August 2010
Der Weg zu einer UNESCO-Erklärung über ethische Fragen des Klimawandels
Von Benjamin Hanke und Lutz Möller
Der Klimawandel ist seit einigen Jahren eines der am meisten diskutierten Themen. Entschlossenes Handeln ist überfällig, um die schlimmsten Folgen zu mildern. Für alle Mandatsbereiche der UNESCO haben die bereits stattgefundenen bzw. prognostizierten Veränderungen durch den Klimawandel Folgen. Derzeit wird untersucht, ob eine Erklärung zu "ethischen Implikationen des Klimawandels" sinnvoll ist.
Seit 2008 hat die UNESCO eine Strategie zum Klimawandel (UNESCO Strategy for Action on Climate Change). Schwerpunkte sind die Bewusstseinsbildung über den Klimawandel in der Bildung und den Medien, die Auswirkungen des Klimawandels auf Welterbestätten und die Folgen des Klimawandels für indigene Völker. Seit 2009 untersucht die UNESCO eine weitere Dimension des Klimawandels:
Der Klimawandel ist auch unter ethischen Aspekten eine neue Herausforderung für die Menschheit. Die UNESCO prüft, ob eine Erklärung über "Ethische Aspekte des Klimawandels" sinnvoll sein kann. In einer solchen Erklärung sollen erstmals alle einschlägigen ethisch-moralischen Prinzipen über Ursachen, Auswirkungen und Begleiterscheinungen des Klimawandels in einem Dokument zusammengefasst werden. Federführend in diesem Prozess ist die UNESCO-Weltkommission für Ethik in Wissenschaft und Technologie (COMEST). Dem Gremium gehören 18 unabhängige Experten an.
Folgen des Klimawandels
Durch den Klimawandel werden nicht nur die Temperaturen voraussichtlich um mindestens zwei Grad bis Ende des Jahrhunderts ansteigen. Weitere Folgen könnten langfristige Veränderungen der Niederschlagsverteilung, eine Versauerung der Meere, ein Anstieg des Meeresspiegels und häufigere und heftigere Dürren, Niederschläge, Hitzewellen und tropische Wirbelstürme sein. Der Klimawandel verändert die natürlichen Lebensbedingungen weltweit, vielerorts massiv, anderswo in geringerem Ausmaß. Besonders drastische Auswirkungen sind in Gebieten zu erwarten, die wie Nordafrika oder der Nahe Osten schon jetzt äußerst geringe Niederschläge verzeichnen, ebenso in Ländern wie Indien, deren hohe Bevölkerungsdichte weiter zunimmt. Auch auf die biologische Vielfalt wird sich der Klimawandel negativ auswirken.
Die Arbeit des IPCC hat in den Natur- und Sozialwissenschaften zu weitgehendem Konsens im Hinblick auf Ursachen und Anpassungsstrategien geführt. Es ist ziemlich klar, welche Maßnahmen unmittelbar durchzuführen wären. Mit dem UNFCCC steht auch ein politischer Rahmen bereit. Jedoch scheiterte in Kopenhagen Ende 2009 ein Konsens über eine unmittelbare Anschlussregelung an das Kyoto-Protokoll.
Ethische Implikationen
COMEST beschäftigt sich seit 2008 auf eigene Initiative mit den ethischen Implikationen des Klimawandels. In seiner Arbeit baut das Gremium auf dem UNFCCC und der Arbeit des IPCC auf. Viele ethische Dimensionen, wie etwa der faire Lastenausgleich zwischen "Verursachern" und "Opfern" des Klimawandels, werden in den Klima-Abkommen erwähnt. Auch die Rio-Erklärung von 1992 hat einen hilfreichen Rahmen geschaffen. Ziel einer UNESCO-Erklärung wäre es, diese Referenzen zu kombinieren und bewusst die ethischen Aspekte in den Vordergrund zu stellen. Dies könne gemeinsame Antworten auf die globalen Veränderungen erleichtern, so die Hoffnung von COMEST.
Nach erster intensiver Arbeit und der Vorstellung des Berichts "The Ethical Implications of Global Climate Change" verabschiedete COMEST auf seiner Sitzung in Kuala Lumpur im Juni 2009 eine Empfehlung an die UNESCO-Generalkonferenz, ein Rahmendokument mit den grundlegenden ethischen Prinzipien im Kontext des Klimawandels zu entwerfen. Die UNESCO-Generalkonferenz schloss sich im Oktober 2009 der Empfehlung von COMEST an: Die Notwendigkeit von globalen Politiklösungen gerade zugunsten der Verwundbarsten mache es dringend erforderlich, ethische Grundlinien für Antworten auf die wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und menschlichen Herausforderungen des Klimawandels zu bestimmen. Die Generalkonferenz konnte sich aber nicht darauf einigen, ob eine UNESCO-Erklärung zum Thema sinnvoll und machbar sein könnte.
