Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Oberpfälzer Zoiglkultur

Die seit dem 15. Jahrhundert lebendige Oberpfälzer Zoiglkultur umfasst das gemeinschaftliche Brauen und den von verschiedenen Ritualen und Kommunikationsformen begleiteten örtlichen Ausschank von Zoiglbier. Die Zoiglkultur wirkt in hohem Maße identitätsstiftend für die lokale Bevölkerung und erlebt seit den 1970er Jahren eine Renaissance. Sie schafft vor allem einen Raum der Begegnung, des Austauschs und der Integration von Zugezogenen.

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2018
  • Verbreitung: Oberpfalz
  • Zentraler Termin: ganzjährig
  • Bereiche: Gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste; traditionelle Handwerkstechniken

Kontakt

Schutz-Gemeinschaft Echter Zoigl vom Kommunbrauer e.V.
Reinhard Fütterer
kontakt@zoiglbier.de
www.zoiglbier.de

Die Oberpfälzer Zoiglkultur umfasst das gemeinschaftliche Brauen und den von Ritualen und Kommunikation begleiteten Ausschank von Zoiglbier. Zoiglbier ist Bier, das ortsansässige Bürgerinnen und Bürger in gemeinschaftlich betriebenen Brauhäusern brauen, um es auf dem eigenen Anwesen zu bestimmten Zeiten auszuschenken. Dazu bieten die temporären Laienwirte günstige Brotzeiten an. Für die schrumpfenden ländlichen Gemeinschaften in der Gegend bieten die Zoiglstuben wichtige Treffpunkte und Kommunikationsräume.

Bei der Oberpfälzer Zoiglkultur handelt es sich um die letzten lebendigen Überreste des seit dem hohen Mittelalter in weiten Teilen Süddeutschlands verbreiteten Kommunbrauwesens. Heute halten Bürger die traditionelle Zoiglkultur nur noch in fünf Orten der Oberpfalz lebendig: Neuhaus (seit 1415), Windischeschenbach (1455), Falkenberg (1467), Eslarn (1522) und Mitterteich (1516). Selbstgebrautes Bier bildete für die ländliche Bevölkerung bis in das 20. Jahrhundert ein wichtiges Nahrungsmittel sowie eine vorindustrielle Möglichkeit, Getreide im rauen, feuchten Klima zu konservieren.

In den Zoiglstuben entwickelte sich eine vielfältige Kommunikations- und Unterhaltungskultur. Sie umfasst Bräuche und Lieder ebenso wie Geschäftsabschlüsse und kommunalpolitische Diskussionen. Gerade heute haben die Zoiglstuben innerhalb der von strukturellen Herausforderungen gezeichneten ländlichen Gemeinschaften der nördlichen Oberpfalz eine hohe identitätsstiftende Bedeutung. Das Zoiglbier wird in historischen Kommunbrauhäusern gebraut und vergoren. Die aktiven Brauberechtigten finanzieren und betreiben die Kommunbrauhäuser gemeinschaftlich. Zu vereinbarten Zeiten bringen die Zoiglbrauer ihr Brauzeug (Gerste und Hopfen) ins Brauhaus, wo sie es einbrauen und vergären. Einsatz finden dabei nur die vor Ort vorhandenen, meist vorindustriellen Braugerätschaften, etwa offene Sudpfannen, offene Gärschiffe und Holzbefeuerung. Das Ergebnis ist ein untergäriges Bier, das sich aufgrund des handwerklichen Brauprozesses und tradierter Rezepte durch eine hohe Geschmacksvarianz auszeichnet.

Das Wissen über das Brauhandwerk wird vor Ort vor allem mündlich weitergegeben. Einzelne, oft ehrenamtlich tätige, ausgebildete Brauer fungieren als Ansprechpartner zur Qualitätssicherung und in Fragen des technischen Betriebes. Auch der rege Austausch unter den Laienbrauern sorgt für eine sich stetig wandelnde Geschmacksvielfalt und gesicherte Qualität. 

Nach vollendeter Gärung bringen die Zoiglbrauer das Bier in den Zoiglstuben in ihren Wohnhäusern zum Ausschank. Den aktuellen Ausschankort zeigt der „Zoiglstern“ am Haus an. Sobald die gebraute Menge Bier verzehrt ist, wandert der „Zoiglstern“ und damit der Ausschank zum nächsten Zoiglbrauer weiter. Ein gemeinsamer Zoiglkalender fixiert und kommuniziert vorab Ausschanktermine und -orte öffentlich. Dies geschieht heute auch über das Internet sowie mit einer eigenens entwickelten Smartphone-App.

In den letzten rund 30 Jahren erfuhr der Zoigl als lokale Kulturform eine Neubewertung hin zur regionalen und nachhaltigen Spezialität. Ähnlich der Wandel der Akteure: Handelte es sich bei den Zoiglgästen historisch um die einheimische Bevölkerung, genießt die Zoiglkultur aktuell zunehmende Beliebtheit bei auswärtigen Gästen.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

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