulturelle Schönheit der Region steht. Auf dem Fest wird von den Bewohnern eine Kirsch-Königin gewählt, eine Parade darstellender Künstler und Live-Bands stellt den Höhepunkt der Feierlichkeiten dar. Das Kirschfest ist eine einzigartige Möglichkeit für die Bewohner der Stadt, ihre kulturellen Aktivitäten und ihr Können öffentlich zu präsentieren.

Al 'azi, Elegie, Prozessionsmarsch und Poesie, Oman: Al'azi ist gesungene Poesie, die in den nördlichen Regionen des Sultanats Oman praktiziert wird. Sie stellt eine der wichtigsten musikalischen Ausdrucksformen der omanischen Kultur dar. Von der Form her erinnert diese Tradition an einen Poesie-Wettbewerb, der von Schrittbewegungen, Schwertschwingen und abwechselndem Gesang des Solo-Sängers und eines Chors geprägt ist. Die Gedichte drücken oft den Stolz der Zugehörigkeit zu einem bestimmten Dorf oder Stamm aus oder preisen wichtige Personen und historische Momente. Durch die kreative Neuschaffung auf Basis existierender Poesie bereichert Al'azi die Gemeinschaft in kultureller und intellektueller Weise und spielt eine große Rolle für die Erhaltung des kulturellen Gedächtnisses.

Al-Taghrooda, traditionelle Gesangspoesie, Oman, Vereinigte Arabische Emirate: Al-Taghrooda ist ein traditioneller Gesang der Beduinen. Er wird von Männern, die auf Kamelen die Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate und des Sultanats Oman durchqueren, praktiziert. Kurze Gedichte werden improvisiert und zwischen zwei Gruppen von Reitern, meist im Wechsel, wiederholt angestimmt. Wichtigster Aspekt ist die soziale Verbindung während des Austauschs der Verse. Al-Tagrhooda wird auch bei Hochzeiten und anderen Feierlichkeiten gesungen, besonders bei Kamelrennen. Die Themen reichen von Romantik, Liebe, über Freundschaft und Stammesbande bis hin zur Streitbeilegung und zeitgenössischen Themen. 

Schemenlaufen in Imst
© Christian Klingler / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Schemenlaufen, Karneval von Imst, Österreich: Schemenlaufen wird in Imst im Tiroler Oberland ein Umzug zur Fastnachtszeit mit 26 unterschiedlichen Maskentypen genannt. Es findet alle vier Jahre statt. Die Fastnacht in Imst prägt die Stadt und ihre Bewohner. Sowohl die ausschließlich aus Holz geschnitzten Masken als auch die unterschiedlichen Kostüme sind teils historisch, teils neu gefertigt. Das Wissen um die Herstellung der Masken wird von Generation zu Generation weitergegeben.

Falknerei, Österreich, Ungarn: Falknerei ist die mehr als 4.000 Jahre alte Kunst, mit Vögeln zu jagen. Im engeren Sinne ist die Falknerei die Jagd mit speziell abgerichteten Falken, es werden aber auch Habichte, Sperber und Adler eingesetzt. Die Falknerei ist in einen breiten kulturellen Kontext mit eigenen Kostümen, Ritualen und Festen eingebettet. Als Motiv fand die Falknerei Eingang in verschiedenste Künste, wie zum Beispiel Literatur, Musik, Malerei oder Bildhauerei. Mit der Eintragung Österreichs und Ungarns ist die Falknerei nun in 13 Staaten, unter anderem auch in Spanien, Frankreich, Belgien, der Slowakei, der Tschechischen Republik sowie in Ländern Zentralasiens, Nordafrikas und auf der arabischen Halbinsel ein anerkanntes immaterielles Kulturerbe.

Horezu-Keramik, Rumänien: Die handgefertigte Horezu-Keramik aus Valcea entspringt dem traditionellen Töpferhandwerk der Region. Jedes Objekt wird mit einer speziellen Fingertechnik geformt, wobei jeder seine eigene Technik hat, dann mit traditionellen Motiven in leuchtenden Farben dekoriert und schließlich gebrannt. Jedes Produkt ist ein Einzelstück. Die Töpfer nutzen für die Herstellung ausschließlich traditionelles Werkzeug. Das Handwerk wird vom Meister an seine Lehrlinge weitergegeben.

