Das architektonische Werk von Le Corbusier - ein herausragender Beitrag zur Moderne

Erste transkontinentale Welterbestätte

Das Welterbekomitee hat auf seiner 40. Sitzung im Juli 2016 insgesamt 17 Bauten und Ensembles des schweizerisch-französischen Architekten Le Corbusier (Charles-Édouard Jeanneret-Gris, 1887-1965) als Welterbe anerkannt.

Faktenbox

  • Aufnahmejahr: 2016
  • Staaten: Argentinien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Indien, Japan, Schweiz
  • Art der Stätte: Kulturstätte
  • Erfüllte Aufnahmekriterien:
    (i), (ii), (vi)
  • Webseite des UNESCO-Welterbezentrums

Das Erbe Le Corbusiers umfasst Werke in sieben Ländern und auf drei Kontinenten. Erstmals wurde damit eine transkontinentale Stätte in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen und das Gesamtwerk eines Architekten und dessen Einfluss auf die Architektur weltweit gewürdigt. Seine Werke spiegeln die Internationalisierung der Architektur wider und sind ein herausragender Beitrag zu den grundlegenden Herausforderungen des 20. Jahrhunderts, mit denen Architektur und Gesellschaft konfrontiert waren. So setzte sich Le Corbusier sowohl in seinen gebauten Werken als auch in seinen Schriften intensiv mit der Frage auseinander, wie funktionale und lebenswerte Wohn-, Arbeits- und Erholungsräume für den modernen Menschen und für so viele Menschen wie möglich in einer industrialisierten Gesellschaft geschaffen werden können. 

"The Architectural Work of Le Corbusier represents a masterpiece of human creative genius which provides an outstanding response to certain fundamental architectural and social challenges of the 20th century. [It] exhibits an unprecedented interchange of human values, on a worldwide scale over half a century, in relation to the birth and development of the Modern Movement." 

(Statement of Outstanding Universal Value, 2016)

Der weltweite Einfluss von Le Corbusier war bis dahin beispiellos in der Geschichte der Architektur. Durch seine ganzheitliche Vorgehensweise, die einzigartige Komplementarität von gebauten Werken und veröffentlichten Schriften und die daraus resultierende globale Verbreitung seiner Ideen wurde Le Corbusier zum einflussreichsten Wortführer der Architektur der Moderne und sein Werk weltweit zur bedeutenden Inspirationsquelle.

Die 17 Bauten und Ensembles – in Argentinien, Belgien, Deutschland, Frankreich, Indien, Japan und der Schweiz – entstanden zwischen der Gründungszeit der Moderne in den frühen 1920er Jahren und der Mitte der 1960er Jahre. Während dieser Zeit entwickelte sich die Architektur der Moderne von einem Avantgarde-Stil zum weltweit dominanten Architekturstil. Für die Koordinierung von Management und Erhaltung der transkontinentalen Stätte in seiner Gesamtheit haben die sieben Länder einen ständigen Ausschuss gebildet.

Von der südfranzösischen Ferienhütte bis zur indischen Planstadt

Alle 17 Bauten und Ensembles stehen für neue Konzepte, übten einen grenzübergreifenden Einfluss auf die Architektur aus und trugen maßgeblich zur Verbreitung der innovativen Ideen der Moderne in der Welt bei. Einige der Bauten erlangten bereits kurz nach ihrer Entstehung internationale Bekanntheit, wie die Villa Savoye bei Paris, mit der Le Corbusier seine "Fünf Punkte zu einer neuen Architektur" vorbildhaft umsetzte und den radikalen Purismus einleitete, die Unité d'habitation (Wohneinheit) in Marseille als Prototyp für ein neues Wohnhausmodell für 1.600 Personen und Gründungswerk des sogenannten Brutalismus-Stils, die Kapelle Notre-Dame-du-Haut von Ronchamp, die einen revolutionären Ansatz der religiösen Architektur darstellt und wegweisend für die skulpturale Architektur war, Le Cabanon ("Die Ferienhütte"), die als Muster einer Wohnzelle gilt, welches auf einem ergonomischen und funktionalen Proportionsschema beruht, dem sogenannten Modulor, und die Häuser der Weissenhof-Siedlung, die 1927 anlässlich der Ausstellung des Deutschen Werkbundes "Die Wohnung" entstanden.

