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Kulturerbe und Europa - Transformationskraft und verantwortung

Hauptversammlung der Deutschen UNESCO-Kommission diskutierte anlässlich des diesjährigen Europäischen Kulturerbejahres über die Rolle des Kulturerbes als Fundament und Quelle für eine gemeinsame Zukunft Europas

Warum ist die Rolle von Kultur(erbe) in unserer Gesellschaft heute, in Zeiten von zunehmenden Migrationsströmen und polarisierenden Fake News, wichtiger denn je? Und wie kann unser europäisches Kulturerbe dazu beitragen, gesellschaftliche und (kultur)politische Spannungen innerhalb Europas zu überwinden? Darüber diskutierten die Teilnehmenden der öffentlichen Veranstaltung im Rahmen der 78. Hauptversammlung der Deutschen UNESCO-Kommission am 7. Juni 2018 in der Welterbestadt Bamberg.

Angstfreie Weltbürger wider den nationalistischen Kammerton

Prof. Dr. Michael Naumann, Kulturstaatsminister a. D. und Rektor der Barenboim-Said Akademie Berlin, rief in seinem Festvortrag angesichts der aktuellen Lage in der Welt und in Europa eindringlich die Bedeutung der UNESCO als „universale Institution zur Erziehung aller Menschen zu angstfreien Weltbürgern“ in Erinnerung. Er zog zunächst Parallelen zu der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg, als in den 1910er Jahren der „nationalistische Kammerton“ in einem friedensmüden Europa in den Gesellschaften überhandnahm. Es herrsche heute ein Unbehagen in der Kultur, da vielerorts in Europa Rassismus und Antisemitismus wieder hoffähig würden und sich als Integrations- und Asyldebatten tarnten. Religions-, Meinungs- und Kunstfreiheit seien zunehmend gefährdet, Kulturerbe würde mehr und mehr für rein nationale Zwecke instrumentalisiert und die Prinzipien eines rechtsstaatlichen Europas stünden mehr denn je auf dem Prüfstand.

Anschließend erläuterte er, dass alle Gesellschaften Erinnerungskulturen seien, deren Ängste (und Hoffnungen) auf ihren Erfahrungen mit ihrer eignen Geschichte und ihren Nachbarn beruhten. Erinnerungen und Ängste würden in alle Manifestationen von Kultur einfließen – von Malerei, Musik, Literatur und Architektur bis zur Landschaftsgestaltung. „Angst ist jedoch keine stabile Grundlage von Demokratien, sondern höchstens Grundlage von Präventionsgesellschaften und der Brennstoff des Populismus. Der Begriff von Heimat bedeutet heute für einige, Grenzen zu ziehen und Mauern zu bauen, statt Inklusion und Teilhabe“, so Prof. Dr. Naumann.

Der UNESCO ist es vorbehalten, uns ein helleres Licht aufzustellen.

„Der UNESCO ist es vorbehalten, uns ein helleres Licht aufzustellen, indem sie sich gegen Analphabetismus, die Unterdrückung der Pressefreiheit und globale Asymmetrien einsetzt und die kulturellen Voraussetzungen für weltweiten Frieden fördert, um uns Wege aus der Finsternis aufzuzeigen“.

Prof. Dr. Michael Naumann, Kulturstaatsminister a. D. und Rektor der Barenboim-Said Akademie Berlin

Kulturerbe – Transformationskraft und Verantwortung

In der anschließenden Podiumsdiskussion sprach Blandine Sorbe über die Transformationskraft der Kultur am Beispiel des Musée du Quai Branly-Jacques Chirac in Paris, dem französischen Nationalmuseum für außereuropäische Kunst, an dem sie stellvertretende Generaldirektorin ist. „Die Idee des Museums ist es, Meisterwerke von Kulturen aus aller Welt zu zeigen und sie damit der europäischen Hochkultur im Louvre gegenüberzustellen. Die aktuelle Debatte über Restitution hat eine ganz neue Dynamik und neue Formen von Partnerschaften mit den Herkunftsgesellschaften der Objekte geschaffen.“ Zum Europäischen Kulturerbejahr gehöre demnach auch die Auseinandersetzung mit unserer Verantwortung als Europäer für die Verbringung von Kulturgütern im kolonialen Kontext.

Prof. Dr. Michael Naumann schilderte seine Einschätzung zur Transformationskraft von Kultur am Beispiel der Aufgabe der Barenboim-Said Akademie: „Wir ermöglichen unseren hochtalentierten Schülern aus den Ländern des Nahen Ostens im Musikstudium, durch ihre Gemeinsamkeiten zu erfahren, dass daraus Harmonie erwächst. Aber wir maßen uns deshalb nicht an zu glauben, dass dadurch Frieden im Nahen Osten entsteht – das ist ein politisch gesteuerter Prozess. Wir sind von einem ähnlichen Idealismus wie die gotischen Baumeister getrieben, die wundervolle Skulpturen auf Kathedralen gesetzt haben, die man von unten nicht sehen kann. Es ist ein – notwendiges – Zeichen, mehr jedoch nicht.“

Kultur und Erbe sind keine rückwärtsgewandten Begriffe, sondern entwickeln sich ständig weiter.

