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Kultur- und Naturerbe in Europa: „Es geht darum, wer wir sein wollen.“

Das Europäische Kulturerbejahr stärkt ein gemeinsames und friedliches Europa auf der Basis der Werte unseres vielfältigen Kulturerbes. Wie verbindend ist jedoch unser Kultur- und Naturerbe? Gibt es ein starkes gemeinsames europäisches Narrativ oder fallen wir zurück in die nationalistische Beanspruchung von Erbe?

Darüber diskutierten Experten im Rahmen des European Cultural Heritage Summit bei der Podiumsdiskussion „Das Erbe der Menschheit und das Europäische Kulturerbe. Gemeinsame Wege in die Zukunft.“ am 21. Juni 2018 im Max Liebermann Haus in Berlin.

In seinem Impulsvortrag erläuterte der Generalsekretär der Deutschen UNESCO-Kommission Dr. Roland Bernecker das UNESCO-Verständnis des Menschheitserbes. Die UNESCO schützt und erhält das Kultur- und Naturerbe durch unterschiedliche Konventionen und Programme, mit dem gemeinsamen Ziel, dadurch Frieden zu stärken. Geteiltes Erbe schaffe ein kollektives Bewusstsein und eine kollektive Verantwortung als Menschheit, so Bernecker.

„Es ist ein grundlegendes Missverständnis, dass es beim Kulturebe um die Vergangenheit und ihre Erhaltung gehe. Es geht beim Erbe vielmehr um unsere Zukunft. Es geht darum, wer wir sein wollen und wer wir in Zukunft sein können“, so Bernecker weiter. „Unser Interesse für Erbe ist eng mit unserer Sorge um die Zukunft verknüpft. Was wir daher brauchen, sind neue Narrative jenseits unseres traditionalistischen Verständnisses von Erbe, die es uns ermöglichen, Lösungen für die Probleme zu finden, mit denen wir künftig konfrontiert sein werden. Vor dem Hintergrund der im 19. Jahrhundert vorherrschenden nationalistischen Auffassung von Erbe ist die Welterbeliste auch heute noch ein revolutionäres Konzept. Die Welterbeliste der UNESCO ist sicher nicht in jeder Hinsicht erfolgreich. Dennoch ist sie ein wunderbares Beispiel dafür, wie unser Verständnis der Vergangenheit neu geschrieben werden kann – für eine andere gemeinsame Zukunft.“

Unser Interesse für Erbe ist eng mit unserer Sorge um die Zukunft verknüpft.

Für ein brügernahes Europa

Anschließend plädierte Bénédicte Selfslagh, Präsidentin von ICOMOS Belgien und Jury-Vorsitzende für das Europäische Kulturerbe-Siegel, in ihrem Impulsvortrag für ein bürgernahes, menschlicheres Europa. Europa definiere sich tatsächlich nicht über eine gemeinsame Wirtschafts- und Finanzpolitik, sondern stelle die Menschen und die kulturelle Vielfalt Europas in den Mittelpunkt. „Es gibt zweifelsohne ein gemeinsames Interesse für Kulturerbe, aber gibt es ein Interesse für ein gemeinsames Kulturerbe?“

Am Beispiel des Europäischen Kulturerbe-Siegels erläuterte sie: „Im Fokus des Europäischen Kulturerbe-Siegels steht die europäische Dimension einer Stätte oder einer Kulturform und wie diese einem europäischen Publikum vermittelt wird. Die mit dem Siegel ausgezeichneten Stätten laden zum Dialog und zum Hinterfragen ein. Sie ermöglichen es uns, die europäische Dimension unseres Kulturerbes (wieder) zu entdecken und verbinden die Europäer miteinander. Aus europäischer Perspektive werden der Vermittlung von und Deutungshoheit über Kulturerbe heute ein genauso großes Maß an Aufmerksamkeit zuteil, wenn nicht sogar mehr, als Erhaltungsfragen. Die Geschichten unseres Kulturerbes dürfen nicht für Propagandazwecke und Ausgrenzung missbraucht werden, daher ist es besonders wichtig, den Zugang zu und Informationen über Kulturerbestätten für alle sicherzustellen, um wichtige Gesellschaftsthemen in einem respektvollen Umgang miteinander diskutieren können.“

Gibt es in Europa ein Interesse für ein gemeinsames Kulturerbe?

