Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe

Auseinandersetzung mit dem Rattenfänger von Hameln

Die Geschichte des Rattenfängers von Hameln ist eine der bekanntesten deutschen Volkssagen. Sie wurde in über 30 Sprachen übersetzt. Menschen auf der ganzen Welt erzählen die Sage über den bunt gekleideten Rattenfänger, der aus Rache über nicht bezahlten Lohn alle Kinder der Stadt verschwinden lies, und entwickeln sie auf kreative Weise weiter. So gibt es mannigfaltige Interpretationen in allen Kunstgattungen und der Populärkultur.

Illustration Immaterielles Kulturerbe

Fakten

  • Aufnahmejahr: 2014
  • Verbreitung: Hameln, Niedersachsen sowie deutschland- und weltweit
  • Zentraler Termin: 26. Juni
  • Bereich: Mündlich überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen; Darstellende Künste; Gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste

Kontakt

Museum Hameln
Leiter Stefan Daberkow
daberkow@hameln.de
www.hameln.de

Nirgendwo findet die Auseinandersetzung mit dem Kulturgut in solcher Dichte und Vielfalt statt wie in Hameln und dem Weserbergland. Der Rattenfänger ist in der Stadt allgegenwärtig, wirkt identitätsstiftend und wird auf verschiedenen Ebenen weitergegeben.

Die Hamelner Bürgerinnen und Bürger feiern seit dem 19. Jahrhundert alle 25 Jahre das Rattenfänger-Jubiläum mit großem Straßenumzug und vielen begleitenden Aktivitäten. Die Rattenfänger-Freilichtspiele werden seit 1956 jedes Jahr im Sommer mit ehrenamtlichen Schauspielern aufgeführt und mit dem Musical „RATS“ wird die Sage seit 2000 alljährlich von Mai bis September jeden Mittwoch bei kostenlosem Eintritt auf die Bühne gebracht. Zudem gibt es zahlreiche Privatinitiativen der Hamelner Bürgerinnen und Bürger, die sich kreativ mit der Rattenfänger-Sage auseinandersetzen. Beispielsweise wurde 2004 ein Skulpturenfestival mit mehr als 70 bemalten Ratten organisiert.

Die Verankerung im Bewusstsein der Bevölkerung zeigt sich beispielsweise im Namen des von der Stadt Hameln ausgelobten „Rattenfänger-Literaturpreises. Die Stadt und lokale Gruppierungen wie der Schützenverein tragen den Rattenfänger in ihrem Logo. Neben Rattenfänger-Brunnen und -Glockenspiel finden sich überall Ornamente mit Bezug zum Rattenfänger. In der Bungelosenstraße (bungelos = trommellos) wird in Gedenken an den Kinderauszug bis heute keine Musik gespielt.

"Im Jahre 1284 ließ sich zu Hameln ein wunderlicher Mann sehen. Er hatte einen Rock von vielfarbigem, buntem Tuch an und gab sich für einen Rattenfänger aus, indem er versprach, gegen ein gewisses Geld die Stadt von allen Mäusen und Ratten zu befreien."

Beginn der Rattenfänger-Sage nach den Brüdern Grimm

Der Erzählstoff der Sage ist seit Anbeginn einem ständigen Wandel unterworfen. So wurde etwa erst im 16. Jahrhundert die bis dahin bekannte Geschichte des Hamelner Kinderauszugs mit dem Rattenfänger-Motiv verknüpft und es entstand die heute bekannte Form der Rattenfänger-Sage. Darüber hinaus dient(e) die Sage in Vergangenheit, Gegenwart und wohl auch in Zukunft vielen Künstlern und Künstlerinnen auf der ganzen Welt als Inspirationsquelle. Das Spektrum an Bezügen und Interpretationen reicht von Dichtung über Musik bis hin zum Comic.

Neben den bereits bestehenden kulturellen Manifestationen der Rattenfänger-Sage entstehen immer wieder neue Projekte. So organisierten das soziokulturelle Zentrum „Sumpfblume e. V.“ und das Kulturbüro der Stadt Hameln etwa das Kinder- und Jugend-Projekt „Nach welcher Pfeife tanzt du?“. Am Jahrestag des Kinderauszuges, dem 26. Juni, wurde ein „Pied Piper Challenge“ veranstaltet. Auch ein Leporello zur Rattenfänger-Sage für blinde und sehende Leserinnen und Leser wurde veröffentlicht.

"Die Tradition wird von den Bürgerinnen und Bürgern mit Leben erfüllt und spiegelt den kulturellen Reichtum unseres Landes wider."

Als Inspirationsquelle für immer neue kulturelle Ausdrucksformen hat sich die Rattenfänger-Sage von Niedersachsen aus in die ganze Welt verbreitet. Die Bedeutung der Sage zeigt sich in einer nicht endenden kreativen Auseinandersetzung mit der vieldeutigen Geschichte. Der Rattenfänger prägt bis heute den Alltag, lokale Besonderheiten sowie das Stadtbild von Hameln und wirkt für Menschen aller Altersgruppen identitätsstiftend.

Publikation

Wissen. Können. Weitergeben.
Deutsche UNESCO-Kommission, 2017

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