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April 2014

Vorbehalte gegen inklusive Bildung abbauen

Bundesweiter Gipfel verabschiedete Erklärung zu Inklusion

Von Farid Gardizi

Nach wie vor bestehen in unserer Gesellschaft Vorbehalte gegen inklusive Bildung. Die Gründe sind vielfältig: Eltern sorgen sich um das Wohl ihrer Kinder, Lehrer fühlen sich überfordert, Politiker befürchten eine Kostenexplosion. Doch das Recht auf inklusive Bildung ist mit der UN-Behindertenrechtskonvention seit 2009 in Deutschland verankert. Die Umsetzung ist nur noch eine Frage des Wie. Hierüber berieten 350 Bildungsexperten auf dem Gipfel "Inklusion – Zukunft der Bildung" vom 19. bis 20. März in Bonn. Die "Bonner Erklärung" fordert alle Beteiligten auf, gemeinsam für eine qualitativ hochwertige inklusive Bildung einzutreten.

Alle Kinder haben ein Anrecht darauf dazuzugehören
© Ulfert Engelkes

In Deutschland wurde Inklusion bis vor wenigen Jahren noch stiefmütterlich behandelt. Dabei führen Armut, Geschlecht, Sprache, Herkunft und Behinderung auch hierzulande zu Exklusion. Besonders bemerkbar macht sich das in den Klassenzimmen. Nach wie vor sind viele davon überzeugt: Kinder lernen am besten in möglichst homogenen Gruppen. Dementsprechend werden Kinder nach Leistung und Begabung in Schulformen eingeteilt: Gymnasium, Realschule, Hauptschule, Sonderschule und Förderschule.

Dabei haben alle Kinder ein Anrecht darauf dazuzugehören, ob mit Behinderung oder Lernschwäche, mit Hochbegabung oder Migrationshintergrund. Alle bringen besondere Fähigkeiten mit, die sie in die Gestaltung des täglichen Zusammenlebens einbringen können. Das Konzept der Inklusion setzt diesen Gedanken um, es lebt Vielfalt durch gemeinsamen Unterricht vor. Inklusive Schulen tragen zu einer Gesellschaft bei, die jeden Einzelnen wertschätzt und fördert – von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Was früher nur in Fachkreisen diskutiert wurde, erhält heute breite Aufmerksamkeit.

Perspektivwechsel fällt schwer

Seit die Bundesregierung im Jahr 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifizierte, hat das Thema eine weit reichende Relevanz bekommen: Deutschland verpflichtet sich völkerrechtlich, Inklusion als Grundprinzip des gesellschaftlichen Zusammenlebens umzusetzen. Kein Kind darf heute wegen geistiger, körperlicher oder seelischer Behinderung vom Besuch einer Regelschule ausgeschlossen werden. Eine Aufgabe, die alle Beteiligten vor erhebliche Herausforderungen stellt. Wie schwer der Perspektivwechsel in der Praxis ist, zeigten die Debatten auf dem ersten bundesweiten Gipfel zur inklusiven Bildung. Rund 350 Fachleute aus Organisationen, Verbänden und Ministerien waren nach Bonn gekommen. Fünf Jahre nach Inkrafttreten der Behindertenrechtskonvention ist die bundesweite Bilanz unbefriedigend.

Ein Dauerthema ist die Finanzierung eines inklusiven Bildungssystems. Schulumbau, Integrationshelfer, Sonderpädagogen und Lehrkräfte kosten Geld. Seit Monaten diskutieren Länder und Kommunen darüber, welchen Anteil sie bezahlen müssen. Nur langsam zeichnen sich Kompromisse ab. Bislang fehlt für den inklusiven Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern an den meisten Regelschulen das Geld – etwa für Rollstuhl-Rampen, behindertengerechte Toiletten oder Ruheräume. Die Zusatzkosten für ein inklusives Bildungssystem sind nach Angaben des Bildungsökonomen Klaus Klemm, emeritierter Professor der Universität Duisburg-Essen, nur schwer zu erheben. Berechenbar seien die Mehrausgaben für das lehrende Personal. In einer Studie aus dem Jahr 2012 kommt Klemm auf einen Mehrbedarf von etwa 700 Millionen Euro. "Nach meinen aktualisierten Berechnungen gehe ich von 550 Millionen Euro aus", so Klemm. Es sei aber kaum möglich, für die notwendigen Um- und Ausbauten an den Schulen gültige Zahlen zu nennen. Klar ist: Deutschland wird für eine Überganszeit von zehn bis fünfzehn Jahren mehr Geld aufbringen müssen, um das inkludierende wie separierende Schulsystem parallel zu finanzieren. Allerdings wird ein einheitliches System mit weniger Doppelstrukturen langfristig deutlich weniger Geld kosten.