Fest der Patios von Cordoba, Spanien: Beim Festival der Patios wird jährlich Anfang Mai der schönste Innenhof der andalusischen Stadt Cordoba gekürt. Einheimischen wie auch Touristen stehen dann die bemerkenswerten Innenhöfe im historischen Viertel der Stadt offen. In den Höfen erwarten die Besucher traditioneller Gesang, Flamenco-musik und –tanz. Ziel des Fests ist es nicht nur, einen Einblick in sonst verschlossene Schmuckstücke zu ermöglichen, sondern zugleich die Mühen der Einwohner um den Erhalt dieser traditionellen Plätze zu würdigen.

Mesir Macunu-Festival, Türkei: Das Mesir Macunu-Festival in der westtürklischen Stadt Manisa erinnert an die Heilung von Hafsa Sultan, Mutter von Suleiman dem Prächtigen, die durch die "Mesir Macunu" genannte Paste von schwerer Krankheit geheilt wurde. Die Paste wird nun jedes Jahr vom 21. bis 24. März von einem Meister und Lehrlingen aus 41 frischen Gewürzen und Kräutern mit Honig vermengt nach traditionellen Herstellungsart zubereitet. 14 Frauen wickeln die Paste in Papier und 28 Imame und Lehrlinge segnen die kleinen Päckchen, bevor sie von der Spitze des Minaretts und den Kuppeln der Sultan-Moschee in die Menge geworfen werden. Die Einwohner von Manisa haben eine tiefe emotionale Bindung zu dem Festival und Tausende aus der ganzen Türkei kommen jedes Jahr, um die Stücke zu fangen, denn sie glauben, dass ihre Wünsche dann innerhalb eines Jahres in Erfüllung gehen.

Volkskunst der Matyó, Stickerei einer traditionellen Gemeinschaft, Ungarn: Die Gemeischaft der Matyó in und um der Stadt Mezőkövesd im Nordosten Ungarns ist für ihre mit floralen Motiven verzierten Stickereien bekannt. Matyó-Stickereien zieren die traditionelle Kleidung, die von der lokalen Bevölkerung zu Festveranstaltungen und beim Volkstanz und -gesang getragen werden. In der Regel erfolgt die Herstellung der Stickereiprodukte gemeinschaftlich und stärkt somit den sozialen Zusammenhalt der Gemeinschaft. Die floralen Motive werden mittlerweile auch in der Dekorierung von Innenräumen und für die Gestaltung moderner Mode verwendet.

Prozession der "Tanzenden Teufel" an Fronleichnam, Venezuela: Die Gemeinden entlang der zentralen Küstenregion von Venezuela haben eine besondere Art, Fronleichnam zu feiern. Erwachsene und Kinder verkleiden sich als Teufel und tanzen zum Zeichen der Buße rückwärts, während ein Angehöriger der katholischen Kirche die heiligen Sakramente vorwärts trägt. Am Höhepunkt der Feierlichkeiten ergeben sich die maskierten Teufel vor den Sakramenten und symbolisieren so den Sieg des Guten über das Böse. Die Tänzer (Promeseros) sind lebenslang Mitglieder einer Bruderschaft, die das historische Gedächtnis bewahrt und die Tradition weitergibt.

Ahnenkult der Hùng-Könige in Phú Tho, Vietnam: Jedes Jahr begeben sich tausende Pilger zum Hung-Tempel auf dem Berg Nghia Linh in der Provinz Phu Tho, um ihrer Vorfahren zu gedenken und für gutes Wetter, reiche Ernte, Glück und Gesundheit zu beten. Das größte vietnamesische Ahnenfest zu Ehren der Hùng-Könige wird jedes Jahr eine Woche lang im dritten Monat des Mondes gefeiert. Dorfbewohner aus der Umgebung tragen prächtige Kostüme und konkurrieren um die besten Sänften und wertvollsten Objekte zur Verehrung der Ahnen, die sie, begleitet von Trommeln, Tänzen und Gesängen, zum Hùng-Tempel tragen.

