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Juni 2010

Kulturelle Bildung gewinnt weltweit an Bedeutung

Zweite UNESCO-Weltkonferenz zur kulturellen Bildung in Seoul

Von Christine M. Merkel

Experten aus 120 Staaten haben sich im Mai 2010 in Seoul, Südkorea, darauf verständigt, die Bedeutung kultureller Bildung als Grundlage von Lernen und Forschen neu zu bewerten. Zum Abschluss der zweiten UNESCO-Weltkonferenz zur kulturellen Bildung verabschiedeten sie dazu spezielle Entwicklungsziele. "Kulturelle Bildung muss als Grundlage einer ausgewogenen kognitiven, emotionalen, ästhetischen und sozialen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen begriffen werden", so die Seoul-Agenda.

Qualitativ hochwertige kulturelle Bildung soll, so die Abschlusserklärung, nicht nur in der Schule angeboten werden, sondern in Kooperation mit Künstlern und Pädagogen auch in Stadt- und Jugendzentren, in Museen und Volkshochschulen für alle Altersgruppen. Voraussetzung dafür ist ein fundiertes Wissen über die Wirkung von kultureller Bildung.

Lernpartnerschaften vor Ort und gezielte Zusammenarbeit der zuständigen Ministerien erhöhen dabei den Wirkungsgrad erheblich. Investitionen in die Fortbildung von Pädagogen und Künstlern ist ein weiterer entscheidender Faktor.

Jugendtheater

Die zweite Weltkonferenz zur kulturellen Bildung fand vom 25. bis 28. Mai 2010 in Seoul statt. Organisiert wurde die Konferenz von der UNESCO und der südkoreanischen Regierung. Mehr als 2.000 Kultur- und Bildungsexperten haben auf der Weltkonferenz Strategien identifiziert, um Menschen durch kulturelle Bildung bessere Entwicklungschancen zu eröffnen.

Die koreanische Regierung hatte diese Initiative ergriffen, um in der Boomregion Asien eine Neuorientierung der Bildungsdebatte anzustoßen. Kulturelle Bildung solle in Korea dazu beitragen, die "Paukkultur" der Schulen zu öffnen und insbesondere individuelle Kreativität, Bildung und Förderung zu ermöglichen, so ein Hauptmotiv der Veranstalter. In der Konferenzwoche wurde auch der 60. Jahrestag von Koreas Mitgliedschaft in der UNESCO gefeiert. 1950, wenige Wochen vor Ausbruch des Korea-Krieges, war Korea der Weltorganisation für Bildung, Wissenschaft und Kultur beigetreten.

Von Lissabon nach Seoul

2006 hatte die UNESCO gemeinsam mit der portugiesischen Regierung und mit wesentlicher Unterstützung durch die Gulbenkian-Stiftung erstmalig eine Weltkonferenz "Arts Education – Building Creative Capacities for the 21st Century" ausgerichtet. In der daraus entstandenen "Lissabon Road Map" heißt es: "Das Bewusstsein um kulturelle Praktiken und Kunstformen und das Wissen darüber stärken persönliche und kollektive Identitäten und Werte und tragen zum Schutz und zur Förderung von kultureller Vielfalt bei."

Auf eine Umfrage des UNESCO-Sekretariats zur Entwicklung kultureller Bildung seit 2006 antworteten 49 Prozent der 193 Mitgliedstaaten. Als deutlicher Trend zeigt sich, dass kulturelle Bildung (Arts Education) nicht nur in wohlhabenden OECD-Staaten anerkannt ist, sondern gleichermaßen in "Middle Income" Ländern sowie in den am wenigsten entwickelten Ländern als entscheidende Basis zur Verwirklichung der allgemeinen Bildungsziele gesehen wird. 66 Prozent der Mitgliedstaaten gaben an, die Road Map weiter verbreitet zu haben, 50 Prozent haben Projekte mit Bezug zu den Kernideen der Road Map verwirklicht, hauptsächlich unterstützt durch staatliche und öffentliche Formen der Finanzierung, oft in Kooperation mit Stiftungen oder NGOs.