Wilhelm von Sternburg, freier Publizist und Schriftsteller, betonte anschließend die soziale Rolle unseres kulturellen Erbes: „Unsere Vorfahren haben Schönheit in die Welt gesetzt. Diese zu erhalten und zu wissen, woher wir kommen, gibt uns Sicherheit, denn dadurch wissen wir, dass wir einen Platz haben.“ Erbe verpflichte jedoch auch und er führte weiter aus, dass man nach 1945 gelernt habe, dass nur die Herrschaft des Rechts ein friedliches Gleichgewicht in der Gesellschaft schaffen kann. Kultur spiele dabei eine wichtige Rolle, denn das Erstarken autoritärer Tendenzen in Europa, die Wahl von Donald Trump und der Brexit hätten auch viel mit Kultur zu tun, und wir müssten uns fragen: „Haben unsere Gesellschaften erkannt, dass Kultur und Erbe keine rückwärtsgewandten Begriffe sind, sondern Konzepte, die nicht stehen bleiben und auch nicht stehen bleiben dürfen?“

"Kein anderer Kontinent wurde seines kulturellen Erbes so sehr beraubt wie Afrika. Es gibt eine moralische Verantwortung gegenüber den Herkunftsgesellschaften. Wir müssen neue juristische Wege finden, um dem gerecht zu werden. Die UNESCO und ihre Instrumente sind dabei wichtige Impulse.“

Blandine Sorbe, Stellvertretende Generaldirektorin des Musée du Quai Branly-Jacques Chirac

Beharrliche Vermittlung – Kulturelle Vielfalt und unser Erbe sind der Kitt für Europas Zukunft

Bildung und Vermittlung sind unerlässliche Verpflichtungen, wenn wir unser Kulturerbe und die Werte offener demokratischer Gesellschaften weitergeben wollen. Blandine Sorbe berichtete in diesem Zusammenhang über die Bildungsarbeit im Museum: „Im Museum arbeiten, ist ermutigend! Wenn man jeden Tag hundert Schülergruppen durch die Museumsgänge gehen sieht, schafft das Hoffnung in die kommende Generation. Wir müssen unsere Vermittlungsangebote für junge Menschen jedoch weiterentwickeln, um alle Gesellschaftsschichten zu erreichen. Mit Blick auf eine neue europäische Kulturagenda müssen unbedingt die Demokratisierung von und der Zugang zu kulturellen Angeboten weiter verstärkt werden.“

Prof. Dr. Michael Naumann betonte, dass die Bildung globale Zusammenhänge und ein Verständnis für das Individuum als Weltbürger schaffen müsse. Genau das tun etwa die UNESCO-Projektschulen sowie kulturweit, der Freiwilligendienst der Deutschen UNESCO-Kommission. Zudem appellierte Naumann an die Bundesregierung, die Vorschläge zu Europa des französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron mit den französischen Partnern zu diskutieren und in Deutschland einen europafreundlichen öffentlichen Diskurs zu fördern. Ferner könnten die Kenntnisse der Sprachen unserer europäischen Nachbarländer im Schulunterricht nicht genug gefördert werden, um den Zusammenhalt in Europa zu sichern.

Wilhelm von Sternburg fügte hinzu, dass die Vermittlung von Kultur und Werten nie zu kurz kommen dürfe. „Wir müssen beharrlich sein und unser Erbe immer wieder mit aller Energie vertreten. Wir müssen Stellung beziehen und dürfen gegenüber der Flut an Fake News nicht resignieren, sondern müssen um die Menschen werben, damit sie Spaß daran haben, selbst zu denken.“ Auf politischer Ebene ist es in der aktuellen Weltlage wichtiger denn je, dass die europäischen Staaten zusammenfänden und zusammenhalten. „Die einzelnen Mitgliedstaaten der Europäischen Union sind Zwerge, nur als Union sind wir stark.“ Das Bewusstsein über unsere kulturelle Vielfalt und unser gemeinsames Erbe sind der Kitt, der uns zusammenbringt.

Wir müssen unsere Vermittlungsangebote für junge Menschen weiterentwickeln, um alle Gesellschaftsschichten zu erreichen.

„Wir müssen beharrlich sein und unser Erbe immer wieder mit aller Energie vertreten. Wir müssen Stellung beziehen und dürfen gegenüber der Flut an Fake News nicht resignieren, sondern müssen um die Menschen werben, damit sie Spaß daran haben, selbst zu denken.“

Wilhelm von Sternburg, freier Publizist und Schriftsteller

Hintergrund

Die UNESCO hat seit ihrer Gründung eine Reihe von Konventionen und Programmen zum Erbe der Menschheit verabschiedet und erarbeitet. Nach dem umfassenden Kulturverständnis der UNESCO wirkt Menschheitserbe zugleich lokal, national, europaweit und global identitätsstiftend. Kulturerbe wird als Lernort und Raum für kulturelle Vielfalt und Kreativität begriffen, der ein pluralistisches, respektvolles, tolerantes und friedliches Zusammenleben, im Sinne eines Global Citizenship, fördert.

Die Erbe-Konventionen und Programme der UNESCO haben eine normative richtungsweisende Funktion und tragen unter anderem zum Schutz von außergewöhnlichen Kultur- und Naturerbestätten im Rahmen der Welterbekonvention von 1972 bei, zur Erhaltung von lebendigen Traditionen im Rahmen der Konvention über das Immaterielle Kulturerbe von 2003, zur Erhaltung und Verfügbarkeit von für das kollektive Gedächtnis herausragenden Dokumenten im Rahmen des Programms „Memory of the World“ (Weltdokumentenerbe).

Das Europäische Kulturerbejahr 2018 wurde von der Europäischen Kommission unter dem Motto „Sharing Heritage“ ausgerufen. Im Fokus stehen das Gemeinschaftliche und Verbindende unseres Kulturerbes. Das Themenjahr soll das Bewusstsein für unser reiches Erbe fördern und die Bereitschaft zu seiner Bewahrung wecken. In Deutschland koordiniert das Deutsche Nationalkomitee für Denkmalschutz (DNK) die Aktivitäten rund um das Europäische Kulturerbejahr.

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