Gefährdetes Kulturerbe

Mit der "Liste des dringend erhaltungsbedürftigen immateriellen Kulturerbes" macht die UNESCO auf vom Aussterben bedrohte Kulturformen aufmerksam. Vier Kulturpraktiken hat der Zwischenstaatliche Ausschuss neu in diese Liste aufgenommen:

Töpferkunst in Botswana
© David Cohen / flickr (CC-BY-NC-ND 2.0)

Töpferhandwerk im Kgateleng-Distrikt, Botswana: Die Gemeinschaft der Bakgatla ba Kgafela im Südosten Botswanas verfügt über umfangreiches Wissen über die Herstellung handgefertigter Töpferkunst, die eng mit ihrem Glauben und traditionellen Praktiken verbunden ist. Die ausschließlich von Frauen gefertigten Tontöpfe und Tonkrüge dienen vornehmlich der Lagerung vor Bier, Essen und Wasser, aber auch der Ahnenverehrung und traditionellen Heilungsritualen. Das Wissen um die Töpferkunst und damit verbundene kulturelle Werte werden von Generation zu Generation weitergegeben. Heute gibt es jedoch nur noch sehr wenige alte Meisterinnen der Handwerkskunst. Ausbildungsprogramme und Festivals sollen dazu beitragen, die Tradition zu bewahren. Ebenso sollen das Marketing und der Vertrieb der Produkte gestärkt werden, um Einkommensmöglichkeiten für junge Menschen zu schaffen und ihre Abwanderung in die Städte zu verhindern.

Noken-Tasche der Einwohner von Papua, Indonesien: Die Noken-Tasche ist eine aus Holzfasern oder Blättern in Handarbeit hergestellte, geknüpfte oder gewebte Tasche, die typisch für die Region Papua ist. Noken-Taschen werden vielseitig genutzt. Sie dienen beispielsweise zum Tragen von Kindern, zum Einsammeln der Feldernte und von Feuerholz oder für den Fischfang. Die Herstellung der Taschen erfordert umfangreiche handwerkliche und künstlerische Fertigkeiten, die heute nur noch wenige Menschen beherrschen. Auch nimmt der Gebrauch der Noken aufgrund der Konkurrenz durch industriell gefertigte Taschen ab. Unter anderem sollen nun Lehrmaterialien – Bücher, CDs und DVDs – erstellt werden, um die Weitergabe des handwerklichen Wissens zu ermöglichen.

Ala-Kiyiz und Shyrdak, traditionelle Filzteppiche, Kirgisistan: Die traditionellen Filzteppiche gehören zu den bedeutendsten Kunstobjekten des kirgisischen Volks. Das Wissen über die Herstellung der Teppiche, ihre künstlerische Vielfalt, die Ornamentik und die damit verbundenen Zeremonien geben dem kirgisischen Volk ein Gefühl von Identität und Kontinuität. Die Teppiche entstehen als Gemeinschaftsprodukt unter Anleitung älterer Frauen in den ländlichen Gebieten des Landes. Die Tradition droht nun aus einer Vielzahl von Gründen zu verschwinden: Die Zahl der Praktizierenden geht zurück, jüngere Generationen zeigen wenig Interesse für die Kunst. Billigere synthetische Teppiche verdrängen die traditionellen Filzteppiche und die notwendigen natürlichen Ressourcen fehlen. Der im Rahmen der Nominierung erstellte Erhaltungsplan umfasst zahlreiche gesetzliche und politische Maßnahmen, um die Kunst des Teppichknüpfens zu bewahren.

Bigwala, Musik der Kürbistrompete und Tänze des Königreichs der Busoga in Uganda: Bigwala ist eine kulturelle und soziale Praxis des Bantu-Volks der Busoga. Aus Flaschenkürbissen hergestellte Trompeten, die die charakteristische Musik erzeugen, werden traditionell bei Krönungen oder Begräbnissen der Busoga-Königsfamilie gespielt, aber auch bei anderen sozialen Anlässen. Sänger und Tänzer bilden beim Bigwala einen Kreis um die Trompetenspieler, ihre Lieder erzählen die Geschichte der Busoga. Musik und Tanz spielen für die Identität der Gemeinschaft eine wesentliche Rolle. Nur noch vier Meister beherrschen das Wissen um die Herstellung und das Spielen der Instrumente. Um das Erbe zu bewahren, sollen künftig Festivals und Workshops veranstaltet werden. Der Erhaltungsplan sieht außerdem vor, Dokumentationen über die Musik und Tanzaufführungen zu erstellen.