Kulturelle Bildung steht zudem im Kontext der UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung" und der sich daraus ergebenden Anforderungen an gesellschaftlichen Wandel. Sie zielt darauf ab, kulturelle Vielfalt im Horizont nachhaltiger Entwicklung bewerten und damit umgehen zu können.

Lee Dae-young, Präsident von KACES (Korea Arts und Culture Education Service) und Vorsitzender des Organisationskomitees, gab zu den UNESCO-Konferenzen in Lissabon (2006) und Seoul (2010) die folgende Einschätzung ab: "Das erste Zusammentreffen in Portugal brachte unterschiedliche Systeme der kulturellen Bildung zusammen und zeigte deren Rahmenbedingungen auf. In den darauf folgenden Jahren fand eine Feinabstimmung statt. Hier in Seoul treffen wir uns mit Handlungsstrategien."

Zielsetzungen der Seoul-Agenda

Drei Zielsetzungen bilden den Kern der Seoul-Agenda:

  1. Sicherstellung der Verfügbarkeit kultureller Bildung als grundlegendem und nachhaltigem Bestandteil von Bildung;
  2. Sicherstellung der hohen Qualität von Aktivitäten und Programmen im Rahmen der kulturellen Bildung, deren Konzeption und Vermittlung;
  3. Prinzipien und Praktiken der kulturellen Bildung sollen verstärkt dazu beitragen, die sozialen Aufgaben und kulturellen Herausforderungen überall auf der Welt zu bewältigen.

Die Seoul-Agenda wurde während der Abschlusszeremonie vom Hauptrapporteur der Konferenz, Prof. Larry O´Farrell, Inhaber des UNESCO-Chair Arts and Learning an der Queen's University in Kingston, Kanada, in einer Entwurfsfassung vorgetragen. Mitte Juli 2010 soll die Endfassung an alle 193 UNESCO-Mitgliedstaaten übermittelt werden.

Wie diese Zielvorstellungen der Seoul-Agenda in den einzelnen Mitgliedstaaten erreicht werden können, soll in gut vier Jahren ausgewertet werden. Zum Abschluss der Konferenz bot die kolumbianische Kulturministerin an, 2014 während des Ibero-amerikanischen Kulturfestivals in Bogotá eine dritte UNESCO-Fachkonferenz mit weltweiter Beteiligung auszurichten.

Die durch die Konferenz gewonnen Erkenntnisse und auch die genannten Entwicklungsziele der Seoul-Agenda können somit dazu beitragen, kulturelle Bildung als nachhaltigen Bestandteil der fachlichen Auseinandersetzung und der pädagogischen Herausforderung, der systemischen, historischen und pragmatischen Forschung und der internationalen Kooperation zu festigen.

"Die praxisorientierte Bildungsforschung hat mit dieser zweiten Weltkonferenz zur kulturellen Bildung einen starken Schub erfahren", so Prof. Dr. Eckart Liebau, Inhaber des neu eingerichteten UNESCO-Lehrstuhls für Kunst und Kultur in der Bildung an der Universität Erlangen-Nürnberg. "Kontinuierliche internationale Zusammenarbeit ist vereinbart, um die langfristige Wirkung kultureller Bildung besser zu erfassen. Die Weiterentwicklung von Schule für die Generation iPad steht auf der Tagesordnung. Kunst und kulturelle Bildung können dabei zum Rückgrat der Lernkultur werden."

Kulturelle Bildung in Deutschland

Die zweite Weltkonferenz zur kulturellen Bildung erschloss ein Themenfeld, das international und in der gegenwärtigen und künftigen Bildungslandschaft Deutschlands von großer Bedeutung ist. Teilnehmer aus Korea, Indien, dem Nahen Osten, Afrika oder Brasilien betonten insbesondere die hohe Bedeutung kultureller Bildung im Hinblick auf dortige bildungspolitische Entwicklungen.