 

 

 

 

Maßnahmen für eine neue Europäische Kulturagenda

Die Europäische Kommission berät derzeit über eine neue Europäische Kulturagenda und einen Aktionsplan Kulturerbe. Im Anschluss an die jeweiligen Impulsvorträge formulierten die Experten der Podiumsdiskussion folgende Vorschläge für diese neue Agenda:

1. Das europäische Kulturerbe ganzheitlich und in Verbindung mit dem Naturerbe betrachten. Europa ist nicht nur durch Architektur und Stadtlandschaften geprägt, sondern auch maßgeblich durch seine Kultur-, Nutz- und Naturlandschaft wie auch das immaterielle Kulturerbe – unser überliefertes Wissen und Können. Dies sollte sich in der neuen Agenda widerspiegeln.

2. Teilhabe an Kultur und Kunst stärken und Zugang erleichtern. Europäische Kulturpolitik kann wachsender Ausgrenzung und nationalistischen Tendenzen entgegenwirken. Diese Rolle muss gezielter genutzt werden, dabei umfasst das Integrationspotenzial der Kultur alle Gesellschaftsgruppen mit ihren unterschiedlichsten Lebensstilen. Sie gelingt lokal, wenn die Politik auf europäischer und nationaler Ebene die politischen und finanziellen Rahmenbedingungen schafft.

3. Europäische Narrative vermitteln. Europäische Kultur- und Naturerbestätten, wie bspw. die mit dem Europäischen Kulturerbe-Siegel ausgezeichneten Stätten oder auch Welterbestätten, sollten sich selbst stärker in einen europäischen Kontext stellen und ihre transnationale und vor allem europäisch geprägte Entstehungs- und Wirkungsgeschichte vermitteln.

4. Ein bürgernahes Europa stärken. Europas Zivilgesellschaft ist sehr engagiert, besonders stark gerade in vielen Feldern der Kultur. Leider gibt es zu wenige Formate zur effektiven Vernetzung der vielfältigen Initiativen. Zudem sollte die europäische, staatliche und kommunale Kulturpolitik die vielen kulturellen zivilgesellschaftlichen Initiativen stärker in ihre eigene Arbeit und Entscheidungsfindung einbeziehen.

5. Kulturförderung erhöhen. Kultur braucht auf nationaler wie auch auf europäischer Ebene institutionelle beziehungsweise strukturelle Förderung, um langfristig Wirkung entfalten zu können. Gleichzeitig darf die Finanzierung weniger Großprojekte nicht die Finanzierung kleinerer Projekte verhindern. Bei der kulturpolitischen Förderung sollte zudem der gesamte Instrumentenkasten genutzt werden; unter anderem können Steuervorteile, beispielsweise im Denkmalschutz, ein entscheidender Anreiz sein, um vorhandene Substanz zu sanieren.

6. Kultur in die Nachhaltigkeitspolitik integrieren. Das europäische Kultur- und Naturerbe hat eine entscheidende, aber bislang politisch kaum erkannte Rolle für eine erfolgreiche Erreichung der Ziele der Agenda 2030. Die jüngsten Innovationen in Deutschland hierzu müssen ausgebaut werden. Zugleich sollte der Blick schon weit vorausgehen, spätestens in einer Post-2030 Agenda muss auch schriftlich niedergelegt sein, dass Kultur für nachhaltige Entwicklung eine zentrale Rolle besitzt.

Ausschnitte aus der Diskussion

„Nur sehr geringe Anteile aus Europas Naturschätzen sind als UNESCO-Naturerbe geschützt. Dagegen ist das Netz der europäischen Natura 2000-Schutzgebiete zwar flächig relevanter und aus konzeptioneller Sicht weltweit beispielgebend. Es fehlt jedoch an Finanzierungsprogrammen, damit zum Beispiel Landwirte für den Wegfall von landwirtschaftlichen Gewinnen aufgrund von Naturschutzmaßnahmen kompensiert werden. Ein Stück Natur zu schützen, ist letztlich auch eine kulturelle Leistung. Wir müssen die klassische Trennung zwischen Naturschutz und Kultur überwinden und verstehen, dass es auch eine kulturelle Leistung sein kann, den Menschen aus der Natur herauszuhalten.“