Inklusion steht für einen Kulturwandel

Durchdachte Konzepte für inklusive Bildung sind bislang kaum vorhanden
© DUK, Foto: www.matzke-foto.de

Dass die Zukunft der Inklusion nicht nur eine Frage der Ressourcen ist, darauf machten viele Gipfelteilnehmer aufmerksam. Nötig seien vor allem ein politischer Wille und eine klare Haltung. Nur dann könnten auch Offenheit, Vertrauen und Akzeptanz für Inklusion entstehen. Noch ist Deutschland von einem gesellschaftlichen Konsens weit entfernt. Der Widerstand gegenüber einem inklusiven Bildungssystem ist groß, der Kulturwandel wird je nach Standpunkt wohlwollend bis zähneknirschend hingenommen. Die Gründe hierfür sind vielfältig: Förderschulen, die sich in privater Trägerschaft befinden, fürchten um ihre Existenz. Manche Eltern haben Angst, dass ihr behindertes Kind in einer Regelschule nicht angemessen gefördert werden kann. Eltern von nicht-behinderten Kindern fürchten, dass das Leistungsniveau sinken könnte. Viele Lehrer fragen sich, wie sie die hohen pädagogischen Anforderungen bewältigen sollen. Und einige Politiker wollen, dass auch künftig Förderschulen ein fester Bestandteil des Bildungssystems bleiben und nur geeignete Förderschüler eine Regelschule besuchen. Sie verweisen auf die UN-Behindertenrechtskonvention: bei allen Maßnahmen sei das Wohl des Kindes vorrangig zu berücksichtigen.

Erschwert wird auch diese Schulreform durch die föderalen Strukturen. Bildung ist Sache der 16 Bundesländer, entsprechend unterschiedlich wird inklusive Bildung umgesetzt. Viele Gipfelteilnehmer kritisierten, dass es kein "professionelles Veränderungsmanagement" gebe. Durchdachte Konzepte seien bislang kaum vorhanden. Eher sei eine "wilde Inklusion" im Gange, obwohl die jetzige Schulreform tiefer greife als alle bisherigen Bildungsreformen. Denn der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht-behinderten Kindern wirft viele Fragen auf: bei der Benotung von Schülern, der Planung des Unterrichts, der Verteilung der Lehrer, der Gestaltung von Schulbüchern. Die Reform betrifft auch die Aus- und Fortbildung der Lehrer. "Hier brauchen wir unbedingt eine Qualitätsoffensive", forderte der Rektor der Universität Siegen, Professor Holger Burckhardt. Die Vorbereitung der Lehrer auf eine inklusive Schullandschaft müsse an den Hochschulen ernster genommen werden. Inklusion könne nur gelingen, wenn in die Ausbildung der Lehrer investiert werde, betonte Burckhardt.

Regionale Unterschiede sind groß

Wie schwer sich die Bundesländer damit tun, eine inklusive Bildung zu verwirklichen, zeigt eine aktuelle Studie des Deutschen Instituts für Menschenrechte, die auf dem Gipfel vorgestellt wurde. Demnach ist bislang in keinem Bundesland ein Schulrecht erkennbar, das den Aufbau und den Unterhalt eines inklusiven Bildungssystems hinreichend gewährleistet. "Nur Bremen, Hamburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen haben inzwischen wenigstens Weichen gestellt", sagte der Leiter der Monitoring-Stelle, Dr. Valentin Aichele. In anderen Ländern wie etwa Baden-Württemberg, Berlin, Schleswig-Holstein und Thüringen seien Gesetze in Arbeit oder aber für die nähere Zukunft angekündigt.

