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Genossenschaftlich und nachhaltig in der Rhön

Interview mit Julia Rösch auf dem internationalen Workshop „Erneuerbare Energien und Biosphärenreservate“ vom 11. bis 13. September im Biosphärenreservat Bliesgau, Saarland

Julia Rösch ist seit zwei Jahren zuständig für nachhaltige Entwicklung in der bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats Rhön. Sie begleitet unter anderem ein genossenschaftlich betriebenes Fernwärmenetz einer Biogasanlage in Fladungen.

Deutsche UNESCO-Kommission: Frau Rösch, welche spannenden Beispiele gibt es im Biosphärenreservat Rhön für die Nutzung erneuerbarer Energien?

Julia Rösch

Ich möchte ein Projekt besonders herausstellen: das Wärmenetz Fladungen, das angebunden ist an eine Biogasanlage der Familie Hückl. Die Biogasanlage, die aus Biomasse Strom erzeugt, gibt es seit 2011. Die Idee, die dabei entstehende Wärme in ein lokales Fernwärmenetz einzuspeisen, konnte erst später umgesetzt werden, sie liegt aber auf der Hand. Durch die gleichzeitige Erzeugung von Strom und Wärme kann man die Anlage viel effizienter nutzen, die Wärme kann heute unterschiedlich verwendet werden, einmal zur Trocknung von Holzhackschnitzeln und daneben in einem Nahwärmenetz. Dieses wurde 2016 in Betrieb genommen, es verteilt die Wärme der Anlage im gesamten Stadtgebiet und ist im Besitz einer Genossenschaft, die zugleich auch die Abnehmer der Wärmeenergie sind. Die Verwaltungsstelle begleitet und unterstützt diesen Prozess, fördert aber nicht finanziell.

Woher kam die Idee für die Gründung einer Genossenschaft?

Der Betreiber der Biogasanlage stand mit den Bewohnern von Fladungen, der Stadt Fladungen und auch dem Amt für ländliche Entwicklung Würzburg, das einen Teil der Entwicklung finanziert hat, schon länger in Kontakt. Den Stein ins Rollen gebracht hat der Zweckverband Fränkisches Freilandmuseum Fladungen, der auch der größte Abnehmer von Wärme ist. Tatsächlich hat es einen langen Atem gebraucht, um alle Akteure zusammen zu bekommen und alle davon zu überzeugen, dass dieses Projekt ein Erfolg werden könnte.

Was sind die Vorteile für die Mitglieder der Genossenschaft?

Es gibt viele Vorteile: Vor allem muss man sich um weniger kümmern: Für die Mitglieder gibt es einen Ansprechpartner, der diese Anlage und damit alle Heizungen rund ums Jahr betreut. Zudem spart jeder Hausbesitzer mindestens einen Raum ein, weil es keine eigene Heizungsanlage und kein Lager mehr braucht. Und man kann sich auf die Verfügbarkeit von Energie und heißem Wasser rund ums Jahr verlassen. Es gibt einen festen Abnahmevertrag mit der Biogasanlage mit einer gewissen preislichen Bindung. Viele freuen sich auch einfach über die Tatsache, ihr Haus mit erneuerbaren Energien zu beheizen. Das entscheidende Argument ist aber der Preis. Die Fernwärme ist eine preislich sinnvolle Alternative zu anderen Energieträgern. Das war auch das wichtigste Argument für den Schlüsselpartner, das Fränkische Freilandmuseum Fladungen, das alte Häuser bewahrt und ausstellt und dessen Häuser den Winter über durchgängig leicht beheizt werden müssen.

Ist Fladungen mit diesem dörflichen, genossenschaftlichen Nahwärmenetz bundesweit ein Vorreiter?

Was die genossenschaftliche Lösung betrifft durchaus. Es gibt einige Gemeinden, die lokale Wärmenetze haben, wo meistens die öffentlichen Gebäude angeschlossen sind, etwa das Rathaus, die Schule oder ein Gemeindesaal. In Unterfranken gibt es noch eine ganze Reihe anderer Beispiele wie etwa in Binsfeld oder Oberelsbach, wo eine Hackschnitzelanlage ein Nahwärmenetz speist, an das auch Infozentrum und Bürogebäude der Bayerischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats angeschlossen sind. Von bäuerlichen Genossenschaften gebaute und betriebene Biogasanlagen wiederum gibt es gerade in der Rhön eine ganze Reihe. Besonders ist das Beispiel in Fladungen durch die Verbindung von drei Faktoren: Biogasanlage und Nahwärmenetz mit Einbindung vieler Bürger.

Die neueste Idee ist es, die Biogasanlage zu kombinieren mit einem Naturschutzprojekt. Was haben Sie vor?

Die Rhön ist berühmt für ihre großflächigen artenreichen Wiesen auf den Bergeshöhen. Dieser hohe Wert und diese Schönheit brauchen aber zur Erhaltung naturschutzgerechte Nutzung. Dafür engagieren sich viele Landwirte. Sie mähen in Maßnahmen des Vertragsnaturschutzes Bergwiesen einmal im Jahr. Unser Problem ist die Lupine als invasive Art, die sich immer mehr ausbreitet. Wenn ein großer Anteil von Lupine im Mahdgut enthalten ist, dann verschlechtert das die Qualität des Mahdguts für die Verwertung als Futter, denn die Lupine trocknet schlecht und fängt daher in Heuballen an zu schimmeln. Dadurch verdirbt das Heu und kann nicht mehr verfüttert werden. Daher haben wir ein Projekt gemeinsam mit der Universität Gießen und der Universität Kassel auf den Weg gebracht: Dieses Projekt untersucht einerseits, wie die Landschaftspflege so gestaltet werden kann, dass sich die Lupine möglichst nicht ausbreitet oder sogar zurückgedrängt werden kann - und wie man gleichzeitig das lupinenhaltige Mahdgut dafür nutzen kann, um Biomasse beziehungsweise Bioenergie zu gewinnen. Dazu gibt es erste Versuche, die ein anderes Verfahren als herkömmliche Biogasanlagen verwenden.

Was sind aus Ihrer Sicht die Chancen von erneuerbaren Energien für das Biosphärenreservat Rhön in der Zukunft?

Das Biosphärenreservat Rhön muss sich als Modellregion für nachhaltige Entwicklung besonders ernsthaft damit auseinandersetzen, wie man sich langfristig mit erneuerbaren Energien versorgen kann. Ich glaube, dass auch unter besonderer Beachtung der Naturverträglichkeit die Potentiale für eine nachhaltige Versorgung mit regenerativer Energie in der Rhön noch nicht ausgeschöpft sind. Da ist die Entwicklung auch mit dem hervorragenden Beispiel in Fladungen sicher noch nicht zu Ende. Von den Bergen der Rhön konnte man sehr gut die Dampfwolken des Kernkraftwerks Grafenrheinfeld sehen, das gerade abgeschaltet worden ist. Für mich war das immer der entscheidende Bezugspunkt: Das Atomkraftwerk ist  ein sichtbares Beispiel für nicht nachhaltige Versorgung.

(Artikel erstellt am 11. Oktober 2017)

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