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November 2009

Internationaler Tag für Toleranz

"Eine Tugend, die den Frieden ermöglicht"

Von Farid Gardizi

Demokratie braucht Toleranz. Ohne Verständnis ist ein friedliches Miteinander nicht möglich. Wie wesentlich Toleranz für das Zusammenleben aller Menschen ist, daran erinnert die UNESCO jedes Jahr am 16. November zum "Internationalen Tag für Toleranz".

Der 'Square de la Tolérance' vor dem Pariser Hauptgebäude der UNESCO
An die Bedeutung von Toleranz erinnert auch der "Square de la Tolérance" vor dem Pariser Hauptgebäude der UNESCO, den der israelische Künstler Dani Karavan gestaltet hat. (Foto: © UNESCO)

Was "Toleranz" ausdrückt, definierten die UNESCO-Mitgliedstaaten 1995 in ihrer "Erklärung von Prinzipien der Toleranz", um den Gedanken aktiv weltweit zu verbreiten. "Praktizierte Toleranz bedeutet weder das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder Schwächung der eigenen Überzeugungen", heißt es in der Erklärung. "Sie bedeutet für jeden einzelnen Freiheit der Wahl seiner Überzeugungen, aber gleichzeitig auch Anerkennung der gleichen Wahlfreiheit für die anderen." Daran erinnert die UNESCO am Internationalen Tag für Toleranz, der jährlich am 16. November gefeiert wird.

Toleranz ist täglich gefordert: in Partnerschaft und Familie, in Freundschaften, in der Schule, am Arbeitsplatz, auf der Straße und nicht zuletzt zwischen Völkern und Kulturen. Gesellschaften brauchen Toleranz, wenn sie das Zusammenleben in einer globalisierten Welt bewältigen wollen. "Toleranz ermöglicht Differenz, Differenz benötigt Toleranz", sagt der amerikanische Philosoph Michael Walzer. Doch wo liegen die Grenzen der Toleranz?

Der Begriff war ideengeschichtlich bedeutsam für die Entstehung der liberalen Demokratie. Unter den Gelehrten im Europa des 18. Jahrhunderts wurde leidenschaftlich über die Frage der Toleranz philosophiert, nachdem verheerende Religions- und Bürgerkriege vorausgegangen waren. Die Philosophen im Zeitalter der Aufklärung wollten einen Weg finden, wie Völker und Kulturen trotz unterschiedlichen Glaubens friedlich miteinander leben können. Ihre Sorge: Wenn Menschen weiterhin Andersgläubige bekämpften, dann werde sich Europa kurz über lang selbst vernichten. Konflikte über den Sinn des Daseins dürften nicht mit Gewalt ausgetragen werden.

Toleranz als innere Ordnung von Staaten

Doch bis Toleranz ein politischer Begriff wurde, brauchte es seine Zeit. Denn die Gesellschaften zu Zeiten der Aufklärung waren vertikal und feudal organisiert. Hierarchien waren bindend, Herrschafts- und Machtverhältnisse eindeutig. Wurden Minderheiten wie Juden, Hugenotten, Sinti und Roma toleriert, dann waren sie per Edikt meist Bürger zweiter Klasse. Die Vordenker der liberalen Demokratie setzten dagegen den Mensch über alles Ständische, sie forderten Toleranz gegenüber der Freiheit des Einzelnen. Dieser Grundgedanke begründete eine Verfassungstradition, die eine Freiheit zusichert, sein Leben ohne Furcht und Mangel führen zu können.

Die klassische Begründung dieses Toleranz-Gedanken formulierte der englische Philosoph John Locke. 1689 erschien sein "Brief über die Toleranz", zu einer Zeit als es in England schwere religiöse Konflikte gab. Für Locke besteht die entscheidende Aufgabe des Staates darin, Leben, Besitz und Freiheiten der Bürger zu schützen: "Weder das Recht noch die Kunst des Regierens zieht notwendig die gewisse Kenntnis anderer Dinge nach sich und am wenigsten der wahren Religion". Als Inhaber des Gewaltmonopols darf der Staat religiöse Überzeugungen weder mit Gewalt durchsetzen noch bekämpfen – selbst wenn sich diese fundamental widersprechen.

Toleranz muss aktiv stattfinden

Begann Toleranz zunächst als Geste staatlicher Duldung gegenüber Religionen – sofern diese friedlich koexistierten – avancierte sie mit der Aufklärung zur zentralen Haltung des modernen Bürgers. Voraussetzung dafür war neben der Gewaltenteilung auch das Recht auf freie Meinungsäußerung. Heute ist Toleranz ein Wesenskern des säkularen Staates – auch wenn sie immer wieder ein Drahtseilakt ist. Voltaire brachte das Dilemma bereits im 18. Jahrhundert zähneknirchend auf den Punkt: "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst". 

Toleranz tut weh und mutet zu, sie gewährt nicht bloß, sie würdigt die Freiheit eines jeden Menschen und verzichtet auf das Gefühl der Überlegenheit. "Toleranz", schreibt Goethe, "sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein; sie muss zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." Wer tolerant ist, verfügt über die innere Freiheit, sich in andere Lebensweisen und Anschauungen einzufühlen. Toleranz ist jedoch kein Selbstzweck, sie ist ein Mittel, um den sozialen Frieden innerhalb einer Gesellschaft zu ermöglichen. Sie endet dort, wo aus falsch verstandener Toleranz, ihre Legitimationsgrundlage – die Menschenrechte – verletzt werden.

Zwischenstaatliche Beziehungen regelt die Diplomatie

Toleranz als Mittel zur inneren Ordnung von Staaten reicht allein jedoch nicht. Erst eine globale Toleranz garantiert nach Immanuel Kant einen "ewigen Frieden". Denn innerstaatliche Friedfertigkeit kann einhergehen mit äußerer Aggressivität. "Völker, als Staaten, können wie einzelne Menschen beurteilt werden, die sich in ihrem Naturzustande schon durch ihr Nebeneinandersein lädieren", schreibt Kant 1795 in seinen Ausführungen "Zum ewigen Frieden". Globale Toleranz erfordert die wechselseitige Duldung von Staaten untereinander, sie beginnt dort, wo die gemeinsam anerkannte Moral endet, und sie wird da geregelt, wo zwischenstaatliche Beziehungen Diplomatie erfordert.

Was passiert, wenn die Grenzen der Selbstbestimmung von Nationen nicht respektiert werden, wurde im 20. Jahrhundert mehr als virulent. Weltkriege, Völkermorde und Kolonialismus waren barbarische und demütigende Ereignisse. Die Vereinten Nationen verabschiedeten im Angesicht dieser Erfahrungen 1948 die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Kern der Erklärung ist der Grundsatz: "Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren." In 30 Artikeln formuliert das Dokument ein universal gültiges Wertesystem für das Zusammenleben aller Menschen und Staaten. Um die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte in rechtsverbindliche Normen zu verwandeln, haben die Vereinten Nationen in den vergangenen 60 Jahren zahlreiche Vereinbarungen getroffen.

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