Besonders kritisch bewertete Aichele die Tendenz der Bundesländer, den Besuch von Schülern mit Behinderungen an einer Regelschule an bestimmte Voraussetzungen zu knüpfen – etwa dass es ausreichend Lehrer vor Ort gibt oder dass der Schulbesuch organisatorisch machbar ist. Solche Vorbehalte seien nach der UN-Behindertenrechtskonvention völkerrechtlich nicht erlaubt. Deshalb forderte Aichele die Landesregierungen auf, klare Vorgaben zu schaffen. Sonst könne es keine tatsächliche Umgestaltung der Schulen geben. "Die Fragen betreffen keineswegs nur die Schulpolitiker, sondern auch die Parlamentarier in den Haushaltsausschüssen oder Bauausschüssen", sagte Aichele.

Deutschland Schlusslicht in Europa

Bundesweit haben derzeit knapp 500.000 Schüler einen Förderbedarf
© Ulfert Engelkes

Inklusive Bildung endet in Deutschland oft nach der Kita. Dort lernen zwar nach einer Studie der Bertelsmann Stiftung bereits 60 Prozent der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf gemeinsam mit anderen, in der Grundschule sind es dann aber nur noch 34 Prozent. Und beim Übergang in die weiterführende Schule müssen viele Kinder an eine Förderschule wechseln, weil es noch zu wenig inklusive Bildungsangebote gibt. Bundesweit haben derzeit knapp 500.000 Schüler einen Förderbedarf. Das sind 6,4 Prozent aller schulpflichtigen Kinder in Deutschland. Obwohl seit dem Schuljahr 2008/2009 der Anteil der Schüler mit Förderbedarf an deutschen Regelschulen deutlich gestiegen ist – von etwa 18 auf 28 Prozent – hat sich der Anteil der Kinder, die eine Förderschule besuchen, kaum verändert (Quelle: Update Inklusion).

Denn bei immer mehr Kindern wird eine Verhaltensauffälligkeit, Sprach- oder Lernstörung festgestellt. Während im Jahr 2003 die Förderschulquote 5,6 Prozent betrug, lag sie nach Angaben der Kultusministerkonferenz im Jahr 2012 bei 6,6 Prozent. In Europa ist der Trend umgekehrt. Im europäischen Durchschnitt werden heute etwa zwei Prozent aller Schüler in gesonderten Bildungseinrichtungen unterrichtet. In vielen südeuropäischen und skandinavischen Ländern, in denen schon vor Jahrzehnten inklusive Bildung eingeführt wurde, sind es sogar weniger als ein Prozent aller Schüler. Europaweit gehört Deutschland neben Belgien und den Niederlanden damit zu den Schlusslichtern.

Schulstruktur erschwert inklusive Bildung

Nach Ansicht vieler Gipfelteilnehmer wird inklusive Bildung hierzulande vor allem durch die seit dem 19. Jahrhundert gewachsene Schulstruktur erschwert: Kinder werden nach Begabung und Leistung in eigens dafür geschaffenen Schulen "sortiert" – und wer den Unterrichtsstoff nicht schafft, wird in eine niedrigere Schulform versetzt. Im internationalen Vergleich hat kein anderes Land ein so differenziertes Schulsystem wie Deutschland. Neben den Regelschulen gibt es zahlreiche spezielle Förderschulen, darunter für Blinde, Gehörlose, Verhaltensauffällige, Körperbehinderte, Sehgeschädigte und Sprachgehemmte. Drei Viertel der Störungen liegen im emotionalen und sozialen Bereich oder bei der Sprachentwicklung. Und diese Handicaps sind meist nicht angeboren, sondern sie werden sozial erworben. Lernstörungen, Verhaltensauffälligkeit oder Sprachhemmungen sind oft Ursache von mangelnder Förderung. Hier können Sonderschulen zwar einen Schutz- und Schonraum bieten, als Gegemmodell zur Leistungsgesellschaft, aber Teilhabe und Chancengleichheit werden so erschwert. Drei Viertel der Förderschüler bleiben ohne Hauptschulabschluss.

Ute Erdsiek-Rave, Vorsitzende des Expertenkreises 'Inklusive Bildung' der Deutschen UNESCO-Kommission, präsentierte die Ergebnisse der Workshops
© DUK, Foto: www.matzke-foto.de

Dabei zeigen inklusive Schulen weltweit, dass der gemeinsame Unterricht zum Erfolg führen kann. "Jedes Kind wird mit seinen Stärken und Schwächen angenommen. Davon profitieren alle und das steigert die Qualität der Bildung insgesamt", sagte die Vorsitzende des Expertenkreises "Inklusive Bildung" der Deutschen UNESCO-Kommission, Ute Erdsiek-Rave. Wenn bereits Kinder Verschiedenheit und Vielfalt als vollkommen normal erlebten, beuge das Ausgrenzung und Diskriminierung früh vor. "Viele haben das Bild vor Augen, dass die schwachen Kinder die starken Kinder beim Lernen behindern", so Erdsiek-Rave. Das Gegenteil sei der Fall. Gemeinsamer Unterricht bedeute nicht, das Niveau abzusenken. 

