Deutsche UNESCO Kommission e.V.

SCHRIFTGRÖSSE

Dezember 2010

Deutscher Menschenrechts-Filmpreis

Preisträger 2010

Am 4. Dezember wurde in Nürnberg der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis 2010 vergeben. Ausgezeichnet wurden Filme über die Wahlen im Iran 2009, Abschiebung, Kriegsverbrechen in Afghanistan und über die Ausbeutung von Näherinnen in Argentinien. Der Filmpreis soll dazu beitragen, das Bewusstsein für die Menschenrechte in der Öffentlichkeit zu schärfen. Die Deutsche UNESCO-Kommission ist Mitveranstalter des Wettbewerbs.

"Iran Elections 2009"

Der Preis in der Kategorie Profifilm geht an Ali Samadi Ahadi für seine Dokumentation "Iran Elections 2009". Die eindringlichen Bilder von der iranischen Demokratiebewegung waren im Sommer 2009 in allen Medien, heute sind sie fast vergessen. Bilder von den Massendemonstrationen auf den Straßen Teherans erreichten uns unzensiert über Mobiltelefone und über soziale Netzwerke. Erschütternde Erlebnisberichte verbreiteten sich per SMS, E-Mail, in Blogs und Internetforen. Unmittelbar wie selten zuvor wurde die Welt Zeuge eines demokratischen Aufbruchs – und seiner Niederschlagung.

Der Regisseur Ali Samadi Ahadi greift auf authentische Zeugnisse zurück, auf Internet-Fundstücke wie Videosequenzen und Blog-Textfragmente. Dokumentarische Bilder und Augenzeugenberichte von Menschen, die das Land inzwischen verlassen haben, verschmelzen in dem Film über die dramatischen Wochen des iranischen Wahljahres. Die verwirrende Vielfalt der Informationen montiert der Film intelligent zu einem persönlich erzählten Erlebnisbericht, der nicht nur Hintergründe, sondern vor allem die menschlichen Dimensionen des Geschehens vermittelt. Wo Filmbilder fehlen, führen Zeichnungen und Animationen den visuellen Erzählstrang weiter. Die Botschaft ist nicht die Niederlage, sondern die Überzeugung, dass Menschenrechte und Gerechtigkeit am Ende siegen werden.

"Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen"

Preisträger in der Kategorie Amateurfilm ist Güclü Yaman. Sein dokumentarischer Kurzspielfilm "Reise ohne Rückkehr – Endstation Frankfurter Flughafen" zeichnet das Schicksal des sudanesischen Flüchtlings Aamir Ageeb nach, der 1999 bei seiner Abschiebung zu Tode kam. Aamir Ageeb, der seit 1994 in Deutschland lebte, betrat am 9. April 1999 eine Polizeistation, um den Diebstahl seiner Jacke zu melden. Statt seiner gestohlenen Jacke erhielt er den Abschiebebefehl und wurde noch auf dem Revier festgenommen. Die Abschiebung des Flüchtlings vom Frankfurter Flughafen endete mit dessen Erstickungstod im Flugzeug.

In der Begründung der Jury heißt es: Güclü Yaman schildert den Fall "mit der Präzision eines Uhrwerks und der Unausweichlichkeit einer klassischen Tragödie. Yaman verzichtet auf ein schlichtes Schwarz-Weiß-Schema der Charaktere. Keine Sadisten sind auf Seiten der Vollzugsbeamten am Werk, sondern ganz normale Beamte, die einfach ihrem Job nachgehen. In Form einer fast sachlichen Verfilmung eines Protokolls schildert der Film Unerträgliches. Dabei ist es der dramaturgischen Klarheit, der gelungenen Schauspielerführung und einer großen Direktheit zu verdanken, dass einem der Film immer mehr unter die Haut geht. Die Verzweiflung des Flüchtlings, die kalte, hilflose Routine der Beamten und das Wegschauen der Passagiere vermittelt der Film auf authentische und glaubwürdige Weise."

"Talleres Clandestinos"

In der Kategorie Filmhochschule erhält Catalina Molina die Auszeichnung für "Talleres Clandestinos". Eine Arbeitsstelle als Näherin lockt die junge Bolivianerin Juana ins benachbarte Argentinien. Mann und Kind bleiben zurück in der Heimat. Angekommen im fremden Buenos Aires, wird die versprochene Werkstatt jedoch zu einem Gefängnis. Unter ausbeuterischen Arbeitsbedingungen muss Juana Textilware für Luxusmarken herstellen. Die Forderungen der Arbeitgeber werden immer absurder, das Arbeitsklima unerträglich. Als ihr Sohn erkrankt, plant Juana die Rückkehr, doch ein Ausstieg steht für ihren Arbeitgeber nicht zur Debatte.

Der Film geht sein ernstes Thema weder reißerisch noch sentimental an, sondern ruhig und sanft. Er lässt die Zuschauer miterleben, wie es sich anfühlt, unter erdrückenden Bedingungen auf engstem Raum zu leben und zu arbeiten. Dabei vermeidet Catalina Molina Klischees und plakative Rollenbilder: Auch die Vorarbeiter und ihre Mittelsmänner sind letztlich Gefangene eines Systems, das weder Helden noch Schuldige kennt.