„Die Beteiligung der lokalen Gemeinschaften spielt eine zentrale Rolle für den Erhalt des materiellen und die Weitergabe des immateriellen Kulturerbes. Die Faro-Konvention ist in dieser Hinsicht wegweisend mit der expliziten Nennung von „Gemeinschaften im Kulturerbe“. Sie stellt die Menschen in den Mittelpunkt und erkennt an, dass jeder Mensch das Recht hat, sich an Kulturerbe zu beteiligen. Gleichzeitig bedeutet dies, dass alle das Kulturerbe der anderen und deren Teilnahme am kulturellen Leben zu achten haben.“

Rahmenübereinkommen des Europarats über den Wert des Kulturerbes für die Gesellschaft (Faro-Konvention, 2005)

„Kultur ist das, was wirklich verbindet und ist eng mit dem Gefühl von Heimat im positiven Sinne verbunden. Es ist daher von zentraler Bedeutung, wie wir in Deutschland und in Europa Gebiete erhalten, die wir mit Heimat assoziieren, zum Beispiel in der Landwirtschaft und der Landschaftspflege. Wir sollten die Verbindungen mit anderen Ländern verstärken und unser Kulturerbe so präsentieren, dass die Menschen den europäischen Charakter des Kulturerbes besser erkennen, bspw. die Beziehungen zwischen dem Gartenreich Dessau-Wörlitz und englischen Landschaftsgärten in Großbritannien aufzeigen.“

„Kulturerbe-Auszeichnungen und auch die Welterbeliste werden mitunter als nationale Schönheitswettbewerbe betrachtet und nicht als unser gemeinsames Erbe, das über die rein nationale Ebene hinausgeht. Wir brauchen mehr Menschen, die für unser gemeinsames Erbe und unsere gemeinsamen Werte eintreten. Wir brauchen starke Botschafter in der Politik für die europäische Idee und Kultur.“

„Überall in Europa entstehen derzeit neue zivilgesellschaftliche Bewegungen. Als Institutionen müssen wir neue Kooperationsformen mit der Zivilgesellschaft finden. Wir sollten sie stärken und in Ländern, in denen sie geschwächt ist, unterstützen. Wir müssen auf die Kraft der Menschen vor Ort setzen. Gleichzeitig brauchen wir in der öffentlichen Debatte wieder mehr Besinnung auf universelle, humanistische Werte wie Solidarität und mehr Bilder der gelingenden Integration statt Ausgrenzung und Differenzierung.“

Hintergrund

Die UNESCO schützt und erhält das Erbe der Menschheit durch mehrere Konventionen und Programme. Nach dem umfassenden Kulturverständnis der UNESCO wirkt Menschheitserbe zugleich lokal, national, europaweit und global identitätsstiftend. Sie versteht Menschheitserbe als Lernort und Raum für kulturelle Vielfalt und Kreativität, und als Motor für ein pluralistisches, respektvolles, tolerantes und friedliches Zusammenleben.

Die Welterbekonvention von 1972, die Konvention über das Immaterielle Kulturerbe von 2003, das Programm „Memory of the World“ (Weltdokumentenerbe) von 1992, die Konvention zum Schutz und zur Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen von 2005, die UNESCO-Biosphärenreservate im Programm „Der Mensch und die Biosphäre“ von 1970 und die UNESCO Global Geoparks von 2015 stehen alle für dieses verbindende Verständnis von Kultur und Natur.

Das Europäische Kulturerbejahr 2018 wurde von der Europäischen Kommission unter dem Motto „Sharing Heritage“ ausgerufen. Im Fokus stehen das Gemeinschaftliche und Verbindende unseres Kulturerbes. Das Themenjahr soll das Bewusstsein für unser reiches Erbe fördern und die Bereitschaft zu seiner Bewahrung wecken. Die Podiumsdiskussion „Das Erbe der Menschheit und das Europäische Kulturerbe. Gemeinsame Wege in die Zukunft.“ wurde am 21. Juni 2018 von der Deutschen UNESCO-Kommission in Kooperation mit der Stiftung Brandenburger Tor durchgeführt. Programm

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