November 2011
Ein Kloster-Netzwerk auf drei Kontinenten
Welterbepartnerschaften des Klosters Lorsch
Von Hermann Schefers
Das Kloster Lorsch hat ein interkulturelles Netzwerk von Klöstern im Rahmen des UNESCO-Welterbeprogramms initiiert. Intensive Partnerschaften bestehen mit dem armenisch-orthodoxen Kloster Geghard, dem buddhistischen Kloster Haein-sa in Südkorea und dem Benediktinerkloster St. Johann in Müstair in der Schweiz. Das Heilige Dorf Bantiguel in Guinea könnte schon bald assoziierter Partner des Netzwerks sein.
Der Dieselgenerator ist verstummt, die samtene afrikanische Nacht eines Dezemberabends im Bergland von Guinea legt sich warm über die strohgedeckten Häuser und die ansehnliche Moschee von Bantiguel, dem Heiligen Dorf. Eng gedrängt sitzen Kinder, Jugendliche, junge und alte Frauen, die Männer des Dorfes, auch die Ältesten in ihren würdevollen Boubous. Vor ihnen ein kleiner Tisch, darauf ein Laptop, auf dem sich Bilder abwechseln – Bilder aus fremden Welten: von den schneebedeckten Bergen Graubündens über dem Kloster St. Johann in Müstair, über das Höhlenkloster Geghard im wildzerklüfteten Azattal in Armenien, dann ganz weit weg zu den vielen sich vor einer großen Buddhastatue verneigenden Mönchen im südkoreanischen Haein-sa, schließlich nach Lorsch in Hessen. Gregorianik, Sutrengesang und armenische Hymnen mischen sich unter Bilder von Menschen, Mönchen, großartiger Architektur, Landschaften.
Bantiguel ist ein Heiliges Dorf, ein wichtiger Ort für das hier lebende Volk der Fulbe. Im 18. Jahrhundert wurde es von Islamgelehrten gegründet, von umliegenden Dörfern versorgt und beschützt. Heute leben hier die Nachfahren der Gründer von einst, und noch immer wird hier mit großem spirtuellen Ernst die alte Tradition aufrecht erhalten. Bantiguel ist eines von vielen Dörfern in Westafrika, die für ein Netzwerk der besonderen Art in Frage kommen, als assoziierte Partner eines Verbundes von Welterbestätten aller Kontinente, Religionen und Kulturen, denen eines gemeinsam ist: Sie sind Orte klösterlichen oder klosterähnlichen Lebens.
2002 ist die Initiative zu diesem Netzwerk von der UNESCO-Welterbestätte Kloster Lorsch ausgegangen, das selbst seit 1991 auf der Welterbeliste steht. Im Unterschied zu seinen Partnern ist Lorsch kein aktives Kloster mehr und ein durchaus schwieriger Ort, da kaum etwas von der einstigen Anlage erhalten ist. Der ideale Ort aber, um dem eigentlich Wesentlichen nachzuspüren: der Idee des Klösterlichen über engere religiöse oder kulturelle Begrenzungen hinweg.
Auf dem Weg zu einer Kultur des Friedens
Klöster sind ein interreligiöses Phänomen: Leben in selbstgewählter asketischer Beschränkung, Kontemplation und Meditation ist offenkundig ein allgemein menschliches Bedürfnis; dazu kommen eine über Generationen hinweg angelegte Entwicklung von Land und Leuten, eine (nicht nur) auf Schriftlichkeit beruhende Erinnerungsbildung. Das sind Anliegen spirituell ausgerichteter Gemeinschaften von Menschen aller Völker, aller Religionen, aller Zeiten. Und zugleich sind Klöster stets auch Zentren der Bildung und der Innovation.
Das Netzwerk hat das Ziel, möglichst viele dieser Stätten und oft Jahrhunderte alter spiritueller Gemeinschaften zusammenzubringen, zu Austausch und gegenseitiger Erkundung anzuregen. Dabei ist wichtig, dass es sich bei den Partnern des Netzwerkes um aktive religiöse Gemeinschaften handelt – anders also als Lorsch, das in diesem Prozess die Rolle eines Mittlers, eines Moderators spielen möchte. Bantiguel in den Bergen Guineas könnte schon bald zu diesem Netzwerk dazugehören, auch wenn die Chancen wohl schlecht stehen, dass dieses Dorf jemals zum kulturellen Erbe der Menschheit zählen wird. Die Menschen dort haben dennoch die Vorstellung einer solchen Gemeinschaft bereits in ihren Herzen – Fragen kommen auf, Neugierde und Interesse bei Jung und Alt: Die ideale Voraussetzung für den transkulturellen Dialog über das Medium der Welterbeidee.

- © Hainberg-Gymnasium Göttingen
Die Netzwerkpartner entscheiden selbst, wie sie sich in diesen Dialog einbringen: Haein-sa ermöglicht alle zwei Jahre deutschen Schülerinnen und Schülern das einmalige Erlebnis buddhistischen Klosterlebens: Keiner der jungen Menschen, die das erlebt haben, werden das jemals vergessen!
Mit dem Kloster Müstair gibt es vor allem einen wissenschaftlichen, denkmalpflegerischen Austausch, und das armenische Kloster Geghard hat in seinem wunderbaren Chor einen exzellenten Botschafter seiner reichen liturgischen Tradition. Inzwischen haben sich auch private Kontakte ergeben, bürgerliches Engagement, das sich in gegenseitigen Besuchen, der Gründung von Vereinen und einer Stiftung verdichtet.
Dr. Hermann Schefers ist Leiter der UNESCO-Welterbestätte Kloster Lorsch.
Der Artikel ist erstmals in englischer Fassung in dem Magazin UNESCO today 3/2011: Germany's Commitment to UNESCO's World Heritage erschienen.
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