"Wegschauen und vertuschen? Die Geschichte einer Exekution in Afghanistan"

Preisträger in der Kategorie Kurzfilm sind Markus Zeidler und Markus Schmidt, Redakteure und Reporter der ARD-Sendung "Monitor". Sie erhalten die Auszeichnung für ihren Beitrag "Wegschauen oder vertuschen? Die Geschichte einer Exekution in Afghanistan".

Im August 2002 wurden vor den Toren Kabuls zehn entflohene Kriegsgefangene getötet. Recherchen haben ergeben, dass sie offensichtlich aufgereiht und anschließend durch Kopfschüsse umgebracht wurden. Das Magazin "Monitor" hat dieses Kriegsverbrechen nach jahrelanger Recherche gemeinsam mit dem holländischen Radiosender Argos aufgedeckt. Der Film geht der Frage nach, ob deutsche und niederländische Soldaten möglicherweise Zeugen einer Exekution geworden sind. "Der Film ist ein Lehrstück investigativen Fernsehjournalismus, bei dem der Zuschauer in den Prozess des Recherchierens eingebunden wird", so die Jurybegründung. "Die Autoren bevormunden nicht, sie machen ganz klar und deutlich, welche Fragen bis heute nicht geklärt werden konnten und zeigen damit auch sehr eindringlich auf, wo die Grenzen journalistischer Arbeit liegen."

"Rückkehr ins Elend – Abschiebung der Roma ins Kosovo"

Der Bildungspreis 2010 geht an Martina Morawietz für ihre Reportage "Rückkehr ins Elend – Abschiebung der Roma ins Kosovo". Der Beitrag schildert die Situation von Roma-Familien, die aus der gefühlten Heimat Deutschland herausgerissen und abgeschoben wurden und im Kosovo gestrandet sind. In vielen Familien spielen sich menschliche Tragödien ab: Familienmitglieder, Freunde und Bekannte bleiben zurück und können die Abschiebung ihrer Angehörigen nicht verhindern. Die Abgeschobenen sind meist sich selbst überlassen, sobald sie in ihrem so genannten Heimatland angekommen sind, und blicken in eine hoffnungslose Zukunft in der für sie fremden Umgebung.

Kann rechtens sein, was so offensichtlich ungerecht ist? Was können wir tun? Diese Fragen provoziert der Film ebenso wie die unausgesprochene Aufforderung, sich zu informieren, sich eine eigene Meinung zu bilden und für Menschenrechte einzutreten.

Die Jury hob die Art der Darstellung hervor: "Die Reportage eröffnet gerade Jugendlichen die Möglichkeit der Identifikation. Dieses Sich-hinein-Versetzen in die Lage des Anderen kann dazu beitragen, gängige Vorurteile über Flüchtlinge und Asylpolitik zu hinterfragen, sodass sich der Film sehr gut für den Unterricht und die Bildungsarbeit eignet."

In diesem Jahr wurden 284 Filme zum Wettbewerb um den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis eingereicht – im Vergleich zu 2008 eine Steigerung um 25 Prozent. Die Preisträger wurden von einer Fachjury aus Film- und Menschenrechtsexperten ausgewählt. Dem Veranstalterkreis gehören 17 bundesweit tätige Organisationen der Menschenrechts-, Bildungs-, Kultur- und Medienarbeit an. Die Deutsche UNESCO-Kommission ist Mitveranstalter des Wettbewerbs. Seit 1998 wird der Deutsche Menschenrechts-Filmpreis alle zwei Jahre vergeben.

Die Preisträger im Interview

Ali Samadi Ahadi spricht über die Wahlen im Iran im Jahr 2009, die "Grüne Welle" und seinen Preisträgerfilm "Iran Elections 2009"

"Iran Elections 2009"
von Ali Samadi Ahadi
Dokumentation, 52 Minuten, WDR/arte
1. Preis Kategorie Profi

Güclü Yaman über die Vorbereitung zu seinem Film "Reise ohne Rückkehr"

"Reise ohne Rückkehr - Endstation Frankfurter Flughafen"
von Güclü Yaman
Dokumentarspiel, 25 Minuten
1. Preis Kategorie Amateur

Catalina Molina stellt ihren Spielfilm "Talleres Clandestinos" über Arbeiterinnen in argentinischen Nähfabriken vor

"Talleres Clandestinos"
von Catalina Molina
Drama, 40 Minuten
1. Preis Kategorie Filmhochschule

Markus Zeidler vom Politmagazin "Monitor" über seinen prämierten Magazinbeitrag "Wegschauen und vertuschen?"

"Wegschauen und vertuschen?"
von Markus Schmidt und Markus Zeidler
Dokumentation, 10 Minuten, WDR
1. Preis Kategorie Kurzfilm/Magazin

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