"Bonner Erklärung" soll Impulse geben

Ein inklusives Bildungssystem kann die Chancen auf einen erfolgreichen Lebensweg erhöhen – wenn die Voraussetzungen beim gemeinsamen Lernen stimmen. Ein allgemeingültiges Rezept für Inklusion gibt es nicht. Es ist ein langer Prozess, der Zeit und Geduld braucht. Das haben die intensiven und konstruktiven Gespräche zwischen Politikern, Schulträgern, Bildungsakteuren und Wissenschaftlern noch einmal deutlich gemacht. Die amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz und nordrhein-westfälische Schulministerin Sylvia Löhrmann, hob hervor, dass Inklusion nicht nur die Schule betreffe. Es sei vielmehr eine "gesamtgesellschaftliche, lebensbegleitende Generationenaufgabe und die Grundvoraussetzung für eine offene und tolerante Gesellschaft".

KMK-Präsidentin Sylvia Löhrmann im Dialog mit Verena Bentele (Beauftragte der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen) und Moderator Lothar Guckeisen (v.l.n.r.) zum Thema 'Inklusive Bildung in unserer Verantwortung'.
© DUK, Foto: www.matzke-foto.de

Die "Bonner Erklärung zur inklusiven Bildung in Deutschland",  die zum Ende des Gipfels verabschiedet wurde, soll einen Impuls geben. Sie appelliert an Bund, Länder und Kommunen, den Konflikt über die Kosten für den gemeinsamen Unterricht konstruktiv zu lösen. Die Länder werden aufgefordert, gemeinsam mit den Schulträgern in den allgemeinen und berufsbildenden Schulen das Recht auf inklusive Bildung zu verwirklichen – von der Barrierefreiheit über das Curriculum bis zur Aus-, Fort- und Weiterbildung von Lehrkräften. Gemeinsam mit der Bundesregierung, den Kommunen, der Wissenschaft und der Zivilgesellschaft sollten die Länder einen Aktionsplan zur Umsetzung von inklusiver Bildung entwickeln. Auch die Barrieren in der Berufswelt seien abzubauen, heißt es in der Erklärung.

Wie Inklusion umgesetzt werden kann, zeigen bundesweit schon heute hunderte Bildungseinrichtungen mit ihren pädagogischen Konzepten. Bislang sind diese Erfolge in der Öffentlichkeit aber kaum bekannt. Für die Teilnehmer des Gipfels öffneten deshalb sieben inklusive Schulen in Bonn ihre Türen. Die Integrative Gesamtschule Bonn-Beuel hat mit dem Konzept seit knapp 30 Jahren großen Erfolg, der Abiturschnitt ist überdurchschnittlich hoch und die Schulabbrecherquote liegt weit unter dem Durchschnitt. Auch an der Ketteler-Grundschule in Bonn-Dransdorf wird Inklusion intensiv gelebt. Dafür wurde der Schule im vergangenen Jahr der Jakob Muth-Preis verliehen. Der Alltag in diesen und anderen Schulen zeigt, dass Inklusion nicht nur eine Vision, sondern auch möglich ist. Vor allem wird eines sichtbar: Kinder begegnen Vielfalt unvoreingenommen. Ungleichheit und Ausgrenzung entstehen erst durch Strukturen, die von Erwachsenen geschaffen werden.

Die Deutsche UNESCO-Kommission hat den Gipfel "Inklusion – Die Zukunft der Bildung" in Zusammenarbeit mit zahlreichen Partnern ausgerichtet. Kooperationspartner waren die Aktion Mensch, die Bertelsmann Stiftung, das Bildungs- und Förderungswerk der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, das Deutsche Institut für Menschenrechte, die Heidehof Stiftung, die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und die Stadt Bonn. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales und die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland haben den Gipfel unterstützt.

 
Weitere Informationen:

Bonner Erklärung zur inklusiven Bildung in Deutschland  

Website zum Gipfel "Inklusion – Die Zukunft der Bildung"  

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