Beispiele für gute Erhaltungspraxis

Voladores, Totonaken, Mexiko
© Dimitri df / flickr (CC BY-NC-ND 2.0)

Zwei Projekte, die beispielhaft die Erhaltung des immaterielles Kulturerbes fördern, wurden neu in das "Register guter Praxisbeispiele" aufgenommen:

Xtaxkgakget Makgkaxtlawana: Zentrum für indigene Kunst in Veracruz, Mexiko, und sein Beitrag zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes der Totonaken: Das Zentrum für indigene Kunst in Veracruz wurde auf Initiative der indigenen Gemeinschaft der Totonaken gegründet. An diesem Zentrum werden von Mitgliedern der Gemeinschaft die Sprache, Musik und Tanz, darstellende Künste, Rituale, Heilkünste oder auch die traditionelle Töpferkunst und Textilherstellung der Totonaken vermittelt. Das Programm nimmt auf innovative Weise die künstlerische und kulturelle Dimension der Regionalentwicklung in den Blick. Bekannt sind die Totonaken für ihren Tanz der Voladores. Dabei schwingen sich mehrere Tänzer am oberen Ende eines Mastes an Seilen durch die Luft.

Ausbildung kommender Generationen von Puppenspielern in Fujian, China: Das Puppenspiel in der Provinz Fujian im Südosten Chinas besteht aus einer Reihe von charakteristischen Techniken der Aufführung und Herstellung von Puppen und umfasst ein breites Repertoire von Theaterstücken und Musik. Seit den 1980er Jahren hat sich durch den Wandel der Lebensstile die Zahl junger Menschen, die das Puppenspiel erlernen, stark reduziert. Als Reaktion haben interessierte Gruppen und Praktizierende eine Strategie zur Ausbildung kommender Generationen von Fujian-Puppenspielern für die Jahre 2008-2020 formuliert, um die Tradition weiterzugeben und zu erhalten. Wichtige Ziele sind die Zusammenstellung von Unterrichtsmaterialien, die Schaffung von Ausbildungseinrichtungen und Ausstellungsorten sowie die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für die Bedeutung des Puppenspiels.

Das UNESCO-Übereinkommen zum immateriellen Kulturerbe

Geht es bei der Welterbekonvention um den Schutz von Kultur- und Naturdenkmälern, so schützt das Übereinkommen zum immateriellen Kulturerbe gelebte Traditionen. Kulturelle Ausdrucksformen wie Tanz, Theater, Musik und mündliche Überlieferungen werden ebenso geschützt wie Sprachen, Bräuche, Feste und Handwerk. Damit eine kulturelle Ausdrucksform für eine der drei Listen anerkannt werden kann, muss sie praktiziert werden und für die Gruppe der Praktizierenden Identität stiften und Kontinuität symbolisieren.

Die Vorschläge werden von den Vertragsstaaten erarbeitet und bei der UNESCO eingereicht. Nach einer Aufnahme sind die Staaten verpflichtet, Maßnahmen zu ergreifen, damit das immaterielle Kulturerbe ihres Landes erhalten bleibt. Schutzmaßnahmen für die eingetragenen Ausdrucksformen variieren von Fall zu Fall und hängen von den regionalen wie lokalen Gegebenheiten ab.

Das Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes wurde 2003 verabschiedet und ist seit 2006 in Kraft. Bisher haben 148 Staaten das Übereinkommen ratifiziert. Deutschland wird aller Voraussicht nach Anfang 2013 beitreten. In einem ersten Schritt wird dann ein bundesweites Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes in Deutschland erstellt werden. Erst in einem späteren, zweiten Schritt können Vorschläge aus Deutschland für die Listen des immateriellen Kulturerbes bei der UNESCO vorbereitet werden.

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