Deutsche UNESCO Kommission e.V.

SCHRIFTGRÖSSE

Dezember 2010

"Bei 'Oury Jalloh' hatten wir Angst"

Interview mit Simon Paetau

"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren" – die Botschaft der Menschenrechte ist einfach, ihre Umsetzung jedoch ein steiniger Weg. Jeden Tag berichten Nachrichten von Diskriminierung, Armut und Gewalt. Von Afghanistan bis Weißrussland. Filmemacher beleuchten weltweit die Hintergründe dieser Nachrichten. Über ihre Arbeit sprach unesco heute online mit dem Regisseur Simon Paetau. Der 24-Jährige ist Jury-Mitglied beim Deutschen Menschenrechts-Filmpreis 2010.

Simon Paetau

unesco heute online: Herr Paetau, welche Menschenrechtsverletzungen machen Sie besonders wütend?

Simon Paetau: Oft werden Menschenrechtsverletzungen aus dem Ausland benutzt, um die eigenen vor Ort zu verdrängen. Deswegen richte ich meinen Blick auf meinen Alltag vor meiner Haustür, und da macht mich vieles wütend. Zum Beispiel, dass Rassismus wieder hoffähig geworden ist und auf der Spiegel-Bestsellerliste steht. Oder wenn die "deutsche Kultur" immer noch als etwas Fixes gesehen wird und dadurch große Teile unserer Bevölkerung systematisch ausgeschlossen werden und in den Medien nur mit den üblichen Stigmata repräsentiert sind. Ich sehe zu wenig post-migrantische und migrantische Romeos auf deutschen Bühnen und zu viel gewaltbereite Jugendliche mit Migrationshintergrund im deutschen Fernsehen. Da fühle ich mich auch persönlich ausgeschlossen.

uho: Sie haben bereits mehrere gesellschaftspolitische Dokumentationen gedreht. Was kann ein Menschenrechtsfilm leisten?

Paetau: Die Bezeichnung Menschenrechtsfilm finde ich problematisch, genauso wie Welt-Kino. Genres schränken ein und verringern die Tragweite von engagierten Filmen. Es gibt schon genug Genres. Ein Porno kann politischer sein als eine Fernsehdokumentation. Wenn ich einen Film realisiere, passiert sehr viel in der "Community", in der er entsteht, beim Filmteam und bei den Zuschauern. Ein Film kann insofern direkt in einer "Community" wirken und darüber hinaus. Es gibt Filme, die mein persönliches Leben verändert haben. Wenn ein Film dieses Gefühl auslösen kann, dann glaube ich ganz stark an die Kraft des Kinos.

uho: Sozial engagierte Filme gibt es seit den Anfängen der Filmgeschichte. Auffallend ist, dass es immer mehr Festivals und Filmpreise gibt. Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Paetau: Ich finde es wichtig, dass kontinuierlich über Menschenrechte berichtet und auch nach deren Interpretation gefragt wird. Allerdings ist es problematisch, wenn Menschenrechte ein Vorwand sind, um Kriege zu führen, oder für Werbezwecke missbraucht werden. Live Aid-Konzerte sind kontraproduktiv, weil sie die Komplexität von Fragen reduzieren. Live Aid und viele NGOs stigmatisieren einen ganzen Kontinent und stellen Menschen nur als arme und hungrige Opfer dar. Es existiert da ein enormes Ungleichgewicht, sowohl strukturell als auch repräsentativ. Ich habe gerade ein Jahr an der "Filmhochschule des Südens", der EICTV in Kuba, studiert. Deren Filmemacher schaffen seit Jahren unglaubliche politische Filme, die werden aber in Europa oft gar nicht zur Kenntnis genommen.

uho: Der traditionelle Film bekommt Konkurrenz durch neue Medien. Wie hat das Internet Ihre Arbeit als Filmemacher verändert?

Paetau: Das Internet bietet uns die Möglichkeiten, international zu arbeiten. Vor allem ist es einfacher geworden, Filme zu realisieren und das Publikum weltweit zu erreichen. Zu meinen Filmteams gehörten bisher vor allem Migranten oder Freunde aus dem Ausland. Über das Internet haben wir uns mit dem Komponisten in Paris verständigt, das Titeldesign für "Mila Caos" wurde in Kolumbien realisiert. Viele unabhängige, engagierte, politische Filmemacher meiner Generation brauchen keinen festen Standort mehr. So entgehen wir auch der Zensur. Die meisten von uns produzieren sowieso für Festivals. Das Fernsehen mit seinen festgezurrten, konservativen Formaten ist für uns nicht wirklich eine Plattform.

Der Film "Oury Jalloh" handelt von den alltäglichen Repressionen gegenüber Flüchtlingen.

uho: Für Ihre Semi-Dokumentation "Oury Jalloh" haben Sie 2008 den Deutschen Menschenrechts-Filmpreis erhalten. Der Asylsuchende verbrannte gefesselt in einer deutschen Polizeizelle, die Umstände sind bis heute umstritten. Vor welchen Schwierigkeiten steht ein Filmemacher beim Thema Menschenrechte?

Paetau: Wenn man sich Themen widmet, bei denen man mit Menschen in teils extremen sozialen Situationen arbeitet, entsteht eine Verantwortung. Man muss sensibel mit den Geschichten umgehen und sich auch klar sein, was die Konsequenzen für die Protagonisten sein können. Es reicht nicht, sich rein filmisch mit den Geschichten dieser Menschen auseinanderzusetzen. Man muss über den Film hinaus die Unterstützung der Zivilgesellschaft gewährleisten. Bei "Oury Jalloh" hatten wir Angst, Protagonisten zu gefährden, auch bei den Dreharbeiten zu "Mila Caos", ein Film über Travestie in Kuba. Ich habe versucht, in einem ständigen Diskurs mit meinen Protagonisten zu bleiben, um die Distanz, die die Kamera und meine Position als Filmemacher darstellt, zu brechen. Ich habe mich quasi überwachen lassen. Das ist sicherlich ein radikal subjektiver Ansatz.

uho: Wie hat sich ihre Arbeit seit der Auszeichnung verändert?

Paetau: Unserem Team wurde die Möglichkeit gegeben, von mehr Menschen gehört zu werden. Die Auszeichnung und die Begegnung mit dem Festivalteam hat mich auch bestärkt, weiterzumachen. Ich dachte zwar, es würde einfacher werden, Unterstützung für meine Filme über Travestie und Transsexualität in Kuba und Brasilien zu gewinnen. Aber Gender ist im Bereich der Menschenrechte noch immer ein Randthema. Trotzdem habe ich "Mila Caos" und "Lua Verdi" gedreht, und sie brennen darauf, gezeigt zu werden.

uho: In diesem Jahr sind Sie Jury-Mitglied beim Deutschen Menschenrechts-Filmpreis. Nach welchen Kriterien beurteilen Sie einen Film?

Paetau: Wesentlich für mich ist, wenn ich spüre, dass ein Film eine brennende Notwendigkeit ausstrahlt, dass er unbedingt etwas zu erzählen hat. Er muss formal, ästhetisch, narrativ noch nicht einmal meinem Geschmack entsprechen, für mich steht der Inhalt im Vordergrund. Die Form des Films muss sich aus der persönlichen Suche des Filmemachers oder der Filmemacherin ergeben. Die meisten Filmhochschulfilme sind mittlerweile formal einwandfrei, aber oft belanglos. Perfektion ist langweilig.

Das Interview führte Farid Gardizi für unesco heute online.

Weitere Informationen:
Internationaler Tag der Menschenrechte

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