In Deutschland und Europa haben die Vermittlung und damit auch die Bedeutung von kultureller Bildung in den letzten Jahren eindeutig an Gewicht gewonnen. Kulturelle und künstlerische Bildung hat in Deutschland eine lange Tradition, die u.a. in der ganzheitlichen Pädagogik und in verschiedenen Strängen der europäischen Reformpädagogik angelegt ist. Fragen kultureller Bildung finden breites Interesse in der Öffentlichkeit. Neben grundlegend neuen Einsichten der Neurowissenschaften in die Eigenheiten menschlicher Lernprozesse spielen dabei die wachsenden Anforderungen an Schlüsselkompetenzen eine zentrale Rolle: Menschen aller Altersgruppen müssen ständig komplexere Situationen verstehen, entschlüsseln und innovativ verbinden, um eine Vielzahl möglicher Lösungswege zu erarbeiten.

Kulturelle Bildung ist Teil der Allgemeinbildung, die jedem Menschen gesellschaftliche Teilhabe und aktive Mitgestaltung der Zukunft ermöglichen soll. Sie ist Teil eines lebensbegleitenden Lernens in den Künsten, mit den Künsten und durch die Künste: Literatur, Musik, Bildende Kunst, Theater, Tanz, Angewandte Kunst, Film, Fotografie, digitale Medien, Zirkus u.v.a.m. Kulturelle Bildung ist Aufgabe von Kunst- und Kultureinrichtungen, Kindertagesstätten, Schulen, Universitäten, außerschulischen kulturpädagogischen und Ausbildungseinrichtungen und der Medien.

Bund, Länder und Gemeinden schaffen die Rahmenbedingungen für kulturelle Bildung. Kulturelle Bildung lebt zudem von starkem zivilgesellschaftlichen Engagement. Deutschland hat im Hinblick auf die Entwicklung und Bereitstellung von vielfältigen Angeboten der kulturellen Bildung einen hohen Standard vorzuweisen, der jedoch nicht für alle Regionen und vor allem nicht für alle Bevölkerungsgruppen gleichermaßen erreicht ist. Diese Unterschiede auszugleichen, ist im Sinne der Zugangsgerechtigkeit eine große Herausforderung für alle Akteure. Die Enquete-Kommission "Kultur in Deutschland" des Deutschen Bundestages (Bericht Dezember 2007) hat sich umfassend mit allen Aspekten der Rahmenbedingungen von kultureller Bildung für Alle befasst und dazu zahlreiche Empfehlungen für Bund, Länder und Gemeinden abgegeben.

Für das konkrete Follow-Up in Deutschlang ist die Entscheidung der Kultusministerkonferenz vom März 2010, den Bildungsbericht 2012 zum Schwerpunktthema "Kulturelle/musisch-ästhetische Bildung im Lebenslauf" vorzulegen, ausgesprochen hilfreich. Damit wird mit wissenschaftlicher Unterstützung eine gesicherte Datenbasis zu formellen wie zu informellen Bildungswelten von der frühkindlichen Bildung bis ins Seniorenalter geschaffen. Der Bildungsbericht 2012 soll außerdem Verbesserungsmöglichkeiten aufzeigen und auf die Bedeutung kultureller Bildung für die Persönlichkeitsentwicklung und für die Gesellschaft hinweisen.

Titelseite von UNESCO today

Die Deutsche UNESCO-Kommission hat auf der Weltkonferenz in Seoul die Publikation "Arts Education for All: What Experts in Germany are Saying" vorgestellt, mit Fachbeiträgen zur kulturellen Bildung, politischen Empfehlungen und gut dreißig Praxisbeispielen. Die Publikation stieß auf großes Interesse. Viele der auf der Konferenz behandelten Themenstränge kultureller Bildung spiegeln sich in den (Modell)-Projekten, Initiativen, Forschungseinrichtungen und Diskussionen auf Länder- und Bundesebene.