Derzeit, das heißt bis zur nächsten Sitzung des UNESCO-Exekutivrates, untersucht die UNESCO die Machbarkeit einer solchen Erklärung. Im Mai und Juni 2010 wurden fünf Konferenzen weltweit organisiert. Alle UN-Organisationen und die Regierungen der Mitgliedstaaten waren eingeladen, sich in einem Fragebogen dazu zu äußern, ob eine solche Erklärung wünschenswert ist. Der von den Mitgliedstaaten in Gang gesetzte Prozess wird nun von COMEST organisiert. Ein Ergebnisbericht wird dem UNESCO-Exekutivrat im Oktober 2010 vorgelegt. Dort wird dann über die weiteren Schritte auf dem Weg hin zu einer Erklärung zur Ethik des Klimawandels beraten.
Im Rahmen dieses Beratungsprozesses soll auch geklärt werden, welches die entscheidenden ethischen Fragen sind, die eine solche Erklärung ansprechen sollte. Sind Risikoanalysen, Migrationspolitik, Infrastrukturplanung, Energiestrategien, Entwicklungshilfe und Forschungskooperation im Hinblick auf den Klimawandel ethisch relevant? Welchen ethischen Stellenwert bezüglich des Klimawandels haben Menschenwürde, künftige Generationen, menschliche Sicherheit, Partizipation, Kosten-/Nutzenrechnungen, indigene Völker oder Biodiversität? Welche Menschenrechte spielen hinein, wie verhalten sie sich zum Vorsorgeprinzip, zum Grundsatz nachhaltiger Entwicklung, zu nationaler Souveränität und dem Gebot, Umweltschäden in anderen Staaten zu vermeiden?
Faire Lastenverteilung
Meist sind die Länder, die am meisten zum Klimawandel beitragen, am wenigsten von seinen Folgen betroffen. Sollen die "Opfer" Kompensationsleistungen verlangen können? Zahlt der "Verschmutzer"? Gibt es "gemeinsame, aber differenzierte Verpflichtungen" (common but differentiated responsibilities)? Anhand welcher Kriterien soll sich der Beitrag einzelner Staaten zur Anpassung an den Klimawandel und zur Eindämmung der Schäden bemessen? Wer ist, im Fall eines globalen Phänomens, ethisch-moralisch an welchen Entscheidungen zu Anpassungsmaßnahmen und zur Eindämmung des Klimawandels zu beteiligen, und wer kann aus Gründen der Entscheidungseffizienz außen vor gelassen werden?
Auch die gemeinsame Verantwortung (collective and shared resposibility) der Staatengemeinschaft würde aller Voraussicht nach Eingang in die Erklärung finden: Viele Staaten ergreifen keine Initiative zur Anpassung und Eindämmung der Folgen des Klimawandels, obwohl sie dazu in der Lage wären. Als Grund geben sie an, auf entsprechende Aktionen anderer Staaten zu warten, um angebliche wirtschaftliche Nachteile zu vermeiden, oder dass sie den wissenschaftlichen Erkenntnissen misstrauen.
Es ginge bei einer UNESCO-Erklärung also gerade nicht um die Frage, wer für den Klimawandel verantwortlich ist, sondern darum, für die Verhandlungen und Lösungsansätze gemeinsame ethische Maßstäbe zu entwickeln. Zwar ist Nichtstun beim Klimawandel fatal, doch auch voreilige, undurchdachte Reaktionen können negative Konsequenzen haben und Konflikte und neue Ungerechtigkeiten hervorrufen. Ziele, Natur, Ausmaß und vor allem Rechtfertigungsgründe der Aktionen müssen kritisch reflektiert werden.
Die UNESCO-Erklärung zur Ethik des Klimawandels könnte moralische Leitlinien setzen und gemeinsame Werte definieren. Sie könnte Vorschläge zur Auflösung der Dilemmata liefern und dazu beitragen, bestimmte ethische Fragen grundlegend neu zu überdenken.
Weitere Informationen auf der Website der UNESCO:
Redaktion: unesco heute online Deutsche UNESCO-Kommission e.V. • Colmanstraße 1553115 Bonn • Telefon 0228 / 60497-0 • www.unesco.de