Andere Gebäude waren unmittelbare Inspirationsquellen in ihren Regionen: Das Haus Guiette in Antwerpen beschleunigte die Entwicklung der Moderne in Belgien und den Niederlanden. Das Haus des Doktor Curutchet im argentinischen La Plata hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Entwicklung der Architektur in Südamerika. Das Nationalmuseum für Westliche Kunst in Tokio war ein Prototyp eines weltweit übertragbaren Museumsmodells mit flexiblen Erweiterungsmöglichkeiten und verankerte die Ideen der Moderne in Japan. Die in Sichtbeton ausgeführten monumentalen Regierungsgebäude in der Planstadt Chandigarh symbolisierten Indiens Eintritt in das moderne Zeitalter. Viele der Stätten veranschaulichen neue architektonische Prinzipien, Baumethoden und technische Innovationen. Die 1923 erbaute Kleine Villa am Genfer See ist ein frühes Gebäude nach minimalistischen Prinzipien, die in der Cabanon von 1951 in einem 15 Quadratmeter großen Wohnraum konzentriert dargestellt werden.

Das architektonische Werk von Le Corbusier

  • Maisons La Roche et Jeanneret, Paris, Frankreich (1923)
  • Villa "Le Lac/ "Petite Maison" am Genfer See, Corseaux, Schweiz (1923)
  • Cité Frugès, Pessac, Frankreich (1924)
  • Maison Guiette, Antwerpen, Belgien (1926)
  • Häuser der Weissenhofsiedlung, Stuttgart, Deutschland (1927)
  • Villa Savoye et loge du jardinier, Poissy, Frankreich (1928)
  • Immeuble Clarté, Genf, Schweiz (1930)
  • Immeuble locatif à la Porte Molitor, Paris, Frankreich (1931)
  • Unité d'habitation, Marseille, Frankreich (1945)
  • Fabrik in Saint-Dié, Frankreich (1946)
  • Casa Curutchet, La Plata, Argentinien (1949)
  • Chapelle Notre-Dame-du-Haut-Ronchamp, Frankreich (1950)
  • Cabanon de Le Corbusier, Roquebrune-Cap-Martin, Frankreich (1951)
  • Complexe du Capitole, Chandigarh, Indien (1952)
  • Kloster Sainte-Marie-de-la-Tourette, Éveux, Frankreich (1953)
  • National Museum of Western Art, Main Builidng, Tokio, Japan (1954-59)
  • Centre de récréation du corps et de l'esprit de Firminy-Vert, Firminy, Frankreich (1953-65)

"Fünf Punkte" – auf der Suche nach Perfektion

Durch Le Corbusiers über 50 Jahre währende "unermüdliche Suche" zieht sich auch die Umsetzung der "Fünf Punkte einer neuen Architektur": Dachgarten und Einsatz von Stützen statt massiver Mauern als tragende Konstruktion, die eine freie Grundriss- und Fassadengestaltung und Langfenster ermöglichen. Mit neuen Baumethoden definierte er darüber hinaus Standardmodule und ortsunabhängig reproduzierbare Modelle zur Massenproduktion, wie zum Beispiel in der als Gartenstadt angelegten Arbeitersiedlung Cité Frugès bei Bordeaux aus dem Jahr 1924. Hier veranschaulichte er die Bedeutung der Fertigbauweise und der Standardisierung. Zu diesem Zweck entwarf er ein fünf Quadratmeter großes Basiswohnmodul und beschrieb unterschiedliche Möglichkeiten, die Module miteinander zu kombinieren.

Porträtserie

Im Rahmen der 40. Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees im Juli 2016 in Istanbul wurden 21 Stätten neu in die Liste des Welterbes aufgenommen. In ihrer Gesamtheit versinnbildlichen sie die Vielfalt und Bandbreite des gemeinsamen Erbes der Menschheit, dessen Erhaltung und Pflege sich die internationale Staatengemeinschaft 1972 mit dem "Übereinkommen zum Schutz des Kultur- und Naturerbes der Welt" verschrieben hat.

Porträtserie

Die erste transkontinentale Stätte in der Geschichte der Welterbekonvention birgt zugleich große Herausforderungen im gemeinsamen Management. Dieses wird von einem ständigen Ausschuss mithilfe der Expertise der Fondation Le Corbusier koordiniert, die die Urheberrechte an Le Corbusiers Gesamtwerk hält. Bereits während des Nominierungsprozesses wurde die Association des sites Le Corbusier ins Leben gerufen, die verstärkt die lokale Zivilgesellschaft einbindet und den Austausch über die Umsetzung der Managementpläne der Teilgebiete unterstützt. Darüber hinaus fördert die 1988 gegründete Internationale Vereinigung für die Dokumentation und den Erhalt von Bauwerken und städtebaulichen Ensembles im Stil der Moderne (DoCoMoMo) die Dokumentation, Erforschung und Information über die kulturelle Bedeutung der Architektur der Moderne.

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