Die Bundesweite Koalition für Kulturelle Vielfalt hat bei ihrer achten Konsultation am 19./20. Mai 2010 in Hamburg vorgeschlagen, auf diesen guten Erfahrungen aufzubauen und einen mehrjährigen bundesweiten Modellversuch zur Erprobung unterschiedlicher Formate von "kultureller Bildung im Zeitalter der Globalisierung" in formaler (schulischer) und non-formaler Bildung zu initiieren, um Qualitätsstandards in diesem Bereich zu entwickeln und ein Netzwerk der Akteure zu schaffen.

Europäische Initiativen

Bei der Regionalberatung der Gruppe Europa/Nordamerika im Rahmen der Seoul-Konferenz wurde zudem deutlich, dass europäische Initiativen wie das seit 2002 initiierte Beamtennetzwerk, die europäischen Jahre zum Interkulturellen Dialog (2008) und zum Schwerpunkt Kreativität (2009), der Eurydice Report zum Stand kultureller Bildung (November 2009) sowie die Ratsbeschlüsse zur neuen Jugendstrategie der EU und zur Stärkung der kreativen Fähigkeiten der nächsten Generation (November 2009) erheblich dazu beigetragen haben, dieses Arbeitsfeld zu stärken und zu verstetigen.

An der zweiten UNESCO-Weltkonferenz zur kulturellen Bildung haben mehr als 2.000 Kultur- und Bildungsexperten teilgenommen, darunter Regierungsdelegierte, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und internationalen Organisationen.

Deutsche Delegationsteilnehmer in Seoul waren Dr. Rainer Wenrich (KMK/STMUK/Bayern), Thomas Schröder (Deutsche Botschaft/Seoul) und Christine M. Merkel (Deutsche UNESCO-Kommission), als Experten beteiligten sich mit Vorträgen und Diskussionsbeiträgen Prof. Dr. Eckhart Liebau und Dr. Ernst Wagner (Universität Erlangen-Nürnberg, UNESCO-Chair "Kulturelle Bildung"), Prof. Dr. Max Fuchs (Präsident des Deutschen Kulturrats), Prof. Dr. Susanne Keuchel (Zentrum für Kulturforschung), Joachim Reiss (Bundesverband für Darstellendes Spiel) und Rolf Witte (Bundesvereinigung für Kinder- und Jugendbildung e.V.).

Kooperation der DUK mit der Koreanischen UNESCO-Kommission

In keinem Land Ostasiens besteht ein so großes Interesse an Deutschland wie in Südkorea. Über Jahrzehnte sind Deutschlands Weg zur Wiedervereinigung und die Entwicklung nach 1989 von koreanischen Intellektuellen mit konstanter Aufmerksamkeit verfolgt worden. Das Land ist zweitstärkster Abnehmer deutscher Buchlizenzen. Zwischen deutschen und koreanischen Hochschulen gibt es gut hundert Kooperationen. 2005 war Korea Gastland der Frankfurter Buchmesse, mit einem vielfältigen kulturellen Begleitprogramm.

In den letzten fünf Jahren haben sich die traditionell intensiven Beziehungen zwischen den UNESCO-Kommissionen Deutschlands und Koreas erheblich vertieft. Neben dem gemeinsamen Eintreten für Nachhaltigkeitsstrategien spielt dabei das Thema der kulturellen Bildung eine wesentliche Rolle. Es lohnt sich, die guten kulturellen Beziehungen künftig besonders auch mit Hilfe von Jugend- und Studentenaustausch weiterzuentwickeln. Gemeinsame Vorhaben kultureller Bildung in Zeiten der Globalisierung bieten sich hierfür besonders an.

Weitere Informationen:

UNESCO today 1/2010 "Arts Education for All: What Experts in Germany are Saying"
www.unesco.de/uh1-2010.html

Webseite zur Weltkonferenz:
http://www.artsedu2010.kr/index.jsp

UNESCO-Webseite "Arts Education":
http://portal.unesco.org/culture/en/ev.php-URL_ID=39674&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html

Chancen einer Freundschaft. Die deutsch-südkoreanischen Kulturbeziehungen. Bestandsaufnahme und Empfehlungen. Von Anja Katharina Haftmann. ifa/dokumente/4/2003
http://www.ifa.de/pub/synergiestudien/suedkorea-syn/

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